Japan 255
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Wirtschaftliche Strukturen


5.4.2002
Die Entwicklung der wirtschaftlichen Strukturen Japans wird für verschiedene Zeitabschnitte detailliert dargestellt. Diese Entwicklungen werden mit Quellentexten und Grafiken veranschaulicht.

Ölraffinerie in Kawasaki, Japan.Ölraffinerie in Kawasaki, Japan. (© picture-alliance/AP)

Entwicklung



Die Ausgangssituation für den wirtschaftlichen Aufbau Japans nach dem Krieg war äußerst schwierig. Die Industrieanlagen waren weitgehend zerstört, die industrielle Erzeugung war auf weniger als ein Drittel, die landwirtschaftliche Produktion auf zwei Drittel des Vorkriegsvolumens gefallen, und überdies war Japan von der Zufuhr von außen, das heißt vor allem von Rohstoffen aus den zuvor besetzten Ländern abgeschnitten. Die Folgen waren Engpässe in der Energieversorgung, Hunger und Millionen von Menschen, die aus der Armee und den zuvor besetzten Ländern auf den heimischen Arbeitsmarkt zurückdrängten.

1945-1973

WirtschaftsleistungWirtschaftsleistung
Die amerikanische Besatzungsmacht unternahm schnell drei grundlegende Reformen, die die Demokratisierung und Befriedung Japans vorantreiben sollten:
  • Die großen Firmenkonglomerate, die die militärische Aufrüstung Japans mitbetrieben hatten, die zaibatsu, wurden zerschlagen.

  • Eine Landreform verhalf den bisherigen Pächtern zum Besitz der von ihnen bearbeiteten Flächen.

  • Drei Gesetze wurden erlassen, die die Arbeitsbeziehungen relativ demokratisch regelten, darunter erstmalig ein Gewerkschaftsgesetz. Mit dem Beginn des Kalten Krieges wurde Japans Wiederaufbau noch entschiedener unterstützt, um so einen starken Partner im Osten zu gewinnen. Der Koreakrieg, der 1950 begann, belebte die gesamte Weltwirtschaft und Japan profitierte als Nachschubbasis für die Truppen von dem Nachfrageboom besonders stark. Bereits Anfang der fünfziger Jahre hatte Japan seinen quantitativen Produktionsrückgang aufgeholt, in technischer Hinsicht war es jedoch dem Westen noch weit unterlegen. Der Aufbau einer wettbewerbsfähigen Wirtschaft - aber ohne militärische Macht - wurde zum unausgesprochenen nationalen Leitbild.

    Hierfür wurden ausgewählte Industrien gezielt gefördert. Zu Beginn die Energie-, Schwer- und Grundstoffgüterindustrie (Chemie, Eisen- und Stahlindustrie, Schiffbau, Automobilbau), später kam die Elektronikindustrie hinzu. Die Förderung der ausgewählten Industriezweige enthielt neben Subventionen und Steuervorteilen den gezielten Import von Technologien und Gütern, über die Japan bis dato nicht selbst verfügte. Gleichzeitig wurden Schutzzölle und Importquoten für solche Güter erhoben, die die japanische Industrie selbst produzierte, so daß sie quasi vor dem internationalen Wettbewerb geschützt waren.

    Der Anteil dieser Industriepolitik und des MITI (Ministry of International Trade and Industry, das japanische Ministerium für Handel und Industrie) am Wirtschaftserfolg werden jedoch häufig überschätzt. Ebenso wichtig waren ausreichend Kapital und gut ausgebildete Arbeitskräfte. Durch die hohe Spartätigkeit der Privathaushalte, die steuerlich begünstigt wurde, hatten die Unternehmen ausreichend Kapital für ihre Investitionen zur Verfügung, und zugleich waren die Beschäftigten bereit, sich mit ihrer Arbeit voll für den Aufbau des Landes einzusetzen. Für dieses nationale Ziel wurde lange Zeit sogar der Verzicht auf mehr Lebensqualität im privaten Bereich in Kauf genommen.

    Zwar verbesserte sich der allgemeine Lebensstandard, denn die Engpässe der Nachkriegsjahre bei der Grundversorgung waren behoben und im Konsumgüterbereich wurde der große Nachholbedarf dank steigender Löhne weitgehend gedeckt. Auch wurde ein Fundament für eine allgemeine soziale Absicherung auf niedrigem Niveau gelegt (siehe auch "Sozialpolitik"). Dennoch wurde ein großer Teil der Einkommen gespart, was staatlich durchaus gewollt und gefördert wurde. Sparziele waren neben teureren Anschaffungen vor allem die eigene Altersversorgung und die Ausbildung der Kinder. Das übliche Lohnsystem, in dem zweimal jährlich ein großer Bonus gezahlt wird, machte das Sparen noch leichter.

    Die Zeit bis 1973 kann - wie die zeitgleiche Entwicklung in Deutschland - als Japans Wiederaufbau- und Hochwachstumsphase bezeichnet werden. In den fünfziger und sechziger Jahren wuchs das Bruttosozialprodukt im Durchschnitt jährlich um zehn Prozent, die Exporte nahmen im gleichen Maß zu. Die japanische Industrie hatte Anfang der siebziger Jahre ihren technischen und Qualitätsrückstand gegenüber dem Westen aufgeholt. Dabei war eine exportorientierte Industrie entstanden, die durch die Ausnutzung von Kostenvorteilen durch Massenproduktion zunehmend hochwertigere Fertigprodukte auf dem Weltmarkt absetzen konnte. Der eigene Markt war hingegen vor Importen verarbeiteter Güter weitgehend geschützt, die Einfuhren bestanden größtenteils aus Roh- und Energiebrennstoffen, an denen es in Japan selbst mangelte. Die ausschließliche Konzentration von öffentlichen Ausgaben und wirtschaftspolitischen Maßnahmen auf den Ausbau der Industrie hatte allerdings zur Folge, daß der Lebensstandard der Bevölkerung nicht im gleichen Maße anstieg wie die Produktivität und der Ausstoß der Wirtschaft. Allerdings verbesserte sich der Lebensstandard so weit, daß der Konsens darüber, daß der Aufbau einer starken Wirtschaft nationales Ziel Nummer Eins war, nicht in Frage gestellt wurde.

    1973-1985

    Zu Beginn der siebziger Jahre wurde das erfolgsverwöhnte Japan mit mehreren Krisen konfrontiert: Zum einen hatte das hohe Wachstum der belastungsintensiven Grundstoffgüterindustrie zu großen Umweltschäden geführt. In Minamata auf Kyushu beispielsweise erlitten Menschen Ende der fünfziger Jahre Quecksilbervergiftungen, als sie durch Industrieabwässer verseuchten Fisch aßen. Auch bei der ItaiItai-Krankheit wurden die Erkrankungen (starke Schmerzen und eine hohe Anfälligkeit für Knochenbrüche) durch Schwermetalleinleitungen (Cadmium) verursacht. Extreme Luftverschmutzung plagte ab etwa 1960 die Menschen in Yokkaichi, einer Stadt mit viel petrochemischer Industrie, und löste zahlreiche Asthmafälle aus. Diese Erkrankungen, die in vielen Fällen zum Tode führten, konnten alle direkt auf Umweltverschmutzung durch Industrieunternehmen zurückgeführt werden. Trotzdem zogen sich die Gerichtsprozesse über Entschädigungen jahrzehntelang hin und sind teilweise bis heute (1997) anhängig. Vor allem im Fall Minamata ist immer noch die Frage offen, wie viel Verantwortung - und damit Entschädigungspflicht - die Regierung an den Verschmutzungen trägt. Insgesamt lösten die genannten großen Umweltschäden aber in Japan ein grundlegendes politisches Umdenken aus: 1967 wurde das Umweltbasisgesetz verabschiedet, weltweit eines der ersten allgemeinen Umweltgesetze. Spürbare Verbesserungen traten allerdings erst einige Jahre später ein, als die Gesetze, nicht zuletzt wegen wachsender Proteste seitens der Bevölkerung, verschärft wurden.

    Das zweite Problem Anfang der siebziger Jahre waren die Ölpreissteigerungen, die Japans importabhängige Energieversorgung massiv verteuerten. Der wertmäßige Anteil der Rohöle an den Gesamtimporten wuchs zwischen 1970 und 1980 auf mehr als das Dreifache. Besonders der "Ölschock" 1973/74 stürzte das rohstoffarme Japan in eine tiefe Rezession und machte die hohe Abhängigkeit Japans von den internationalen Rahmenbedingungen deutlich. Dieses Ereignis markiert einen Wendepunkt in der japanischen Wirtschaftspolitik und -entwicklung: Die Zeit der zweistelligen Zuwachsraten war vorbei, das Wachstum verlief fortan deutlich moderater. Zugleich wurde das Leitbild "pures Wachstum" zugunsten einer effizienteren ökonomischen und sozialen Gesamtleistung aufgegeben.

    So wurden nach der Ölkrise in Industriezweigen mit hohem Energieverbrauch Kapazitäten abgebaut, zum Beispiel im Schiffbau - ein spezielles Gesetz unterstützte hierbei den Schrumpfungsprozeß. Statt energie- und rohstoffintensiven Produktionen wurden nun "wissensintensive" Zweige gefördert, mit hohem technologischen Niveau und möglichst effizienter Ressourcennutzung.

    Die Motive des Strukturwandels waren erstens, die Ölabhängigkeit zu reduzieren, zweitens, eine bessere Umweltverträglichkeit zu erreichen und drittens, Zukunftsindustrien mit eigenen Technologien aufzubauen.

    In den zehn Jahren nach dem ersten Umweltgesetz konnte die japanische Industrie ihren Energieverbrauch um 35 Prozent reduzieren. 1979 forderte ein Energiespargesetz von den Unternehmen, Umwelttechnologien wie verbesserte Verbrennungsverfahren mit höherem Nutzungsgrad einzuführen. Ein weiteres Gesetz führte Schadstoffgrenzwerte für die Luft ein, da der Smog in den Ballungsgebieten unerträglich geworden war. Die Industrie mußte Abluftfilter und Katalysatoren entwickeln und einbauen. Es stellte sich heraus, daß Umwelttechnologie eine gewinnbringende Industrie werden konnte.

    Japans Umweltpolitik galt - nach den frühen Schocks - in den siebziger und achtziger Jahren im Hinblick auf bestimmte Umweltschutzstrategien (zum Beispiel gegen Schwefeldioxidbelastung) weltweit als vorbildhaft und war zugleich ein Beispiel dafür, daß Umweltverträglichkeit und Wirtschaftswachstum sich nicht zwangsläufig ausschließen. Allerdings ist Japan allein aufgrund seines hohen absoluten Produktionsvolumens einer der größten Ressourcenverbraucher, und die Verbilligung der Energiepreise ab Mitte der achtziger Jahre wirkte sich demotivierend auf weitere ressourcenschonende Maßnahmen aus. Seither hat Japans Vorbildhaftigkeit in Sachen Umweltbewußtsein deutlich an Glanz verloren. Gesetze über Recycling etwa wurden erst spät erlassen (zum Beispiel über Rücknahme von Verpackungen durch die Hersteller) und vor allem im Bewußtsein der Verbraucherinnen und Verbraucher ist "umweltschonend" noch kein schlagendes Argument beim Konsumverhalten.