Getreidesorten auf einem Markt in Asien

Hunger und Fehlernährung

Ein Überblick über Definitionen und Auswirkungen


12.6.2014
Hunger und die Sorge um die tägliche Nahrung sind so alt wie die Menschheit. Heutzutage müssen aber auch Überernährung und die Folgen in den Blickpunkt rücken. Diese "doppelte Last von Fehlernährung" substanziell zu verbessern, gehört zu den wichtigsten Zukunftsaufgaben. Denn gute Ernährung ist entscheidend für Wohlbefinden, Gesundheit, Fitness und Leistungsfähigkeit von Menschen und Gesellschaften.

In einer mobile Krankenstation in Tansania werden Kinder gewogen um eine evtl. Unterernährung rechtzeitig festzustellen.In einer mobile Krankenstation in Tansania werden Kinder gewogen um eine evtl. Unterernährung rechtzeitig festzustellen. (© picture alliance / Kai-Uwe Wärner)

Formen von Hunger und Fehlernährung



Hunger beschreibt das subjektive Gefühl, das Menschen nach einer gewissen Zeit ohne Nahrung empfinden. Das Wort wird meist mit den Begriffen Nahrungsmangel oder chronisches Kaloriendefizit gleichgesetzt.

Fehlernährung bezeichnet entweder eine im Vergleich zum Bedarf zu hohe oder zu niedrige Aufnahme von Nahrungsenergie (Kalorien), die dann zu Über- oder Unterernährung führt.

Abbildung 1: Übergewicht und Untergewicht bei Frauen (Länderbeispiele)Abbildung 1: Übergewicht und Untergewicht bei Frauen (Länderbeispiele).
BMI = Body Mass Index; ein Maß für den Ernährungszustand von Erwachsenen. Der BMI errechnet sich aus dem Körpergewicht (in kg) im Verhältnis zur Körpergröße zum Quadrat (m2).
Quelle: Weingärtner, L. und Trentmann, C. (2011), S. 33
Unterernährung ist das Ergebnis von unzureichender Nahrungsaufnahme oder mangelhaften Gesundheits- und Hygienebedingungen, durch die der Körper die aufgenommene Nahrung nicht angemessen verwerten kann. Unterernährung kann ein akuter oder chronischer Zustand sein. Darüber und über das chronische Problem von Überernährung geben verschiedene Körpermerkmale Auskunft (Anthropometrie). Da vor allem Neugeborene und Kleinkinder (bis zu fünf Jahren) besonders schnell auf unzureichende Nahrungsversorgung reagieren, wird ihr Zustand als Indikator für den Ernährungszustand der Gesamtbevölkerung verwendet.

Reicht die bereitgestellte Nahrung nicht aus, um den Bedarf an bestimmten Vitaminen (zum Beispiel Vitamin A) und Mineralstoffen (etwa Jod oder Eisen) zu decken, weil das Angebot zu einseitig ist oder ein erhöhter Bedarf vorliegt, spricht man von Mikronährstoffdefiziten oder auch von "verstecktem Hunger".

Überernährung und Übergewicht (Adipositas) treten dann auf, wenn die Aufnahme von Nahrungsenergie kontinuierlich den Bedarf überschreitet.

In vielen Ländern der Welt treten Hunger und Überernährung gleichzeitig auf (siehe Abbildung 1). Dieses Phänomen wird auch als die "doppelte Last von Fehlernährung" bezeichnet.

Im Tschad wird die Körpergröße eines Flüchtlingskindes aus dem Sudan gemessen, um eine eventuelle Unterernährung festzustellen.Im Tschad wird die Körpergröße eines Flüchtlingskindes aus dem Sudan gemessen, um eine eventuelle Unterernährung festzustellen. Lizenz: cc by-nc-nd/2.0/de (flickr/European Commission DG ECHO)

Folgen von Hunger und Fehlernährung



Hunger und Fehlernährung haben weitreichende Folgen für einzelne Menschen und ihre Familien, aber auch für ganze Gesellschaften.

Auswirkungen auf die Gesundheit

In schweren Fällen führen Hunger und Unterernährung – insbesondere im Zusammenwirken mit Infektionskrankheiten, für die Unterernährte besonders anfällig sind – zum Tod. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass circa ein Drittel der jährlich elf Millionen Todesfälle von Kleinkindern direkt oder indirekt auf Hunger und Unterernährung zurückzuführen sind. Auch die weniger schweren Formen von Unterernährung sind mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen sowie erhöhter Anfälligkeit für Krankheiten verbunden. Insbesondere in den ersten 1000 Lebenstagen eines Kindes sind Unterernährung oder "versteckter Hunger" gefährlich: Das Baby kann bei der Geburt zu leicht sein (weniger als 2.500 Gramm) oder es kann hinterher nicht richtig wachsen. Erbliche Eigenschaften spielen dafür in diesem Alter im Vergleich zur Ernährung keine Rolle. Die Folgen von Hunger und Unterernährung prägen das Leben des Kindes jahrelang: Sie führen zu eingeschränkten Entwicklungsmöglichkeiten, verringerten Lernleistungen in der Schule und geringeren Arbeitsleistungen von (jungen) Erwachsenen.

Auf der anderen Seite ist auch Überernährung gefährlich: Sie ist Ursache chronischer Krankheiten, wie beispielsweise Diabetes (Zuckerkrankheit) oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen, die wiederum zu einer erhöhten Sterblichkeit führen.

Wirtschaftliche Folgen

Hunger und Fehlernährung haben nicht nur gesundheitliche, sondern auch wirtschaftliche Folgen. Familien müssen an längerfristigen Existenzgrundlagen wie Bildung und Gesundheit sparen, um kurzfristig ihre Ernährung sicherzustellen. Oft sind sie in Krisen gezwungen, Teile ihres ohnehin nicht großen Besitzes zu verkaufen, zum Beispiel Haushaltsgegenstände oder Vieh, um Nahrungsmittel bezahlen zu können. So rutschen Menschen noch weiter in Armut ab.

Volkswirtschaftlich gesehen sind die Kosten von Hunger und Unterernährung, aber auch von Überernährung hoch, insbesondere in der (Land-) Wirtschaft, im Gesundheitswesen und im Bildungssektor. In den Industrie- und vielen Schwellenländern sind die Ausgaben für Krankheiten, die mit Über- und Fehlernährung zusammenhängen, sehr hoch und steigen stark. Insgesamt verliert eine Gesellschaft, in der viele Menschen kurz- oder gar langfristig körperlich und geistig nicht voll leistungsfähig sind, einen bedeutenden Teil ihrer Wirtschaftskraft.

Soziale und politische Auswirkungen

Schon immer waren Hunger und Nahrungsmittelpreise zentrale Ursachen für soziale Spannungen und politische oder militärische Konflikte. Mittlerweile gibt es solche tiefgreifenden Konflikte um Nahrung in den reichen Industrieländern nicht mehr. Ganz anders sieht es in den Entwicklungsländern aus: Nahrungsmittel sind dort ein wesentlicher Teil des Gesamtbudgets der meisten Haushalte – und es gibt kaum staatliche Fürsorge. Die politischen Folgen von Hunger wurden während der Nahrungsmittelpreiskrise Mitte des Jahres 2008 besonders drastisch deutlich.

Die Ernährungsunsicherheit ist auch eine Gefahr für das internationale Zusammenleben. Risiken für die Versorgung der Menschen mit Nahrung sind unter anderem Einschränkungen beim Nahrungsmittelexport (weil dadurch Nahrung teurer wird), große Unterschiede in den Lebensbedingungen, Wanderungsbewegungen (Umwelt- und Armutsflüchtige) sowie Konflikte um Land und Wasser. Es wird erwartet, dass sich diese Konflikte durch den Klimawandel weiter verschärfen.

Investitionen in bessere Ernährung – Notwendigkeit und gut angelegtes Geld



Hunger, Fehlernährung und Nahrungskrisen sind die Ursache für ganz unterschiedliche Probleme. Um individuelle, wirtschaftliche, gesellschaftliche und politische Schäden und Kosten zu vermeiden, muss dringend gehandelt werden.

Ernährung ist Grundbedürfnis und Menschenrecht

Eine angemessene Ernährung ist ein Grundbedürfnis aller Menschen. Nur wenn wir unseren Bedarf an ausreichender und ausgewogener Nahrung zu jedem Zeitpunkt decken können, sind die Voraussetzungen für ein gesundes, zufriedenes und menschenwürdiges Leben erfüllt.

Nahrung ist ein Menschenrecht. Weit verbreiteter Hunger und Unterernährung gehören global zu den schlimmsten Verletzungen von Menschenrechten. “Hunger ist eine der schlimmsten Verletzungen der Menschenwürde. In einer Welt des Überflusses liegt die Beendigung des Hungers in unseren Händen. Dieses Ziel nicht erreicht zu haben, sollte uns alle beschämen. Die Zeit der Versprechungen ist vorbei. Es ist Zeit, zu handeln. Es ist Zeit umzusetzen, was wir seit langem versprochen haben: Den Hunger aus der Welt zu schaffen.“ Diese Aussage des ehemaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan auf dem Welternährungsgipfel in Rom 2002 verdeutlicht die Dringlichkeit des Problems, aber auch die bisher unzureichenden Erfolge.

Globales Weltentwicklungsziel

In den im Jahr 2000 von der Weltgemeinschaft formulierten Millenniumsentwicklungszielen (Millennium Development Goals, MDG) steht an erster Stelle, dass der Anteil der Hungernden und der unterernährten Kleinkinder bis zum Jahr 2015 gegenüber dem Jahr 1990 halbiert werden soll. Dabei ist allerdings zu beachten: Weil in dieser Zeit die Bevölkerung deutlich gewachsen ist, bedeutet dies nicht, dass die Anzahl der Hungernden im Vergleich zu 1990 halbiert wird. Kurz vor Ablauf dieser Zeit wird deutlich, dass die bisherigen Fortschritte bei weitem nicht ausreichen, um die Ziele zu erreichen. Aufgrund der engen Zusammenhänge zwischen Ernährung und anderen Lebensbereichen bedeutet das, dass dadurch auch andere Ziele gefährdet sind – beispielsweise Bildungschancen für Kinder, Geschlechtergerechtigkeit, Kindersterblichkeit, die Gesundheit von Müttern, die Widerstandsfähigkeit gegen Krankheiten wie HIV/Aids und Tuberkulose sowie die ökologische Nachhaltigkeit des Umgangs mit natürlichen Ressourcen (siehe Box).

Einfluss von Millennium Development Goals (MDG) auf andere Millenniumsentwicklungsziele

MDG1: Beseitigung der extremen Armut und des Hungers
Nahrungsunsicherheit und Unterernährung beeinträchtigen die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit, reduzieren die Widerstandskraft gegenüber Katastrophen und Krisen und senken die Produktivität.

MDG 2: Verwirklichung der allgemeinen Grundbildung
Unterrernährung hemmt die geistige Leistungsfähigkeit und damit die Lernleistung. Die Wahrscheinlichkeit, dass unterernährte Kinder die Schule besuchen, ist geringer als bei gut ernährten Kindern. Sie werden häufig später eingeschult.

MDG 3: Förderung der Gleichstellung der Geschlechter und Ermächtigung der Frauen
Die Wahrscheinlichkeit, dass unterernährte Mädchen in der Schule bleiben und dadurch bessere Zukunftschancen haben, ist geringer als bei gut versorgten.

MDG 4: Senkung der Kindersterblichkeit
Unterernährung ist direkt oder indirekt für mehr als die Hälfte der Kindersterblichkeit verantwortlich. Sie ist die hauptsächliche Krankheitsursache in Entwicklungsländern.

MDG 5: Verbesserung der Gesundheit von Müttern
Dass Frauen vielfach benachteiligt sind, auch was ihre Ernährung angeht, trifft besonders Mütter. Hunger und Unterernährung hängen eng mit den meisten Risikofaktoren für Müttersterblichkeit zusammen.

MDG 6: Bekämpfung von HIV/AIDS, Malaria und anderen Krankheiten
Nahrungsunsicherheit fördert Anpassungsmechanismen, zum Beispiel Arbeitsmigration und/oder Prostitution, die die Verbreitung von HIV/AIDS erhöhen. Unterernährung beschleunigt bei Infizierten den Ausbruch von AIDS. Sie schwächt außerdem die Widerstandskraft gegen Infektionen und reduziert die Überlebenschancen von MalariaKranken.

MDG 7: Sicherung der ökologischen Nachhaltigkeit
Ernährungsunsicherheit führt zu instabiler, nicht nachhaltiger Nutzung natürlicher Ressourcen.

Quelle: Weingärtner, L. und Trentmann, C. (2011), S. 45



Investitionen in Ernährung sind gut angelegtes Geld

Investitionen in eine bessere Ernährung sind Investitionen in die Kapazitäten der Menschen, denn so unterstützt man Männer, Frauen, Mädchen und Jungen bei der Entfaltung ihrer Wachstums- und Entwicklungspotenziale. Gute Ernährung spart zudem Milliarden an Kosten, die sonst für Behandlungen der Folgen des Hungers ausgegeben werden müssten. Nach Schätzungen der Weltbank gehören Investitionen in Ernährungsprogramme zu den wirtschaftlichsten Maßnahmen im Gesundheitsbereich. Auch aus ökonomischen Gründen ist es also vernünftig, sich für eine verbesserte Ernährung zu engagieren.

Frieden und Sicherheit

Zudem ist die Bekämpfung des Hungers auch aus friedens- und sicherheitspolitischer Perspektive sinnvoll. Durch Unruhen, Umstürze, Kriege sowie Piraterie, Migration, Terrorismus oder Handelseinbrüche erreichen die Folgen des Hungers letztlich auch die reichen Länder. Skeptische Menschen in den reichen Ländern akzeptieren Hilfen zur Ernährungssicherung eher mit der Begründung, damit werde der Frieden gesichert als mit der Argumentation der Entwicklungshilfe.

Ernährung sollte politisch Priorität haben

Deshalb sollten die Verbesserung und die Sicherung der Welternährung in den nächsten Jahren und Jahrzehnten auf der Prioritätenliste der politischen Entscheidungsträger ganz weit oben stehen. Dabei geht es nicht um das Verteilen von Almosen an Bedürftige, sondern darum, Menschen dazu zu befähigen, ihre Lebensbedingungen aktiv gestalten und zum Allgemeinwohl beitragen zu können. So kann wirtschaftliche, soziale und politische Stabilität erreicht werden. Um Überernährung zu bekämpfen und gleichzeitig die Ernährung der wachsenden Weltbevölkerung zu sichern, sind ein nachhaltiges Produktions- und Konsumverhalten notwendig. Welche Instrumente im Einzelnen dabei zur Verfügung stehen, ist Inhalt der weiterführenden Kapitel dieses Dossiers.

Literatur



Elmadfa, I. (2009): Ernährungslehre. UTB Bd. 2509, 2. Auflage

Klennert, K. (2009): Achieving Food and Nutrition Security. Actions to Meet the Global Challenge. A Training Course Reader. Update 2009. Feldafing

Rat für Nachhaltige Entwicklung (2012): Der Nachhaltige Warenkorb. Einfach besser einkaufen. Ein Ratgeber. 4. komplett überarbeitete Auflage. Stand: Oktober 2012. Berlin

Weingärtner, L. und Trentmann, C. (2011): Handbuch der Welternährung. Herausgeber: Deutsche Welthungerhilfe. Frankfurt (als Buch beim Verlag vergriffen); lieferbar als E-Book unter: http://e-books.campus.de/product_info.php?info=p992 oder als Buch in der Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung unter http://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/35552/handbuch-welternaehrung (Zugriff: Januar 2013)

WHO (2012): Obesity and overweight. Fact sheet No. 311. May 2012



 
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