Zeiten des Wandels

Zu diesem Heft

5.4.2002
Die sechziger und die erste Hälfte der siebziger Jahre sind als Zeiten des Wandels in die deutsche Nachkriegsgeschichte eingegangen. Während die fünfziger Jahre in der Bundesrepublik Deutschland von Wiederaufbau, Wirtschaftswunder und Festigung des Staatswesens geprägt waren, brachten die folgenden Jahrzehnte erste Wirtschaftskrisen, Elitenwechsel - führende Repräsentanten, die noch in der Weimarer Republik ihre Karriere begonnen hatten, traten ab - , Jugendprotest, Politisierung der Bevölkerung, gesellschaftliche Reformen und Ansätze zu einer neuen Außen- und Deutschlandpolitik.

Der DDR gelang die ökonomische und auch politische Konsolidierung erst nach dem Bau der Mauer 1961. Die folgenden Jahre verliefen dort ruhiger als in der Bundesrepublik. Immerhin kam es zu Wirtschaftsexperimenten, zu Bildungsreformen und vor allem zum Wechsel in der Partei von Walter Ulbricht zu Erich Honecker 1971. Beiden Staaten gemeinsam war in dieser Zeit ein "meist negativer Wechselbezug" ihrer Politik (Christoph Kleßmann), technologischer Optimismus und der Glaube an die Steuerbarkeit gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Prozesse.

Nach der Wiedervereinigung 1990 kann deutsche Nachkriegsgeschichte nicht - wie noch in den siebziger und achtziger Jahren selbstverständlich - als separate Entwicklung zweier getrennter Staaten in unterschiedlichen Heften dargestellt werden. Aber jeder Versuch einer integrierten, einheitlichen gesamtdeutschen Geschichtsschau wird wohl kaum gelingen. Dazu waren doch beide Staaten wie auch ihr Selbstverständnis zu unterschiedlich. Schon die einheitliche Periodisierung bereitet Schwierigkeiten. Der Bau der Mauer 1961 ist einer der gravierendsten Einschnitte der DDR-Geschichte, während zumindest für die innere Entwicklung der Bundesrepublik dieses Datum ein deutlich geringeres Gewicht hatte. Für sie war der Rücktritt Konrad Adenauers als Bundeskanzler 1963 oder die Etablierung der Großen Koalition 1966 ein mindestens ebenso wichtiger Einschnitt.

Problematischer verhält es sich mit dem Ende des hier dargestellten Zeitabschnitts. Es gibt kein Datum, das für beide Staaten eine gemeinsame Bedeutung hätte. Während in der DDR der Wechsel von Ulbricht zu Honecker 1971 einen Einschnitt bedeutete, könnte für die Bundesrepublik der Regierungsantritt der Sozialliberalen Koalition ausgewählt werden. Wir haben uns für das Jahr 1974 entschieden, das mit dem Rücktritt Willy Brandts als Bundeskanzler und weltwirtschaftlichen Schwierigkeiten das Ende der Reformära brachte.

In dem hier vorgelegten Heft wird das Schwergewicht der Darstellung auf die innere Entwicklung beider deutscher Staaten gelegt. Die äußere Entwicklung und die Deutschlandpolitik werden in den Heften 245 "Internationale Beziehungen I", 232 und 233 "Die deutsche Teilung" und 250 "Der Weg zur Einheit" behandelt.

Jürgen Faulenbach