Afghanische Flüchtlinge blicken aus dem Fenster einer Zelle in einem Flüchtlingslager der iranischen Stadt Zahedan.
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Arbeits- und Menschenrechte in der Textilindustrie


12.10.2009
Niedriglöhne, prekäre Beschäftigungsformen und Verstöße gegen die Vereinigungsfreiheit prägen Teile der globalen Bekleidungs- und Sportartikelindustrie. Inzwischen gibt es jedoch immer mehr Initiativen, die auf die Umsetzung von Sozialstandards und verbesserte Arbeitsbedingungen drängen.

Lange Arbeitstage, erzwungene Überstunden und ein Hungerlohn sind oft traurige Realität: Näherinnen in einer Kleiderfabrik in Guatemala City.Lange Arbeitstage, erzwungene Überstunden und ein Hungerlohn sind oft traurige Realität: Näherinnen in einer Kleiderfabrik in Guatemala City. (© AP)

Soziale Mindeststandards sind des Menschen Recht



Alle Menschen haben ein Recht darauf, sich zu entwickeln und teilzuhaben an den Gütern und der Fülle dieser Welt. Gemeint ist hier eine Teilhabe an der wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und politischen Dimension von Entwicklung. Die Verpflichtung der Weltgemeinschaft, dieses Versprechen zu gewährleisten, ist bereits im UN-Pakt über die wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Rechte (WSK-Rechte) von 1966 verankert. Mit der 1998 ohne Gegenstimme angenommenen "Erklärung über die grundlegenden Prinzipien und Rechte bei der Arbeit" haben die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) und damit das Recht auf würdige Arbeit den Charakter eines universellen Menschenrechts erhalten. Mit ihrem Konzept der "Decent Work – Würdige Arbeit" zielt die ILO auf die Durchsetzung von Sozialstandards und menschenwürdiger Arbeit. Globalisierung und globale Produktionsketten sind jedoch von Konkurrenz um Märkte und Investoren sowie der Orientierung auf kurzfristige Wettbewerbsvorteile geprägt. Das Interesse der Aktienbesitzer beispielsweise bei börsennotierten Sportartikelmarken wird höher bewertet als Mensch und Umwelt. Dabei wird die Missachtung grundlegender Rechte und Sozialstandards billigend in Kauf genommen. Gerade innerhalb der globalen Bekleidungs- und Sportartikelindustrie, wo der Prozess der internationalen Verflechtung am längsten und weitesten vorangeschritten ist, beobachtet die Zivilgesellschaft seit Jahren vier Kernprobleme: Niedriglöhne, Missbrauch von Kurzzeitverträgen und anderen prekären Beschäftigungsformen, Verstöße gegen die Vereinigungsfreiheit sowie Betriebsschließungen aufgrund von Umstrukturierungen.

Kleidung: Hergestellt im rechtsfreien Raum



Arbeitsrechtsverletzungen und Missstände sowie deren Vertuschung sind gängige Praxis in den weltweit tätigen Zulieferfirmen und werden von Abnehmerfirmen bis heute immer wieder geleugnet. So reicht beispielsweise der Lohn der Näherinnen in China oder Bangladesch kaum, um den Lebensunterhalt zu sichern. Markenfirmen, Discounter und Handelshäuser übernehmen nicht konsequent Verantwortung für die oft menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen. Seit den 1970er Jahren verlagern Markenfirmen und Sportartikelhersteller ihre arbeitsintensive Produktion in Entwicklungs- und Schwellenländer. Mit fördernden Maßnahmen umwerben diese Länder ausländische Investoren, um die wirtschaftliche Entwicklung in Gang zu bringen. Als förderlich gelten u.a. niedrige Zölle und die Errichtung von freien Sonderwirtschaftszonen – spezielle Industriegebiete mit kostenloser Infrastruktur, Steuererlässen sowie einer willkürlichen Arbeitsgesetzgebung. Durch diese Vergünstigungen wird es Unternehmen ermöglicht, zu extrem niedrigen Herstellungs- und Lohnkosten produzieren zu lassen. Einen hohen Preis bezahlen jedoch die Beschäftigten in den unzähligen Textilfabriken dieser Sonderwirtschaftszonen. Millionen von ArbeiterInnen sind in diesen "gesetzlosen Räumen" ausbeuterischen und menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen ausgesetzt, da internationale Menschen- und Arbeitsrechte mit Füßen getreten werden.


Zenayda Torres, eine Näherin in einer Fabrik dieser Zonen in Nicaragua, schildert ihren Arbeitsalltag: "Wir arbeiteten von 7 Uhr morgens bis 19 oder 21 Uhr abends. Wenn Eilaufträge vorhanden waren, wurden wir gezwungen, 24 Stunden am Stück zu arbeiten. Wir arbeiteten auch das Wochenende durch, oft gab es keinen Tag Pause dazwischen. Sie behandelten uns wie Tiere, oder so, als ob wir Maschinen wären. Sie brüllten uns an, beschimpften und beleidigten uns. Manchmal wurden Mitarbeiter sogar geschlagen"[1].

Diese Erfahrung teilt Torres mit Millionen von Beschäftigten in der internationalen Bekleidungs- und Sportartikelindustrie. Die Branche ist für ihre gesundheitsgefährdenden und ausbeuterischen Arbeitsbedingungen bekannt. Lange Arbeitstage, erzwungene Überstunden und ein Hungerlohn sind traurige Realität der hauptsächlich weiblichen Beschäftigten, die oft getrennt von ihren Familien leben. Die jungen Frauen sind zudem physischen und psychischen Übergriffen von Seiten der Aufseher und Vorgesetzten ausgesetzt. Die Angst, ihren Job und damit ihre dürftige Lebensgrundlage oder das einzige finanzielle Einkommen der Familie zu verlieren, ist groß.


Fußnoten

1.
Bericht des National Labor Committee, http://www.nlcnet.org.

 

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