Zeiten des Wandels

5.4.2002 | Von:

Die DDR in den siebziger Jahren

Ausbau der Sozialpolitik

Hinter der Losung "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" stand die Einsicht der SED-Führung, daß auch die von der Partei betriebene planmäßige Wirtschaftspolitik Spannungen und Unterschiede erzeugte, zu deren Beseitigung oder Milderung eine eigenständige Sozialpolitik vonnöten war. Sie diente - wie in der Bundesrepublik - vornehmlich dazu, die im Zuge der wirtschaftlichen Entwicklung auftretenden gesellschaftlichen Probleme zu bewältigen und die Wirtschaftspolitik zu unterstützen.

Ein Schwerpunkt der DDR-Sozialpolitik lag bei Versuchen, die Bevölkerungsentwicklung zu beeinflussen. 1973 war die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter auf 58 Prozent gesunken. Der Anteil der berufstätigen Frauen war mit 86 Prozent einer der höchsten der Welt. Die doppelte Belastung der Frauen durch Beruf und Haushalt und die schwierige Versorgungslage wirkten sich dahin aus, daß 1960 in der DDR die sogenannte "Fruchtbarkeitsziffer" mit dem statistischen Mittelwert von nur 83,9 Geburten auf 1000 Frauen im Alter zwischen 15 und 45 Jahren bereits sehr tief lag. Dennoch führte die Volkskammer der DDR 1972 - übrigens zum ersten und einzigen Mal kein einstimmiger Beschluß - die Fristenregelung bei Schwangerschaftsabbruch ein. Empfängnisverhütende Mittel wurden kostenlos ausgegeben. 1972 fiel die Geburtenrate auf 58,6, im Jahr 1975 auf 52,3.

Um diese Entwicklung aufzuhalten und die Überlastung der berufstätigen Mütter zu mildern, wurde 1972 für Mütter mit drei Kindern unter 16 Jahren und für Mütter mit zwei Kindern, die im Mehrschichtdienst arbeiteten, die 40-Stunden-Woche eingeführt. Diese Regelung wurde am 27. Mai 1976 nach dem IX. Parteitag der SED auf alle Mütter mit zwei Kindern unter 16 Jahren ausgedehnt. Der bezahlte Schwangerschafts- und Wöchnerinnenurlaub wurde von 18 auf 20 Wochen verlängert. Außerdem konnten sich seitdem Mütter nach der Geburt des zweiten Kindes bei voller Bezahlung für ein Jahr von der Arbeit freistellen lassen. Finanzielle Anreize, wie die Erhöhung der Geburtenbeihilfe von 500 Mark für das erste Kind auf 1000 Mark für jedes weitere Kind, und die Gewährung von zinslosen Krediten an junge Ehepaare, die Ausweitung des Wohnungsbaus sowie die weitere Förderung von Kindergärten und -horten führten dazu, daß die Zahl der Geburten in der DDR langsam wieder zu steigen begann: 1976 lag sie bei 55,9 und stieg bis 1980 auf 67,4 pro Tausend Frauen.

Quellentext

Frauen meistern die Technik

In den sechziger Jahren vollzieht sich (in der DDR, Anm. der Red.) eine grundlegende Veränderung des Charakters weiblicher Berufstätigkeit. Sie entwickelt sich von der angelernten Erwerbsarbeit zur qualifizierten Berufsarbeit. Durch die Qualifikation verändert sich zwar nicht immer das Aufgabenfeld, in dem die Frauen ursprünglich gearbeitet haben, aber sie erhalten nun mehr Lohn für diese Arbeit. Die finanzielle Anerkennung von Bildung und Qualifikation ist das ausschlaggebende Motiv, um eine oftmals zeitraubende und anstrengende Weiterbildung auf sich zu nehmen. Die Qualifizierung ist manchmal auch das einzige Mittel, das den Frauenkommissionen der Gewerkschaften zur Verfügung steht, wenn sie den Frauen eine gleichberechtigte Bezahlung und Aufstiegsmöglichkeiten sichern wollen. Die Betriebe werden dazu verpflichtet, spezielle Frauenförderpläne aufzustellen und Frauen für die Weiterbildung von der Arbeit freizustellen. Hintergrund dieser Maßnahmen ist der permanente Arbeitskräftemangel, der sich durch den massiv betriebenen Aufbau einer leistungsfähigen Chemieindustrie noch verschärft. Attraktive Löhne sind das wichtigste Mittel, um die Hausfrauen für die Berufstätigkeit zu motivieren. Dabei hilft das sich allmählich verbessernde Konsumgüterangebot, das eine ganze Reihe von Wünschen weckt, die man sich nur erfüllen kann, wenn die Frauen mitarbeiten. [...]

Ende der sechziger Jahre sind die ehemals unbeholfenen Anfänge bei der Propagierung eines neuen Frauenleitbildes vergessen. [...]

Im Ergebnis sind Frauen, statistisch gesehen, seit Anfang der siebziger Jahre gleichermaßen qualifiziert wie Männer, wenigstens nach formalen Kriterien wie Facharbeiter-, Fachschul- oder Hochschulabschluß. Deswegen werden sie aber noch lange nicht ihrer Qualifikation entsprechend beschäftigt oder gleich gut bezahlt, wie ihre männlichen Kollegen. Wie spätere Untersuchungen ausweisen, bekamen die DDR-Frauen im Durchschnitt ein Drittel weniger Lohn. Doch in einer Atmosphäre, wo die nahezu 90prozentige Berufstätigkeit von Frauen und eine gleichwertige Qualifikation als endgültige "Lösung der Frauenfrage" gefeiert wurden und sich die "jungen Muttis" bei der Partei- und Staatsführung für die sozialpolitischen Maßnahmen bedanken durften, war es kaum möglich, die niedrigen Löhne in sogenannten Frauenarbeitsbereichen wie zum Beispiel der Textilindustrie, aber auch von Kinderkrippenerzieherinnen oder Kindergärtnerinnen, zu problematisieren.

Ina Merkel, "Leitbilder und Lebensweisen von Frauen in der DDR", in: Sozialgeschichte der DDR, hrsg. von Hartmut Kaelble, Jürgen Kocka, Hartmut Zwahr, Stuttgart 1994, S. 368 ff.

Ökonomische Schwierigkeiten

Die Leistungen der Sozialpolitik verdeckten die Probleme, mit denen die Wirtschaftspolitik der DDR Anfang der siebziger Jahre zu kämpfen hatte und mit denen sie letztlich nicht fertig wurde. Ein Grundproblem war die Schwerfälligkeit des zentralen Planungs- und Leitungssystems, das die kurzfristige Umsetzung von wissenschaftlich-technischen Neuerungen in der Produktion behinderte. Die Konzentration der produktiven Investitionen auf einige Schwerpunktbereiche wurde auch nach dem Ende des NÖS fortgesetzt. Das führte dazu, daß die DDR beispielsweise im Werkzeugmaschinenbau über moderne Anlagen verfügte, daß in anderen Industriezweigen aber der Verschleiß der alten Ausrüstungen enorm und die Arbeitsproduktivität gering war. Sie erreichte 1974 gerade 64 Prozent des westdeutschen Standes. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der DDR verschärften sich mit der Ölkrise, denn die steigenden Weltmarktpreise für Erdöl erreichten - leicht verzögert - Mitte der siebziger Jahre auch die DDR und wirkten sich negativ für die Außenhandelsbilanz und die Versorgung der Bevölkerung aus.

Die bessere Versorgung der Menschen mit Konsumgütern, preiswerten Wohnungen, kostenloser medizinischer Versorgung, Kindergärten, Kindergeld und steigenden Renten (die "zweite Lohntüte") kostete Geld, und zwar mehr, als die DDR in den siebziger Jahren erwirtschaftete. Die Verbesserung des Lebensstandards wurde in zunehmendem Maße mit Krediten bezahlt, die die DDR im "nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet", das heißt vor allem in der Bundesrepublik, aufnahm. 1970 war die DDR im nichtsozialistischen Wirtschaftsgebiet mit zwei Milliarden Valuta-Mark verschuldet, bis 1989 stieg diese Verschuldung um mehr als das Zwanzigfache auf 49 Milliarden Valuta-Mark an. Die Zinsen für die Kredite wurden mit neuen Krediten bezahlt. Ein verhängnisvoller Schuldenkreislauf setzte ein, der letztlich zum wirtschaftlichen Zusammenbruch der DDR beitrug.

Diese Situation war der Bevölkerung der DDR in den siebziger Jahren nicht bekannt. Es überwog der positive Eindruck einer erfolgreichen Sozialpolitik und ständigen Verbesserung des Lebensstandards. Die Aufnahme der DDR 1973 in die UNO und ihre diplomatische Anerkennung durch die westlichen Großmächte verstärkten diesen Effekt, so daß man für die erste Hälfte der siebziger Jahre wohl den größten Grad an Übereinstimmung zwischen Bevölkerung und Regierung in der DDR annehmen kann.