Afghanische Flüchtlinge blicken aus dem Fenster einer Zelle in einem Flüchtlingslager der iranischen Stadt Zahedan.

12.10.2009 | Von:
Tim Stüttgen

Bist du schwul oder was?

Homophobe Logiken im Rock, Hip Hop und Dancehall

Popmusik stand lange für die unzensierte Meinungsäußerung – ein Menschenrecht. Doch was ist, wenn homophobe und sexistische Logiken die Mainstream-Kultur durchdringen. Ein Text über Musik im Spannungsverhältnis von Macht, Aneignung und Widerstand.

US-Sängerin Beth Ditto von der Band Gossip singt auf der Hauptbühne am ersten Tag des 34. Paleo Festival in Nyon, Schweiz. Das Paleo Open-Air-Musikfestival, das größte in der Schweiz mit 225.000 Zuschauern in sechs Tagen, läuft vom 21. bis 26. Juli.US-Sängerin Beth Ditto von der Band Gossip singt auf der Hauptbühne am ersten Tag des 34. Paleo Festival in Nyon. (© AP)

Popmusik: Befreiung des Begehrens?

In ihren besten Momenten – und davon gibt es nicht wenige – steht Popkultur für die Befreiung des Begehrens. Als Elvis auf die Bühne kam und mit seinen Hüften wackelte oder die Beatles ihre Liebeslieder sangen, war das ekstatische Gekreische vieler Frauen (und Männer!) im Publikum ein Indiz dafür, dass jetzt der spießige Alltag, in dem Arbeit, Pflichten und Regeln den Ton angaben, vorbei war.

Als 1968 in zahlreichen Ländern die Musik von Jimi Hendrix, Bob Dylan, Joan Baez und Janis Joplin ertönte, formte sie den Soundtrack zu sozialen Revolutionen, die ein anderes Leben forderten. Umweltschutz und Kapitalismuskritik, Anti-Nationalismus und Befreiung der Sexualität waren vom Impuls des Pop zu einer neuen Utopie geleitet, die nicht nur – wie in der bildenden Kunst – der intellektuellen Elite vorbehalten sein sollte. Pop saß am Puls der Zeit und konnte auch mit denen Kontakt aufnehmen, die von den Mächtigen vergessen worden waren.

So ist es kein Wunder, dass immer wieder Gegenkulturen sich den Pop aneigneten – ob Hippie-RockerInnen oder Anarcho-Punks, ob rappende Afro-AmerikanerInnen oder die Discoszene, in der sich der schwule Underground traf: Pop schuf den Artikulationsraum für minoritäre Bewegungen, die von der Gesellschaft – teilweise inklusive ihrer Menschenrechte – ignoriert wurden. Ein Refrain wie "I Can't Get No Satisfaction" von den Rolling Stones ließ sich auf alltägliche Probleme und Unzufriedenheiten beziehen. Selten trafen sich das Allgemeine und das Spezifische, der Mensch und die Masse, so wie in der Popmusik.

Popmusik stand lange für die unzensierte alltägliche Meinungsäußerung – ein Menschenrecht. Doch auch der Traum einer freien Artikulation kann nach hinten losgehen, wenn homophobe und sexistische Logiken die Mainstream-Kultur durchdringen.


Rockmusik: Wild, weiß und meistens männlich

Rockmusik war die treibende popkulturelle Kraft von 1968. Verstärkte Gitarren besaßen die Eigenschaft, Wut und Unmut genauso wie sexuelle Energie und Entgrenzung zu assoziieren. Dass dabei fast immer weiße Männer das Zepter in der Hand hielten – ob das Mikro oder das Plektrum der E-Gitarre – fiel dabei den wenigsten auf, denn man war es so gewohnt. Die Rollen waren klar verteilt: Männer machten, wie schon in der Kneipe nebenan oder als Autoritäten im Berufsleben, den meisten Krach. Frauen durften helfen, bedienen und anhimmeln. So war die sexuelle Befreiung für abweichende Identitäten – Frauen eingeschlossen – eher eine Farce: Die Männer gaben an, wer begehrenswert war und wer nicht. Und ein Gitarrensolo konnte nicht nur Revolution signalisieren, sondern auch Machtstatus und Potenzgehabe bedeuten.

Weniger noch als andere Minderheiten hatten allerdings Schwule, Lesben und Transgender von der angeblichen Befreiung des Begehrens. Popmusik brach einige Regeln, die Regeln der Heteronormativität jedoch selten bis gar nicht. Normal war der coole Typ, der die coole Tussi hatte. Vielen Schwulen gefiel es zwar, dass man die Haare länger trug. Dies bedeutete aber nicht, dass sie die Angst ablegen konnten, sich zu outen. Gerade Rockmusik stabilisierte so eher die Idee des authentischen, weißen, hetero-männlichen Rockstars. Die wilden Kommunen, in denen zusammen gelebt und geliebt werden sollte, um die bürgerliche Familie als Gesellschaftsmodell abzulösen, erreichten in Sachen Sexualität ihre Grenzen. Das neue Leben schien sich kaum um Frauen, Schwule oder gar Lesben zu kümmern. Insbesondere Lesben litten weiterhin unter totaler Unsichtbarkeit und Exklusion.

Homophobie beginnt nicht mit Beleidigungen von Menschen, die anders begehren oder aussehen, sondern mit gesellschaftlicher Unsichtbarkeit. Diejenigen, die anders begehren, brauchen Bilder, die sie darstellen, damit sie sich ihre Teilhabe an gesellschaftlichen Visionen auch vorstellen können – und andere sie kennen lernen. Nur Role-Models, die anders sind, und Repräsentationen, die diese sichtbar machen, können hier Abhilfe schaffen.