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Deutschland in den 50er Jahren

24.12.2002 | Von:

Wirtschaft in beiden deutschen Staaten (Teil 2)

Wirtschaftliche Entwicklung und Lebenslage in der DDR

Neue Eigentumsordnung

In der DDR wurden in den fünfziger Jahren die grundlegenden Strukturen eines neuen politischen Ordnungssystems errichtet. Die SED erhob den Anspruch, die kommunistische Utopie sozialer Gerechtigkeit und Gleichheit zu verwirklichen. Damit war das Ziel verbunden, ein gesellschaftliches System zu planen und die darin ablaufenden Entwicklungsprozesse zu beherrschen. Wichtiger Bestandteil der Utopie war, eine Wirtschaftsentwicklung ohne Krisen und Arbeitslosigkeit zu ermöglichen. Grundlage hierfür war die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln und, damit verbunden, die Beseitigung der Trennung zwischen Politik und Ökonomie. Gemäß dieser Vorstellung dominierte in der Eigentumsordnung der DDR schon zu Beginn der fünfziger Jahre die staatliche Verfügungsgewalt über die Produktionsmittel. Der Anteil der staatlichen Wirtschaft am Nationaleinkommen (Nettoprodukt) lag 1950 bei mehr als 50 Prozent. Bis zum Ende der fünfziger Jahre wurde die staatliche Verfügungsgewalt weiter ausgedehnt, so daß 1960 der Anteil fast 90 Prozent betrug. Die private Eigentumsform war damit im ersten Jahrzehnt der DDR zu einer Randerscheinung geworden.

Die Veränderung der Eigentumsordnung bedingte zugleich große Wandlungsprozesse in der Sozialstruktur der ostdeutschen Bevölkerung. Der selbständige Bauer oder Handwerker wurde zum Genossenschaftsmitglied, der Arbeiter zum Angehörigen einer Arbeitsbrigade, der Privateigentümer verlor seinen Besitz. Die damit verbundenen sozialen Verdrängungen und Abstiege wurden vielfach mit der Abwanderung in den Westen beantwortet. Gerade die Bevölkerungsverluste durch die Westabwanderung verstärkten in der DDR-Gesellschaft die durch den Krieg und die Nachkriegszeit schon bestehenden Verwerfungen in der Bevölkerungs- und Sozialstruktur noch weiter. Insgesamt verließen zwischen 1950 und dem Mauerbau 1961 rund 3,1 Millionen Menschen die DDR.

Versorgungsmängel

Eines der Wohlstandsversprechen der SED-Führung lautete in den fünfziger Jahren: "So wie wir heute arbeiten, werden wir morgen leben". Von der Bevölkerung wurde auf diese Weise ein Konsumverzicht verlangt, der angesichts des seit 1948 einsetzenden westdeutschen "Wirtschaftswunders" zu einem tiefen Interessenkonflikt im Osten Deutschlands führte. Zudem konnten die DDR-Verbraucher bis zum Mauerbau den West-Ost-Vergleich durch einen Besuch in Westdeutschland oder eine S-Bahnfahrt in Berlin noch selbst durchführen. Das Ergebnis solcher Konsumvergleiche "vor Ort" ließ berechtigte Zweifel an den Fähigkeiten des planwirtschaftlichen Systems der DDR aufkommen.

Es gab frühzeitig von seiten der SED den Versuch, dieser Entwicklung entgegenzuwirken. Einmal wurden die schon im 19. Jahrhundert entstandenen Interessengemeinschaften der Verbraucher, die Konsumgenossenschaften (KG), wieder zum Leben erweckt, nachdem sie während des Krieges aufgelöst worden waren. Sie sollten hauptsächlich die Versorgung der Bevölkerung auf dem Land mit Konsumgütern absichern helfen. Eine besondere Rolle spielten die Läden der 1948 gegründeten staatlichen Handelsorganisation (HO). Die HO-Läden sahen für östliche Verhältnisse sehr westlich aus und galten als der "kleine Westen im Osten". In ihnen wurden rationierte Waren frei verkauft und für damalige Verhältnisse im "Überfluß" angeboten. Jedoch waren die angebotenen Erzeugnisse anfangs stark überteuert. Mit der HO schuf die SED neben der Rationierungswirtschaft ein zweites Verkaufssystem, auf dessen Basis die Kaufkraft der besserverdienenden Schichten abgeschöpft werden sollte. Von Anfang an zeigte sich hier ein gravierender Widerspruch in der Konsumpolitik der DDR, die auf der einen Seite die gleichmäßige Verteilung des Wohlstandes unter alle Mitglieder der Gesellschaft propagierte, und im Gegenzug mit den HO-Läden ein staatlich verordnetes Zweiklassensystem von Käufern schuf.

Anfang der fünfziger Jahre war der Westen jedoch noch nicht der alles bestimmende Vergleichsmaßstab in der Bevölkerung. Vielmehr wurde das Denken zu diesem Zeitpunkt durch Vorstellungen über den Lebensstandard der Vorkriegszeit beeinflußt. Der Blick nach Westen kam erst in zweiter Linie zum Tragen. Immerhin hatten die Rationierungen, Ernährungs- und Versorgungskrisen, die Wohnraumknappheit, der Zusammenbruch eines sozialen Wertesystems und das Empfinden eines sozialen Abstieges während des Krieges und in der unmittelbaren Nachkriegszeit tiefe Spuren im Gedächtnis der Bevölkerung hinterlassen. Die Erwartungshaltungen waren weit nach unten geschraubt. Jede Verbesserung der Lebenslage wurde dankbar als Rückkehr in die "friedensmäßige" Versorgung der Vorkriegszeit angesehen. Je deutlicher sich jedoch die Versorgungssituation der Bevölkerung im Westen zu verbessern begann und eine jüngere Generation mit anderen Wertvorstellungen heranwuchs, um so mehr verschob sich der Vergleichsmaßstab im Verlauf der fünfziger Jahre in Richtung Westen. Das Wohlstandsniveau Westdeutschlands wurde zum eigentlichen Gradmesser, zum "Maß für die eigene Unzufriedenheit".

Langer Abschied von der Lebensmittelkarte

Mit Blick auf die Entwicklung in Westdeutschland hatte die SED-Führung noch 1951 - ungeachtet der schwierigen Wirtschaftslage - im Gesetz des 1. Fünfjahrplanes (1951-55) die Aufhebung der Lebensmittelrationierung für das Jahr 1953 vorgesehen. Doch mit der Verkündung des Aufbaus des Sozialismus im Sommer 1952 vollzog die SED-Spitze einen radikalen wirtschaftspolitischen Kurswechsel, der eine Aufhebung der Lebensmittelrationierungen in weite Ferne rücken ließ. Als Folge der Aufbau-Entscheidung sank 1952/53 der Lebensstandard der Bevölkerung unter das Niveau des Jahres 1947. Die Lücken im Warenangebot wurden noch größer, Stromabschaltungen häuften sich wieder, die Situation des Transportwesens erreichte einen kritischen Punkt. Hinzu kamen Lohneinbußen, Normerhöhungen und Preissteigerungen. Eine große Unzufriedenheit machte sich in der Bevölkerung breit, die zum Aufstand am 17. Juni 1953 führte. Danach vermied es die Parteiführung tunlichst, eine soziale Unzufriedenheit unter der Bevölkerung über das noch beherrschbare Maß hinaus aufkommen zu lassen. Um die Lage zu stabilisieren kam es 1953/54 kurzfristig zu weitreichenden Mittelumverteilungen in den konsumtiven Bereich und zu beachtlichen Preissenkungen. Seit dieser Zeit galt für die SED-Führung bis zum Ende der DDR die Regel, weder in den Preisen noch in den Arbeitsnormen noch in der Lohnstruktur abrupte Veränderungen vorzunehmen.

Das Rationierungssystem mußte allein schon aus politischen Gründen aufrechterhalten werden, um weiterhin über ein direktes und wirksames Regulierungsinstrument für den privaten Konsum der Bevölkerung zu verfügen. Zugleich sicherte die Rationierung der Bevölkerung ein Mindestmaß an Zuteilung bestimmter knapper Güter und ermöglichte, daß die weiterhin bestehenden Versorgungsengpässe beherrschbar blieben. Insgesamt funktionierte das Rationierungssystem jedoch nicht mehr als ein System der gerechten Verteilung von Mangelwaren, sondern als Teil eines Preisregulierungssystems. Durch mehrfache Preissenkungen bei den bewußt überteuerten HO-Waren wurde eine Annäherung und letztlich eine Verschmelzung der beiden staatlich gesteuerten Preisebenen (Karten- und HO-Preise) angestrebt. Das Instrument der Preissenkung zur Beeinflussung des privaten Konsums wurde aber - noch dazu bei offener Grenze und starker Westmark - gegen Mitte der fünfziger Jahre zusehends unbrauchbarer.

Zu diesem Zeitpunkt war der Westen Deutschlands der eigentliche Gradmesser für die Lebenslage der DDR-Bevölkerung geworden. Das erkannte schließlich auch die SED-Führung und verkündete im Juli 1958 die "ökonomische Hauptaufgabe", Westdeutschland bis 1961 im Pro-Kopf-Verbrauch aller wichtigen Lebensmittel und Konsumgüter zu überholen. Schon aus Gründen der Glaubwürdigkeit war es deshalb im Vorfeld notwendig geworden, die letzten Relikte des Rationierungssystems abzuschaffen. Damit endete am 29. Mai 1958 eine seit dem 27. August 1939 andauernde ununterbrochene Periode der Lebensmittelrationierung. Die endgültige Aufhebung der Rationierung traf jedoch nicht auf die uneingeschränkte Zustimmung der Bevölkerung, da die neuen Preise etwas über den Kartenpreisen lagen. Die Wogen der Unzufriedenheit in der Bevölkerung glätteten sich aber, als den schlechter Verdienenden die entstandenen Mehrbelastungen finanziell ausgeglichen wurden.