Deutschland in den 50er Jahren

23.12.2002 | Von:

Gesellschaftliche Entwicklung

Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen

Bei der Volkszählung 1950 waren fast acht Millionen Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, aus der Tschechoslowakei und aus südosteuropäischen Ländern sowie 1,5 Millionen aus der Sowjetischen Besatzungszone bzw. DDR Zugewanderte registriert worden. Neubürgerinnen und Neubürger stellten also ein Fünftel der Einwohnerschaft der jungen Bundesrepublik. 1960 machten sie mit über 13 Millionen sogar ein Viertel der Bevölkerung aus. Erst mit dem Bau der Mauer in Berlin 1961 versiegte der Flüchtlingsstrom aus der DDR.

Im Schatten der Aufmerksamkeit für den großen Bevölkerungsstrom von Vertriebenen und Flüchtlingen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und aus der DDR stand die Auswanderung nach Übersee im ersten Nachkriegsjahrzehnt. Von 1950 bis 1960 wanderten etwa 800.000 Deutsche nach Übersee aus, drei Viertel davon in die USA. Im Laufe der fünfziger Jahre, als sich die Lebensumstände zunehmend verbesserten, gingen die Auswanderungszahlen allmählich zurück.

Die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen stellte eine enorme gesellschaftliche Aufgabe dar. Dies galt vor allem für die stärker agrarisch geprägten Hauptaufnahmeländer Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, in denen fast drei Viertel der Vertriebenen zunächst eine neue Heimat fanden. Die Eingliederung ging nicht immer konfliktfrei vonstatten. Auch wenn je nach Lebensalter, erlerntem Beruf, sozialer Stellung und gerettetem bzw. verlorenem Vermögen, Zeitpunkt der Flucht oder Vertreibung sowie landsmannschaftlicher Herkunft sehr unterschiedliche Bedingungen vorlagen, waren die Neuankömmlinge gegenüber der alteingesessenen Bevölkerung im Durchschnitt materiell benachteiligt. Obwohl es staatliche Finanzhilfen aus dem Lastenausgleichsfonds gab, verfügten sie vergleichsweise über weniger Besitz, lebten eher in kleinen Ortschaften sowie unter schlechteren Wohnbedingungen, und ihre Kinder hatten geringere schulische Möglichkeiten.

Aufstiegswillen

Andererseits bewiesen gerade Vertriebene und Flüchtlinge häufig einen besonderen Aufstiegswillen. Und es ist zu Recht betont worden, daß sie nicht nur von der Leistungskraft der Wirtschaft profitierten, die ihre Integration in das Erwerbssystem ermöglichte. Umgekehrt war die dringend benötigte Arbeitskraft der Vertriebenen und Flüchtlinge in vielen Branchen und Regionen auch eine Voraussetzung für den langandauernden ökonomischen Aufschwung.

Die anfänglichen Befürchtungen, die soziale Not der Vertriebenen und Flüchtlinge werde jahrzehntelang andauern, und vor allem die von ihnen bewohnten Lager würden sich zum Herd eines gefährlichen politischen Radikalismus entwickeln können, bewahrheiteten sich nicht. In zunehmendem Maße lebten sich die neuen Bürgerinnen und Bürger ein. Die Gründung eigener Städte und kleinerer Ortschaften wie Ennepetal-Milspe und Espelkamp in Nordrhein-Westfalen oder Neu-Gablonz in Bayern blieben die Ausnahme. Zwar gab es Flüchtlingssiedlungen und Stadtviertel mit hohem Vertriebenenanteil, aber in den meisten Städten wurde bei der Wohnungsvergabe auf die Mischung der Bevölkerung geachtet. Und die Verbindungen mit der alteingesessenen Bevölkerung nahmen zu, durch gegenseitige Heirat, kollegiales Zusammentreffen am Arbeitsplatz, gemeinsames Vereinsleben und die Begegnung in der Kirchengemeinde. Auch die eingesessene Bevölkerung mußte sich in diesen Jahren neuen Lebensumständen anpassen, so daß man zu einem guten Teil vor gemeinsamen Aufgaben stand.

Ehe und Familie

Infolge der Kriegsverluste gab es erheblich mehr Frauen als Männer. 1950 kamen auf 100 Frauen der Altersgruppe zwischen 25 und 45 Jahren nur 77 Männer (1961: 89; 1982: 106). Daraus ergaben sich verminderte Heiratschancen der Frauen einer ganzen Generation.

Die Zahl der Eheschließungen in den fünfziger Jahren (jährlich etwa eine halbe Million, jeweils etwa neun bis zehn je 1000 Einwohner) unterschied sich kaum von den Daten der Zwischenkriegszeit. Spezifisch war dagegen das stetige Sinken des durchschnittlichen Heiratsalters, bei Frauen von 25,4 auf 23,7 Jahre (von 1950 bis 1960), bei Männern von 28,1 auf 25,9 Jahre.

Das Sinken des Heiratsalters und die häufig schnelle Entscheidung zur Ehe lagen offenbar vor allem an den miserablen Wohnbedingungen. Ein vor- bzw. außereheliches Zusammenleben war in den fünfziger Jahren angesichts rigider moralischer und gesetzlicher Vorschriften kaum möglich; ein unverheiratetes Paar erhielt keine eigene Wohnung. Bei 70 bis 75 Prozent der Eheschließungen war amtlichen Erhebungen zufolge ein Kind unterwegs. Aber auch die Heirat garantierte noch nicht die sofortige Gründung eines selbständigen Haushalts. Etwa die Hälfte aller Neuverheirateten mußte 1950 zunächst noch bei Eltern oder Schwiegereltern wohnen. In die Regierungserklärung von Konrad Adenauer wurde 1953 der Satz aufgenommen: "Die ganze Entwicklung unserer Zeit ist der Gründung einer gesunden Familie abträglich."

Die äußerliche Stabilität der Ehe stellte sich in den fünfziger Jahren rasch wieder ein. Nachdem die Scheidungsziffer (Ehescheidungen je 10.000 Einwohner) nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst steil angestiegen war und auch 1950 noch auf einem hohen Niveau (16,9) verharrte, sank sie bis zur Mitte des Jahrzehnts deutlich (unter neun) ab.

Gleichberechtigungsgesetz

Diese bemerkenswerte Stabilität war auch darauf zurückzuführen, daß die Ehe im Wiederaufbau in besonders hohem Maße als Solidaritätsverband zum Erreichen materieller Verbesserungen empfunden wurde. Bei einer repräsentativen Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie fand sich 1954 allerdings noch keine Mehrheit für die Auffassung, daß Männer und Frauen in der Ehe die gleichen Rechte und Pflichten haben sollten. Nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen vertraten einhellig die Auffassung, es sei nicht die Aufgabe des Mannes, im Hause mitzuhelfen. Erst 1957 wurden mit dem Gleichberechtigungsgesetz nach zähen parlamentarischen Verhandlungen einige Vorgaben des Grundgesetzes über die Gleichberechtigung in der Ehe eingelöst. Der Mann konnte nicht mehr allein Wohnort und Wohnung bestimmen, die Frau bedurfte nicht mehr der Zustimmung ihres Gatten für die Annahme einer Arbeit; allerdings war sie nur "berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit das mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar" sei. Und es blieb im Konfliktfall beim Entscheidungsrecht des Vaters in Angelegenheiten des gemeinsamen Kindes. Erst die Eherechtsreform von 1976 setzte die Gleichberechtigung weitgehend durch.