Deutschland in den 50er Jahren
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An der Schwelle zum nächsten Jahrzehnt


27.12.2002
Für die BRD waren die fünfziger Jahre die Zeit der beginnenden Wendung zum Westen: Umfassende politisch, gesellschaftliche und kulturelle Veränderungen zeigen ein insgesamt äußerst dynamisches Jahrzehnt.

Parting West German Chancellor Konrad Adenauer, right, says goodby with a handshake to his predecessor Ludwig Ehrhardt, in the Palais Schaumburg, West Germany, October 17, 1963 during his farewell visit to Bonn. (AP Photo)Ludwig Erhard (links) und Konrad Adenauer 1963. (© AP)

Auf dem Weg in die westliche Staatenwelt



Für die Bundesrepublik Deutschland waren die fünfziger Jahre die Zeit der beginnenden politischen, wirtschaftlichen und schließlich auch kulturellen Wendung zum Westen. Die Einrichtung und wachsende Akzeptanz der parlamentarischen Demokratie, die überaus erfolgreiche Eingliederung in die westliche Weltwirtschaft, der sozialhistorisch geradezu revolutionäre und in einem kurzen Zeitraum sich vollziehende Wandel von der Armut der Nachkriegszeit zu ersten Konturen ungewohnten Massenkonsums, der tiefgreifende Strukturwandel zu einer noch stärker industriell geprägten und in neuer Form urbanisierten Gesellschaft zeigen ein insgesamt äußerst dynamisches Jahrzehnt.

Diese Erfolge der Bundesrepublik in ihrem ersten Jahrzehnt sind nicht zu bezweifeln, aber es war keine widerspruchsfreie und konfliktlose Zeit. In der Konkurrenz mit der DDR hob sich das westliche Deutschland zwar immer deutlicher als zugleich wirtschaftlich und sozialpolitisch erfolgreiches und demokratisches Modell ab. Aber die Bundesrepublik entstand als Gesellschaft auch nicht aus dem Nichts. Die fünfziger Jahre waren ein Zeitraum, in dem noch starke Kontinuitäten aus der Zeit vor 1933 und auch aus dem Dritten Reich spürbar waren, sowohl bei den Führungskräften in Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft (relativ am wenigsten in den großen politischen Parteien) wie in der Bevölkerung insgesamt. Dies umschloß für einen Teil der Bundesbürger autoritäre, politikferne, staatsgläubige und antiliberale Wertmuster, Mentalitäten und Einstellungen, die erst allmählich, mit dem Wechsel der Generationen, abschmolzen. Besonders der aus heutiger Sicht problematische Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in den frühen fünfziger Jahren zeigt dies deutlich.

Auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges dominierten stark kontrastierende Freund-Feind-Bilder, die vor allem den Auseinandersetzungen um deutsche Einheit, Westintegration und um die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik stellenweise ein dramatisches Gepräge verliehen. Aber mit der allmählichen globalen Entspannung und der wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung begann sich auch die politische Kultur zu pluralisieren. Die Bundesrepublik hatte Ende der fünfziger Jahre einen eigenständigen Platz in der Reihe der anderen westlichen Demokratien gefunden.