Afghanische Flüchtlinge blicken aus dem Fenster einer Zelle in einem Flüchtlingslager der iranischen Stadt Zahedan.

12.10.2009 | Von:
Michael Windfuhr

"Hauptbetroffene der globalen Wasserkrise sind vor allem arme Bevölkerungsgruppen"

Ein Gespräch über Wasser mit Michael Windfuhr von Brot für die Welt

Herr Windfuhr, warum wird ein Menschenrecht auf Wasser gefordert?

Michael Windfuhr: Das Menschenrecht auf Wasser umfasst in der völkerrechtlichen Definition Wasser für den häuslichen Bedarf. Gemeint ist Trinkwasser, Wasser zum Kochen und Zubereiten von Speisen und Wasser für die persönliche Hygiene. Trotz der weltweit abnehmenden Verfügbarkeit von Wasser ist der fehlende Zugang zu Wasser für den häuslichen Bedarf in der Regel kein Problem der physischen Verfügbarkeit von Wasser. Zwar gibt es eine wachsende Zahl von Ländern, die gravierende Versorgungsengpässe mit Wasser im nationalen Rahmen haben und deren Situation sich in Zukunft verschärfen wird. Die Hauptprobleme beim Zugang zu Wasser für den häuslichen Bedarf sind jedoch vorrangig sozialer und politischer Natur.

Michael WindfuhrMichael Windfuhr
Selbst in den dürregeplagten Ländern der Sahelzone in Afrika südlich der Sahara verbrauchen die wohlhabenderen Bürger mehrere hundert Liter Wasser am Tag. Arme Familien hingegen haben oft nicht einmal Geld, um fünf Liter zu erwerben. Ebenso stehen für die Exportlandwirtschaft ausreichend Wassermengen zur Verfügung, die später in Form von Ananas oder Tomaten nach Europa exportiert werden. Der Bericht des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen über menschliche Entwicklung von 2006 kommt deshalb zum Schluss, dass vor allem politische Diskriminierung und der soziale Ausschluss von Bevölkerungsgruppen zu der Wasserknappheit führt.



Was bringt ein Menschenrecht auf Wasser?


Zum Menschenrechtsthema wird Wasser, wenn nicht nur über die absolute Verfügbarkeit von Wasser gesprochen wird, sondern über die Zugangsmöglichkeiten einzelner Personen zu Wasser und zu sanitärer Grundversorgung. Selbst in Ländern mit Wasserknappheit hängt der individuelle Zugang von vielen Faktoren ab, die von staatlicher Politik entscheidend beeinflusst werden: Welcher Wasserzugang ist verfügbar (Brunnen, Flüsse etc.)? Wird in die Versorgung mit Wasser investiert? Welche Belastung kommt auf Frauen zu, die in der Regel viel Zeit aufgrund langer Wege zu Wasserquellen aufbringen müssen? Welche Preise müssen einzelne Haushalte bezahlen? Werden verfügbare Wasserquellen, die der Trinkwasserversorgung dienen, für andere Nutzungszwecke blockiert?

Das Menschenrecht auf Wasser ist deshalb ein Instrument, um Regierungen an ihre menschenrechtlichen Verpflichtungen zu erinnern und sie zur Rechenschaft zu ziehen. Es verlangt von Regierungen auch bei knappen Ressourcen einen prioritären Mitteleinsatz für besonders benachteiligte Gruppen. Das Recht auf Wasser kann dadurch in Zukunft gerade für arme Bevölkerungsgruppen ein besonders wichtiges Instrument im Umgang mit der globalen Wasserkrise werden. Diese könnten das Recht prinzipiell auch vor nationalen Gerichten einklagen. Und dort, wo der Rechtsstaat nur unzureichend funktioniert, trägt das Wissen um ein Recht auf Wasser und sanitäre Grundversorgung zu mehr Selbstbewusstsein bei: Seine Rechte zu kennen, ist ein erster Schritt zur Realisierung.

Welche Pflichten gehen mit einem möglichen Menschenrecht auf Wasser einher?

Seit 2002 gibt es einen Rechtskommentar des "Komitees der Vereinten Nationen zu wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechten" zum Recht auf Wasser. Dieser beschreibt detailliert, wie Staaten das Recht auf Wasser in ihrer eigenen Politik umsetzen können. Zentraler Fokus eines Rechts auf Wasser ist die Verpflichtung der Mitgliedstaaten, Menschen nicht von der Nutzung von Wasser auszuschließen. Gleichzeitig muss sichergestellt werden, dass besonders arme Bevölkerungsgruppen bevorzugt Zugang zu Wasser erhalten. In diesem Sinne enthält beispielsweise die Verfassung von Südafrika unter Bezugnahme auf das Recht auf Wasser die Bestimmung, dass jeder Mensch in Südafrika das Recht hat, 20 Liter Wasser frei zur Verfügung gestellt zu bekommen. Der Rechtskommentar verpflichtet Regierungen auch, private Akteure angemessen zu kontrollieren und zu regulieren.

"Wasser wird für das 21. Jahrhundert, was Erdöl für das 20. Jahrhundert war", heißt es oft. Welche Konsequenzen sind dadurch zu erwarten?

Der Unterschied zwischen Wasser und Erdöl ist, dass Wasser zunächst kein globales Handelsgut ist, sondern eine lokale Ressource. Auch in Zukunft sind direkte Wasserexporte höchstens über Pipelines zu Nachbarländern eine realistische Alternative. Allerdings nimmt der Handel mit Flaschenwasser und mit "virtuellem Wasser" zu, d.h. dem Wasser, das in den Produkten einer Region enthalten ist. Spanien beispielsweise exportiert einen großen Teil seiner immer knapper werdenden Wasserressourcen in Form von Gemüse und Obst, wie etwa Tomaten, in andere Teile Europas und der Welt.

Ferner wird das verfügbare Wasser knapper, weil verschiedene Trends zusammenkommen: Die Weltbevölkerung steigt und somit wird immer mehr Trinkwasser und Wasser für die Herstellung von Nahrungsmitteln benötigt. Die Landwirtschaft ist dabei weltweit der größte Wasserverbraucher: Sie benötigt rund 70 Prozent der weltweit genutzten Süßwassermenge. Gerade in den sich schnell industrialisierenden Ländern wie China, Indien oder Thailand wird viel Wasser auch für die industrielle Entwicklung benötigt. Enormen Wasserbedarf haben zudem die schnell wachsenden Megastädte in vielen Entwicklungsländern. Deren steigender Wasserbedarf entzieht dem Umland mehr und mehr verfügbare Wasserressourcen, was vor allem zu Lasten der Bewässerungslandwirtschaft gehen wird. Die wachsende Freizeit- und Tourismusindustrie wird ebenfalls zu einem wichtigen Wasserverbraucher, gerade in dürren Regionen.

Was sind die Auswirkungen des Klimawandels auf die Versorgung mit Wasser?

Der Klimawandel ist ein zentraler Prozess für die zukünftige Verfügbarkeit von Wasser. Der Temperaturanstieg verändert den gesamten Energiehaushalt der Erde und hat einen entsprechenden Einfluss auf den globalen Wasserkreislauf. Der Weltklimarat schätzt in seinem letzten Bericht, dass bei einem Temperaturanstieg von bis zu 1,5 °C gegenüber dem vorindustriellen Niveau bis Ende des Jahrhunderts ca. 600 Millionen Menschen zusätzlich von Wasserknappheit betroffen sein werden. Sollte der Temperaturanstieg bis zu 2°C betragen, wären ca. 1,5 Mrd. Menschen von zunehmender Knappheit betroffen.