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Afghanische Flüchtlinge blicken aus dem Fenster einer Zelle in einem Flüchtlingslager der iranischen Stadt Zahedan.
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Die Debatte um "asiatische Werte"

Rückblick und Bilanz

12.10.2009

Kritik und Opposition waren nicht vorgesehen



Die Region Ost- und Südostasien, für die die "asiatischen Werte" gelten sollten, umfasste unterschiedlichste Staaten. Zwar lässt sich einräumen, dass es durchaus gemeinsame kulturelle und historisch-politische Erfahrungen in der Region gibt. Doch die Debatte um eine asiatische Identität war auf das Spannungsverhältnis zwischen den Interessen des Einzelnen und der Gemeinschaft fokussiert. Daraus leiteten die politischen Eliten die Notwendigkeit eines starken Staates und die Ablehnung des "westlichen Individualismus" ab. So wurde laut Heinz aus einer Vielfalt kultureller und politischer Erfahrungen in diesen Ländern vor allem die Erfahrungen mit dem paternalistischen Staatsmodell in den Mittelpunkt gestellt und ideologisiert. "Andere 'störende' historische Erfahrungen wurden ausgeblendet", sagt Heinz, "die Erfahrung von zum Beispiel Opposition, Gewerkschaften, von Bauernaufständen oder auch die Forderungen der Mittelschicht nach Menschenrechten und Demokratie."
Freie, eingeschränkt freie und unfreie Staaten, 2012Freie, eingeschränkt freie und unfreie Staaten, 2012. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/ (bpb)


Dieser blinde Fleck ließ oppositionelle Gruppen, Nichtregierungsorganisationen, religiöse Gemeinschaften außen vor, die für mehr Demokratie und Menschenrechte eintraten. Denn Kritik und Opposition waren im Konzept der "asiatischen Werte" nicht vorgesehen und wurden unterdrückt. Allerdings gab es auch keine monolithische asiatische Position zu einer "asiatischen Identität": Die Regierungen Japans, der Philippinen oder auch Südkoreas nahmen nicht Teil an der Debatte. Südkorea zum Beispiel erlebte in den 1970er und 1980er Jahren eine breite Demokratiebewegung. Eine ihrer Symbolfiguren war Kim Dae-Jung. Der spätere Präsident Südkoreas sowie Friedensnobelpreisträger empfand nicht nur Demokratie und wirtschaftliche Entwicklung im Einklang, sondern auch asiatische Kultur und westliches Demokratieverständnis.

Die Kehrtwende innerhalb der Debatte



Im Jahr 1997 erschütterte eine Finanz- und Wirtschaftskrise Asien. Nun waren es plötzlich die "asiatischen Werte", die als Ursache der Krise gedeutet wurden: Vetternwirtschaft, Familismus und staatlicher Interventionismus wurden von Organisationen wie dem "Internationalen Währungsfonds" für die Krise mitverantwortlich gemacht. Diese Kehrtwende innerhalb der Debatte um "asiatische Werte" konnte wohl kaum die Finanzkrise in den betroffenen asiatischen Ländern vollständig erklären; genauso wenig wie die "asiatischen Werte" den wirtschaftlichen Erfolg hatten vollständig erklären können.

Die Debatte um "asiatische Werte" wird seit Ende der 1990er Jahre nicht mehr aktiv geführt. Doch der Nachklang der Auseinandersetzung bestimmt Wolfgang Heinz zufolge auch heute noch die Diskussion: Demnach zielten die Eliten in einzelnen Staaten Ost- und Südostasiens darauf ab, nicht das Modell westlicher Demokratien zu übernehmen, sondern eine eigenständige Entwicklung zu verfolgen. "Hierbei wird nicht mehr in Bezug auf asiatische Werte argumentiert. Aber es bleibt die Forderung seitens einzelner asiatischer Länder, wie vor allem Pakistans oder Chinas, international müsse die Durchsetzung der Menschenrechte auf Konsens und konstruktive Kooperation basieren", meint der Menschenrechtsexperte. Konsens bedeutet in dieser Lesart, dass starke Kritik aus dem Westen an der Menschenrechtssituation eines Landes pauschal als unfair und als Einmischung in die inneren Angelegenheiten zurückgewiesen werden kann. So wie es in der Menschenrechtsdiskussion um Birma, Tibet oder auch China passiert. Ob die Verurteilung von Menschenrechtsverletzungen in einem Staat unterstützt wird oder ob das Recht auf Nicht-Einmischung stark gemacht wird, hängt sicherlich auch von den außenpolitischen Interessen ab – das gilt für Staaten in Asien wie auch im Westen. Was bleibt ist dennoch der Anspruch einzelner asiatischer Länder auf einen eigenen Entwicklungsweg, der den Dialog mit "dem Westen" auch in Zukunft prägen wird.