Afghanische Flüchtlinge blicken aus dem Fenster einer Zelle in einem Flüchtlingslager der iranischen Stadt Zahedan.
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Universelle Menschenrechte und kulturelle Besonderheiten*


12.10.2009
Gibt es eine absolute Grundvoraussetzung für den Anspruch der allgemeinen Gültigkeit der Menschenrechte oder kann dieser aus verschiedenen kulturellen Kontexten hergeleitet werden? Der Philosoph Georg Lohmann unternimmt den Versuch einer Begründung des egalitären Universalismus der Menschenrechte.

Gelten Menschenrechte universell oder erfordern kulturelle Besonderheiten auch unterschiedliche Menschenrechte?Gelten Menschenrechte universell oder erfordern kulturelle Besonderheiten auch unterschiedliche Menschenrechte? (© AP)

Aktuelle Herausforderungen



Auf einer Tagung im Auswärtigen Amt Berlin berichteten Regierungsvertreter über die Arbeit im neuen Menschenrechtsrat (MRR) der Vereinten Nationen in Genf. Ein wichtiges Problem ergebe sich aus der Zusammensetzung der Vertreter im MRR. Die Vertreter der Universalität der Menschenrechte seien offenbar in der Minderheit, eine Mehrheit wolle eher regionale und kulturell spezifische Menschenrechtsverständnisse durchbringen. In der Diskussion wies der Botschafter Pakistans sehr geschickt darauf hin, dass 1948 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) 56 Mitgliedstaaten der neugegründeten Vereinten Nationen (UNO) zugestimmt haben, jetzt seien aber in der UNO 192 Staaten, die Geschichte sei weitergegangen und so müsse man sich nicht wundern, wenn nun auch im Verständnis der Menschenrechte eine "Weiterentwicklung" zu beobachten sei.

Einer solchen Auffassung gemäß, die die Menschenrechte z.B. der islamischen Scharia anpasst, wie es in einer islamischen Menschenrechtserklärung schon geschehen ist, haben Frauen nicht notwendigerweise die gleichen Rechte wie Männer oder sind einige Rechte wie z.B. das Recht auf Meinungsfreiheit zu Gunsten bestimmter religiöser Überzeugungen eingeschränkt[1].

Will man gegen solche Versuche der Umdeutung der Menschenrechte angehen, so muss man sich über ein angemessenes Verständnis der Menschenrechte klar werden. Dabei ist es besonders wichtig, dass man über eine gut begründete Konzeption der Menschenrechte verfügt, und dass man weiß, warum man für eine bestimmte Auffassung eintritt und wo man kompromissbereit sein kann. Was versteht man also unter Menschenrechten und wie bzw. was kann oder muss man begründen?


Was sind Menschenrechte?


Menschenrechte sind besondere Rechte. Sie unterscheiden sich zunächst von einfachen Bürgerrechten durch ihr Gewicht: Sie beziehen sich auf besonders wichtige und fundamentale Sachverhalte menschlichen Lebens. Sie sind aber auch durch eine Reihe formaler, für alle Menschenrechte gültigen Eigenschaften ausgezeichnet. Menschenrechte sind ihrem Begriff nach universelle Rechte, da sie für alle Menschen gelten, und sie sind egalitäre Rechte, da sie für alle Menschen in der gleichen Weise gelten. Sie sind ferner kategorische oder unbedingte Rechte, da man keine Vorleistungen zu erbringen hat, sondern nur ein Mensch zu sein braucht, um Träger von Menschenrechten zu sein. Und sie sind schließlich individuelle und subjektive Rechte, da nur der jeweils einzelne Mensch Träger von Menschenrechten ist.

Menschenrechte sind ihrer Idee nach aber nicht nur moralisch begründete Ansprüche, sie sind auch von einem dafür legitimierten politischen Gesetzgeber in Kraft gesetzte juristische Rechte, die man in einem entsprechenden Rechtssystem einklagen kann. Wir nennen Menschenrechte, die in eine Staatsverfassung aufgenommen worden sind, Grundrechte, und wir kennen auf völkerrechtlicher Ebene eine Reihe von Menschenrechtspakten und Konventionen, in denen die beteiligten Staaten sich zur Einhaltung und Beachtung bestimmter Menschenrechte verpflichtet haben.

Begonnen hat diese Entwicklung mit der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR) von 1948. Dabei ist der Katalog der konkreten, einzelnen Menschenrechte ein offener Katalog. Es ist im Prinzip möglich, neue Menschenrechte hinzuzufügen oder auch ein Recht herauszunehmen. Welche konkreten Rechte in den Katalog aufgenommen wurden oder werden, das bestimmt sich nach besonderen Unrechtserfahrungen und Bedrohungen, denen Menschen ausgesetzt waren und sind. Insbesondere die AEMR von 1948 ist eine Reaktion auf die Erfahrungen der Barbarei und Unmenschlichkeit des Naziregimes und der totalitären Verbrechen weltweit.

Welche Arten von Begründungen der Menschenrechte gibt es?



In der Philosophie werden eine Reihe von ganz unterschiedlichen Begründungsvarianten der Menschenrechte diskutiert. Das Auffassungsspektrum reicht von der Leugnung ihrer Begründbarkeit und damit der Existenz von Menschenrechten überhaupt[2] bis zur Überzeugung ihrer absoluten Begründetheit. Dabei variieren je nach philosophischer Position und vertretener Moralauffassung die unterschiedlichen Begründungsversuche.

Absolute Begründungen operieren in der Tradition des Naturrechts oder des Vernunftrechts mit dem Begriff der Selbstzweckhaftigkeit des Menschen als eines absoluten Wertes[3] oder mit dem Begriff der Menschenwürde[4]. In der Tradition Kants stehen auch Versuche, die Menschenrechte als Freiheitsrechte zu begründen[5].

Starke (kultur-)relative Auffassungen verstehen die Menschenrechte als nur relativ zu einem bestimmten Kultursystem "begründbar"[6]. Andere folgen einem "cross-cultural approach", der durch einen Kulturvergleich versucht, empirische Gemeinsamkeiten als Basis festzustellen[7]. Schwach relative Positionen verstehen den egalitären Universalismus der Menschenrechte relativ zu bestimmten Moralvorstellungen[8] oder politischen Positionen[9]. Relationale Positionen versuchen, den Objektivitäts- und Universalitätsanspruch von Menschenrechten durch Korrespondenzen zwischen Menschenrechten und Volkssouveränität einzulösen.


Fußnoten

1.
Siehe Anne Duncker, Menschenrechte im Islam. Eine Analyse islamischer Erklärungen über die Menschenrechte, Berlin 2006.
2.
Vgl. Jeremy Bentham, Anarchical Fallacies. Being an Examination of the Declaration of Rights Issued During the French Revolution, in: The Works of Jeremy Bentham, Bowring edition, Edingburgh, William Tait, 1843, teilweise wieder abgedruckt in: Jeremy Waldron (Hg.), Nonsense Upon Stilts. Bentham, Burke and Marx on the Rights of Man, London 1987; Alisdair MacIntyre, After Virtue, Notre Dame 2. Aufl. 1985, dt.: Verlust der Tugend, Frankfurt 1986.
3.
I. Kant, Die Metaphysik der Sitten, Akademie Ausgabe (AA), Bd. VI.
4.
Robert Spaemann, Über den Begriff der Menschenwürde, in: Menschenrechte und Menschenwürde, hg. v. E.-W. Böckenförde u. R. Spaemann, Stuttgart (Klett-Cotta) 1987; Gregory Vlastos, Justice and Equality, in: R. Brandt (Hg.) Social Justice, Englewood Cliffs, N. J. (Prentice Hall) 1962
5.
Heiner Bielefeldt, Philosophie der Menschenrechte, Darmstadt 1998.
6.
Richard Rorty, Human Rights, Rationality, and Sentimentality, in: S. Shute & S. Hurley (Hg.), On Human Rights. New York 1993; dt.: Menschenrechte, Rationalität und Gefühl, in: dies., Die Idee der Menschenrechte, Frankfurt 1996.
7.
Abduhlahi An-Na`im (Hg.), Human Rights in Cross-Cultural Perspectives, Philadelphia 1992; Michael Walzer, Thick and Thin: moral argument at home and abroad, Notre Dame 1994; dt.: Lokale Kritik - globale Standards. Zwei Formen moralischer Auseinandersetzung, Berlin 1996.
8.
E. Tugendhat, Vorlesungen über Ethik, Frankfurt M. 1993.
9.
John Rawls, The Law of Peoples, in: S. Shute & S. Hurley (Hg.), On Human Rights. New York 1993; dt. Das Völkerecht, in: dies. (Hg.), Die Idee der Menschenrechte, Frankfurt 1996.