Zeiten des Wandels

5.4.2002 | Von:

Die DDR in den sechziger Jahren

Oppositionelle Kritik

Die Liberalisierung fand allerdings dort ihre Grenzen, wo das Herrschaftssystem direkt kritisiert wurde. Das mußte im Frühjahr 1964 sogar ein Veteran der kommunistischen Partei und antifaschistischer Widerstandskämpfer wie Robert Havemann erfahren. Der Physik-Professor hatte im Wintersemester 1963/64 an der Humboldt-Universität in Berlin eine Vorlesungsreihe über das Thema "Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme" gehalten, in der er mit den Folgen des Stalinismus in der DDR abrechnete und mehr Informations- und Bewegungsfreiheit für die DDR-Bürger forderte. Im Februar 1964 wurde er deswegen von der SED-Führung scharf gerügt. Havemann wehrte sich gegen diese Angriffe, indem er dem sozialdemokratischen "Hamburger Echo" ein Interview gewährte, das am 11. März 1964 veröffentlicht wurde.

Darin erklärte Havemann, daß er eine öffentliche Reaktion auf seine Vorlesungsreihe nicht nur vorausgesehen, sondern auch beabsichtigt hatte: "Was in den anderen Ländern des sozialistischen Lagers schon seit langem möglich ist", so Havemann, "sollte auch in der DDR möglich sein. Mir kommt es darauf an, alle Entartungserscheinungen der stalinistischen Zeit dadurch zu überwinden, daß ich sie offenherzig kritisiere und schonungslos beim Namen nenne. Keine Gesellschaftsordnung kann es sich leisten, Mißstände, die als solche erkannt sind, auf die Dauer bestehen zu lassen. Um dieses Ziel zu erreichen, muß den Bürgern der DDR Mut gemacht werden, sich an dieser Diskussion zu beteiligen."

Obwohl Havemann versicherte, er habe nicht als Enttäuschter des sozialistischen Gedankens, sondern als sein überzeugter Anhänger "die restlose Überwindung von Stalinismus und Dogmatismus in allen Erscheinungsformen" gefordert, wurde er am 12. März 1964 aus der SED ausgeschlossen mit der Begründung, daß er "unter der Flagge des Kampfes gegen den Dogmatismus" von der Linie des Marxismus-Leninismus abgewichen (sei) und sich des Verrats an der Sache der Arbeiter- und Bauernmacht schuldig gemacht" habe.

Am gleichen Tage wurde ihm auch die Lehrbefugnis entzogen. Parteiausschluß und Berufsverbot hinderten Havemann freilich nicht daran, weiterhin seine Kritik am "realen Sozialismus" in der DDR auszusprechen.

Quellentext

Robert Havemann

Havemann war schon vor dem endgültigen Verdammungsurteil Honeckers auf dem 11. Plenum des ZK von der Universitäts-Parteileitung am 12. März 1964 aus der SED ausgeschlossen worden. Im gleichen Jahr verlor er seine Professur an der Humboldt-Universität, sein Volkskammermandat und seine zahlreichen politischen Funktionen. Diese Maßnahmen stellten eine unmittelbare Reaktion der SED auf seine aufsehenerregende Vorlesungsreihe und der sich anschließenden Seminare "Naturwissenschaftliche Aspekte philosophischer Probleme" dar, die er vom Oktober 1963 bis Januar 1964 an der Humboldt-Universität in Berlin gehalten hatte.

Zu diesen Vorlesungen kamen über 1000 Hörer aus dem ganzen Land. Er hatte als Leiter des Physikalisch-Chemischen Institutes seit Jahren diese Vorlesungsreihe bestritten, ohne damit größere Aufmerksamkeit zu finden. Nachdem er jedoch im September 1963 in Leipzig einen folgenreichen Vortrag gehalten hatte, der sich mit der Frage befaßte: "Hat Philosophie den modernen Naturwissenschaften bei der Lösung ihrer Probleme geholfen?", strömten die Studenten in seine Vorlesungen. [...]

Der Vortrag löste schon auf der Leipziger Tagung eine erregte Debatte aus und führte zu scharfen Auseinandersetzungen, in denen Havemann vorgeworfen wurde, er hätte die marxistisch-leninistische Philosophie diskreditiert und besonders ihre sowjetischen Vertreter abqualifiziert. [...]

In der Berliner Vorlesungsreihe, die zunächst im Herbst 1963 unbehindert stattfinden konnte, benannte er immer deutlicher die politischen Voraussetzungen für eine nötige Veränderung des Sozialismus und legte eine umfassende Ideologiekritik vor. Die Naturwissenschaften in den sozialistischen Ländern waren gerade dabei, sich von der schweren Last der wissenschaftsfeindlichen Eingriffe der stalinistischen Ideologie zu befreien. Viele Wissenschaftsbereiche, die Genetik, die Soziologie, die Kybernetik, waren hoffnungslos zurückgeblieben und maßgebliche Vertreter verfolgt und kaltgestellt worden. Havemann machte sich in der DDR zum Sprecher der Emanzipation der Wissenschaft von der Ideologie. Er stutzte den dialektischen Materialismus auf das Maß einer erkenntnistheoretischen Methode zurück, deren Nutzung durch seine "offiziellen" Vertreter als eine Ideologie der Welterklärung er als eine mechanistische Verkürzung sah, die "nicht nur die naturwissenschaftlichen Theoretiker behindert, sondern [...] sich auf allen Gebieten als ideologischer Hemmschuh der Entwicklung erwiesen" hätte. [...]

Entsprechend schlußfolgerte er in seiner dritten Vorlesung am 1. November 1963: "Eine Regierung kann nur dann in ihrer so wichtigen Arbeit Erfolg haben, wenn sie sich auf die aktive und tätige Mithilfe aller Gesellschaftsmitglieder stützen kann. Diese Unterstützung ist aber nur zu erlangen, wenn die breiten Volksmassen ständig über alle Erscheinungen und Probleme ihres Lebens informiert werden." "Demokratie" und "Freiheit der Meinungsäußerung" wurden von Havemann zur Bedingung menschlichen Fortschritts erklärt. Warnend fügte er hinzu: "Wer sich vor den Folgen einer allgemein uneingeschränkten Information fürchtet und sie darum behindert, schafft dadurch gerade die Bedingungen für eine unheilvolle Entwicklung."

Noch einen Schritt weiter ging Havemann in seinen Vorlesungen am 29. November und 6. Dezember 1963. Auf der Grundlage von Problemen der Quantenmechanik und der Hegelschen Dialektik [...] entwarf er eine politische Theorie der Freiheit. Sie gipfelte in der Äußerung: "Freiheit, hat Hegel gesagt, ist Einsicht in die Notwendigkeit. Dieser Satz ist oft sehr einseitig, sehr mechanisch, sehr armselig interpretiert worden. Er hat dann den Charakter eines lehrhaften Dünkels. Herablassend wird uns gesagt: Wenn Ihr nicht einseht, was nun einmal Notwendigkeit ist - und diese Notwendigkeit hatten gewöhnlich diejenigen bestimmt, die das sagten - , so könnt ihr eben keine Freiheit haben und werdet dafür eingesperrt. - Freiheit könnte man sich also dadurch erkaufen, daß man freiwillig tut, was man tun muß, obwohl man es gar nicht will. Mit einem Zynismus ohnegleichen schrieben die Nazis an die Tore ihres KZs: Arbeit macht frei. Ich habe das so scharf wie möglich formuliert, weil dies eben der Inhalt dieses Satzes nicht ist. Dies ist eine furchtbare Verzerrung. Jede Andeutung eines solchen Sinnes im Zusammenhang mit diesem Satz ist eine grobe Verfälschung. Sie stammt von der Denkweise her, es sei möglich, die Geschichte der Menschheit zu befehlen und dann durchführen zu lassen." (Havemann 1964)

Havemann hatte somit die Legitimation der SED-Herrschaft in Frage gestellt. Nach den ersten Vorlesungen versuchte die SED noch, sich kritisch in einer öffentlichen Diskussion mit ihm auseinanderzusetzen. Doch bald schon griff das Regime zur Gewaltlösung, und Maßnahmen zu seiner Isolierung ersetzten die geistige Auseinandersetzung. 1966 wurde er aus der Akademie der Wissenschaften ausgeschlossen und ihm jede berufliche Tätigkeit unmöglich gemacht. Das Ungewöhnliche am Fall Havemann war, daß einer der intelligentesten früheren Befürworter des Regimes, der dieses nun so nachhaltig kritisierte, keinerlei Anstalten machte zu widerrufen, um seine Karriere zu sichern.

Ehrhart Neubert, Geschichte der Opposition in der DDR 1949 - 1989, Schriftenreihe der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 1997, S. 155 ff.

Neues Jugendgesetz

Das Spannungsverhältnis zwischen Liberalität der Lebensweise und politischer Schulung der Jugendlichen versuchte das Politbüro der SED 1964 durch ein neues Jugendgesetz zu lösen, das die Erwartungen des Staates an die Jugend formulierte und den Spielraum abgrenzte, innerhalb dessen sich die Jugendlichen bewegen durften. Das Gesetz mit dem langatmigen Titel "Gesetz über die Teilnahme der Jugend der Deutschen Demokratischen Republik am Kampf um den umfassenden Aufbau des Sozialismus und die allseitige Förderung ihrer Initiativen bei der Leitung der Volkswirtschaft und des Staates, in Beruf und Schule, bei Kultur und Sport" wurde am 4. Mai 1964 von der Volkskammer verabschiedet. Bei dieser Gelegenheit erläuterte der Vorsitzende des Ministerrates Willi Stoph seine Zielsetzung: "Das neue Jugendgesetz weist der Jugend den Platz zu, den sie bei der Gestaltung der nationalen Wirtschaft, bei der Entwicklung von Wissenschaft und Kultur, bei der Herausbildung neuer sozialistischer Beziehungen zwischen den Menschen einnehmen soll".

Das Gesetz ging ausführlich auf die Rolle der Jugend im Produktionsprozeß, ihre Bedeutung für die Verwirklichung des Volkswirtschaftsplans und die Steigerung der Arbeitsproduktivität ein. Vorgeschrieben wurde der Zusammenschluß von Jugendlichen auf Betriebsebene in Jugendbrigaden, Jugendbereichen, Jugendobjekten und anderen Jugendkollektiven. Berufswünsche und Berufsausbildung der Jugendlichen sollten durch die staatliche Planungskommission gelenkt werden. Individuelle Wünsche und Vorlieben waren nachrangig. Im Hinblick auf die Veränderung der Geschlechterrollen bedeutsam waren Formulierungen wie "Die Mädchen sind bei der Berufswahl und bei der Berufsbildung besonders zu unterstützen. Sie sollen verstärkt für technische Berufe gewonnen werden". Und im Zusammenhang mit der studierenden Jugend hieß es in § 18: "Für das Studium in den technischen und mathematisch-naturwissenschaftlichen Fachrichtungen sind mehr Mädchen zu gewinnen." Nach Ansicht der DDR-Führung sollte das Jugendgesetz eine "neue Etappe unserer staatlichen Jugendpolitik" einleiten und sogar Wirkungen auf die Jugend in der Bundesrepublik aus-üben: "Damit schaffen wir die besten Voraussetzungen dafür, daß auch die westdeutsche Jugend sich ihrer Lage bewußt wird und erfolgreich den Kampf um ihre Rechte führen kann", verkündete Willi Stoph vor der Volkskammer.