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Deutschland in den 50er Jahren

24.12.2002 | Von:

Wirtschaft in beiden deutschen Staaten (Teil 2)

Wirtschaftliche Entwicklung und Lebenslage in der DDR

Lebenslage

Gemessen am Nahrungsmittel- und Güterverbrauch hatte sich die Lebenslage der Bevölkerung seit der Gründung der DDR deutlich verbessert. Im Bereich der Grundnahrungsmittel konnte das Verbraucherniveau der Vorkriegszeit (1936) wieder erreicht bzw. überschritten werden.

Am Ende der fünfziger Jahre zeigte sich - wenn auch in viel geringerem Umfang - eine ähnliche Veränderung im Verbraucherverhalten der Bevölkerung wie im Westen

Deutschlands. Die Anschaffung langlebiger technischer Konsumgüter wie Waschmaschinen, Kühlschränke, Fernsehempfänger, Personenkraftwagen und Motorräder spielte eine zunehmende Rolle. Die Motive für die Arbeitsleistungen der Menschen in Ost und West stimmten zu diesem Zeitpunkt noch weitgehend überein.

In der Regierung wurde, mit besorgtem Blick auf die Bedarfsdeckung, der größer werdende Kaufkraftüberhang und das Zwecksparen auf hochwertige Konsumgüter aufgrund der inflationären Tendenzen mißtrauisch beobachtet. Immerhin waren die Spareinlagen bei den Kreditinstituten der DDR zwischen 1950 und 1961 auf das über 15fache angewachsen. Auch die Nettogeldeinnahmen eines durchschnittlichen Arbeiter- und Bauernhaushaltes verdoppelten sich von 1949 bis 1960. Doch sowohl bei Nahrungsmitteln als auch bei Konsumgütern bedeutete die rasch wachsende Kaufkraft der DDR-Bevölkerung im Verlauf der fünfziger Jahre, daß die Möglichkeiten der staatlichen Bedarfsdeckung trotz eines zunehmenden Handelsvolumens oftmals überschritten wurden. Zusätzlich hatte die Kollektivierung zu Engpässen in der Lebensmittelversorgung geführt.

Schwer lastete die ungenügende Ausstattung mit Wohnraum auf der Bevölkerung. Wohnungen waren Mangelware erster Ordnung. Zwar wuchs die Zahl der Wohnungen von 1950 bis 1961 absolut um etwa 500000 an, doch eine Entlastung bedeutete dieser Zuwachs keinesfalls, da die Zahl der wegen Baufälligkeit gesperrten Wohnungen etwa der Zahl der neugebauten und instandgesetzten Wohnungen entsprach. Erst in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre begann die Zahl der neugebauten Wohnungen erkennbar zuzunehmen. Am Ende der fünfziger Jahre resultierte außerdem die Verbesserung der Versorgung der Bevölkerung mit Wohnraum zu etwa 50 Prozent aus der Westabwanderung. In der Gesamtsicht blieb der Wohnungsneubau jedoch auf einige größere Städte wie OstBerlin und den Werkswohnungsbau der neuerrichteten Industriestandorte (Eisenhüttenstadt oder Neu-Hoyerswerda) beschränkt. Die Vernachlässigung des Wohnungsbaus in der DDR wird noch deutlicher, wenn die Entwicklung in der Bundesrepublik zum Vergleich herangezogen wird. Dort hatte die Bundesregierung 1950 den Bau von 1,8 Millionen Wohnungen bis 1965 vorgesehen, gebaut wurden 3,1 Millionen.

Während im Bereich des Konsums - abgesehen von den deutlichen Niveauunterschieden - im wesentlichen die westdeutsche Entwicklung nachempfunden wurde, gelang es der SED-Führung bei der medizinischen Versorgung und Kinderbetreuung schon in den fünfziger Jahren eigene Wege gegenüber Westdeutschland zu gehen. Die durch den Krieg und die Nachkriegszeit entstandenen gesundheitlichen Beeinträchtigungen begannen sich vielfach bereits in den fünfziger Jahren ernsthaft auszuwirken. Die jahrelange Mangel- und Fehlernährung erhöhte die Infektionsanfälligkeit der Bevölkerung. Krankheiten wie die Tuberkulose breiteten sich aus. Andererseits blieben schleichende Krankheiten wie die Zuckerkrankheit oder Bluthochdruck oftmals über Jahre unerkannt.

Die Zusicherung einer unentgeltlichen, allgemein zugänglichen medizinischen und sozialen Betreuung fand deshalb bei der Bevölkerung Anerkennung und wurde hoch bewertet. Den Ausbau der medizinischen Betreuung in bis dahin unterversorgten ländlichen Gebieten durch Landambulatorien und Gemeindeschwesternstationen, die zahnmedizinische Versorgung, den Aufbau des Impfwesens, den prophylaktischen Gesundheitsdienst und die Kinderbetreuung empfanden breite Kreise der Bevölkerung als eine Verbesserung ihrer Lebenslage.

Neue Städte

Wenige Monate nach der Gründung der DDR erließ die Regierung ein "Aufbaugesetz" (1950). Wie und nach welchem städtebaulichen Leitbild gebaut werden sollte, wurde in den "Sechzehn Grundsätzen des Städtebaus" festgeschrieben. Die Maxime lautete: "National, schön und großzügig". Zu den markantesten Beispielen und zugleich wichtigsten Bauvorhaben der ersten Aufbauphase bis 1955 zählte die Stalinallee in Ost-Berlin (später Karl-Marx-Allee) und der Aufbau der Wohnstadt "Stalinstadt" (später Eisenhüttenstadt) des Eisenhüttenkombinates/Ost.

Im Vergleich dazu wurde in der Bundesrepublik seit 1950 mit einer "Politik des konzentrierten Mitteleinsatzes" ein umfangreicher Wohnungsbau praktiziert, der die hohe Erwartungshaltung der Bevölkerung erfüllte und maßgeblich zum Mythos des sogenannten "Aufbauwunders" beitrug. Die DDR schwenkte nach 1955 in eine ähnliche baupolitische Richtung. Ohne öffentliche Auseinandersetzung wurden die "Sechzehn Grundsätze" stillschweigend aufgegeben und durch das Motto "Besser, billiger und schneller bauen" ersetzt. Die westdeutschen Erfolge im Wohnungsbau, eine unbefriedigte Erwartungshaltung in der eigenen Bevölkerung und das sowjetische Bekenntnis zu einem modernen industrialisierten Wohnungsbau ohne "Zuckerbäckerei und Fassadenkosmetik" (1954) sorgten im wesentlichen bei der SED-Führung für die Revision ihres städtebaulichen Leitbildes.

Auf der "1. Baukonferenz" im April 1955 wurde die "Industrialisierung und Typisierung" des Bauwesens beschlossen. Das Zauberwort hieß nun Großplattenbauweise (Fertigbauweise). Ab 1957 begann mit dem Aufbau der Wohnstadt Neu-Hoyerswerda für das Braunkohleverarbeitungswerk "Schwarze Pumpe" der erste Großversuch, eine ganze Stadt in Plattenbauweise zu errichten. Wie im Westen entstanden nun Stadtentwicklungspläne, in denen der Wohnungsbau in Form neuer Trabantensiedlungen verwirklicht werden sollte. Der Siebenjahrplan von 1959 versprach, daß auf der Grundlage der Fertigbauweise bis 1965 jeder eine Wohnung haben würde. Dieses Versprechen konnte nicht eingelöst werden und Anfang der Siebziger kündigte die SED-Führung noch einmal die Lösung der Wohnungsfrage an, diesmal für das Jahr 1990.

Die Kehrseite dieser Entwicklung war eine Vernachlässigung der Innenstädte und die Festlegung einer Hierarchie der Städte. Letztere orientierte den Städtebau nicht auf den Zerstörungsgrad, sondern auf die Bedeutung der jeweiligen Stadt im Rahmen des wirtschaftlichen Aufbaus. Von Anfang an wurde hierbei Ost-Berlin aufgrund seiner "Schaufensterfunktion" zu West-Berlin und der Rolle als Hauptstadt der DDR zum Dreh- und Angelpunkt der Städtebaupolitik. Nicht zuletzt deshalb blieb auch der Versuch, Ende der fünfziger Jahre die letzten Kriegsschäden in den Zentren der Bezirksstädte zu tilgen, halbherzig, und die Spuren des Zweiten Weltkriegs prägten bis zum Ende der DDR die Stadtbilder.