Ein syrischer Soldat mit einer AK-47 an einem Checkpoint In Damaskus, 21.08.2013.

Ressourcenkonflikte


12.3.2012
Konflikte entstehen dort, wo Ressourcen knapp werden. Und auch da, wo ein Reichtum an Ressourcen große Einnahmen verspricht. Sie können aber auch gemeinsam gelöst werden – und zu mehr Wachstum führen.

Menschen kämpfen mit extremem Sturm und Regen im Flüchtlingslager Kibati bei Goma im Osten Kongos. Die kongolesische Regierung lehnte Gesprächsangebote mit Rebellenführer Laurent Nkunda zur Lösung der Krise im östlichen Kongo ab. Dort haben die Kämpfe zwischen Regierung und Rebellen tausende Menschen in die Flucht getrieben, die internationale Hilfe benötigen.Menschen kämpfen mit extremem Sturm und Regen im Flüchtlingslager Kibati bei Goma im Osten Kongos. (© AP)

Ressourcenkonflikte werden heute als eines der größten Sicherheitsrisiken des 21. Jahrhunderts diskutiert.[1] Eine natürliche Ressource (oft wird auch als Synonym der Begriff "Rohstoff" verwendet) ist ein "Stoff, der seitens der Natur bereitgestellt wird und grundsätzlich für menschliche Zwecke nutzbar gemacht werden kann; [dies] umfasst energetische und nicht-energetische, sowie erneuerbare und erschöpfbare Ressourcen".[2] Darunter fallen z.B. Gesteine, Salze, fossile Brennstoffe, Mineralien, Metalle, Böden, Wälder, Wasser, Wind oder Sonnenenergie. Das Umweltprogramm der Vereinten Nationen schlussfolgerte 2009, dass es ein "signifikantes Potential für die Verschärfung von Konflikten um natürliche Ressourcen in den nächsten Dekaden" gibt.[3]

Ressourcenknappheit – Ressourcenreichtum: Beides ist ein Konfliktrisiko



Entgegen den Krisenszenarien zeichnen die statistischen Fakten ein differenzierteres Bild: Laut Heidelberger Konfliktbarometer spielten Ressourcen 2010 nur in sechs von insgesamt 28 Gewaltkonflikten mit hoher Intensität eine entscheidende Rolle – darunter der Kampf um Drogen in Mexiko oder Ackerland in Nigeria. Weitaus häufiger wurden Kriege oder militärische Konflikte geführt, um eine Änderung des politischen Systems zu erreichen oder regionale Vorherrschaft zu erlangen. Gleichwohl lässt sich daraus nicht folgern, dass Ressourcen nur eine untergeordnete Bedeutung für Krisen und Konflikte zukommt. In den vergangenen zehn Jahren haben sie sich vom vierten auf den zweiten Platz in der Relevanz der Konfliktgegenstände vorgeschoben. Bezeichnend ist zudem, dass der sporadische oder massive Einsatz von Gewalt in Ressourcenkonflikten zunimmt (ca. 30% 2000, 44% 2010).

Der Großteil der vom Heidelberger Konfliktbarometer verzeichneten Ressourcenkonflikte ist innerstaatlicher Natur. Dabei können sowohl der Mangel als auch der Reichtum an Ressourcen zur Ursache oder zum Antreiber von Konflikten werden. Beispielsweise ging es in den Hungerunruhen in Haiti vor allem um knappe Nahrungsmittel, während etwa Rebellengruppen in der DR Kongo die Einnahmen aus dem Abbau des Erzes Coltan zur Finanzierung des Bürgerkriegs nutzten. Von innerstaatlichen Konflikten abzugrenzen sind zwischenstaatliche Auseinandersetzungen, die zumeist weniger gewaltsam ausgetragen werden. Hier geht es häufig um die Verteilung knapper Ressourcen, etwa im Handelsstreit zwischen China auf der Angebotsseite und EU/USA auf der Nachfrageseite um sog. Seltene Erden, die zur Herstellung von High-Tech-Produkten wie Fernsehern benötigt werden. Knappheit und Reichtum sind eng miteinander verknüpft, denn je stärker ein Rohstoff international nachgefragt wird, desto höhere Renditen können die Konfliktparteien auf nationaler Ebene realisieren.

Knappe Ressourcen und Verteilungskonkurrenz



Die Wahrnehmung, dass Konflikte um Ressourcen ein wachsendes Sicherheitsrisiko darstellen, resultiert vor allem aus deren zunehmender Verknappung. Die Gründe dafür sind sehr vielfältig, unter anderem:

der wirtschaftliche Aufschwung von Schwellen- und Entwicklungsländern, allen voran China, das weltweite Wachstum von Schlüsselsektoren wie Telekommunikation und Umwelttechnologie, die Zunahme der Weltbevölkerung und der Klimawandel.

Ob die Konkurrenz um Ressourcen sich verschärft, ist dabei gar nicht allein von der absolut verfügbaren physischen Menge abhängig, sondern vielmehr von der relativen Knappheit, d.h. von der ungleichen Verteilung der Vorkommen, der Zugangsrechte sowie der steigenden Nachfrage. Normalerweise regelt sich das Verhältnis aus Angebot und Nachfrage in einer gut funktionierenden Marktwirtschaft über den Preis und somit friedlich. Schließlich haben alle Seiten prinzipiell ein wirtschaftliches Interesse. Doch gerade auf den internationalen Rohstoffmärkten funktioniert dieser Mechanismus häufig schlecht, etwa weil wirtschaftliche Oligopole bestehen oder der Staat mit Zöllen oder Exportbeschränkungen in den Markt eingreift. Hinzu kommen Spekulanten, die die turbulente Preisentwicklung ausnutzen und damit das Problem verschärfen.

Gleichwohl sind Konflikte, in denen es "nur" um die Verteilung von Ressourcen geht, eher selten und von niedrigem Eskalationsgrad: 2010 standen laut Heidelberger Konfliktbarometer in nur sieben Konflikten Ressourcen als alleiniger Konfliktgegenstand im Mittelpunkt – und diese verliefen durchweg friedlich.

Die Verteilungskonkurrenz eskaliert meist dann, wenn eine Partei die Konkurrenz um eine Ressource mit anderen Interessen verknüpft oder als Bedrohung der eigenen Sicherheit interpretiert. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer "Versicherheitlichung" (securitization). Es geht dann nicht mehr nur um die Verteilung der Ressource(n), sondern um Macht, Geopolitik, Ideologie usw. Solche Konflikte gehen viel häufiger als die rein wirtschaftliche Konkurrenz mit Gewalt einher und lassen sich schlechter regulieren. Der Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine eskalierte auch deswegen, weil es eben nicht nur um ein Wirtschaftsabkommen ging, sondern um regionale Vorherrschaft und den politischen Einfluss Moskaus in den Nachbarstaaten.

Ressourcenreichtum und innerstaatliche Konflikte



Für die Entstehung von Ressourcenkonflikten auf innerstaatlicher Ebene werden in der Wissenschaft vor allem zwei Thesen diskutiert: Zum einen führt die Knappheit einer Ressource zu einem Konflikt, wenn eine Bevölkerungsgruppe sich gegen Missstände bei Verteilung oder Zugang zu einer Ressource wehrt ("grievance"). Meist geht es dabei um sehr elementare Allgemeingüter, etwa Land, Wald oder Wasser. In einer globalisierten Welt können internationale Akteure solche Missstände auch schnell verschärfen: Der südkoreanische Konzern Daewoo pachtete 2009 einen wesentlichen Teil des Ackerlandes in Madagaskar, um Palmöl und Mais anzubauen und anschließend nach Südkorea zu verschiffen – mit der Konsequenz, dass es auch aus Angst um die eigene Versorgung zu blutigen Unruhen zwischen Bevölkerung und Regierung kam.

Doch steht ein Großteil der innerstaatlichen Konflikte nicht mit der Knappheit, sondern eher mit dem Reichtum an Ressourcen und Habgier ("greed") in Zusammenhang. Auffallend ist dabei, dass es sich zumeist um Entwicklungs- oder Schwellenländer handelt – rund 75% der armen Bevölkerung leben derzeit in einem rohstoffreichen Land.[4] Drei verschiedene Ursachen können identifiziert werden: Erstens tendieren Regierungen aufgrund hohen Ressourcenreichtums dazu, andere Wirtschaftssektoren zu vernachlässigen. Das macht ein Land nicht nur abhängig von internationalen Preisschwankungen, sondern wirkt sich auch negativ auf die gesamte gesellschaftliche Struktur aus (auch bekannt als "holländische Krankheit").

Zweitens wecken Ressourcen Begierden, so dass staatliche und nichtstaatliche Akteure gern von den Einnahmen profitieren wollen und um (Verfügungs-)Macht kämpfen. Kommen – wie so oft – schwache Institutionen und schlechte Regierungsführung hinzu, blühen zusätzlich Klientelismus und Korruption – ein fruchtbarer Nährboden für Konflikte. Drittens eignen sich gerade leicht abbau- und transportierbare Ressourcen für Rebellengruppen zur Finanzierung von Konflikten, die zunächst aus anderen Gründen angezettelt wurden, etwa zwischen unterschiedlichen Ethnien, oder wenn es um Autonomie geht (s.o.). So haben reichhaltige Vorkommen an Diamanten und Metallen in vielen afrikanischen Ländern immer wieder Konflikte genährt und verlängert. Zutreffender wäre deshalb auch, von "Konfliktressourcen" zu sprechen, weil deren Aneignung lediglich ein Mittel darstellt, um primär politische Ziele zu erreichen.

Ressourcen liefern auch Anreize für Kooperation und Wachstum



Ressourcenkonflikte können auch Anreize für Kooperation und Wachstum liefern. Gemeinsame Lösungsansätze finden sich häufig schneller, wenn der Marktmechanismus greift und die Politik moderat agiert. Dass knappe Ressourcen die regionale Kooperation befördern, belegt die Nilbeckeninitiative. Sie bringt zehn Länder Afrikas mit dem Ziel zusammen, die Wasserressourcen kooperativ zu managen und eine gerechte Nutzung zu erreichen. Eine Reihe guter Beispiele zeigt, dass Ressourcen für die Entwicklung eines Landes ein Segen sein können. So wurden etwa in Botswana die Einnahmen aus dem Verkauf von Diamanten in Infrastruktur und Entwicklungsmaßnahmen gesteckt, was das Land heute im Vergleich zu anderen afrikanischen Staaten vielfach besser dastehen lässt.

Die Politik kann solche Entwicklungen durch vielfältige Maßnahmen anstoßen und unterstützen: Der Instrumentenkasten reicht vom Ressourcenmanagement, also der Verbesserung der Effizienz, über die Förderung internationaler Institutionen wie der Welthandelsorganisation (WTO), die die Verteilung von Ressourcen regulieren, bis hin zur Entwicklungshilfe in ressourcenreichen Ländern, die die wirtschaftlichen und politischen Strukturen verbessert.

Literatur



Collier, Paul /Hoeffler, Anke /Rohner, Dominic (2009): Beyond Greed and Grievance: Feasibility of Civil War, in: Oxford Economic Papers, Vol. 61, S. 1-27.

Humphreys, Macartan (2005): Natural Resources, Conflict and Conflict Resolution, in: Journal of Conflict Resolution, Vol. 49, No. 4, S. 508-537.

Mildner, Stormy-Annika (Hrsg.) (2011): Konfliktrisiko Rohstoffe? Herausforderungen und Chancen im Umgang mit knappen Ressourcen, SWP-Studien 2011/S 05, Berlin.

Links



»Heidelberg Institute for International Conflict Research (2011): Conflict Barometer 2010«

»Themendossier Ressourcenkonkurrenz der Stiftung Wissenschaft und Politik«

» Themenschwerpunkt Sicherheit und Rohstoffversorgung der Zeitschrift Sicherheit und Frieden, Heft 4/2009.«

»Sonderheft "Earth, Wind & Fire" der Zeitschrift Internationale Politik, November/Dezember 2009.«

»Ressourcenkonfliktmonitor des Bonn Center for International Conversion«

»Internationales Ressourcenpanel des Umweltprogramms der Vereinten Nationen«


Fußnoten

1.
Der Text beruht in weiten Teilen auf der Studie: Mildner, Stormy-Annika (Hrsg.): Konfliktrisiko Rohstoffe? Herausforderungen und Chancen im Umgang mit knappen Ressourcen, SWP-Studien 2011/S 05, Februar 2011, Berlin.
2.
Mildner, Stormy-Annika/Richter, Solveig/Lauster, Gitta, Einleitung: Konkurrenz + Knappheit = Konflikt? In: Mildner (Hrsg.): Konfliktrisiko Rohstoffe, S. 11.
3.
United Nations Environment Programme: From Conflict to Peacebuilding. The Role of Natural Resources and the Environment, Februar 2009. http://www.unep.org/pdf/pcdmb_policy_01.pdf (23.11.2011).
4.
Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ): Entwicklungsfaktor extraktive Rohstoffe. Ein Positionspapier des BMZ, Bonn, 2010, S. 3. http://www.foes.de/pdf/BMZ_Positionspapier%20Extraktive%20Rohstoffe.pdf (23.11.2011).
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