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Deutschland in den 50er Jahren

23.12.2002 | Von:

Gesellschaftliche Entwicklung

Jugend und Erziehung

Die Kinder und Jugendlichen hatten in der unmittelbaren Nachkriegszeit die materielle Not der gesamten Bevölkerung geteilt: Unterernährung, Wohnungsnot, Flüchtlingselend und anfangs häufig auch Vaterlosigkeit kennzeichneten die Situation in den Familien.

Der dafür geläufige Begriff der "Jugendnot" wurde auch um 1950 noch häufig benutzt. Vor allem die Wohnverhältnisse waren sehr beengt und verbesserten sich nur langsam. Nach repräsentativen Erhebungen verfügten Anfang der fünfziger Jahre nur 40 Prozent, Mitte des Jahrzehnts etwa 50 Prozent der Jugendlichen (14 bis 21jährigen) über einen eigenen Raum, während die anderen das Schlafzimmer mit den Eltern bzw. einem Elternteil oder Geschwistern teilten.

"Jugendnot" schloß Anfang der fünfziger Jahre die unter Jugendlichen besonders hohe Arbeitslosigkeit ein. Eine Viertelmillion Erwerbslose unter 25 Jahren zählte die amtliche Statistik 1950, und es wurde sogar der Vorschlag gemacht, die Schulzeit zu verlängern, um den Arbeitsmarkt zu entlasten.

Nur wenige Jahre später hatte der wirtschaftliche Aufschwung dafür gesorgt, daß statt hoher Arbeitslosigkeit die frühe Berufstätigkeit typisch für die Lebenssituation der Jugendlichen geworden war. Mehr als vier Fünftel der Jugendlichen teilten den langen Arbeitstag der Erwachsenen. Nach den bis 1960 gültigen Regelungen des Jugendarbeitsschutzes war für 14 bis 18jährige eine wöchentliche Arbeitsdauer von maximal 48 Stunden zulässig. Empirischen Erhebungen zufolge arbeitete aber ein großer Teil der Jugendlichen noch länger.

Schulbesuch

1950 besuchte lediglich ein Zehntel, 1960 dann ein Fünftel der 16jährigen Jugendlichen noch eine allgemeinbildende Schule. Die grundlegende soziale Struktur der Gesellschaft bildete sich zu dieser Zeit im dreigliedrigen Schulwesen noch ebenso deutlich ab wie in den zwanziger Jahren. Von den 13jährigen - dem letzten Altersjahrgang ohne Berufstätigkeit - besuchten 1952 etwa 80 Prozent und 1960 etwa 70 Prozent Volksschulen (Grund- und Hauptschulen), sechs bzw. elf Prozent Realschulen, zwölf Prozent bzw. 15 Prozent Gymnasien. Die Abiturientenquote (des jeweiligen Geburtsjahrgangs) stagnierte zwischen vier und fünf Prozent (1950) und fünf bis sechs Prozent (1960). Charakteristisch war der relativ geringe Anteil von Mädchen, die in den fünfziger Jahren nur ein Drittel der Schülerschaft in den gymnasialen Oberstufen stellten.

Stärker als die Verteilung schulischer Qualifikationen veränderte sich die Ausstattung der Schulen im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik. Extreme Raumnot angesichts kriegszerstörter Schulgebäude und Lehrermangel kennzeichneten die Situation um 1950. Ein Zwei-, Drei- oder sogar Vierschichtbetrieb war nicht selten. Durch großzügige Neubauprogramme und vermehrte Einstellungen von Lehrpersonen konnte die Situation rasch verbessert werden. 1950 kamen in den Volksschulen 49 Schülerinnen und Schüler auf eine Lehrkraft, 1956 nur noch 37. Allerdings blieb es dann für einige Jahre bei dieser Relation.

Eindrucksvoll war die Verbesserung beruflicher Qualifikation in den fünfziger Jahren. Die Lehrlingsquote, das heißt die Zahl der Lehr- und Anlernlinge je 100 der Gleichaltrigen, stieg von 46 (1950) über 55 (1960) auf 64 (1966). Und von den Berufsschulen wurden 1949 zwei Drittel und 1952 nahezu alle männlichen Schulpflichtigen erfaßt. Die Mädchen wurden Anfang der fünfziger Jahre noch häufig wegen Überfüllung der Berufsschulen zurückgestellt - Ausdruck zeittypischer Benachteiligung. Bis zur Mitte des Jahrzehnts konnten auch sie weitgehend eingegliedert werden.

Während 1950 70 Prozent aller Ausbildungsverhältnisse auf Industrie und Handwerk, 28 Prozent auf den Dienstleistungssektor entfielen, hatte sich das Verhältnis 1960 mit 50 bzw. 46 Prozent nahezu angenähert. Durch die zunehmende Qualifikation begann sich allmählich ein Bildungsgefälle zwischen den Generationen herauszubilden. Als Indikator hierfür kann beispielsweise die zunehmende Beherrschung des Englischen gelten.

Die Steigerung der Bildung war allerdings nur ein Faktor der Auseinanderentwicklung von jung und alt. Ende der fünfziger Jahre betrat eine Jugendgeneration die Bühne, die den Krieg nicht mehr miterlebt hatte und im Wiederaufbau aufgewachsen war. Die Arbeitszeitverkürzungen und die höheren Löhne und Einkommen hatten mittlerweile die Möglichkeiten zur Freizeit auch der berufstätigen Jugend, also der Mehrheit der Jugendlichen, vermehrt. Und massenkulturelle Angebote in Film, Musik und Mode - nicht zuletzt aus den USA - führten zu neuen Leitbildern.

Seit dem Ende der fünfziger Jahre stießen überkommene und autoritäre Erziehungsstile und der Wunsch der Jugendlichen nach einem selbstbestimmten Raum, einer eigenen "Jugendteilkultur" (Friedrich Tenbruck) zusammen. Innerfamiliäre Kämpfe um für die Eltern provokative Frisuren, Kleidung und Musik gaben dem Ausdruck. Die alten Autoritäten, Eltern, Lehrer, Lehrherren und Geistliche verloren tendenziell die Kontrolle über die Jugendlichen, die ihre vorwiegend auf Konsum orientierten Leitbilder zunehmend aus Unterhaltungsindustrie und Massenmedien bezogen.