Das Bistro Zum Kaiser in der namibischen Stadt Swapokmund: Zeugnis der deutschen Kolonialvergangenheit in "Deutsch-Südwest-Afrika", die im Juli 1915 mit der Kapitulation vor den Truppen der südafrikanischen Union endete.

Kolonialismus und Migration (1800 – 1960)


20.5.2016
Außer der Zwangsmigration durch Sklavenhandel gab es zu Kolonialzeiten weitere bedeutende Wanderungsbewegungen. Und zwar sowohl von den imperialen Zentren in die Kolonien, als auch in die entgegengesetzte Richtung. Noch heute sind die Großstädte der ehemaligen "Mutterländer" geprägt von dieser Migration.

Ein Coolie in Französisch-Indochina (heute Laos/Kambodscha/Vietnam) transportiert einen französischen Fahrgast. Der "Handel" mit einfachen Arbeitskräften gehört zu den bedeutenden Migrationsphänomenen während der Kolonialzeit.Ein Coolie in Französisch-Indochina (heute Laos/Kambodscha/Vietnam) transportiert einen französischen Fahrgast. Der "Handel" mit einfachen Arbeitskräften gehört zu den bedeutenden Migrationsphänomenen während der Kolonialzeit. (© picture-alliance)

Einleitung



Migration und Mobilität waren konstitutiv sowohl für die Etablierung von Kolonialimperien als auch für die wirtschaftliche Ausbeutung der unterworfenen Territorien. Die fortschreitende Entwicklung der Kommunikations- und Transporttechnologien im 19. Jahrhundert (Telegraph, Dampfschiff, Eisenbahn) verstärkte diese Bedeutung noch. Insbesondere in der Phase zwischen dem Beginn des Hochimperialismus und dem Beginn der großen Dekolonisationswelle (also ca. 1870-1950) verdichteten sich Migrationsbewegungen zwischen imperialen "Mutterländern" und Kolonien derart, dass die kulturellen Grenzen zwischen "Zentren" und "Peripherien" zunehmend verwischt wurden. Dennoch waren historische Migrationsforschung und Kolonialgeschichte lange Zeit weitgehend getrennte Forschungsfelder. Der einzige Aspekt kolonialer Personenmobilität, der schon vor geraumer Zeit Eingang in die entsprechenden Standardwerke zur Migrationsgeschichte gefunden hat, ist der transatlantische Sklavenhandel, dem ein eigener Artikel in diesem Dossier gewidmet ist. Im vorliegenden Beitrag soll es vielmehr um Formen der Mobilität in kolonialen Kontexten gehen, die allgemein weit weniger bekannt sind und teilweise erst in den letzten Jahren das Interesse von HistorikerInnen geweckt haben.

Zuhause im Empire: Europäische Migration und Siedlerkolonialismus



Überseemobilität von Europäern in größerem Maßstab wurde zuerst von den iberischen Kolonialreichen praktiziert. Bereits im 16. und 17. Jahrhundert entstand insbesondere von Portugal aus ein weitverzweigtes Netz von Handelskontoren, Seestützpunkten und Kolonien in Asien, Afrika und Lateinamerika, das unter anderem von einer stetig wachsenden Zahl von Seeleuten, Soldaten, Sträflingen, Missionaren, Verwaltungsbeamten und freien Siedlern bevölkert wurde. Auch Holland und vor allem Großbritannien besiedelten ihre kolonialen Besitzungen im 17. und 18. Jahrhundert mit Landsleuten, die allerdings nicht alle gänzlich freiwillig migrierten. Deutlichen Zwangscharakter wies z. B. die Verschiffung von etwa 60.000 Sträflingen von den Britischen Inseln nach Nordamerika zwischen 1657 und 1772 auf.

Nach dem Verlust der amerikanischen Kolonien 1783 wurde die Erschließung Australiens in erster Linie deshalb vorangetrieben, weil man eine neue Strafkolonie in sicherem Abstand von den Britischen Inseln herstellen wollte. Zuhause platzten die Gefängnisse aus allen Nähten und eine Verbannung "krimineller Elemente" auf den von James Cook erst wenige Jahre zuvor entdeckten neuen Kontinent versprach die heimische Gesellschaft zu entlasten. Gleichzeitig stellte sie auch billige Arbeitskräfte für die Erschließung des gigantischen Territoriums zur Verfügung, das trotz der Präsenz der lokalen Bevölkerung der Aborigines als terra nullius (Niemandsland) betrachtet wurde. Zwischen dem Eintreffen der "First Fleet" in der Nähe des heutigen Sidney im Jahre 1788 und der Abschaffung der Verbannungsstrafe 1868 landeten so insgesamt 163.000 Männer und Frauen aus Großbritannien und Irland als Sträflinge down under.

Ab den 1820er Jahren wurde die kleine britisch-irische Kolonie auf dem Fünften Kontinent zunehmend durch freie Siedler verstärkt. Etwa die Hälfte der rund 1,4 Millionen Britinnen und Briten, die Australien zwischen 1820 und 1900 erreichten, kam dabei in den Genuss staatlicher Förderungen. Befürworter einer «assisted migration» in die klimatisch geeigneten Territorien des Empire, wie der einflussreiche englische Politiker Edward Gibbon Wakefield (1796-1862), sahen in der Massenauswanderung von Proletariern und Bauern nach Kanada, Australien und Neuseeland den Schlüssel zur Lösung der sozialen Frage in Großbritannien. Auch religiös-philanthropische Organisationen wie die Heilsarmee sponserten später großangelegte Umsiedlungskampagnen, um die Not in den Elendsvierteln britischer Großstädte zu lindern. Nicht zuletzt unterstützten auch die Einwanderungsministerien der zunehmend autonom agierenden Empfängerländer die Zuwanderung bisweilen finanziell, etwa um den Anteil an Frauen oder den stets begehrten Handwerkern an ihrer Bevölkerung zu vergrößern. Kanada, Australien und Neuseeland blieben zwar die wichtigsten Empire-Zielorte für Auswanderer, aber im Laufe des 19. und frühen 20. Jahrhunderts kamen Süd- und Ostafrika als weitere wichtige Siedlerkolonien dazu.

Die gewaltige Ausdehnung des Britischen Kolonialreichs sorgte dafür, dass diese besondere Form der transkontinentalen Wanderungsbewegungen auf den britischen Inseln von besonders großer Bedeutung war. Allein zwischen 1815 und 1914 verließen mehr als zehn Millionen Briten und Iren ihre Heimat, um sich dauerhaft in einer "colony of settlement" in Übersee niederzulassen. Aber auch innerhalb anderer Imperien absorbierten die Kolonien große Zahlen von Immigranten aus der jeweiligen Metropole. Eine Momentaufnahme der Situation Ende der 1930er Jahre kann die globalen Ausmaße dieser imperialen Wanderungsbewegungen verdeutlichen: Kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges lebten drei Millionen Japaner in den japanisch kontrollierten Territorien in Ostasien (Korea, Taiwan und Manchukuo), etwa eine Million Siedler waren hauptsächlich aus dem französischen Mutterland (aber auch aus Spanien, Italien oder der Schweiz) nach Algerien gezogen, mehrere 100.000 Portugiesen hatten die Kolonien Angola und Moçambique zu ihrer neuen Heimat erkoren und sogar die spätberufene Kolonialmacht Italien hatte bereits mehr als 300.000 Bürger in ihren afrikanischen Besitzungen angesiedelt. So unterschiedlich die spezifischen lokalen Kontexte auch waren, es lassen sich zumindest zwei übergreifende Gemeinsamkeiten beobachten. Erstens: In nahezu allen Fällen betraf die Emigration überwiegend die unteren sozialen Schichten aus imperialen Metropolen. Nicht selten wurde sie als "soziales Sicherheitsventil" gefördert, um Armut und gesellschaftlichen Spannungen in der Metropole zu begegnen. Zweitens sorgten sowohl der ‘Landhunger’ als auch die häufig zur Schau getragene kulturelle Arroganz der Kolonisatoren immer wieder für massive Spannungen und Konflikte mit der lokalen Bevölkerung. Häufig kam die Ungleichbehandlung von Kolonisatoren und Kolonisierten auch in unterschiedlichen rechtlichen Status der Bevölkerungsgruppen zum Ausdruck: In Algerien beispielsweise wurden die Europäer als "Bürger" (citoyens) behandelt, die eine Reihe von Privilegien genossen, während die Grundrechte der Einheimischen, die als "Untertanen" (sujets) galten, stark beschnitten wurden.

Nach der gleichen rassistischen Logik gewährte das britische Empire einzig seinen von "weißen" Siedlern beherrschten Dominions (Kanada, Australien, Neuseeland, Südafrika) bereits im 19. bzw. frühen 20. Jahrhundert politische Teilautonomie. Die als "unmündig" erachtete nicht-weiße Bevölkerung der Siedlerkolonien sah sich unterdessen mit vielfältigen Repressalien konfrontiert. In Extremfällen (wie u.a. in Australien und Südafrika) konnte das brutale, pogromartige Vorgehen gegen die indigenen "Stämme", die teilweise Entziehung der Subsistenzgrundlage durch kontinuierlichen Landraub und schließlich die Einschleppung von unbekannten Krankheiten zur Dezimierung ganzer Volksgruppen führen. Zudem wurden die Ureinwohner im Rahmen einer rigiden Assimilationspolitik der Kolonialregierung bisweilen (z.B. in Kanada oder Neuseeland) planmäßig ihres kulturellen Erbes beraubt.

In der Regel bedeutete das Ende der Kolonialzeit auch das Ende der imperialen Siedlerdiasporen. Die abrupte Rückkehr von Hunderttausenden Siedlern wie beispielsweise in Japan nach 1945 oder in Frankreich nach dem Ende des Algerienkrieges 1962 stellte die jeweiligen ‘Mutterländer’ vor gewaltige logistische und politische Herausforderungen. Die "weißen" ehemaligen Dominions des Britischen Empire blieben jedoch auch nach dem Zerfall des Kolonialreichs beliebte Ziele für Auswanderer aus der ehemaligen Metropole. Zwischen 1945 und 2000 verlegten beispielsweise immerhin noch knapp zwei Millionen Briten und Iren ihren Lebensmittelpunkt nach Australien.

Fortsetzung der Sklaverei mit anderen Mitteln? Imperiale Arbeitsmigration und das "Indentured-Labour"-System



Die imperiale Weltordnung beförderte nicht nur zentrifugale Migrationsbewegungen aus den imperialen Zentren in die Kolonien. Sie wirkte auch als Katalysator für Mobilität zwischen verschiedenen Kolonialterritorien, bzw. zwischen Kolonialterritorien und Regionen, die nicht Bestandteil des imperialen Systems waren. In den allermeisten Fällen ging es dabei um Arbeitsmigration. Das zahlenmäßig bedeutendste Phänomen in diesem Zusammenhang stellt das sogenannte Indentured-Labour-System dar, auch bekannt als "Coolie-Trade" [Deutsch: Kulihandel][1]. Nach der Abschaffung der Sklaverei im Britischen Empire im Jahre 1834 und im französischen Kolonialreich 1848 wuchs die Sorge, die lukrativen Plantagenkolonien beider Länder könnten durch einen Mangel an Arbeitskräften in den Ruin getrieben werden. Insbesondere der sehr arbeitsintensive Zuckerbau in der Karibik und im indischen Ozean (Mauritius, La Réunion) erforderte eine große Zahl von Arbeitskräften, die sowohl den harten körperlichen Belastungen als auch dem tropischen Klima gewachsen waren. Der Überschuss an verarmten Landarbeitern in dicht besiedelten Kolonien bot sich als ideale Lösung an. Vertragsarbeiter wurden zwar auch aus China, dem Südpazifik und Afrika rekrutiert, aber mehr als 90 Prozent der 1,5 Millionen "Coolies", die transkontinental migrierten, stammten aus Südasien (d.h. vom indischen Subkontinent). Wegen seiner außerordentlichen demographischen und wirtschaftlichen Bedeutung wird deshalb das Phänomen des südasiatischen "Coolie Trade" im Folgenden exemplarisch etwas ausführlicher beleuchtet.

Bereits 1834 erreichte das erste Schiff mit indischen Vertragsarbeitern die "Zuckerinsel" Mauritius. Ab 1840 landete ein stetig wachsender Strom der "Coolies" in den klassischen Plantagenkolonien der Karibik (u.a. in Jamaika, Trinidad, Guyana, Guadeloupe). Als man im südafrikanischen Natal und auf der Pazifikinsel Fiji mit Zuckeranbau experimentierte, erweiterte sich das Einsatzgebiet der indischen Plantagenarbeiter entsprechend. Neben der transkontinentalen Migration in entlegene Plantagenkolonien gab es auch weniger reiseintensive Beschäftigungsmöglichkeiten für südasiatische "Coolies": In Ceylon beispielsweise lockten seit den 1830ern Jahren die Verdienstmöglichkeiten auf Kaffee- und Teeplantagen Millionen von tamilischen Landarbeitern aus dem nahegelegenen Südindien an. Es waren ebenfalls Tamilen, die sich ab den 1890ern in großer Zahl in Burma oder auf den neuen Kautschukplantagen in Britisch-Malaya verdingten. Insgesamt migrierten zwischen 1830 und 1930 mehr als fünf Millionen südasiatischer Wanderarbeiter über die kurze Distanz nach Südostasien. Gänzlich außerhalb der Plantagenwirtschaft waren zudem einige Zehntausend "indentured labourers" aus der nordindischen Provinz Panjab beschäftigt. Panjabis galten den Briten als besonders kräftig und robust und ihre Arbeitskraft wurde unter anderem beim Eisenbahnbau in Südostasien (aber auch in Kenia und Kanada) eingesetzt. Auch im niederländischen Kolonialreich wurden indische "Coolies" ebenso eingesetzt wie Vertragsarbeiter aus Java.

In Südasien existierten verschiedene Rekrutierungssysteme. In Südindien wurde die Anwerbung von "Coolies" hauptsächlich von indischen Mittelsmännern organisiert (kangani), während das zweite Hauptrekrutierungsgebiet im Norden von europäischen Gesellschaften kontrolliert wurde. Subagenten der Rekrutierungsbüros warben dort in den ärmsten Distrikten bewusst Bauern und Tagelöhner an, die in Schwierigkeiten waren. Teilweise unter Vorspiegelung falscher Tatsachen was die Höhe der Löhne und die Dauer der Überfahrt angeht, wurden die Freiwilligen dann zu Rekrutierungsbüros gebracht. Dort unterzeichneten sie eine Vertrag, mit dem sie sich in der Regel verpflichteten fünf Jahre lang in ihrem jeweiligen Einsatzort zu arbeiten. Dafür erhielten sie eine garantierte Entlohnung, Unterkunft und in der Regel auch medizinische Grundversorgung sowie eine kostenlose Rückkehr, falls sie sich nicht vor Ort für eine Verlängerung ihres Vertrages entschieden.

In den Hafenstädten Calcutta oder Madras mussten die Vertragsarbeiter dann in so genannten "emigration depots" auf ihr Schiff warten. Je nach Ziel konnte dies mehrere Monate dauern. Diese Depots stellen interessante "in between spaces" dar, weil in ihnen — ebenso wie in ihren späteren Zielorten — die sozialen Regeln und Normen der jeweiligen Dorfgesellschaften nicht mehr galten. Insbesondere für die wenigen Frauen, die sich zur Ausreise entschlossen (ab 1870 wurde von den eine Frauenquote von 33 Prozent eingeführt, um Prostitution und sexuelle Übergriffe zu unterbinden), stellte die Migration nicht selten einen Zuwachs an Handlungsmacht und persönlicher Freiheit dar.

Die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen waren hart und die Qualität des Lebens in Übersee blieb oft hinter den hohen Erwartungen zurück. Körperliche Züchtigung durch Vorarbeiter, sexuelle Gewalt, Alkoholismus und auch zahlreiche Fälle von Selbstmord sind dokumentiert. Immer wieder wurde das Indentured-Labour-System daher von verschiedenen Seiten als "neue Form der Sklaverei" angeprangert. Dennoch machte nur etwa ein Drittel der migrierten Arbeiterinnen und Arbeiter vom Angebot der kostenlosen Rückkehr Gebrauch und in der Karibik oder dem Indischen Ozean bildeten sich große südasiatische Diasporen. In Fiji und Mauritius etwa stellte die indisch-stämmige Gemeinschaft schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts die größte Bevölkerungsgruppe. Die Präsenz solcher "Coolie communities" setzte zudem häufig eine zweite Welle von ‘freier Migration’ aus dem indischen Subkontinent in Gang: Händler, Handwerker und Vertreter verschiedener Dienstleistungsberufe folgten ihren Landsleuten und versuchten, von deren steigender Finanzkraft zu profitieren. Wie die neuere Forschungsliteratur betont, bot das Leben in Übersee insgesamt aller Widrigkeiten zum Trotz für viele Abeitsmigrantinnen und -migranten somit nicht nur ökonomische Verbesserungen, sondern auch einen Zuwachs an Gestaltungsmöglichkeiten und sozialer Mobilität.

Nichtsdestotrotz häuften sich seit Anfang des 20. Jahrhunderts die kritischen Stimmen. Nach konzertierten Protesten von christlichen Missionaren und indischen Eliten wurde das System schließlich 1917 offiziell abgeschafft. Massiver Widerstand gegen den Zustrom ‘"farbiger" Arbeitsmigranten hatte es aus ganz anderen Motiven bereits vorher in Englands weißen Siedlerkolonien gegeben. In Südafrika verfolgte die weiße Minderheit das Wachsen der indischen Diaspora mit Unbehagen. In der Provinz Natal wurden ehemalige indische Vertragsarbeiter, die nicht zurückkehren wollten, seit den 1890er Jahren mit einer Sondersteuer sowie später (als einzige Bevölkerungsgruppe im Land) einer diskriminierenden Ausweispflicht belegt. Neueinwanderungen aus Asien regulierte man dort ab 1897 zudem durch einem Sprachtest, der es erlaubte unerwünschten Migranten mehr oder weniger willkürlich die Einreise zu verweigern. Diese so genannte "Natal Formel" wurde 1901 auch in Australien übernommen. Dort hatten Gewerkschaftler und Politiker unter dem Slogan "White Australia" bereits seit den 1880er Jahren eine mediale und politische Kampagne gegen die vermeintliche Überfremdung durch Einwanderer aus Asien und dem pazifischen Raum gestartet. Der in Südafrika erprobte Sprach- und Bildungstest erschien deshalb vielen als probates Mittel Australien "weiß" zu halten, ohne bestimmte ethnische Gruppen allzu offensichtlich zu diskriminieren.

Migration in die imperialen Metropolen ca. 1915-1960



Abschließend verdienen auch die Migrationsbewegungen aus den Kolonien in die imperialen Mutterländer Erwähnung, wiewohl diese über lange Zeit zahlenmäßig weit weniger bedeutend waren, als Siedlermigration und "Coolie Trade". Im französischen und britischen Kolonialreich ist die Präsenz von kolonialen Untertanen im Mutterland zwar schon für das 17. und 18. Jahrhundert nachzuweisen, sie beschränkte sich aber sehr lange auf kleine Zahlen von Studenten oder Vertretern bestimmter Berufe (Seeleute, Dienstboten, fliegende Händler etc.). Eine entscheidende Katalysatorfunktion kam hier den beiden Weltkriegen zu. Im Ersten Weltkrieg kamen nicht nur Hunderttausende von ‘Kolonialtruppen’ in Europa zum Einsatz, es wurden auch große Zahlen von ‘Fremdarbeitern’ rekrutiert, um die kämpfende Truppe zu entlasten bzw. die lokalen Arbeitskräfte für die Front freizustellen. Die meisten dieser Vertragsarbeiter stammten aus den jeweiligen Kolonialterritorien (Nordafrika, Indochina, Indien, Karibik. etc.), aber es wurden auch Kräfte aus dem nicht-kolonisierten China angeworben. Großbritanniens Chinese Labour Corps war zum Kriegsende etwa 100.000 Mann, das Französische Äquivalent knapp 40.000 Mann stark. Während die meisten Asiaten bis 1920 wieder in ihre Heimat zurückkehrten, blieben etwa 70.000 Algerier als Gastarbeiter in Frankreich und bildeten den Kern einer stetig wachsenden "Gastarbeiter"-Community aus dem Maghreb.

Der Zweite Weltkrieg löste noch weit intensivere Bevölkerungsbewegungen aus. Diesmal war die asiatische Großmacht Japan am stärksten betroffen: Um die Kriegsanstrengungen des japanischen Imperiums zu unterstützen, wurden mehr als 700.000 Koreaner nach Japan verfrachtet und zur Arbeit in Bergwerken und Fabriken genötigt. Hinzu kamen noch Zehntausende der so genannten "comfort women", junge Frauen aus Korea, China und Südostasien, die als Sexsklavinnen in Militärbordellen in der Metropole gehalten wurden. Die meisten Kriegsmigrantinnen und -migranten kehrten zwar nach 1945 wieder in ihre Heimat zurück aber auch danach stellte die koreanische Minderheit (Chinzai) immer noch die größte Migrantengruppe in Japan.

Die Zahlen von kolonialen Kriegsmigranten in Europas führenden Imperialmächten England und Frankreich lagen zwar deutlich niedriger als diejenigen in Japan, dennoch hatte der neuerliche Zuwachs von Militärpersonal und Hilfsarbeitern aus den Kolonialgebieten auch dort einen bedeutenden Einfluss auf die weitere demographische Entwicklung. Die während des Krieges von afrikanischen, asiatischen und karibischen Soldaten und Arbeitern gemachte Europaerfahrung und die dort geknüpften Kontakte wurden in zahlreichen Fällen bereits kurze Zeit später aktiviert, um die in den ersten Nachkriegsjahrzehnten einsetzende Massenmigration aus den Kolonien in die Metropole zu organisieren. In Frankreich stieg alleine die Zahl der Algerier bereits im ersten Nachkriegsjahrzehnt um das Dreifache auf etwa 300.000 an. Nach dem Ende der französischen Kolonialherrschaft in Indochina 1954 kamen noch Zehntausende Vietnamesen, Kambodschaner und Laoten dazu, die sich nicht mit den neuen Regimes arrangieren konnten oder wollten.

Nahezu gleichzeitig erlebte Großbritannien eine massive Einwanderungswelle aus dem ‘Commonwealth’, der Nachfolgeorganisation des zerfallenden Britischen Empire. Der als Auffangbecken für selbständig gewordene ehemalige britische Kolonien geschaffene Staatenbund erlaubte zunächst die Freizügigkeit von "Commonwealth citizens" in allen Mitgliedsländern. Dies sollte für Großbritannien schon bald einschneidende Folgen haben. Der Zensus von 1951 listete noch weniger als 50.000 so genannte ‘coloured people’ auf den Britischen Inseln, zehn Jahre später gab es bereits eine halbe Million und bis 1980 war die Zahl auf über 2,2 Millionen angewachsen. Die meisten von ihnen stammten aus der Karibik und vom Indischen Subkontinent und wurden durch die guten Beschäftigungsmöglichkeiten in der britischen Nachkriegsindustrie angelockt. Die Zusammensetzung dieser Migrantengruppen illustriert hervorragend, wie sehr etablierte Muster imperialer Arbeitsmigration auch die große nachkoloniale Migrationswelle prägten. Bei den Einwanderern aus Südasien handelte es sich in der großen Mehrzahl um Gruppen, die bereits zu Zeiten des Empire außerhalb ihrer Heimat in britischen Diensten gestanden hatten. So waren unter den Neuankömmlingen im Vereinigten Königreich vor allem die Sikhs aus dem Panjab (mit ihrer langen Tradition als Soldaten, Polizisten oder Kontraktarbeiter im Dienste des Empire) unverhältnismäßig stark vertreten. Das gleiche gilt für Sylhetis aus Ostbengalen (dem heutigen Bangladesh), die zuvor zu Tausenden als Heizer auf britischen Schiffen gedient hatten.

Die gleichen Überfremdungsängste, die ein halbes Jahrhundert zuvor in Großbritanniens weißen Siedlerkolonien zu einer Politik der Abschottung geführt hatten, machten sich jedoch schon seit Ende der 1950er Jahre auch im ‘Mutterland’ bemerkbar. Nachdem es in London zu ersten ‘Rassenunruhen’ gekommen war, wurde 1962 mit dem Commonwealth Immigration Act das erste von mehreren Gesetzen erlassen, die die Einwanderung aus den ehemaligen Kolonien erschweren sollten. Mit mäßigem Erfolg: Der Anteil der Bevölkerung aus den ehemaligen Kolonien wuchs weiter und die Folgen postkolonialer Migrationsströme in die ehemaligen Imperialmetropolen sind heute in London oder Birmingham ebenso sichtbar wie in Paris, Marseilles, Amsterdam oder Brüssel. Die Präsenz dieser Migranten aus Afrika, Asien, dem Mittleren Osten oder der Karibik hat auch noch im 21. Jahrhundert tiefgreifende Auswirkungen auf die postimperialen Gesellschaften. Neben einer unleugbaren kulturellen (und kulinarischen) Bereicherung stellt sie eine auch permanente Einladung dar, sich mit den dunkleren Kapiteln der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Literatur

Garbaccia, Donna und Hoerder, Dirk (eds), Connecting Seas and Connected Ocean Rims: Indian, Atlantic, and Pacific Oceans and China Seas Migrations from the 1830s to the 1930s (Leiden: Brill, 2011)

Harper, Marjory and Constantine, Stephen, Migration and Empire (Oxford: Oxford University Press, 2010)

Lake, Marylin and Reynolds, Henry, Drawing the Global Colour Line: White Men’s Countries and the International Challenge of Racial Equality (Cambridge: Cambridge University Press, 2008)

McKeown, Adam, ‘Global Migration, 1846-1940’, Journal of World History, 15 (2), 2004, pp. 155-189

Member, Elvin, Ember, Carol R. and Skoggard, Ian (eds), Encyclopedia of Diasporas: Immi-grant and Refugee Cultures Around the World, 2 Vols. (New York: Springer 2005)

Northrup, David, Indentured labor in the age of imperialism, 1834-1922 (Cambridge: Cambridge University Press, 1995)


Fußnoten

1.
"Coolie", zu Deutsch "Kuli" ist ein abwertender Begriff für chinesische und südasiatische Tagelöhner im 19. Jahrhundert und 20. Jahrhundert.
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Autor: Harald Fischer-Tiné für bpb.de
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