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Zeiten des Wandels

5.4.2002 | Von:

Die DDR in den sechziger Jahren

Hochschulreform

Als Versuch, auch die Wissenschaft auf Parteilinie zu bringen und gleichzeitig die Effizienz der DDR-Hochschulen zu steigern, kann die dritte Hochschulreform betrachtet werden, die 1967 eingeleitet wurde. Die Hochschulreform in der DDR fiel nicht zufällig zeitlich mit den Studentenunruhen in der Bundesrepublik und anderen westlichen Ländern zusammen. Die SED verwies jedenfalls häufig auf die Hochschulkrise im Westen und beteiligte die FDJ-Vertretungen an der Reformdiskussion, um möglicher studentischer Opposition zuvorzukommen. Die Reform setzte bei der Organisationsstruktur der Hochschulen an: Fakultäten, Abteilungen und Institute wurden zu Fachsektionen zusammengefaßt, die in ihrer Forschungs- und Lehrtätigkeit eng mit den Betrieben der Region zusammenarbeiten sollten. Wo dies möglich war, sollten sie beispielsweise Prognosen im Rahmen der Wirtschaftsplanung leisten und Absolventen an die regionale Industrie vermitteln. Diese detaillierten Vorgaben ließen sich jedoch nicht realisieren; und so beschäftigten sich die Sektionen nach zwei Jahren wieder vornehmlich mit der Grundlagenforschung und Methodenausbildung.

Für die Studierenden war das wichtigste Ergebnis der Hochschulreform die Einführung einer Regelstudienzeit von vier Jahren und die Gliederung des Studiengangs in die drei festgelegten Abschnitte Grundstudium, Fachstudium, Forschungsstudium. Neue Studienpläne wurden entworfen, um die Ausbildung der Studierenden stärker auf den Bedarf der Gesellschaft, wie ihn Staats- und Parteiführung definierten, auszurichten. Das Studium des Marxismus-Leninismus blieb ein wesentlicher Bestandteil der Hochschulausbildung.

Trotz dieser Veränderungen erwies sich die Planung im Hochschulbereich, vor allem die möglichst genaue Berechnung des Bedarfs an Hoch- und Fachschulabsolventen, nach wie vor als unmöglich, denn die wirtschaftlichen Perspektivpläne wurden für fünf Jahre entworfen. Die Entwicklung in Wissenschaft und Technik vollzog sich aber oft in unvorhersehbarer Weise, und die Ausbildung in vielen Fächern erstreckte sich über einen längeren Zeitraum. Wie sollte unter diesen Umständen die Zulassung zum Studium, die Aufschlüsselung der Studentinnen und Studenten nach Fachrichtungen und nach Qualifikationsstufen (Hochschul- oder Fachhochschulabschluß) exakt vorausgeplant werden? Die Zahl der Studierenden in der DDR stieg zwischen 1960 und 1969 von knapp 102000 auf über 122000. Auf je 1000 Einwohner im Alter zwischen 18 und 45 Jahren kamen 1960 in der DDR 18 Studierende (in der Bundesrepublik nur elf); 1969 waren es 17 (in der Bundesrepublik 14). Ende der sechziger Jahre zeichnete sich ein Überangebot von Hochschulabsolventen ab, während es an qualifizierten Facharbeitern fehlte. Seit 1971/72 wurden daher die Zulassungszahlen für alle Bereiche des Hochschulwesens gesenkt und die Studienmöglichkeiten für Berufstätige im Fern- und Abendstudium erheblich eingeschränkt.

Vervollständigt wurde die Umgestaltung von Forschung und Wissenschaft Ende der sechziger Jahre schließlich durch eine Reform von Struktur und Arbeitsaufgaben der Akademie der Wissenschaften mit ihren 20000 Beschäftigten. Von nun an waren Universitäten und Hochschulen vor allem für Lehre und Ausbildung zuständig, während sich die Forschung an den Akademieinstituten konzentrierte.