Demonstranten auf dem Tahrir-Platz in Kairo, 9. April 2011.

Gender und Konfliktbearbeitung


26.1.2010
Die Konfliktforschung zeigt, dass Geschlechterverhältnisse und Geschlechterbilder einen großen Einfluss auf die Konflikteskalation, aber auch auf Friedensprozesse haben. Nachhaltiger Frieden setzt die gleichberechtigte Teilhabe von Frauen voraus.

Indische Schülerinnen bei einer Veranstaltung zum Internationalen Friedenstag 2009.Indische Schülerinnen bei einer Veranstaltung zum Internationalen Friedenstag 2009. Vorstellungen, dass Frauen grundsätzlich friedfertiger ... (© AP)
Für die Erforschung und Bearbeitung von gewaltsamen Konflikten wird das soziale Geschlecht (Gender) entlang verschiedener Dimensionen definiert: Struktur, Symbolik und Identität.[1] Die strukturelle Dimension meint die geschlechtliche Arbeitsteilung im Krieg und die geschlechtliche Prägung von Institutionen, z.B. des Nationalstaats und militärischer Verbände. Die symbolische Dimension bezieht sich auf Geschlechterbilder. In vielen Konflikten werden Frauen zum Symbol stilisiert – für die Reinheit der Nation, zu Gebärenden oder schutzbedürftigen Opfern. Gleichzeitig besteht die Vorstellung, nur Krieger seien echte Männer. Häufig wird Homosexualität stark abgewertet. In ethnopolitischen Konflikten werden bestimmte Gruppen mithilfe ethnischer und geschlechtlicher Kategorien als grundsätzlich "anders" definiert. Die "anderen" Männer gelten etwa als verweiblicht und impotent oder als unzivilisiert und sexuell übermäßig aktiv. Die dritte Dimension, die Geschlechtsidentität, bezieht sich darauf, wie sich Einzelne als Frau oder Mann in einer Gesellschaft immer wieder neu definieren.[2] Ein Beispiel dafür ist die Auseinandersetzung junger Männer mit der von der Gesellschaft an sie herangetragenen Erwartung, sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen. Vorstellungen, dass Frauen grundsätzlich friedfertiger und Männer aggressiver seien, werden in der Geschlechterforschung häufig abgelehnt.

Ältere Rebellen ringen um eine Waffe mit einem jungen Kämpfer in dem von Rebellen kontrollierten Hafengebiet der liberianischen Hauptstadt Monrovia....und Männer aggressiver seien, werden in der Geschlechterforschung häufig abgelehnt. Hier: Rebellen entwaffnen einen Kindersoldaten. (© AP)

Pionierarbeit der Frauenorganisationen



Pionierarbeit in geschlechtergerechter Konfliktbearbeitung leisten unzählige feministische und Frauenorganisationen, die sich für gewaltfreie Konfliktbearbeitung und Friedensförderung einsetzen, z.B. Frauen in Schwarz oder die Women's International League for Peace and Freedom. Meist stellen sie den engen Zusammenhang von Militarismus und gesellschaftlicher Benachteiligung der Frauen heraus. Einige Organisationen stützen sich bei ihrer Arbeit v.a. auf gesellschaftlich akzeptierte Geschlechterrollen, z.B. auf Mütter und Witwen von Soldaten und Verschwundenen. Frauenorganisationen in alle Phasen der Konfliktbearbeitung einzubeziehen, dazu verpflichteten sich die Staaten in der UN-Resolution 1325 aus dem Jahr 2000. Aus der Resolution geht weiter hervor, dass Frauen und Mädchen vor Kriegsgewalt zu schützen seien. Die UN-Resolution 1820 von 2008 erklärte außerdem systematische sexualisierte Gewalt zum Kriegsverbrechen.

Friede – für Männer und Frauen



Geschlechterorientierte Konfliktbearbeitung ist v.a. auf zwei Ziele ausgerichtet: die gleichberechtigte Beteiligung von Frauen an der Konfliktbearbeitung und die Förderung eines geschlechtergerechten Friedens. Gemeint ist nicht nur das Ende direkter Gewalt, sondern auch die gleichberechtigte demokratische Teilhabe und Verringerung sozialer Ungleichheit.[3] Denn auch in Nachkriegsgesellschaften sind Frauen in besonderem Maße von Gewalt im öffentlichen Raum betroffen, häusliche Gewalt nimmt in der Regel sogar zu. Dies verlangt die nachhaltige Überwindung aller Formen "privater" und krimineller Gewalt zum Gegenstand des Friedensprozesses zu machen.

Die kritische Auseinandersetzung mit Methoden der zivilen Konfliktbearbeitung begann zunächst von einer feministischen Perspektive aus. Viele Ansätze streben, so die Kritik an dieser Perspektive, die Rückkehr zu den Verhältnissen vor Ausbruch des Krieges an und tragen so zur Verfestigung von Geschlechterungleichheit bei. Heute verfolgen viele Geber- und Durchführungsorganisationen gendersensitive Konzepte. Konkret sollen demnach z.B. Frauenorganisationen in Friedensprozesse eingebunden und spezifische Problemlagen von Frauen und Männern berücksichtigt werden, damit Frauen und Männer gleichermaßen vom Wiederaufbau profitieren. Zudem soll die politische und gesellschaftliche Teilhabe von Frauen ermöglicht werden. Dass weiterhin Handlungsbedarf besteht, lässt sich aus Evaluationen für verschiedene Konfliktgebiete ableiten. Sie zeigen, dass sich die Situation für Frauen im Nachkrieg oft dramatisch verschlechtert hat, z.B. im Irak nach 2003, und dass Wiederaufbau und Friedensförderung Frauen oft in weitaus geringerem Maße zugute kommen.[4]

Männer und Männlichkeit in Friedensprozessen



Zunehmend werden auch Männer und ihre Auseinandersetzung mit militaristischen Männlichkeitskonstruktionen zum Thema der Konfliktbearbeitung und Friedensförderung. Als Bearbeitungsansätze werden z.B. Allianzen von gewaltkritischen Männern und Veteranen,[5] die Stärkung gewaltfreier Elemente traditioneller Männlichkeitsvorstellungen[6] sowie pädagogische Arbeit mit Männern und Jungen vorgeschlagen. Erfahrungsgemäß sind Anstrengungen zur Überwindung der Dominanz militaristischer Männlichkeit mit Rückschlägen verbunden, zugleich stehen viele Männer diesem Ideal selbst skeptisch bis ablehnend gegenüber. Das ist ein Ansatzpunkt für Veränderungen.

Gewaltfördernde Geschlechtersymboliken verändern



Wichtige Potenziale liegen in der Bearbeitung gewaltfördernder Geschlechtersymboliken sowie in Identitätsangeboten. Mögliche Handlungsfelder sind ein gendersensitiver Friedensjournalismus und eine entsprechende Identitätsarbeit. Ein Beispiel ist die Mobile Akademie für Geschlechterdemokratie und Friedensförderung (OWEN). An ihren Seminaren in der Kaukasusregion nehmen Männer und Frauen aus NGOs, Ministerien, Bildungseinrichtungen und Medien teil. Sergej Degoew und Kasbek Kokoew, zwei der Multiplikatoren, reagierten sofort, als vier Monate nach Besetzung der Schule in Beslan durch ein tschetschenisches Kommando (September 2004) Racheabsichten kursierten: Alle Männer vor Ort wurden zu einer Versammlung eingeladen – etwa 300 Menschen nahmen teil. Obwohl die Stimmung aggressiv und auf Vergeltung aus war, gelang es, die Männer zu überzeugen, auf Racheakte zu verzichten.[7]

Natalja Belikowa, eine weitere Multiplikatorin, leistet Traumaarbeit bei gemischtgeschlechtlichen Gruppen aus Tschetschenien. Darin ermutigt sie Frauen, sich nicht dafür zu schämen, dass sie in Krisensituationen traditionell männliche Rollen eingenommen haben, sondern diese Erfahrungen anzunehmen.[8]

Bislang zu wenig beachtete Themen in der Konfliktbearbeitung sind Gewalterfahrungen von Männern, Überlegenheitsansprüche nationalistischer Frauen und die Aufarbeitung von gleichzeitigen Täter- und Opfererfahrungen – von Männern wie von Frauen. Auch schwule, lesbische und Transgender-Identitäten, die im Kontext von Krieg und Militarisierung eine besondere Marginalisierung erleben, sind weitgehend unberücksichtigt geblieben.

Militärische Friedensmissionen – Segen oder Fluch?



Die Auswirkungen militärischer Friedensmissionen auf lokale Geschlechterverhältnisse sind ein weiterer Schwerpunkt der Gender- und Konfliktforschung. Die Ergebnisse zeigen, dass internationale Peacekeeping-Operationen in vielen Fällen die gesellschaftliche Militarisierung zu Lasten der Frauen vor Ort verstetigen. Besonders scharf wird die Zunahme von Prostitution und Frauenhandel im Zusammenhang mit Friedensmissionen kritisiert.

In genderorientierten Leitfäden werden daher inhaltliche Zielsetzungen zum Umgang mit der Zivilbevölkerung festgelegt, die darauf gerichtet sind, die Rechte von Frauen zu schützen und Frauen in die Friedensprozesse einzubeziehen. Zudem wird eine stärkere Präsenz von Soldatinnen in militärischen Friedensmissionen gefordert. Damit sind teilweise Hoffnungen auf ein sensibleres Vorgehen der Einheiten im Konfliktgebiet und eine Abschwächung der o.g. Probleme verknüpft.

In der Praxis stößt die Umsetzung von Reformen bislang schnell an Grenzen.[9] Beispielsweise lassen sich in Gender-Trainings übliche partizipative Methoden im militärischen Kontext nur schwer verwirklichen. Problematisch ist ebenfalls das Missverhältnis zwischen der Vielfalt der Herkunftsländer und -kulturen der UN-Truppen und den zeitlich knapp bemessenen Gender-Trainings. Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob die skizzierten Probleme allein durch interne Reformen militärischer Institutionen bearbeitet werden können.

Eine nachhaltige Konflikttransformation erfordert, militarisierte Kulturen zu überwinden und militärische Männlichkeit nicht länger zu privilegieren. Dazu ist Gleichstellungspolitik ebenso notwendig wie die Erweiterung sozial akzeptierter Geschlechterbilder.

Literatur



Connell, R. (2002): Masculinities, the reduction of violence and the pursuit of peace, in: Cockburn, C./ Zarkov, D. (Hrsg.): The Postwar Moment. Militaries, Masculinities and International Peacekeeping, Bosnia and the Netherlands, London: Lawrence & Wishart, S. 33-40.

Harders, C. (2004): Krieg und Frieden: Feministische Positionen, in: Becker, R./ Kortendiek, B.: Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung. Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, S. 461-466.

Handrahan, L. (2004): Conflict, Gender, Ethnicity and Post-Conflict Reconstruction, Security Dialogue 35, S. 429-442.

Moser, C. (2001): The Gendered Continuum of Violence and Conflict: An Operational Framework, in: Moser, C./ Clark, F. (Hrsg.): Victims, Perpetrators or Actors? Gender, Armed Conflict and Political Violence, London, New York: Zed Books, S. 30-52.

Links



»Dittmer C. (2007): Gender, Konflikt, Konfliktbearbeitung. Zivile und militärische Ansätze, Forderungen und Probleme.«

»Reimann, C. (2002): "All you Need is Love" ... and What About Gender? Engendering Burton's Human Needs Theory.«

»Schäfer, R. (2009): Männlichkeit und Bürgerkriege in Afrika - Neue Ansätze zur Überwindung sexueller Kriegsgewalt.«

»Gunda-Werner-Institut der Heinrich-Böll-Stiftung: Informationen zu Geschlechterperspektiven in der Friedens-, Sicherheitspolitik und Konfliktprävention.«


Fußnoten

  1. Geschlecht und Gender werden hier bedeutungsgleich im Sinne des sozialen Geschlechts verwendet, wobei davon ausgegangen wird, dass auch Annahmen über das biologische Geschlecht von sozialen und historischen Prozessen mitbestimmt sind.
  2. Reimann 2002.
  3. Webseite des »Gunda-Werner-Instituts«.
  4. Handrahan 2004.
  5. Schäfer 2009,S. 10.
  6. Connell 2002.
  7. Omnibus Newsletter 2, 2007, S. 7.
  8. Omnibus Newsletter 1, 2007, S. 3.
  9. Dittmer 2007, S. 14.
 


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