Nothilfe und Konfliktbearbeitung
Internationalen Organisationen und NGOs haben im Bereich humanitäre Nothilfe in den vergangenen Jahren große Anstrengungen unternommen, um ihre Hilfen effektiver zu gestalten und an ethischen Standards auszurichten.
Rettungskräfte aus Russland, Nicaragua, Peru und Israel kümmern sich um eine Frau, die sie aus den Trümmern eines Gebäudes in der von einem Erdbeben zerstörten Stadt Port-au-Price/Haiti gerettet haben (Januar 2010). (© AP)Viel zu oft ist die Unterstützung der internationalen Hilfsgemeinschaft unverzichtbar, um den Opfern von Bürgerkriegen und massiver politischer Gewalt schnellen Beistand zu leisten. Nothilfe kann keine kriegerischen Konflikte beenden, aber durchaus Auswirkungen auf den Konfliktverlauf haben. Die Herausforderung für die Hilfsorganisationen besteht darin, ihre Hilfe so zu leisten, dass sie die konfliktmindernden Kräfte stärkt und nicht zur Verlängerung des Konflikts beiträgt.
Damit Betroffene von Katastrophen schnell und ohne Ansehen der Person erreicht werden, müssen grundlegende Prinzipien von allen Konfliktparteien respektiert werden. Die Prinzipien der Nothilfe – Menschlichkeit, Unabhängigkeit, Neutralität und Unparteilichkeit – sind u.a. im humanitären Völkerrecht verankert. Durch die Anerkennung der Prinzipien entsteht erst der "humanitäre Raum" (humanitarian space), der Hilfsorganisationen den Zugang zur Zivilbevölkerung ermöglicht.
Damit ein solcher humanitärer Raum respektiert wird, berufen sich Hilfsorganisationen auf den humanitären Imperativ, d.h. das unabdingbare Recht der betroffenen Zivilbevölkerung auf Überlebenshilfe. "Humanitäre Korridore" sollen der Zivilbevölkerung die Flucht aus dem Kampfgebiet ermöglichen und Flüchtlingslager Schutz vor gewaltsamen Übergriffen bieten. Hilfe leistende Personen müssen sicher und zügig zu Hilfsbedürftigen vordringen können. Allerdings zeigen zahlreiche Beispiele, dass diese Prinzipien nicht uneingeschränkt anerkannt werden. 2008 verwehrte die Junta in Burma (Myanmar) lange Zeit vielen Hilfsorganisationen den Zugang zu den vom Wirbelsturm "Nargis" betroffenen Menschen. Im sudanesischen Darfur ist dieser Zeit kaum eine Nahrungsmittelverteilung ohne Gespräche über sicheren Zugang mit den bewaffneten Gruppen möglich, die das jeweilige Gebiet kontrollieren.
In Ländern wie Sudan oder Sri Lanka steht die UNO immer wieder vor der Herausforderung, einerseits ihrem humanitären Auftrag gerecht zu werden und andererseits mit den Konfliktparteien zusammenarbeiten zu müssen. Auch regierungsunabhängige Hilfsorganisationen wandeln auf dem schmalen Grat zwischen politischer Zurückhaltung und stiller Diplomatie auf der einen Seite und der moralischen Verantwortung, offensichtliches Unrecht öffentlich anzuprangern auf der anderen Seite. Letzteres ist nicht selten mit der Gefahr der Unterbrechungen von Hilfeleistungen verbunden.[1]
Humanitäre Hilfe in Regionen zu leisten, in denen bewaffnete Konflikte offen ausgetragen werden oder schwelen, bedeutet ein Sicherheitsrisiko für die Helferinnen und Helfer[2]. Dabei gilt in aller Regel: Hilfsleistungen werden im Sinne der humanitären Prinzipien ohne militärischen und bewaffneten Schutz transportiert und verteilt. Humanitäre Helfer tragen keine Waffen und nehmen nur in Ausnahmefällen bewaffneten Schutz in Anspruch.
Eine besondere Gefährdung des "humanitären Raumes" geht vom Engagement militärischer Kräfte in der Nothilfe aus. Darum beklagen Hilfsorganisationen [3] die Vermischung von militärischer Intervention und "humanitärer Hilfe", wenn diese durch Streitkräfte geleistet wird. So werden zivile Helfer zu leichten Zielen derjenigen Kräfte, die eine friedliche Entwicklung verhindern wollen. Streitkräfte verteilen z.B. Hilfsgüter oder setzen Brunnen instand, um ihre Akzeptanz bei der lokalen Bevölkerung zu erhöhen ("winning hearts and minds"). Aus der Sicht der Hilfsorganisationen widerspricht dies jedoch den Grundprinzipien humanitärer Hilfe, insbesondere der Bedarfsorientierung und der Leistung von Nothilfe ohne Verfolgung politischer Ziele. Der Dialog der Hilfsorganisationen mit in Konfliktgebieten präsenten westlichen Streitkräften und den Regierungen darüber darf nicht erlahmen.
Schwierige Abgrenzung von Wiederaufbau und Entwicklungszusammenarbeit
Nothilfe oder Soforthilfe beginnt bereits unmittelbar nach dem Eintreten der Katastrophe und ist auf das Überleben der Betroffenen gerichtet. Nothilfe ist zeitlich begrenzt (i.d.R. drei bis sechs Monate). Maßstab ist die Befriedigung der Grundbedürfnisse. Als Grundbedürfnisse gelten (Trink-)Wasserversorgung und Hygiene, medizinische Grundversorgung, Nahrung, Bekleidung und Unterkunft.
Nothilfe und Entwicklungszusammenarbeit lassen sich zeitlich kaum klar voneinander abgrenzen: Oft berühren oder überlappen sich die "Phasen". Während Nothilfe der unmittelbaren Linderung der akuten Notlage verpflichtet ist, zielt "Entwicklungszusammenarbeit" (EZ) auf die Überwindung struktureller Ursachen von Krieg und Armut ab.
Handlungsfelder
Bezogen auf die o.g. Grundbedürfnisse gibt es folgende Handlungsfelder der Nothilfe:
- Trink- und Brauchwasserversorgung sowie Abwasser- und Basishygienemaßnahmen,
- Versorgung mit Nahrungsmitteln,
- Bereitstellung von Unterkunft und Bekleidung,
- Medizinische (Erst- und Grund-)Versorgung.
In einer Notsituation sind die Menschen zunächst nicht in der Lage, sich aus eigener Kraft zu helfen. Nothilfe soll diesen Zustand nicht künstlich verlängern, sondern so früh wie möglich die Selbsthilfekräfte stärken. Grundvoraussetzung ist ihre Teilnahme und Teilhabe (Partizipation) an der Entwicklung und Umsetzung von Maßnahmen. Um die Selbsthilfekräfte der Bevölkerung nicht auf Dauer zu untergraben (Vermeidung des "Abhängigkeitssyndroms"), werden bereits früh Eigenleistungen von jenen verlangt, die dazu physisch und psychisch in der Lage sind (z.B. Food for Work, Cash for Work).
Wichtige Akteure
Die ersten Helfer sind oft die Überlebenden und die Bevölkerung vor Ort, lokale Organisationen, Behörden und das nationale Militär. Es folgt die internationale Hilfsgemeinschaft. Typische Akteure sind Agenturen der UNO wie Welternährungsprogramm (WFP), Flüchtlingshilfswerk (UNHCR), Kinderhilfswerk (UNICEF) und das Büro für die Koordination humanitärer Hilfsmaßnahmen (UN OCHA). Stark involviert sind ebenfalls die nationalen Rotkreuz- und Roter Halbmond-Gesellschaften sowie die internationale Rotkreuzbewegung. Als "dritte Säule" spielen lokale und internationale Nicht-Regierungsorganisationen (NGOs) eine zentrale Rolle. Manche NGOs sind auf bestimmte Arbeitsfelder spezialisiert (z.B. medizinische Versorgung), andere arbeiten in verschiedenen Sektoren der Nothilfe sowie in der EZ. Die Zusammenarbeit mit nationalen Hilfsorganisationen ist in der Regel unabdingbar, da diese die Region und die Landesgewohnheiten am besten kennen und leichter Zugang haben.
Das "Do no harm"-Konzept
In einer Notsituation muss meist unter hohem Zeitdruck, ohne genauen Überblick über das Ausmaß der Schäden und oft ohne ausreichende Kenntnis der politisch-sozialen Situation im Land gehandelt werden. Unter derart unübersichtlichen Bedingungen kann Nothilfe zu nicht beabsichtigten Folgen führen. Die kritische Betrachtung jahrelanger Nothilfemaßnahmen in verschiedenen Ländern hat gezeigt, dass Hilfe zur Verlängerung von Konflikten beigetragen hat, z.B. weil kämpfende Gruppen sich mittels Raub von Hilfsgütern versorgen konnten.[4]
Das "Do no harm"-Konzept ist ein Ergebnis dieser Analysen. Damit bekommen die Akteure ein Werkzeug an die Hand, um die Auswirkungen geplanter Hilfsmaßnahmen auf einen Konflikt möglichst im Vorhinein zu ermitteln. Es geht um die Frage, ob dadurch die spaltenden oder verbindenden Elemente eines Konflikts gestärkt bzw. geschwächt werden. Gegebenenfalls ist eine Neuplanung erforderlich. Gemeinsam mit den "Sphere Standards"[5] besteht heute eine Reihe wichtiger Verhaltenskodizes und Standards[6]. Der Verhaltenskodex der Rotkreuz- und Halbmondbewegungen und der Nicht-Regierungsorganisationen in der Humanitären Hilfe von 1998 greift die humanitären Prinzipien auf und "übersetzt" diese in zehn Grundregeln, darunter die strikte Orientierung der Nothilfe am tatsächlich identifizierten Bedarf und die Forderung nach Hilfe, die lokal angepasst ist (z.B. Verteilung lokal bekannter Nahrungsmittel). Das Personal von Hilfsorganisationen ist mit besonderen Herausforderungen konfrontiert, z.B. hoher psychischer und physischer Belastung, hoher Fluktuation, Sicherheitsproblemen.
Literatur
Anderson, Mary B. (1999): Do no harm – How aid can support peace or war, London.
VENRO (Hrsg.) (2005): Humanitäre Hilfe auf dem Prüfstand - Prinzipien, Kriterien und Indikatoren zur Sicherstellung und Überprüfung der Qualität in der humanitären Hilfe, Bonn.
VENRO (Hrsg.) (2003): Streitkräfte als humanitäre Helfer? Möglichkeiten und Grenzen der Zusammenarbeit von Hilfsorganisationen und Streitkräften in der humanitären Hilfe, Bonn.
Welthungerhilfe (Hrsg.) (2009): Orientierungsrahmen Nothilfe, Bonn.
Welthungerhilfe (Hrsg.) (2007): Orientierungsrahmen Rehabilitation in der Auslandsarbeit, Bonn.
Links
»Auswärtiges Amt, Referat VN 05: Konzept zur Förderung von Vorhaben der Humanitären Hilfe aus Kapitel 0502 Titel 687 72 (anwendbar seit 01.01.2008), Berlin.«
Armut hier und weltweit. Themenblätter im Unterricht Nr. 77,S. 3.
»Pilar, Ulrike von (2005): "I close my eyes and treat people." Wenn humanitäre Hilfe mehr schadet als hilft. Ärzte ohne Grenzen.«
»World Humanitarian Day Security Trends Information Sheet, Stand: 19.08.2009.«
»The Sphere Project (Hrsg.) (2004): Humanitarian Charter and Minimum Standards in Disaster Response, Genf (erste Ausgabe 2000).«
»Die Zwölf Grundregeln der Humanitären Hilfe des Koordinationsausschusses Humanitäre Hilfe.«
»Europäischer Konsens über die Humanitäre Hilfe (Gemeinsame Erklärung des Rates und der im Rat vereinigten Vertreter der Regierungen der Mitgliedstaaten, des Europäischen Parlaments und der Europäischen Kommission (2008/C 25/01).«
»People in Aid. Code of Good Practices.«
»Verhaltenskodex der Rot-Kreuz-, Rot-Halbmondbewegung und der NRO.«
Fußnoten
- Im März 2009 – unmittelbar nach der Ausstellung eines internationalen Haftbefehls durch den Internationalen Strafgerichtshof für den sudanesischen Präsidenten Omar Al Beshir – verwies die sudanesische Regierung 13 Hilfsorganisationen des Landes (siehe: »Homepage der Humanitarian News and Analysis«).
- 2008 starben 122 nationale und internationale humanitäre Helfer. Das war ein neuer Höchststand (World Humanitarian Day Security Trends Information Sheet).
- vgl. VENRO, Mai 2003.
- Anderson 1999, S. 39.
- The Sphere Project 2004.
- Vgl. VENRO 2005.
Interaktives Portal

Informationsportal Krieg und Frieden
Die weltweiten Rüstungsausgaben sind 2010 um 1,3 Prozent gestiegen - auf 1,6 Billionen US-Dollar. Welches Land gibt wie viel für sein Militär aus? Und wer bezieht die meisten Waffen aus Deutschland? Das interaktive Portal liefert Antworten auf sicherheitspolitische Fragen. Weiter...
