Deutschland in den 50er Jahren
1|2|3|4|5|6|7 Auf einer Seite lesen

23.12.2002 | Von:
Axel Schildt

Gesellschaftliche Entwicklung

Die fünfziger Jahre sind die Gründerjahre der Bundesrepublik, in der ein Großteil unserer heutigen politischen und gesellschaftlichen Institutionen und Strukturen wurzelt. Den einen erscheinen sie als "gute" Zeit, in der die Menschen ein gemeinsames Ziel kannten: den Wiederaufbau. Für die anderen sind es "bleierne Zeiten" voller spießigen Muffs.

Schwarz-Weiß-Foto (undatiert!): Brandenburger Tor im zerstörten Berlin nach der deutschen Kapitulation 1945. Davor: Zerstörte Fahrzeuge und nicht näher identifizierbare Personen.Das Brandenburger Tor im zerstörten Berlin nach der deutschen Kapitulation 1945. (© AP)

Einleitung

Die fünfziger Jahre genießen in der Öffentlichkeit eine sehr unterschiedliche Wertschätzung. Nicht selten dienten sie (seit den siebziger Jahren) in aktuellen politischen Debatten als negativ oder positiv besetztes Symbol. Die besondere Hervorhebung gerade dieser Zeit ist kein Zufall: Die fünfziger Jahre sind die Gründerjahre der Bundesrepublik, in der ein Großteil unserer heutigen politischen und gesellschaftlichen Institutionen und Strukturen wurzelt. Den einen erscheinen sie als einfache und "gute" Zeit, in der die Menschen ein gemeinsames Ziel kannten und mit Optimismus und Tatkraft verfolgten: den Wiederaufbau. Für die anderen sind es "bleierne Zeiten" voller spießigen Muffs, in denen sich eine weitgehend unpolitische Bevölkerung für nichts anderes interessierte als für die Mehrung ihres privaten Wohlstandes.

Jenseits von nostalgischer Sehnsucht und vehementer Ablehnung versucht die Zeitgeschichtsschreibung den schillernden Charakter der fünfziger Jahre zu verstehen und näher zu bestimmen. Einerseits handelte es sich um den Beginn eines demokratischen politischen Systems und um eine Phase rasanter wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen, welche die Gesellschaft innerhalb kurzer Zeit zu einer noch nie vorher gekannten Wohlstandsblüte und Modernität führten. Andererseits gab es, trotz der Entnazifizierung, auch unübersehbare personelle Kontinuitäten beispielsweise in der Wirtschaft, in den Universitäten und in der Justiz - die berufliche Karriere vieler Angehöriger der Wiederaufbau-Generation hatte bereits vor 1933 begonnen und war im Dritten Reich fortgesetzt worden. Dies galt nicht nur für die "Funktionseliten", sondern auch für den Großteil der Bevölkerung. Es gab daher eine "Volkskontinuität" (Lutz Niethammer), die sich bis in kulturelle Vorlieben hinein äußerte. So wiesen etwa die Illustrierten, die Unterhaltungsmusik und die Filme der fünfziger Jahre nicht geringe Ähnlichkeiten zu jenen der dreißiger Jahre auf.

Die fünfziger Jahre waren ein Zeitraum, in dem die Menschen, denen der Krieg noch "in den Knochen steckte", vor allem Ruhe und Sicherheit erstrebten. Es war zudem der Abschluß einer Epoche, die etwa um die Wende zum 20. Jahrhundert begonnen hatte. Die Erwerbsstruktur mit einem hohen Anteil landwirtschaftlicher und sonstiger manueller Arbeit, ein geringer Anteil an höherer Bildung, autoritäre Wertmuster in Ehe, Familie und Schule lassen uns diese Zeit als weit entfernte Geschichte erscheinen. Andererseits zeigen sich die fünfziger Jahre in vielem als der Beginn der heutigen modernen Gesellschaft: Aufstieg des Fernsehens, Anfänge des Automobilbooms, des Massentourismus und der Teenagerkultur mögen als Stichworte ausreichen. Zwischen der Abschaffung der Lebensmittelkarten 1950 und dem ersten Auftritt der "Beatles" (in Hamburg) 1960 scheint jedenfalls weit mehr als ein Jahrzehnt zu liegen.

Entwicklungsphasen

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, die fünfziger Jahre in Phasen einzuteilen; dabei erweist sich auch, daß der zusammengehörige historische Abschnitt mehr als das Jahrzehnt von 1950 bis 1960 umfaßt:

  • Am leichtesten ist es, die grundlegenden politischen Einschnitte zu nennen: Der Bogen spannt sich von der Gründung der Bundesrepublik 1949 über den Beitritt zur NATO und die Gewinnung der staatlichen Souveränität 1955 (die aufgrund alliierter Vorbehaltsrechte allerdings erst 1990 vollständig erreicht wurde) bis zum Bau der Berliner Mauer und der damit vollständigen Abschottung der beiden deutschen Staaten 1961.
  • Für die wirtschaftliche Entwicklung wird man den Anfangspunkt bereits auf die Währungsreform 1948 legen; ein Endpunkt ist schwerer auszumachen. Der ununterbrochene wirtschaftliche Aufstieg reichte bis zur ersten Rezession Mitte der sechziger Jahre. Neuere Darstellungen betonen, daß der epochale wirtschaftliche Boom der Nachkriegszeit erst Anfang der siebziger Jahre endete.
  • Mit Blick auf die Gesellschaft Westdeutschlands fällt vor allem das letzte Drittel der fünfziger Jahre als entscheidender Anfangszeitraum moderner Entwicklung auf. In dieser Phase zeigten sich die ersten Konturen der Wohlstandsgesellschaft und ihrer charakteristischen Lebensstile und Konsummuster, begann der Personenkraftwagen-Boom und der Siegeszug des Fernsehens. In sozialkultureller Hinsicht ist deshalb auf die enorme Bedeutung gerade dieser "kurzen fünfziger Jahre" (Schildt/Sywottek) hingewiesen worden, in denen sich die westliche Moderne mit ihren massenkulturellen Produkten und Leitbildern gerade in der jüngeren Generation durchzusetzen begann. Zwischen wirtschaftlicher, politischer, gesellschaftlicher und kultureller Entwicklung gab es wiederum enge Zusammenhänge, die stets mitbedacht werden müssen, selbst wenn die einzelnen Stränge im folgenden getrennt geschildert werden. So wurde die parlamentarische Demokratie von der großen Mehrheit der Bevölkerung akzeptiert, auch weil im Zeichen der Sozialen Marktwirtschaft das "Wirtschaftswunder" begann. Und ohne die wirtschaftliche europäische Integration und die Verankerung in der westlichen Weltwirtschaft wäre die Bundesrepublik wohl nicht bereits in den fünfziger Jahren zu einer Gesellschaft westlich geprägten Zuschnitts geworden.
  • Soziale Strukturen

    Über der "Zusammenbruchsgesellschaft" (Christoph Kleßmann) der unmittelbaren Nachkriegszeit hatte ein Nebel sozialer Unübersichtlichkeit gelegen. Vielfältige persönliche Katastrophen - Obdachlosigkeit, Hunger, Verlust von Angehörigen, Flucht und Vertreibung, Kriegsbeschädigung und Gefangenschaft - drängten den Eindruck auf, ganz Deutschland sei gleichermaßen entwurzelt und verarmt. Um 1950 aber begannen sich die sozialen Strukturen einer modernen Industriegesellschaft wieder deutlich abzuzeichnen, selbst wenn außergewöhnliche Schicksalslagen noch lange nachwirkten.

    Etwa ein Viertel der Erwerbstätigen war 1950 in der Landwirtschaft beschäftigt, über 40 Prozent in Handwerk und Industrie und ein Drittel im tertiären Sektor (Handel, Verkehr, Dienstleistungen). Bis 1960 war der Anteil der in der Landwirtschaft Beschäftigten auf knapp 14 Prozent zurückgegangen, während nun in Handwerk und Industrie fast die Hälfte und im tertiären Sektor 38 Prozent aller Erwerbstätigen arbeiteten. Die Bundesrepublik wurde also in den fünfziger Jahren zunächst in noch ausgeprägterem Maße eine Industriegesellschaft, aber auch die künftige Vorherrschaft des tertiären Sektors, dessen Anteil an der Beschäftigung seither allein noch zunahm, deutete sich bereits an.

    Unter dem Gesichtspunkt der Stellung im Beruf hatte sich die herkömmliche Sozialstruktur zunächst wiederhergestellt. Der Anteil der Selbständigen sank in den fünfziger Jahren von etwa 16 Prozent auf 13 Prozent. Seit den zwanziger Jahren hatten die Arbeiter etwa die Hälfte aller Erwerbstätigen gestellt - die Volkszählungen von 1950 und 1961 ermittelten weiterhin jeweils etwa 50 Prozent, während der Anteil der Angestellten von 16 auf 23 Prozent anstieg.

    Mittelstandsgesellschaft

    Das zeitgenössisch wohl einflußreichste und eingängigste Bild von der Gesellschaft der Bundesrepublik im Wiederaufbau war das einer "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" (Helmut Schelsky). Dieser Vorstellung zufolge kreuzten sich seit dem Ende des Ersten, aber verstärkt infolge des Zweiten Weltkrieges Aufstiegsprozesse der Industriearbeiterschaft und der technischen sowie der Verwaltungsangestellten in den Mittelstand mit dem Abstieg früher wohlhabender Schichten des Besitz- und Bildungsbürgertums (zum Beispiel durch Vertreibung aus dem Osten und eine progressive, das heißt mit Höhe des Einkommens steigende Besteuerung). Ergebnis sei die Herausbildung einer kleinbürgerlich-mittelständischen Gesellschaft bescheidenen materiellen Zuschnitts, in der die früher grundlegende soziale Klassenspannung fehlte. Der Angleichung der wirtschaftlichen Statusunterschiede folge eine zunehmende Vereinheitlichung sozialer und kultureller Verhaltensformen.

    Die Vorstellung der Nivellierung entsprach der beginnenden Verbesserung der Lebensbedingungen und dem auf die Mittelschichten orientierten Selbstbild der Bevölkerung, auch der Arbeiter. Nicht der kämpferisch ausgetragene Konflikt zur Durchsetzung von Interessen, sondern die Gemeinsamkeit der "Sozialpartner" bildete in den fünfziger Jahren das dominierende Leitbild. Im "Wirtschaftswunder" konnte gleichsam wie in einem Fahrstuhl die gesamte Gesellschaft nach oben streben, ohne daß deshalb soziale Ungleichheiten verschwunden wären. Nach dem Wechsel von Hochkonjunktur und Wirtschaftskrise, Beschäftigung und Arbeitslosigkeit, halbwegs gutem Auskommen und bitterer Not über Generationen hinweg - gesteigert noch durch die beiden Kriege - bildeten der rasche Rückgang der Arbeitslosigkeit und die gleichzeitige annähernde Verdoppelung der Einkommen eine Erfahrung von sozialhistorisch geradezu revolutionärer Bedeutung.

    Ein hoher Stellenwert kam in diesem Zusammenhang auch der großen Rentenreform zu, die vom Bundestag 1957 nahezu einstimmig verabschiedet wurde. Zum einen wurden die Altersrenten beträchtlich erhöht; zum anderen trat gleichzeitig das Prinzip der "Dynamisierung" in Kraft, die Kopplung der Renten an das aktuelle Lohnniveau. Dadurch wurde erstmals eine annähernd parallele Entwicklung der Renteneinkommen der älteren Generation und der Arbeitseinkommen der im Beruf stehenden Generation ermöglicht, und die Rentnerinnen und Rentner traten aus dem Schatten des "Wirtschaftswunders".

    Arbeitsgesellschaft

    Zeitgenössische Beobachtungen betonten immer wieder den emsigen Fleiß der westdeutschen Bevölkerung, die fünfziger Jahre waren eine Zeit enormer Arbeitsanstrengungen. Charakteristisch waren dafür folgende Faktoren:

  • Die Zahl der Erwerbstätigen wuchs in der expandierenden Wirtschaft von 1950 bis 1960 um 4,5 Millionen auf 26,5 Millionen.
  • Die Arbeitslosenquote sank im gleichen Zeitraum von elf Prozent auf 1,3 Prozent; es herrschte also am Ende der fünfziger Jahre nahezu Vollbeschäftigung, in vielen Branchen sogar Arbeitskräftemangel. Am Ende des Jahrzehnts setzte deshalb die Anwerbung von Gastarbeitern aus südeuropäischen Ländern ein (1960 stellten sie 1,3 Prozent von allen Erwerbspersonen). An der Ausweitung der Beschäftigung hatten die Frauen einen überdurchschnittlichen Anteil. Von 4,3 auf 6,8 Millionen (das heißt um 60 Prozent) stieg ihre Zahl bei den abhängig Beschäftigten in den fünfziger Jahren. 37 Prozent aller Erwerbspersonen waren 1960 Frauen (gegenüber 35 Prozent 1950).
  • Auch die Jugend war in den fünfziger Jahren in starkem Maße in das Erwerbsleben einbezogen. Einer Umfrage des EMNID-Instituts zufolge standen 1953 69 Prozent der 15 bis 17jährigen und 85 Prozent der 18 bis 20jährigen im Beruf (zum Vergleich 1984: 19 bzw. 56 Prozent).
  • Die Arbeit war in den fünfziger Jahren noch in starkem Maße von körperlich anstrengender Tätigkeit bestimmt; nach Berechnungen des Soziologen Morris Janowitz galt dies 1955 noch für fast die Hälfte der Erwerbsbevölkerung. Deshalb wurden Rationalisierungsvorgänge - zumal sie selten mit betrieblichen Entlassungen verbunden waren - in der Regel von den Beschäftigten begrüßt.
  • Je mehr es mit der westdeutschen Wirtschaft bergauf ging, desto länger mußte zunächst gearbeitet werden. Mit 49 Stunden - in der Regel an sechs Arbeitstagen - wurden in der Industrie 1955 die längsten Arbeitszeiten nach dem Krieg gemessen.

    Damit stand die Bundesrepublik international an der Spitze. Die extrem langen Arbeitszeiten galten auch für den Großteil der Jugendlichen und Frauen - Teilzeitarbeit war noch nahezu unbekannt. Seit Mitte der fünfziger Jahre sank allerdings die durchschnittliche tarifliche Wochenarbeitszeit auf 44 Stunden (1960). Noch wichtiger als diese durchschnittliche Arbeitszeitverkürzung war der damit verbundene allgemeine Übergang zur fünftägigen Arbeitswoche. Die gewerkschaftliche Parole "Samstags gehört Vati uns!" (der Familie) gewann eine hohe Popularität. Auch für viele Betriebe überwogen die Vorteile der fünftägigen Arbeitswoche. Ein Drittel aller Erwerbstätigen, die Hälfte der Arbeiterschaft, konnte am Ende der fünfziger Jahre regelmäßig ein langes Wochenende genießen.

    Aber es handelte sich erst um die Vorstufe der 40-Stunden-Woche, so daß in den meisten Betrieben nun an den verbleibenden Werktagen länger als acht Stunden gearbeitet werden mußte, weil der Wegfall der Samstagsarbeit durch die Arbeitszeitverkürzung nicht aufgewogen wurde. Zudem erhöhten sich in der Phase der Arbeitszeitverkürzung die - statistisch nicht genau zu erfassenden - Überstunden, und auch die Schichtarbeit nahm zu. 1960 standen zwölf Prozent aller männlichen Arbeitnehmer im Schichtdienst.
  • Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen

    Bei der Volkszählung 1950 waren fast acht Millionen Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, aus der Tschechoslowakei und aus südosteuropäischen Ländern sowie 1,5 Millionen aus der Sowjetischen Besatzungszone bzw. DDR Zugewanderte registriert worden. Neubürgerinnen und Neubürger stellten also ein Fünftel der Einwohnerschaft der jungen Bundesrepublik. 1960 machten sie mit über 13 Millionen sogar ein Viertel der Bevölkerung aus. Erst mit dem Bau der Mauer in Berlin 1961 versiegte der Flüchtlingsstrom aus der DDR.

    Im Schatten der Aufmerksamkeit für den großen Bevölkerungsstrom von Vertriebenen und Flüchtlingen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und aus der DDR stand die Auswanderung nach Übersee im ersten Nachkriegsjahrzehnt. Von 1950 bis 1960 wanderten etwa 800.000 Deutsche nach Übersee aus, drei Viertel davon in die USA. Im Laufe der fünfziger Jahre, als sich die Lebensumstände zunehmend verbesserten, gingen die Auswanderungszahlen allmählich zurück.

    Die Integration der Flüchtlinge und Vertriebenen stellte eine enorme gesellschaftliche Aufgabe dar. Dies galt vor allem für die stärker agrarisch geprägten Hauptaufnahmeländer Bayern, Niedersachsen und Schleswig-Holstein, in denen fast drei Viertel der Vertriebenen zunächst eine neue Heimat fanden. Die Eingliederung ging nicht immer konfliktfrei vonstatten. Auch wenn je nach Lebensalter, erlerntem Beruf, sozialer Stellung und gerettetem bzw. verlorenem Vermögen, Zeitpunkt der Flucht oder Vertreibung sowie landsmannschaftlicher Herkunft sehr unterschiedliche Bedingungen vorlagen, waren die Neuankömmlinge gegenüber der alteingesessenen Bevölkerung im Durchschnitt materiell benachteiligt. Obwohl es staatliche Finanzhilfen aus dem Lastenausgleichsfonds gab, verfügten sie vergleichsweise über weniger Besitz, lebten eher in kleinen Ortschaften sowie unter schlechteren Wohnbedingungen, und ihre Kinder hatten geringere schulische Möglichkeiten.

    Aufstiegswillen

    Andererseits bewiesen gerade Vertriebene und Flüchtlinge häufig einen besonderen Aufstiegswillen. Und es ist zu Recht betont worden, daß sie nicht nur von der Leistungskraft der Wirtschaft profitierten, die ihre Integration in das Erwerbssystem ermöglichte. Umgekehrt war die dringend benötigte Arbeitskraft der Vertriebenen und Flüchtlinge in vielen Branchen und Regionen auch eine Voraussetzung für den langandauernden ökonomischen Aufschwung.

    Die anfänglichen Befürchtungen, die soziale Not der Vertriebenen und Flüchtlinge werde jahrzehntelang andauern, und vor allem die von ihnen bewohnten Lager würden sich zum Herd eines gefährlichen politischen Radikalismus entwickeln können, bewahrheiteten sich nicht. In zunehmendem Maße lebten sich die neuen Bürgerinnen und Bürger ein. Die Gründung eigener Städte und kleinerer Ortschaften wie Ennepetal-Milspe und Espelkamp in Nordrhein-Westfalen oder Neu-Gablonz in Bayern blieben die Ausnahme. Zwar gab es Flüchtlingssiedlungen und Stadtviertel mit hohem Vertriebenenanteil, aber in den meisten Städten wurde bei der Wohnungsvergabe auf die Mischung der Bevölkerung geachtet. Und die Verbindungen mit der alteingesessenen Bevölkerung nahmen zu, durch gegenseitige Heirat, kollegiales Zusammentreffen am Arbeitsplatz, gemeinsames Vereinsleben und die Begegnung in der Kirchengemeinde. Auch die eingesessene Bevölkerung mußte sich in diesen Jahren neuen Lebensumständen anpassen, so daß man zu einem guten Teil vor gemeinsamen Aufgaben stand.

    Ehe und Familie

    Infolge der Kriegsverluste gab es erheblich mehr Frauen als Männer. 1950 kamen auf 100 Frauen der Altersgruppe zwischen 25 und 45 Jahren nur 77 Männer (1961: 89; 1982: 106). Daraus ergaben sich verminderte Heiratschancen der Frauen einer ganzen Generation.

    Die Zahl der Eheschließungen in den fünfziger Jahren (jährlich etwa eine halbe Million, jeweils etwa neun bis zehn je 1000 Einwohner) unterschied sich kaum von den Daten der Zwischenkriegszeit. Spezifisch war dagegen das stetige Sinken des durchschnittlichen Heiratsalters, bei Frauen von 25,4 auf 23,7 Jahre (von 1950 bis 1960), bei Männern von 28,1 auf 25,9 Jahre.

    Das Sinken des Heiratsalters und die häufig schnelle Entscheidung zur Ehe lagen offenbar vor allem an den miserablen Wohnbedingungen. Ein vor- bzw. außereheliches Zusammenleben war in den fünfziger Jahren angesichts rigider moralischer und gesetzlicher Vorschriften kaum möglich; ein unverheiratetes Paar erhielt keine eigene Wohnung. Bei 70 bis 75 Prozent der Eheschließungen war amtlichen Erhebungen zufolge ein Kind unterwegs. Aber auch die Heirat garantierte noch nicht die sofortige Gründung eines selbständigen Haushalts. Etwa die Hälfte aller Neuverheirateten mußte 1950 zunächst noch bei Eltern oder Schwiegereltern wohnen. In die Regierungserklärung von Konrad Adenauer wurde 1953 der Satz aufgenommen: "Die ganze Entwicklung unserer Zeit ist der Gründung einer gesunden Familie abträglich."

    Die äußerliche Stabilität der Ehe stellte sich in den fünfziger Jahren rasch wieder ein. Nachdem die Scheidungsziffer (Ehescheidungen je 10.000 Einwohner) nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs zunächst steil angestiegen war und auch 1950 noch auf einem hohen Niveau (16,9) verharrte, sank sie bis zur Mitte des Jahrzehnts deutlich (unter neun) ab.

    Gleichberechtigungsgesetz

    Diese bemerkenswerte Stabilität war auch darauf zurückzuführen, daß die Ehe im Wiederaufbau in besonders hohem Maße als Solidaritätsverband zum Erreichen materieller Verbesserungen empfunden wurde. Bei einer repräsentativen Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie fand sich 1954 allerdings noch keine Mehrheit für die Auffassung, daß Männer und Frauen in der Ehe die gleichen Rechte und Pflichten haben sollten. Nicht nur die Männer, sondern auch die Frauen vertraten einhellig die Auffassung, es sei nicht die Aufgabe des Mannes, im Hause mitzuhelfen. Erst 1957 wurden mit dem Gleichberechtigungsgesetz nach zähen parlamentarischen Verhandlungen einige Vorgaben des Grundgesetzes über die Gleichberechtigung in der Ehe eingelöst. Der Mann konnte nicht mehr allein Wohnort und Wohnung bestimmen, die Frau bedurfte nicht mehr der Zustimmung ihres Gatten für die Annahme einer Arbeit; allerdings war sie nur "berechtigt, erwerbstätig zu sein, soweit das mit ihren Pflichten in Ehe und Familie vereinbar" sei. Und es blieb im Konfliktfall beim Entscheidungsrecht des Vaters in Angelegenheiten des gemeinsamen Kindes. Erst die Eherechtsreform von 1976 setzte die Gleichberechtigung weitgehend durch.

    Jugend und Erziehung

    Die Kinder und Jugendlichen hatten in der unmittelbaren Nachkriegszeit die materielle Not der gesamten Bevölkerung geteilt: Unterernährung, Wohnungsnot, Flüchtlingselend und anfangs häufig auch Vaterlosigkeit kennzeichneten die Situation in den Familien.

    Der dafür geläufige Begriff der "Jugendnot" wurde auch um 1950 noch häufig benutzt. Vor allem die Wohnverhältnisse waren sehr beengt und verbesserten sich nur langsam. Nach repräsentativen Erhebungen verfügten Anfang der fünfziger Jahre nur 40 Prozent, Mitte des Jahrzehnts etwa 50 Prozent der Jugendlichen (14 bis 21jährigen) über einen eigenen Raum, während die anderen das Schlafzimmer mit den Eltern bzw. einem Elternteil oder Geschwistern teilten.

    "Jugendnot" schloß Anfang der fünfziger Jahre die unter Jugendlichen besonders hohe Arbeitslosigkeit ein. Eine Viertelmillion Erwerbslose unter 25 Jahren zählte die amtliche Statistik 1950, und es wurde sogar der Vorschlag gemacht, die Schulzeit zu verlängern, um den Arbeitsmarkt zu entlasten.

    Nur wenige Jahre später hatte der wirtschaftliche Aufschwung dafür gesorgt, daß statt hoher Arbeitslosigkeit die frühe Berufstätigkeit typisch für die Lebenssituation der Jugendlichen geworden war. Mehr als vier Fünftel der Jugendlichen teilten den langen Arbeitstag der Erwachsenen. Nach den bis 1960 gültigen Regelungen des Jugendarbeitsschutzes war für 14 bis 18jährige eine wöchentliche Arbeitsdauer von maximal 48 Stunden zulässig. Empirischen Erhebungen zufolge arbeitete aber ein großer Teil der Jugendlichen noch länger.

    Schulbesuch

    1950 besuchte lediglich ein Zehntel, 1960 dann ein Fünftel der 16jährigen Jugendlichen noch eine allgemeinbildende Schule. Die grundlegende soziale Struktur der Gesellschaft bildete sich zu dieser Zeit im dreigliedrigen Schulwesen noch ebenso deutlich ab wie in den zwanziger Jahren. Von den 13jährigen - dem letzten Altersjahrgang ohne Berufstätigkeit - besuchten 1952 etwa 80 Prozent und 1960 etwa 70 Prozent Volksschulen (Grund- und Hauptschulen), sechs bzw. elf Prozent Realschulen, zwölf Prozent bzw. 15 Prozent Gymnasien. Die Abiturientenquote (des jeweiligen Geburtsjahrgangs) stagnierte zwischen vier und fünf Prozent (1950) und fünf bis sechs Prozent (1960). Charakteristisch war der relativ geringe Anteil von Mädchen, die in den fünfziger Jahren nur ein Drittel der Schülerschaft in den gymnasialen Oberstufen stellten.

    Stärker als die Verteilung schulischer Qualifikationen veränderte sich die Ausstattung der Schulen im ersten Jahrzehnt der Bundesrepublik. Extreme Raumnot angesichts kriegszerstörter Schulgebäude und Lehrermangel kennzeichneten die Situation um 1950. Ein Zwei-, Drei- oder sogar Vierschichtbetrieb war nicht selten. Durch großzügige Neubauprogramme und vermehrte Einstellungen von Lehrpersonen konnte die Situation rasch verbessert werden. 1950 kamen in den Volksschulen 49 Schülerinnen und Schüler auf eine Lehrkraft, 1956 nur noch 37. Allerdings blieb es dann für einige Jahre bei dieser Relation.

    Eindrucksvoll war die Verbesserung beruflicher Qualifikation in den fünfziger Jahren. Die Lehrlingsquote, das heißt die Zahl der Lehr- und Anlernlinge je 100 der Gleichaltrigen, stieg von 46 (1950) über 55 (1960) auf 64 (1966). Und von den Berufsschulen wurden 1949 zwei Drittel und 1952 nahezu alle männlichen Schulpflichtigen erfaßt. Die Mädchen wurden Anfang der fünfziger Jahre noch häufig wegen Überfüllung der Berufsschulen zurückgestellt - Ausdruck zeittypischer Benachteiligung. Bis zur Mitte des Jahrzehnts konnten auch sie weitgehend eingegliedert werden.

    Während 1950 70 Prozent aller Ausbildungsverhältnisse auf Industrie und Handwerk, 28 Prozent auf den Dienstleistungssektor entfielen, hatte sich das Verhältnis 1960 mit 50 bzw. 46 Prozent nahezu angenähert. Durch die zunehmende Qualifikation begann sich allmählich ein Bildungsgefälle zwischen den Generationen herauszubilden. Als Indikator hierfür kann beispielsweise die zunehmende Beherrschung des Englischen gelten.

    Die Steigerung der Bildung war allerdings nur ein Faktor der Auseinanderentwicklung von jung und alt. Ende der fünfziger Jahre betrat eine Jugendgeneration die Bühne, die den Krieg nicht mehr miterlebt hatte und im Wiederaufbau aufgewachsen war. Die Arbeitszeitverkürzungen und die höheren Löhne und Einkommen hatten mittlerweile die Möglichkeiten zur Freizeit auch der berufstätigen Jugend, also der Mehrheit der Jugendlichen, vermehrt. Und massenkulturelle Angebote in Film, Musik und Mode - nicht zuletzt aus den USA - führten zu neuen Leitbildern.

    Seit dem Ende der fünfziger Jahre stießen überkommene und autoritäre Erziehungsstile und der Wunsch der Jugendlichen nach einem selbstbestimmten Raum, einer eigenen "Jugendteilkultur" (Friedrich Tenbruck) zusammen. Innerfamiliäre Kämpfe um für die Eltern provokative Frisuren, Kleidung und Musik gaben dem Ausdruck. Die alten Autoritäten, Eltern, Lehrer, Lehrherren und Geistliche verloren tendenziell die Kontrolle über die Jugendlichen, die ihre vorwiegend auf Konsum orientierten Leitbilder zunehmend aus Unterhaltungsindustrie und Massenmedien bezogen.

    Wohnungsbau

    Im Zweiten Weltkrieg waren mehr als 20 Prozent allen Wohnraums zerstört worden, und durch den anhaltenden Zustrom von Vertriebenen und Flüchtlingen hatte sich die Bevölkerungszahl Westdeutschlands gegenüber dem Vorkriegsstand um ein Fünftel auf etwa 51 Millionen erhöht. 1950 mußten sich statistisch jeweils drei Haushalte zwei Wohnungen teilen, und nur etwa die Hälfte der Haushalte verfügte über eine Kochstelle zur alleinigen Benutzung. Das Untermieterdasein war nicht mehr Kennzeichen alleinstehender Personen, sondern zum Schicksal mehrköpfiger Familien geworden. Erst Mitte der fünfziger Jahre stand statistisch wieder jeder Person ein Raum zu, aber noch 1960 war im Bundesgebiet ein Sechstel aller Wohnungen mit mehr als einem Haushalt belegt.

    Die bedrückende Enge des durch die jeweiligen Ämter zugeteilten Wohnraums und der Zwang zur Gemeinschaft mit fremden Menschen ließen die Wiedererlangung und Sicherung privater Häuslichkeit zum zentralen Ziel der Westdeutschen werden.

    Es wurde als Glücksfall angesehen, eine der Sozialwohnungen zu erhalten, deren Förderung das Kernstück des 1950 einmütig verabschiedeten Ersten Bundeswohnungsbaugesetzes bildete. Mehr als fünf Millionen Wohnungen wurden zwischen 1950 und 1960 errichtet, davon circa 60 Prozent als staatlich subventionierte Sozialwohnungen, deren Ausstattung bestimmte Standards nicht überschreiten durfte. Dem Gesetz zufolge sollten sie "für die breiten Schichten des Volkes" bestimmt sein. Einzugsberechtigt war jeder Haushalt, der ein bestimmtes Einkommen nicht überschritt (bis 1953 die Versicherungspflichtgrenze für Angestellte). Viele der neuen Mieter - etwa ein Fünftel - zahlten einen Baukostenzuschuß (in der Regel 20 Prozent eines Jahreseinkommens), um bei der Wohnungsvergabe berücksichtigt zu werden. Die Sozialwohnungen waren sehr klein, anfangs für eine vierköpfige Familie mit weniger als 50 Quadratmetern bemessen. Aber auch dies bedeutete meist einen räumlichen Zugewinn gegenüber dem vorherigen Wohnen in überfüllten Altbauquartieren oder behelfsmäßigen Unterkünften. Im Laufe der fünfziger Jahre erhöhte sich die durchschnittliche Quadratmeterzahl im Wohnungsbau stetig von etwa 55 Quadratmetern 1953 auf 70 Quadratmeter 1960 (bzw. von 53 auf 68 Quadratmeter im Sozialen Wohnungsbau), und seit Mitte des Jahrzehnts waren nicht mehr Drei-Raum-Wohnungen (Wohnungen mit drei Räumen einschließlich der Küche), sondern Vier-Raum-Wohnungen die Regel. Diese Raumausweitung konnte immer seltener im innerstädtischen Wohnungsbau realisiert werden. Nachdem die Großstädte bis zur Mitte der fünfziger Jahre wieder annähernd die Bevölkerungszahl der Vorkriegszeit (1939) erreicht hatten, verlagerte sich der Wohnungsbau an den Rand der städtischen Ballungszentren oder in gerade baulandmäßig erschlossene, zum Teil vormals landwirtschaftlich genutzte Regionen. Es wuchsen die "Schlafstädte" im Umkreis von bis zu einer Stunde Bahn- oder Autofahrt zur Innenstadt; während nach den Daten der Volkszählung 1950 etwa ein Sechstel der Bundesbürgerinnen und -bürger Berufspendler waren (das heißt in unterschiedlichen Orten arbeiteten und wohnten), registrierte die nächste Volkszählung 1961 bereits nahezu ein Drittel. Die Auflockerung und Gliederung in eine Art suburbane Stadtlandschaft und der allmähliche Wandel von deutlichen Stadt-Land-Kontrasten zu einem Stadt-Land-Kontinuum wurde seit der Mitte der fünfziger Jahre immer deutlicher erkennbar.

    Eine Wohnung oder sogar das Eigenheim im Grünen, von staatlicher Seite mit dem Zweiten Bundeswohnungsbaugesetz (1956) steuerlich massiv gefördert, avancierte zum erfüllbaren Traum. Ungefähr ein Viertel der Bevölkerung, vor allem auf dem Lande, besaß Anfang der fünfziger Jahre ein Eigenheim, zehn Jahre später, bei der amtlichen Einkommens- und Verbrauchsstichprobe 1962/63, hatte mehr als ein Drittel aller Haushalte Wohneigentum vorzuweisen; bei Selbständigen waren es 60 Prozent, bei Arbeitern, Angestellten und Beamten jeweils etwa 30 Prozent.

    Konsum

    Das mit den fünfziger Jahren häufig verbundene Bild vom schlemmenden Michel, dem Wohlstandsbürger, der von der "Freßwelle" zu immer feineren sonstigen Genüssen und Vergnügungen überging, ist unzutreffend. In den meisten westdeutschen Haushalten ging es noch lange sehr bescheiden zu. Die Löhne und Einkommen von 1950 entsprachen von der Kaufkraft her etwa denen der besten Jahre der Zwischenkriegszeit (1928 und 1938). Allerdings hatten Krieg und Nachkriegswirren sehr häufig zum Verlust von Hausrat und Einrichtungsgegenständen geführt, so daß es einen großen Nachholbedarf gab.

    Die ausgabefähigen Einkommen (das heißt sämtliche Einkommen abzüglich der Steuern und gesetzlichen Versicherungen) verdoppelten sich bei einem vierköpfigen Arbeitnehmerhaushalt (laut Statistischem Bundesamt) zwischen 1950 und 1960 auf monatlich 670 DM. Den größten Ausgabenposten bildeten die Nahrungsmittel, allerdings mit sinkendem Anteil (1950: 46 Prozent; 1960: 36 Prozent), während für Getränke und Tabakwaren 1960 relativ mehr ausgegeben wurde als ein Jahrzehnt zuvor.

    Da auch die Ausgaben für die Wohnung mit neun bis zehn Prozent während des gesamten Jahrzehnts stabil blieben - Ergebnis gesetzlicher Mietpreisbindungen und staatlicher Wohnungsbaupolitik - überwog nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes Ende der fünfziger Jahre erstmals der sogenannte "elastische" den sogenannten "starren Bedarf" (Nahrungsmittel, Wohnung, Heizung und Beleuchtung). Die Summe der - in engen Grenzen - wahlweise für verschiedene Zwecke einzusetzenden Ausgaben wuchs an, in vielen Haushalten eine völlig neue Erfahrung.

    Langlebige Gebrauchsgüter

    Aber noch auffälliger war in den fünfziger Jahren der steile Anstieg der Sparquote (Anteil des gesparten an der Summe des verfügbaren Einkommens), die sich im Laufe des Jahrzehnts in etwa verdreifachte und 1960 bei 8,7 Prozent lag; das Bausparen verzwölffachte sich sogar. Man könnte die fünfziger Jahre pointiert als Jahrzehnt des Sparens bezeichnen. Bewußt wurde in vielen Haushalten auf vieles verzichtet, was man sich mit dem gesteigerten Einkommen hätte leisten können. Es handelte sich aber nicht um Konsumverzicht, sondern um die Konzentration auf die wichtigsten Wünsche wie die Erlangung der Wohnung oder des eigenen Heims und die Anschaffung langlebiger Konsumgüter.

    Der Ausstattungsgrad mit solchen Gütern war in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre noch sehr niedrig. Nach einer Umfrage des Allensbacher Instituts für Demoskopie verfügten 1953 neun Prozent aller Haushalte über einen Kühlschrank und 26 Prozent über einen Staubsauger, 1962/63 waren es - laut Einkommens- und Verbrauchsstichproben des Statistischen Bundesamtes - 52 Prozent bzw. 65 Prozent. Und ähnlich verhielt es sich mit den Steigerungsraten vieler anderer Geräte, die zum größten Teil aber erst seit dem Ende der fünfziger Jahre angeschafft werden konnten.

    Vor allem der Kauf eines Personenkraftwagens, für viele Berufspendler unabdingbare Notwendigkeit oder attraktive Alternative zur Fahrt in überfüllten Vorortzügen, rückte nun erst für breitere Schichten in den Bereich des Möglichen. Während 1959 jeder vierte Angestellten- und Beamten- und sogar erst jeder achte Arbeiterhaushalt über ein eigenes Auto verfügte, besaß bereits drei Jahre später ein Drittel aller Arbeitnehmerhaushalte einen "fahrbaren Untersatz" - überwiegend einen erschwinglichen Kleinwagen. Obwohl sich die Zahl der zugelassenen Personenkraftwagen schon während der fünfziger Jahre verachtfacht hatte, stand Westdeutschland mit vier Millionen zugelassenen Fahrzeugen 1960 erst am Beginn eines Automobil-Booms.

    Sehr weit entfernt scheinen uns die fünfziger Jahre hinsichtlich des geringen Ausstattungsgrades mit einem heute obligatorischen Kommunikationsmedium zu sein, denn 1960 gab es erst in 14 Prozent aller Haushalte ein Telefon.

    Lebensstil und Freizeit

    In allen Untersuchungen zur Freizeit in den fünfziger Jahren wurde als auffälligster Grundzug die ausgeprägte Häuslichkeit und das Beisammensein innerhalb der Familie betont. Der private Rückzug prägte nicht nur den werktäglichen Feierabend, sondern auch das lange Wochenende. Arbeit in Haus und Garten, die Lektüre der Tageszeitung und das Radio bildeten das Zentrum der Freizeit.

    Die Verstärkung nachbarlicher Bindungen, welche die Soziologen und Städteplaner sich von den Siedlungen des sozialen Wohnungsbaus erhofft hatten, wollte sich nicht einstellen, und auch in den neuen Eigenheimvierteln der Vor- und Satellitenstädte lebten die meisten Familien eher für sich. Für den besonders ausgeprägten Hang zum Familiären und Privaten gab es verschiedene Gründe. Vor allem ist der sehr lange Arbeitstag (Arbeitszeit plus Arbeitswegzeit) anzuführen. Wer zwischen sechs und sieben Uhr morgens aufstand und zwischen 18 und 19 Uhr abends nach Hause zurückkehrte - dies sind die Mitte der fünfziger Jahre ermittelten Durchschnittswerte für die erwerbstätige Bevölkerung - der suchte zunächst einmal Ruhe. Außerdem lag die Trennung vieler Familien durch die Abwesenheit des Vaters als Soldat und in der Gefangenschaft, der Söhne und Töchter durch die Evakuierung im Krieg, durch Ausbombung und Wohnungsnot noch nicht lange zurück.

    Das Anwachsen des Wohlstands und der zur Verfügung stehenden Freizeit änderte zunächst wenig an der vorherrschenden Häuslichkeit, die durch steigenden Komfort immer attraktiver wurde, nicht zuletzt durch die Ausstattung mit elektronischen Massenmedien.

    Die wichtigste außerhäusliche Unternehmung bildete für einen kleineren Teil der Bevölkerung der Sport. Etwa ein Viertel betätigte sich regelmäßig oder gelegentlich sportlich. Die Mitgliederzahl der Sportvereine erhöhte sich von vier Millionen (1954) auf 4,8 Millionen (1959). Etwa 40 Prozent davon waren Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren. Der Vereinssport stellte in den fünfziger Jahren eine männliche Domäne dar. Nur etwa ein Siebtel der erwachsenen Mitglieder waren Frauen.

    Die fünfziger Jahre gelten als das deutsche Kinojahrzehnt. Allerdings hatte die Zahl der Kinobesuche mit 490 Millionen (das heißt etwa zehn je Einwohner) 1950 noch längst nicht den im Zweiten Weltkrieg bereits erreichten Höchststand eingeholt. In der ersten Hälfte der fünfziger Jahre erfolgte allerdings eine rasche Zunahme auf etwa 820 Millionen (= 15,6 Kinobesuche je Einwohner) 1956. Danach ging die Zahl der Kinobesuche allmählich wieder unter den Stand von 1950 zurück.

    Schließlich soll als besonderes außerhäusliches Ereignis der Kirchgang - gewöhnlich am Sonntagvormittag - erwähnt werden, der während der fünfziger Jahre, entgegen dramatischen Klagen über eine fortschreitende Verweltlichung der Gesellschaft, gleichbleibend hoch blieb. Über die Hälfte der Katholiken und etwa ein Siebtel der Protestanten zählten zu den regelmäßigen Kirchgängern. Bei der traditionell höheren Gottesdienstaktivität der Katholiken muß zudem bedacht werden, daß sie eher in kleineren Ortschaften lebten, wo der sonntägliche Kirchgang stärker zum Lebensrhythmus der Bevölkerung gehörte als in der Stadt. Erst seit Mitte der sechziger Jahre verringerte sich die Zahl der Gottesdienstbesuche zuerst langsam, dann sehr rasch, Anzeichen eines Bruchs im kirchlichen Verhalten zwischen den Generationen.

    Anfänge des Massentourismus

    Zum häuslich geprägten Familien- und Privatleben, einem ruhigen Feierabend und unspektakulären Wochenende paßte der noch sehr geringe Stand des Tourismus - entgegen dem verbreiteten Bild vom deutschen Italienurlauber, das als typisch für die fünfziger Jahre assoziiert wird.

    Die Urlaubsdauer war kurz und wurde nur unwesentlich ausgeweitet, weil die Verringerung der Wochenarbeitszeit Vorrang hatte. Erst 1963 kam es zu einer bundesgesetzlichen Regelung des Mindesturlaubs: 15 Tage bis zur Vollendung des 35. Lebensjahres, danach 18 Tage Urlaub im Jahr. Eine Urlaubsreise unternahm zu Beginn der fünfziger Jahre etwa ein Fünftel, Mitte des Jahrzehnts ein Viertel und 1960 ein Drittel der westdeutschen Bevölkerung (aber nur ein Viertel der Arbeiterhaushalte).

    Quellentext

    Kaufkraft und Arbeitszeit

    Anfang 1950 mußte ein Industriearbeiter noch 22 Stunden und 37 Minuten arbeiten, um sich für seinen Lohn ein Kilogramm Bohnenkaffee kaufen zu können. Für ein Kilo Kotelett rackerte er vier Stunden und 35 Minuten, für ein Kilo Butter vier Stunden 13 Minuten, für ein Kilo Margarine zwei Stunden, für ein Kilo Zucker fast eine Stunde und für ein Kilo Mischbrot 23 Minuten. Auch andere Konsumgüter des täglichen Bedarfs waren, in Arbeitszeit ausgedrückt, recht teuer. Ein Herrenoberhemd zum Beispiel kostete mehr als einen Tageslohn, für ein paar Schuhe mußte der Durchschnittsverdiener den Arbeitslohn von zwei Tagen aufwenden, für ein Rundfunkgerät sogar 15 Tagewerke zu je acht Stunden. Ein Leichtmotorrad war für den Lohn von 56,5 Arbeitstagen fast unerschwinglich.

    Als das bewegte Jahrzehnt zu Ende ging, hatte sich inzwischen die Kaufkraft des Arbeitsentgeltes durch kräftige Lohnerhöhungen und eine maßvolle Preispolitik so verbessert, daß der durchschnittliche Industriearbeiter schon nach 6,25 Stunden ein Kilo Kaffee verdient hatte. Das Kilo Kotelett war ihm nach zwei Stunden und 25 Minuten Arbeit sicher, das Kilo Butter nach zwei Stunden und 19 Minuten, das Kilo Margarine nach 47 Minuten, das Kilo Zucker nach 26 und das Kilo Mischbrot nach 18 Minuten.

    Ein Herrenoberhemd kostete ihn 1959 nur noch fünf Stunden und 14 Minuten Arbeitszeit, ein Paar Schuhe noch zehn Stunden und 42 Minuten, ein Rundfunkgerät vom Typ Super 13,5 Tage und ein Leichtmotorrad gut 21 Tage harter Arbeit. Für einen Volkswagen hätte er 1950 den Lohn für 493 Tage hergeben müssen. 1960 bekam er den "Käfer" für das Arbeitsentgelt von 174 Tagen. Im Durchschnitt konnte der Industriearbeiter Ende der fünfziger Jahre für seine Arbeitsleistung doppelt soviel Konsumgüter kaufen wie zu Beginn des Jahrzehnts.

    1950 1959

    1 kg Bohnenkaffee 22 h 37 min. 6 h 15 min.

    1 kg Kotelett 4 h 35 min. 2 h 25 min.

    1 kg Butter 4 h 13 min. 2 h 19 min.

    1 kg Margarine 2 h 47 min.

    1 kg Zucker 1 h 26 min.

    1 kg Mischbrot 23 min. 18 min.

    Herrenoberhemd 9 h 5 h 14 min.

    Schuhe 2 Arbeitst. 10 h 42 min.

    Rundfunkgerät 15 Arbeitst. 13,5 Arbeitst.

    Leichtmotorrad 56,5 Arbeitst. 21 Arbeitst.

    Volkswagen 493 Arbeitst. 174 Arbeitst.



    Dieter Franck (Hg.), Die fünfziger Jahre, München 1981, S. 56f.

    Beim Tourismus handelte es sich zudem noch kaum um Urlaubsreisen ins Ausland - Mitte der fünfziger Jahre besaß überhaupt erst ein Fünftel der Bundesbürger einen Reisepaß, damals in der Regel Voraussetzung für einen Grenzübertritt. Auch 1960 reiste erst jeder dritte Tourist, also jeder zehnte Einwohner, ins Ausland. Abgesehen von Italien handelte es sich dabei überwiegend um die deutschsprachigen Nachbarländer, vor allem Österreich, wo die Sprache verstanden wurde und man sich heimisch fühlen konnte.

    Seit dem letzten Drittel der fünfziger Jahre modernisierte sich der Massentourismus dann zusehends. Bis 1957 benutzte die Mehrheit der Urlaubsreisenden die Eisenbahn, ein Viertel den Personenkraftwagen. Bis zur Mitte der sechziger Jahre hatte sich dieses Verhältnis umgekehrt. Und während Mitte der fünfziger Jahre noch fast die Hälfte der Touristen bei Verwandten unterkam, waren es Anfang der sechziger Jahre weniger als ein Drittel. Die anderen zwei Drittel machten in Pensionen und Hotels Urlaub oder pflegten die aufkommende Camping-Kultur, deren Basis die individuelle Reise mit dem Auto oder mindestens mit dem Motorrad war. Die zunehmende Motorisierung war auch der Grund für die steigende Entfernung der Reiseziele.

    Massenmedien

    Die fünfziger Jahre waren der Höhepunkt des Radiozeitalters und zugleich der Beginn des Fernsehzeitalters in der Bundesrepublik.

    Der Siegeszug des Hörfunks hatte zwar schon in den zwanziger Jahren begonnen, und am Vorabend des Zweiten Weltkriegs verfügten bereits zwei Drittel aller deutschen Haushalte über einen Rundfunkapparat. Aber die beinahe restlose Versorgung der Bevölkerung mit diesem Medium vollzog sich in den fünfziger Jahren.

    Das Rundfunkgerät stellte das ideale Mittel dar, die Häuslichkeit attraktiv zu gestalten und bildete das Zentrum des Feierabend- und Wochenendgeschehens. Eindeutiger Spitzenreiter in der Hörergunst waren unterhaltende Sendungen, besonders sogenannte Bunte Abende mit leichter Musik, einigen kabarettistischen Einlagen und Ratespielen sowie leicht faßliche Hörspiele mit heiterer und kriminalistischer Note. Unterhaltungsmusik aller Art war gefragt, von der Operette bis zur Marschmusik, von den leichten Weisen der sendereigenen Orchester bis zur deutschen Schlagerparade, die es schon Anfang der fünfziger Jahre gab. Verpönt war beim Publikum lediglich der Jazz, der nur eine Minderheit jugendlicher Liebhaber fand - ein Indiz für die Ähnlichkeit geschmacklicher Vorlieben der dreißiger und der fünfziger Jahre.

    Am Ende der fünfziger Jahre gingen die Einschaltquoten, vor allem abendlicher Sendungen, und die durchschnittliche tägliche Hördauer deutlich zurück (von drei auf zwei Stunden), eine Folge vor allem der beginnenden Massenverbreitung des Fernsehens (ab 1954), dessen Angebot von Sendungen der 1950 gegründeten ARD (Arbeitsgemeinschaft der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten der Bundesrepublik Deutschland) gestaltet wurde. Im Oktober 1957 wurde das millionste Gerät angemeldet, zwei Jahre später hatte sich die Zahl der Teilnehmer verdreifacht, und 1960 verfügte ein Viertel aller Haushalte über das neue Medium.

    Das Fernsehen brach nicht plötzlich in die Familien ein und verdrängte dort Eigenaktivitäten wie das Lesen oder die Hausmusik - auch wenn es manche kulturpessimistischen Kritiker so sahen. Tatsächlich ersetzte das neue Medium vor allem das Radio in der hauptsächlichen Sendezeit am Abend. Durch das Fernsehen gingen nicht die Auflagen der Illustrierten, Zeitungen, Zeitschriften und Bücher zurück, auch nicht die Besuchszahlen von Konzerten, Theateraufführungen oder Ausstellungen. Einbußen erlebten allerdings Gastwirtschaften, der Stadionbesuch beim Fußball, wenn das Spiel im Fernsehen übertragen wurde, und vor allem das Kino. Insofern verstärkte das Fernsehen die ohnehin dominierende Häuslichkeit in der Familie. Dies galt insbesondere auf dem Lande und unter Arbeitern, für die die Anschaffung des Geräts mit den größten finanziellen Anstrengungen verbunden gewesen war und denen auch sonst in ihrer Freizeit wenig attraktive Alternativen zur Verfügung standen.

    Dem Radio blieb im übrigen durchaus noch ein wichtiger Platz, zumal das Fernsehen noch keine 24-Stunden-Veranstaltung war. Im letzten Drittel der fünfziger Jahre war zwar mit regionalen Programmen die vorabendliche Lücke zwischen einem in der Regel einstündigen Nachmittagsprogramm für Frauen und Kinder und der "Tagesschau" als Beginn des Abendprogramms geschlossen worden. Aber der Vormittag, Mittag und spätere Abend waren noch weitgehend fernsehfrei. Für das abendliche Programm des ARD-Fernsehens gab es jedoch zunächst keine Konkurrenz. Die Fernsehgesellschaft hatte begonnen.
    1|2|3|4|5|6|7 Auf einer Seite lesen