Ein syrischer Soldat mit einer AK-47 an einem Checkpoint In Damaskus, 21.08.2013.

Traumaarbeit


3.2.2014
Die unbearbeiteten Folgen traumatischer Gewalterfahrungen können bis in die nächsten Generationen hinein wirken. Unterstützungsangebote in Kriegs- oder Nachkriegsregionen müssen auf verschiedenen Ebenen ansetzen, um erfolgreich zu sein.

Zu sehen, wie andere Menschen misshandelt, vergewaltigt und getötet werden, liegt jenseits "normaler" menschlicher Erfahrungen. Solche traumatischen Ereignisse lösen existentielle Bedrohung und Todesangst aus.Zu sehen, wie andere Menschen misshandelt, vergewaltigt und getötet werden, liegt jenseits "normaler" menschlicher Erfahrungen. Solche traumatischen Ereignisse lösen existentielle Bedrohung und Todesangst aus. (© picture-alliance/AP)
Gewalt und Grausamkeit kriegerischer Konflikte überschreiten oft das, was Menschen individuell oder als Gemeinschaft psychisch und sozial verarbeiten können. Große Teile der Bevölkerung erleben in Krisensituationen eine Vielzahl traumatischer Ereignisse. Hinzu kommt die nachhaltige Zerstörung sozialer und gesellschaftlicher Beziehungen und Strukturen, Armut und unzureichende gesundheitliche Versorgung. Die psychische Stabilisierung mit Hilfe von Trauma-Arbeit, psychosozialer Arbeit oder Selbsthilfegruppen schafft in der Nachkriegszeit für viele Menschen überhaupt erst die Möglichkeit, sich aktiv an der friedensfördernden Bewältigung gesellschaftlicher Konflikte und am gesellschaftlichen Wiederaufbau zu beteiligen.

Existenzielle Bedrohung und Todesangst



Die Tötung anderer Menschen, Vergewaltigungen und Folter, mit ansehen zu müssen, liegt jenseits "normaler" menschlicher Erfahrung. Es handelt sich um traumatische Ereignisse, die existenzielle Bedrohung und Todesangst auslösen. Dabei werden durch den extremen Stress, der durch die massive Infragestellung des eigenen Lebens und der eigenen Identität ausgelöst wird, die normalen Prozesse der Erfahrungsverarbeitung gesprengt. In der Folge können Funktionsstörungen und Symptome, wie Panikattacken, Depressionen, chronische Schmerzen oder eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), das Leben der Betroffenen über Jahre hinweg dauerhaft beeinträchtigen. Dies ist umso wahrscheinlicher, als es sich meist nicht nur um einzelne traumatische Erlebnisse handelt, sondern um Traumatisierungsprozesse im Verlauf länger andauernder kriegerischer Konflikte mit multiplen Gewalterfahrungen.

Mit guter sozialer Anbindung, sicherem Umfeld und medizinischer Versorgung schaffen es viele Menschen, traumatische Erfahrungen zu integrieren. Leider treffen Überlebende von (Kriegs-)Gewalt in Kliniken, Flüchtlingslagern und auch bei Hilfsorganisationen eher auf Menschen, die ihnen unvorbereitet gegenüberstehen. Dabei hängen die Verarbeitungsmöglichkeiten der körperlichen und seelischen Verletzungen elementar von den Hilfsangeboten und dem umsichtigen Handeln der Fachkräfte ab.

Dabei ist es essenziell, die Betroffenen nicht zu pathologisieren und damit erneut zu Opfern zu machen: Die psychischen Folgen von Traumatisierungen, wie Psychotrauma oder PTBS, infolge von Kriegsgewalt und politischer Repression müssen immer im Kontext der soziopolitischen Rahmenbedingungen betrachtet und behandelt werden, in denen diese möglich wurden und entstanden sind.

Inwiefern traumatische Erlebnisse auch tatsächlich zu einer chronifizierten Stress-Symptomatik führen, hängt maßgeblich davon ab, wie diese gesellschaftlich und individuell bewertet werden. Das macht die Verarbeitung von extrem erniedrigenden und stigmatisierenden Gewalttaten, wie Vergewaltigungen, so problematisch. Auch eine Politik der Straflosigkeit – beispielsweise nach dem Ende von Diktaturen – steht definitiv einer nachhaltigen Verarbeitung traumatischer Erlebnisse entgegen. Deshalb ist es für den Erfolg von Unterstützungsprogrammen maßgeblich, direkte Unterstützung von Betroffenen mit politischer Menschenrechtsarbeit und gesellschaftlicher Aufklärungsarbeit zu verbinden.

Begleitung und Beratung



Für die Bearbeitung von traumatischen Erfahrungen haben sich integrative Ansätze besonders bewährt. Sie sind ressourcenorientiert und nutzen eine Vielfalt von Therapiemethoden. Hierzu zählen u.a. das Psychodrama aus der kognitiven Verhaltenstherapie oder der Gestalttherapie, Distanzierungsübungen aus der Hypnotherapie sowie körper-psychotherapeutische und kreativtherapeutische Ansätze.

Wichtig ist, die Methoden an die individuellen und kulturspezifischen Verarbeitungsmöglichkeiten der Betroffenen anzupassen. In Konflikt- oder Nachkriegsregionen gibt es in der Regel nur wenig ausgebildete Fachkräfte. Deshalb erhalten meist nur extrem traumatisierte Menschen eine individuelle psychotherapeutische Unterstützung. Auch psychosoziale Begleitung oder psychosoziale Gruppenberatung durch trainierte Aktivistinnen und Aktivisten trägt zu einem besseren psychischen Befinden der Betroffenen bei.

Wichtig ist, die Betroffenen bei der Bewältigung von Traumatisierungsfolgen zu unterstützen. Dabei geht es auch um die Reduktion von Traumasymptomen, die Wiederherstellung des Selbstwertgefühls und die Aufhebung sozialer Isolation. Die Betroffenen sollen sich nicht mehr gänzlich durch die Vergangenheit bestimmt fühlen, sondern die Aufmerksamkeit wieder auf Gegenwart und Zukunft richten können. Psychosoziale Interventionen in Nachkriegsgebieten setzen aber meist erst dann ein, wenn die unmittelbare Nothilfe abgeschlossen ist. Sie können auf verschiedenen Ebenen ansetzen:

Traumaarbeit.Traumaarbeit. (© Psychosoziale Arbeit in Gewaltkontexten. Konzeptionelle Überlegungen, medico international)

Bei der Entwicklung von geeigneten psychosozialen Unterstützungsprogrammen muss folgendes berücksichtigt werden:
  • Traumatische Kriegserfahrungen haben lebensbeeinträchtigende Folgen auf psychischer, körperlicher, spiritueller und sozialer Ebene. Dem sollte durch multidisziplinäre Angebote begegnet werden.
  • Die Herstellung von Sicherheit und die Stabilisierung sind die ersten Phasen der Traumabewältigung. Deshalb muss die Versorgung mit den notwendigsten materiellen Ressourcen, wie Wohnraum und Nahrung, Vorrang haben vor allen anderen Unterstützungsmaßnahmen.
  • Da Traumatisierungen meist die Folge von Menschenrechtsverletzungen sind, die im politischen und sozialen Kontext stattgefunden haben und oft ganze Bevölkerungsgruppen betreffen, ist die Entwicklung von gemeindeorientierten Ansätzen zu empfehlen.
  • Traumasymptome treten manchmal erst nach Jahren oder auch erst in der nächsten Generation auf. Nicht selten finden Menschen zu spät Zugang zu Hilfsangeboten. Deshalb ist es wichtig, langfristige lokale Unterstützungsstrukturen aufzubauen. Um deren nachhaltigen Erfolg – auch nach Abzug der internationalen Hilfe – zu gewährleisten, sollte an vorhandene Ressourcen in der Region angeknüpft werden, beispielsweise an traditionell bestehende Gruppen oder Heilungsrituale. Alle Projekte und Programme sollten nachhaltig angelegt und – wo immer möglich – von lokalen Fachkräften, Aktivistinnen und Aktivisten durchgeführt oder mittelfristig übernommen werden.
Projektbeispiel: medica mondiale in Liberia

14 Jahre Bürgerkrieg um Macht und Rohstoffe haben bis heute ihre Spuren in Liberia (Westafrika) hinterlassen. Während des Krieges erlitten Schätzungen zufolge 50 bis 70% aller Frauen sexualisierte Gewalt (UNFPA 2006, UNMIL 2008). Genaue Zahlen sind nicht bekannt. Wie in anderen Projektländern beobachtet medica mondiale ein Kontinuum von Gewalt gegen Frauen in der Kriegs- und Nachkriegszeit.

Dies macht es schwer bis unmöglich, die belastenden Kriegstraumatisierungen zu verarbeiten. In vielen Regionen herrscht erdrückende Armut, die sehr oft zu Diskriminierung und Gewalt führt. Darunter leiden insbesondere Frauen und Mädchen: Häusliche Gewalt, sexuelle Ausbeutung und Vergewaltigung geschehen jeden Tag. Unterstützungsangebote fehlen ebenso wie das Bewusstsein für Frauenrechte und Präventionsmöglichkeiten. Es gibt kein funktionierendes Justizsystem, auch die gesundheitliche Versorgung ist unzureichend.

Solidarische Unterstützung für Frauen und Mädchen



Seit 2006 setzt sich medica mondiale im strukturschwachen Südosten Liberias (Westafrika) gemeinsam mit der Welthungerhilfe für von Gewalt betroffene oder bedrohte Frauen und Mädchen ein. Der ganzheitliche Ansatz von medica mondiale bietet breit gefächerte Hilfe: traumasensible psychosoziale Beratung, Rechtshilfe, medizinische Beratung und Behandlung sowie Aufklärungsarbeit.

Dabei ist der Aufbau von solidarischer Unterstützung für Frauen und Mädchen in den Kommunen von zentraler Bedeutung. Viele Frauen leiden oft noch Jahre nach dem Krieg unter den Folgen der erlebten Gewalt. Aus Angst vor Diskriminierung oder Ausgrenzung wagen sie es nicht, sich anderen mitzuteilen. Auch für die schnelle Hilfe bei akuten Übergriffen oder Bedrohung ist die erste Unterstützung in der Gemeinde essenziell, um medizinische Versorgung zu gewährleisten und die Frauen gegebenenfalls in Sicherheit zu bringen.

Durch lokale Unterstützungsgruppen mit freiwilligen Dorfberaterinnen in über 60 Kommunen erhalten Frauen und Mädchen im Südosten Liberias nun einen besseren Zugang zu traumasensibler psychosozialer Beratung, Gesundheitsvorsorge und Rechtshilfe. Der von medica mondiale dort entwickelte Ansatz zielt auf die Aufklärung traditioneller und religiöser Autoritäten sowie die Ausbildung von Beraterinnen auf lokaler Ebene – und verbindet diese über ein Überweisungssystem mit dem staatlichen Gesundheitspersonal, mit Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen der Polizei, der Justiz und liberianischer Nichtregierungsorganisationen.

Gleichzeitig unterstützt medica mondiale das Gender-Ministerium bei der Koordinierung der Arbeitsgruppen gegen geschlechtsspezifische Gewalt in den Provinzen und auf nationaler Ebene. Auch beim Monitoring der Umsetzung politischer Leitlinien, wie dem Aktionsplan 1325, und bei der Erarbeitung neuer Gesetze gegen häusliche Gewalt sind Mitarbeiterinnen von medica mondiale aktiv beteiligt.

Einer der Erfolgsfaktoren für das Programm vor Ort: Das Qualifizierungsprogramm zur Aus- und Fortbildung von freiwilligen Helferinnen und professionellen Beraterinnen berücksichtigt die Lebenssituation der Frauen und Mädchen im ländlich geprägten Südosten Liberias. Es versetzt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in die Lage, sich für die Stärkung von Frauen und Mädchen einzusetzen, die sexualisierte und andere Formen geschlechtsspezifischer Gewalt erlebt haben.

So hat medica mondiale in Liberia funktionierende Schutznetzwerke für Frauen aufgebaut, die inzwischen deutlich Wirkung zeigen: 2012 ergab eine externe Evaluation der Kreditbank für Wiederaufbau (KfW), dass in der Projektregion immer mehr Frauen und Mädchen ihre Rechte kennen und diese konsequent einzufordern. 53 Frauen zeigten ihre Vergewaltigung an – fast doppelt so viele wie im Vorjahr.

Literatur



medica mondiale/ Griese, Karin (Hrsg.) (2008): Sexualisierte Kriegsgewalt und ihre Folgen, Handbuch zur Unterstützung traumatisierter Frauen in verschiedenen Arbeitsfeldern, 2. Auflage, Frankfurt/M.

Simone Lindorfer (2013): Training Manual for Women’s Empowerment, medica mondiale e.V., Köln.

medica mondiale (2013): Factsheet Sexualisierter Kriegsgewalt, Köln.

Seidler, Günter H./ Freyberger, Harald J./ Maercker, Andreas (Hrsg.) (2011): Handbuch der Psychotraumatologie, Stuttgart.

medico international: Psychosoziale Arbeit in Gewaltkontexten. Konzeptionelle Überlegungen.

UNFPA (2006): Sexual Violence Against Women and Girls in War and Its Aftermath: Realities, Responses, and Required Resources. A Briefing Paper prepared for Symposium on Sexual Violence in Conflict and beyond, 21-23 June 2006, Brussels, by Jeanne Ward and Mendy Marsh.

United Mission for Liberia (UNMIL)(2008): Research on prevalence and attitudes to rape in Liberia September to Oktober 2008.


Creative Commons License Dieser Text ist unter der Creative Commons Lizenz veröffentlicht. by-nc-nd/2.0
Urheberrechtliche Angaben zu Bildern / Grafiken / Videos finden sich direkt bei den Abbildungen.

 

Interaktives Portal

Informationsportal Krieg und Frieden

Die weltweiten Militärausgaben sind 2013 leicht zurückgegangen - auf 1,7 Billionen US-Dollar. Welches Land gibt wie viel für sein Militär aus? Und wer bezieht die meisten Waffen aus Deutschland? Das interaktive Portal liefert Antworten auf sicherheitspolitische Fragen. Weiter... 

Trauernde Eltern in Syrieneuro|topics-Debatte

Eskalation im syrischen Bürgerkrieg

Nach Berichten über einen Giftgasangriff in der Nähe von Damaskus erwägen die USA einen Militäreinsatz gegen das Regime von Baschar al-Assad. Was kann eine Intervention der internationalen Gemeinschaft im syrischen Bürgerkrieg bewirken? Weiter... 

Ägyptische Sicherheitskräfte in der Nähe der al-Fateh Moschee am Ramses Platz in Kairoeuro|topics-Debatte

Ägypten in der Hand der Militärs

Ägyptens Generäle verteidigen nach dem Putsch gegen den gewählten Präsidenten Mursi ihre Macht mit aller Härte. Die Sicherheitskräfte gehen unnachgiebig gegen Muslimbrüder vor. Bereitet das Militär den Weg für Neuwahlen oder ist der Arabische Frühling in Kairo am Ende? Weiter... 

Koalition gegen den IS: v. l. n. r. der ägyptische Außenminister Sameh Shukri, der kuwaitische Außenminister Sabah Al-Khalid al-Sabah, der saudische Außenminister Prince Saud al-Faisal, der amerikanische Außenminister John Kerry, der Außenminister Omans, Yussef bin Alawi bin Abdullah, der Außenminister Bahrains, Sheikh Khaled bin Ahmed al-Khalifa und der libanesische Außenminister Gebran Bassil am 11.09.2014 in Jiddah, Saudi Arabien.euro|topics-Debatte

Breites Bündnis gegen IS

Rund 40 Staaten haben sich unter US-Führung zusammengeschlossen, um die Terrormiliz IS zu bekämpfen. Sie soll unter anderem mit Luftschlägen und der Unterstützung gemäßigter syrischer Rebellen gestoppt werden. Steht ein neuer Anti-Terror-Krieg bevor? Weiter... 

Der syrische Präsident Assad während eines Interviews mit der BBC, 08.02.2015.euro|topics-Debatte

Kein Frieden ohne Assad?

Angesichts der Flüchtlingskrise rückt der Krieg in Syrien wieder stärker in den Fokus. Einige Länder erwägen Luftschläge gegen IS-Stellungen, andere eine Zusammenarbeit mit dem Assad-Regime. Wie können die Ursachen der Flucht von Millionen Syrern bekämpft werden? Weiter... 

Newsletter

Sicherheitspolitische Presseschau

Die Anschläge vom 11. September haben die Welt verunsichert. Seit 2001 stellt die bpb eine ausführliche und kommentierte Linkliste zusammen zu den Folgen des Terrorismus und den verschiedenen Aspekten der internationalen Sicherheitspolitik. Weiter...