Ein syrischer Soldat mit einer AK-47 an einem Checkpoint In Damaskus, 21.08.2013.

Versöhnung


12.3.2012
Wie soll eine Gesellschaft in der Zukunft zusammenleben, die durch Gewalt tief gespalten ist? Unbearbeitete Schrecken der Vergangenheit können stets neue Zerwürfnisse auslösen. Darum sind Versöhnung und Heilung sozialer Beziehungen zwischen ehemaligen Konfliktparteien so wichtig.



Zwei Männer überqueren eine Brücke über den Fluss Ibar in der ethnisch geteilten Stadt Mitrovica im Kosovo (März 2009).Zwei Männer überqueren eine Brücke über den Fluss Ibar in der ethnisch geteilten Stadt Mitrovica im Kosovo (März 2009). (© AP)



Haben Nachbürgerkriegsgesellschaften ihre Vergangenheit nicht aufgearbeitet, können zerbrechliche Friedensprozesse von extremistischen Kräften und anderen "Störenfrieden" immer wieder unterminiert und für ihre Zwecke missbraucht werden. Bei jeder noch so zufälligen Konfrontation zwischen Mitgliedern der ehemaligen Konfliktparteien kehrt die "allzu gegenwärtige Vergangenheit" (Desmond Tutu) zurück. Beteiligte und Beobachter sind schnell dabei, solche Ereignisse als Provokation, als Ausdruck und Fortsetzung der alten Streitigkeiten anzusehen.

Solange die Mehrheit der Bürger die gesellschaftliche Wirklichkeit im Zerrspiegel des Misstrauens, der Angst und Feindschaft zwischen "denen" und "uns" wahrnimmt, können sich die individuellen und kollektiven Wunden nicht schließen, solange wird sich kein normales, kooperatives Verhältnis zwischen den ehemaligen Konfliktparteien einstellen. Doch wie kann ein Land zukunftsfähig werden, das weiterhin seine sozialen Energien in internen Auseinandersetzungen zwischen verfeindeten Bevölkerungsgruppen verschwendet, anstatt diese auf den Wiederaufbau und die Gestaltung einer lebenswerten Gesellschaft zu richten?

Versöhnung – eine Definition



Unter "Versöhnung" wird jener Prozess verstanden, der nach der Beendigung der Kampfhandlungen darauf gerichtet ist, die tiefe emotionale Verfeindung zwischen den ehemaligen Konfliktparteien zu überwinden. Der Prozess hat eine individuelle und eine gesellschaftliche Dimension, und er hat nur dann Aussicht auf Erfolg, wenn sich beide gleichgewichtig und komplementär entwickeln.

Auf der einen Seite sind es die einzelnen Menschen – Opfer, Täter und Zeugen massiver physischer und psychischer Gewalt –, die bereit sein müssen, aufeinander zuzugehen und Frieden zu schließen. Voraussetzung dafür ist, dass die Täter bereits sind, Verantwortung zu übernehmen, ihre Schuld einzugestehen und um Vergebung zu bitten. Versöhnung kann nur gelingen, wenn die Opfer von sich aus bereit sind, den Tätern zu vergeben.

Auf der anderen Seite ist die Gesellschaft mit ihren legitimen Vertretern und Institutionen (Regierung, Parteien, Bildungswesen, Wissenschaft, Museen usw.) in der Pflicht, das Leid und die je individuellen Geschichten der Opfer anzuerkennen und dafür mit geeigneten Maßnahmen öffentliche Resonanz zu schaffen. Es müssen zudem Vorkehrungen dafür getroffen werden, dass sich Gewaltereignisse und Verbrechen nicht wiederholen.

Ein kulturabhängiges Konzept



Das deutsche Wort Versöhnung leitet sich von Sühne/sühnen ab. Dem Begriff liegt die Idee zugrunde, dass Täter für die von ihnen verschuldeten Schäden und Verletzungen eine Wiedergutmachung leisten, also Sühne tun. Sühne (vom althochdeutschen suona = Gericht, Urteil, Gerichtsverhandlung, Friedensschluss) ist ein Akt, durch den ein Gesetzesbrecher seine Schuld abtragen kann, falls er seine Tat bereut und dafür bestraft wird.

An die früher zentrale Stelle Gottes ist heute das Gericht getreten. Über Gott und/oder ein Gericht vermittelt wird die zerstörte Beziehung zwischen Täter und Opfer wieder hergestellt. Schuld wird durch Strafe gesühnt. Dadurch erleben die vom Unrecht betroffenen Personen Genugtuung. Sühne kann auch von den Tätern ausgehen, indem sie sich durch Sonderleistungen oder Verzichte selbst bestrafen und/oder gegenüber den Opfern um Vergebung bitten. Dieses christlich geprägte Verständnis von Versöhnung ist sehr auf den individuellen Täter ausgerichtet.

Andere Sprachen, Kulturen und Religionen setzen andere Akzente. Zum Beispiel kommt das griechische Wort für Versöhnung katallage (verändern, vertauschen) aus der antiken Diplomatensprache und bezeichnet den Vorgang des Friedensschlusses. Der lateinische Begriff reconciliare, ist von conciliare (vereinen, zusammenbringen) abgeleitet. Dabei geht es primär um die Wiederherstellung einer Beziehung, eines sozialen Zusammenhangs nach der Anwendung von Gewalt. Diese Bedeutung ist mit dem Begriff reconciliation ins Englische und Französische übernommen worden.[1] Im Buddhismus liegt das Schwergewicht auf der Wiederherstellung (Heilung) der Harmonie der durch eine Gewalttat verletzten Gruppe bzw. Gemeinschaft.

Friedenswissenschaftliche Versöhnungskonzepte



Stark an religiösen, konkret: christlichen Vorstellungen ausgerichtet ist das Versöhnungskonzept des US-amerikanischen Mennoniten, Friedensaktivisten und Friedensforschers, John Paul Lederach. Es stützt sich auf drei zentrale Prämissen. Erstens sollten die ehemals verfeindeten Konfliktparteien nicht ihrem Impuls folgen, die Kontakte und Beziehungen untereinander zu beschränken und zu verringern. Vielmehr müssten "Mechanismen aufgebaut werden, die die Konfliktseiten miteinander zu einer mitmenschlichen Beziehungen verpflichten". Versöhnung ist bei Lederach in erster Linie "Beziehungsarbeit".

Daraus ergibt sich zweitens die dringende Empfehlung, Versöhnung proaktiv als Prozess der Begegnung und des Austausches zu gestalten. Damit ist nicht bloß der Kontakt zwischen verfeindeten Konfliktparteien und Individuen gemeint, sondern eine Reihe sich gegenseitig bedingender Aktivitäten, welche die Dynamik der Versöhnung in Gang bringen sollen. Die Beteiligten am Versöhnungsprozess müssen sich der Vergangenheit stellen, indem sie ihre eigene Schuld anerkennen und die Darstellung der jeweils anderen Seite ernst nehmen. So kann ein Weg gefunden werden, getrenntes Leid in geteiltes Leid zu verwandeln, d.h. eine gemeinsame Bewältigung der Vergangenheit auf den Weg zu bringen.

Drittens benennt Lederach vier Elemente, die an dem "Versöhnung genannten Ort" zusammenkommen und möglichst in einer ausgewogenen Balance sein müssen: Wahrheit, Vergebung, Gerechtigkeit und Frieden. Wahrheit wird verstanden als Anerkennung der leidvollen Verluste und Erfahrungen, die die Parteien einander zugefügt haben. Mit Vergebung ist die Notwendigkeit gemeint, die Vergangenheit und die eigene Verantwortung zu akzeptieren sowie die Bereitschaft der Opfer, los zu lassen und neu zu beginnen. Gerechtigkeit bedeutet die Entschädigung der Opfer, die Wiederherstellung der individuellen und Gruppenrechte und der Wiederaufbau sozialer Beziehungen und Institutionen. Die vierte Bedingung ist Frieden im Sinne eines wirklichen Zusammenlebens in Wohlstand und Sicherheit.[2]

Versöhnung nach Johan Galtung – Ho’oponopono



Der norwegische Friedensforscher, Johan Galtung, nähert sich dem Versöhnungsbegriff von einer dezidiert rational-analytischen Warte. Ähnlich wie Lederach betont er den unauflöslichen Zusammenhang der verschiedenen Elemente der Konfliktnachbereitung: Friedensschluss und nachhaltige Bearbeitung der Konfliktursachen, Wiederaufbau sowie Versöhnung. Alle drei Teilprozesse müssen eng verwoben und parallel in Angriff genommen werden.

Nach einem Überblick über alle gebräuchlichen Versöhnungsansätze (Entschuldigen/Verzeihen, Reue, Strafen, Wiedergutmachung, Vergangenheits-, Trauma- und Karmaarbeit, gemeinsame Trauer, gemeinsamer Wiederaufbau und Konfliktlösung) favorisiert Galtung den aus dem polynesischen Kulturkreis stammenden Ho’oponopono-Ansatz.[3] Anliegen des Verfahrens ist es, zu einer gemeinschaftlichen und je individuellen Katharsis zu gelangen. Dazu ist es nötig, dass alle direkt und indirekt Beteiligten ihren Anteil an der Schuld und Verantwortung – darunter auch ihre Unterlassungen – öffentlich einräumen. In einem weiteren Schritt erklären sie dann ihre Bereitschaft, einen ganz konkreten Beitrag zur Beilegung des Konflikts, zur Überwindung der Ursachen und zur Wiedergutmachung des Schadens zu leisten.

Der ganzheitliche Ansatz richtet sich an die gesamte Gruppe bzw. Gemeinschaft. Das ritualisierte Verfahren verlangt vom Vermittler/Moderator ein tiefes Verständnis der gesamten Vorgeschichte und sozialen Situation. Im Zentrum steht die Heilung der durch die Verfehlung bzw. Gewalttat verletzten sozialen Beziehungen.

Praktische Umsetzung - Verfahren und Herausforderungen



Die praktische Versöhnungsarbeit in Post-Konfliktgesellschaften läuft heute über verschiedene Verfahren und Institutionen. Als Überbegriff hat sich dafür die Bezeichnung "Vergangenheitsarbeit" bzw. "Übergangsgerechtigkeit" (Transitional Justice) durchgesetzt (s. Text in diesem Dossier). Es ist kein Zufall, dass dabei die Schwerpunkte "Aufarbeitung der Vergangenheit" und "Gewährleistung von Gerechtigkeit" in den Vordergrund rücken. So wird nicht nur den unmittelbaren Bedürfnissen der Opfer entsprochen, sondern auch vermieden, dass diese durch eine Art Versöhnungszwang unter Druck gesetzt werden. Versöhnungsprozesse können nur von innen her wachsen.

Literatur



Galtung, Johan (1997): Gewalt, Krieg und deren Nachwirkungen, in: Graf, Wilfried /Kinkelbur, Dieter (Hrsg.): Der Preis der Modernisierung. Struktur und Kultur im Weltsystem, Wien, S. 170-211.

Galtung, Johan (1998): Frieden mit friedlichen Mitteln. Friede und Konflikt, Entwicklung und Kultur, Opladen: Leske+Budrich.

Lederach, John Paul (1997): Building Peace: Sustainable Reconciliation in Divided Societies, Herndon, VA: USIP Press.

Lederach, John Paul (1999): A Journey towards Reconciliation, Scottdale, PA: Herald Press.

Meyer, Reiner (2007): Reconciliation in der Post-Konfliktphase. Diskrepanz zwischen Theorie und Realpolitik, Baden-Banden: Nomos.

Reuter, Hans-Richard (2002): Ethik und Politik der Versöhnung, in: Gerhard Beestermöller/Hans-Richard Reuter (Hrsg.): Politik der Versöhnung, Stuttgart: Kohlhammer, S. 15-36.

Shook, E. Victoria (2002): Ho’oponopono: Contemporary Uses of a Hawaiian Problem-Solving Process. Honolulu: University of Hawaii Press.

Links



Bloomfield, David /Barnes, Teresa /Huyse, Luc (Hrsg.) (2003): Reconciliation After Violent Conflict A Handbook, International Institute for Democracy and Electoral Assistance (IDEA), Stockholm.

Grossmann, Georg S. /Lingnau, Hildegard (2002): Vergangenheits- und Versöhnungsarbeit. Wie die TZ die Aufarbeitung von gewaltsamen Konflikten unterstützen kann, Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), Eschborn.

Urbain, Olivier (2004): Three Sessions Using Hawaiian-Style Reconciliation Methods. Inspired by the Ho’oponopono Problem-solving Process.


Fußnoten

1.
Hans-Richard Reuter (2002): Ethik und Politik der Versöhnung, in: Gerhard Beestermöller/Hans-Richard Reuter (Hrsg.): Politik der Versöhnung, Stuttgart: Kohlhammer, S. 17.
2.
John Paul Lederach (1997): Building Peace: Sustainable Reconciliation in Divided Societies, Herndon, VA: USIP Press, December 1997, S. 29.
3.
Ho’o bedeutet "eine Handlung in Gang setzen" und ponopono "richtig stellen" oder "in Ordnung bringen". Es geht also darum, in einer Familie, Gruppe, Gemeinschaft durch einen Prozess, Rechtschaffenheit und Wohlergehen wieder herzustellen.

 

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