Deutschland in den 50er Jahren

23.12.2002 | Von:

Gesellschaftliche Entwicklung

Soziale Strukturen

Über der "Zusammenbruchsgesellschaft" (Christoph Kleßmann) der unmittelbaren Nachkriegszeit hatte ein Nebel sozialer Unübersichtlichkeit gelegen. Vielfältige persönliche Katastrophen - Obdachlosigkeit, Hunger, Verlust von Angehörigen, Flucht und Vertreibung, Kriegsbeschädigung und Gefangenschaft - drängten den Eindruck auf, ganz Deutschland sei gleichermaßen entwurzelt und verarmt. Um 1950 aber begannen sich die sozialen Strukturen einer modernen Industriegesellschaft wieder deutlich abzuzeichnen, selbst wenn außergewöhnliche Schicksalslagen noch lange nachwirkten.

Etwa ein Viertel der Erwerbstätigen war 1950 in der Landwirtschaft beschäftigt, über 40 Prozent in Handwerk und Industrie und ein Drittel im tertiären Sektor (Handel, Verkehr, Dienstleistungen). Bis 1960 war der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten auf knapp 14 Prozent zurückgegangen, während nun in Handwerk und Industrie fast die Hälfte und im tertiären Sektor 38 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiteten. Die Bundesrepublik wurde also in den fünfziger Jahren zunächst in noch ausgeprägterem Maße eine Industriegesellschaft, aber auch die künftige Vorherrschaft des tertiären Sektors, dessen Anteil an der Beschäftigung seither allein noch zunahm, deutete sich bereits an.

Unter dem Gesichtspunkt der Stellung im Beruf hatte sich die herkömmliche Sozialstruktur zunächst wiederhergestellt. Der Anteil der Selbständigen sank in den fünfziger Jahren von etwa 16 Prozent auf 13 Prozent. Seit den zwanziger Jahren hatten die Arbeiter etwa die Hälfte aller Erwerbstätigen gestellt - die Volkszählungen von 1950 und 1961 ermittelten weiterhin jeweils etwa 50 Prozent, während der Anteil der Angestellten von 16 auf 23 Prozent anstieg.

Mittelstandsgesellschaft

Das zeitgenössisch wohl einflußreichste und eingängigste Bild von der Gesellschaft der Bundesrepublik im Wiederaufbau war das einer "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" (Helmut Schelsky). Dieser Vorstellung zufolge kreuzten sich seit dem Ende des Ersten, aber verstärkt infolge des Zweiten Weltkrieges Aufstiegsprozesse der Industriearbeiterschaft und der technischen sowie der Verwaltungsangestellten in den Mittelstand mit dem Abstieg früher wohlhabender Schichten des Besitz- und Bildungsbürgertums (zum Beispiel durch Vertreibung aus dem Osten und eine progressive, das heißt mit Höhe des Einkommens steigende Besteuerung). Ergebnis sei die Herausbildung einer kleinbürgerlich-mittelständischen Gesellschaft bescheidenen materiellen Zuschnitts, in der die früher grundlegende soziale Klassenspannung fehlte. Der Angleichung der wirtschaftlichen Statusunterschiede folge eine zunehmende Vereinheitlichung sozialer und kultureller Verhaltensformen.

Die Vorstellung der Nivellierung entsprach der beginnenden Verbesserung der Lebensbedingungen und dem auf die Mittelschichten orientierten Selbstbild der Bevölkerung, auch der Arbeiter. Nicht der kämpferisch ausgetragene Konflikt zur Durchsetzung von Interessen, sondern die Gemeinsamkeit der "Sozialpartner" bildete in den fünfziger Jahren das dominierende Leitbild. Im "Wirtschaftswunder" konnte gleichsam wie in einem Fahrstuhl die gesamte Gesellschaft nach oben streben, ohne daß deshalb soziale Ungleichheiten verschwunden wären. Nach dem Wechsel von Hochkonjunktur und Wirtschaftskrise, Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, halbwegs gutem Auskommen und bitterer Not über Generationen hinweg - gesteigert noch durch die beiden Kriege - bildeten der rasche Rückgang der Arbeitslosigkeit und die gleichzeitige annähernde Verdoppelung der Einkommen eine Erfahrung von sozialhistorisch geradezu revolutionärer Bedeutung.

Ein hoher Stellenwert kam in diesem Zusammenhang auch der großen Rentenreform zu, die vom Bundestag 1957 nahezu einstimmig verabschiedet wurde. Zum einen wurden die Altersrenten beträchtlich erhöht; zum anderen trat gleichzeitig das Prinzip der "Dynamisierung" in Kraft, die Kopplung der Renten an das aktuelle Lohnniveau. Dadurch wurde erstmals eine annähernd parallele Entwicklung der Renteneinkommen der älteren Generation und der Arbeitseinkommen der im Beruf stehenden Generation ermöglicht, und die Rentnerinnen und Rentner traten aus dem Schatten des "Wirtschaftswunders".

Arbeitsgesellschaft

Zeitgenössische Beobachtungen betonten immer wieder den emsigen Fleiß der westdeutschen Bevölkerung, die fünfziger Jahre waren eine Zeit enormer Arbeitsanstrengungen. Charakteristisch waren dafür folgende Faktoren:

  • Die Zahl der Erwerbstätigen wuchs in der expandierenden Wirtschaft von 1950 bis 1960 um 4,5 Millionen auf 26,5 Millionen.
  • Die Arbeitslosenquote sank im gleichen Zeitraum von elf Prozent auf 1,3 Prozent; es herrschte also am Ende der fünfziger Jahre nahezu Vollbeschäftigung, in vielen Branchen sogar Arbeitskräftemangel. Am Ende des Jahrzehnts setzte deshalb die Anwerbung von Gastarbeitern aus südeuropäischen Ländern ein (1960 stellten sie 1,3 Prozent von allen Erwerbspersonen). An der Ausweitung der Beschäftigung hatten die Frauen einen überdurchschnittlichen Anteil. Von 4,3 auf 6,8 Millionen (das heißt um 60 Prozent) stieg ihre Zahl bei den abhängig Beschäftigten in den fünfziger Jahren. 37 Prozent aller Erwerbspersonen waren 1960 Frauen (gegenüber 35 Prozent 1950).
  • Auch die Jugend war in den fünfziger Jahren in starkem Maße in das Erwerbsleben einbezogen. Einer Umfrage des EMNID-Instituts zufolge standen 1953 69 Prozent der 15 bis 17jährigen und 85 Prozent der 18 bis 20jährigen im Beruf (zum Vergleich 1984: 19 bzw. 56 Prozent).
  • Die Arbeit war in den fünfziger Jahren noch in starkem Maße von körperlich anstrengender Tätigkeit bestimmt; nach Berechnungen des Soziologen Morris Janowitz galt dies 1955 noch für fast die Hälfte der Erwerbsbevölkerung. Deshalb wurden Rationalisierungsvorgänge - zumal sie selten mit betrieblichen Entlassungen verbunden waren - in der Regel von den Beschäftigten begrüßt.
  • Je mehr es mit der westdeutschen Wirtschaft bergauf ging, desto länger mußte zunächst gearbeitet werden. Mit 49 Stunden - in der Regel an sechs Arbeitstagen - wurden in der Industrie 1955 die längsten Arbeitszeiten nach dem Krieg gemessen.

    Damit stand die Bundesrepublik international an der Spitze. Die extrem langen Arbeitszeiten galten auch für den Großteil der Jugendlichen und Frauen - Teilzeitarbeit war noch nahezu unbekannt. Seit Mitte der fünfziger Jahre sank allerdings die durchschnittliche tarifliche Wochenarbeitszeit auf 44 Stunden (1960). Noch wichtiger als diese durchschnittliche Arbeitszeitverkürzung war der damit verbundene allgemeine Übergang zur fünftägigen Arbeitswoche. Die gewerkschaftliche Parole "Samstags gehört Vati uns!" (der Familie) gewann eine hohe Popularität. Auch für viele Betriebe überwogen die Vorteile der fünftägigen Arbeitswoche. Ein Drittel aller Erwerbstätigen, die Hälfte der Arbeiterschaft, konnte am Ende der fünfziger Jahre regelmäßig ein langes Wochenende genießen.

    Aber es handelte sich erst um die Vorstufe der 40-Stunden-Woche, so daß in den meisten Betrieben nun an den verbleibenden Werktagen länger als acht Stunden gearbeitet werden mußte, weil der Wegfall der Samstagsarbeit durch die Arbeitszeitverkürzung nicht aufgewogen wurde. Zudem erhöhten sich in der Phase der Arbeitszeitverkürzung die - statistisch nicht genau zu erfassenden - Überstunden, und auch die Schichtarbeit nahm zu. 1960 standen zwölf Prozent aller männlichen Arbeitnehmer im Schichtdienst.