Japan 255

5.4.2002 | Von:

Grundlagen der Außenpolitik

Beziehungen zu Europa

Seit Mitte der achtziger Jahre kam in Tokyo das Schlagwort von der Asymmetrie der Beziehungen innerhalb der "Triade" (Japan-USA-Europa) auf. Damit war gemeint, daß die Beziehungen Japans zu Europa verglichen mit den europäisch-amerikanischen Beziehungen und den japanisch-amerikanischen sehr schwach entwickelt waren. Zwar wurden globale Themen zwischen den Industriestaaten bereits seit Mitte der siebziger Jahre im Rahmen von jährlichen, regelmäßigen Gipfeltreffen der Regierungs- und Staatsoberhäupter erörtert. Doch ergaben sich immer mehr Bereiche, die bei Europäern wie Japanern den Wunsch nach mehr Kontakten zwischen Japan und der EU und ihren einzelnen Mitgliedsländern aufkommen ließen.

Dazu gehörten Anfang bis Mitte der achtziger Jahre vor allem der wachsende japanische Handelsüberschuß mit den Staaten Europas auf der einen und die europäischen Einigungsbemühungen auf der anderen Seite. Besonders der europäische Einigungsprozeß mit dem Ziel eines gemeinsamen Binnenmarktes führte zu zwischenzeitlichen Befürchtungen auf japanischer Seite, der nach den USA wichtigste Absatzmarkt für japanische Konsumgüter könnte sich künftig stärker nach außen abschließen. Während die japanische Privatwirtschaft insbesondere gegen Ende der achtziger Jahre mit immensen Direktinvestitionen in die Staaten der EU versuchte, möglicherweise kommende Importbeschränkungen durch Montagefabriken innerhalb Europas zu umgehen, bauten die Regierungen in Europa und Japan ihren Dialog über Marktzugang aus.

Aber auch politische Themen wie die Rüstungskontrollverhandlungen in Europa machten ein abgestimmtes Vorgehen aus japanischer Sicht sinnvoll. So befürchtete man in Japan etwa, die von der Sowjetunion mit dem Westen vereinbarte Truppen- und Kernwaffenreduzierung in Europa könnte von einem parallel verlaufenden Truppenaufbau im Fernen Osten begleitet sein. Seit dem Fall der Berliner Mauer und dem Ende des Kalten Krieges ist diese Notwendigkeit zu einer Abstimmung des gemeinsamen Vorgehens gegenüber der Sowjetunion bzw. Rußland sogar noch gewachsen. Dazu gehören so grundsätzliche Fragen, wie die nach Möglichkeiten zur Milderung der aus den Transformationsschwierigkeiten in Rußland entstehenden Probleme.

Hinzu kamen gegen Ende der achtziger Jahre weitere gemeinsame Interessen. Dazu gehören etwa

  • die Verhandlungen im GATT (General Agreement on Tariffs and Trade, Internationales Zoll- und Handelsabkommen) zur Gewährleistung eines freien Welthandels und der Festsetzung der Regeln, nach denen dieser funktionieren soll,

  • die Gestaltung der neuen Welthandelsorganisation WTOWTO

  • Abkommen zur Rüstungskontrolle und Friedenssicherung,

  • koordiniertes Vorgehen zur Sicherung gemeinsamer Interessen innerhalb der UNO und ihrer Unterorganisationen,

  • Maßnahmen zum weltweiten Umweltschutz,

  • Verhandlungen zwischen regionalen Zusammenschlüssen wie der APEC und der EU.
Zu diesen gemeinsamen Interessen gehören seit Beginn der neunziger Jahre in zunehmendem Maße Themen wie globaler Umweltschutz und Armutsbekämpfung. Hier versucht man durch neue Kooperationen im Rahmen der staatlichen Entwicklungshilfe gemeinsam neue Wege zu gehen und von den bisherigen unterschiedlichen Erfahrungen des jeweils anderen zu profitieren.

Ein weiterer Themenkreis, der in den neunziger Jahren auch für die europäisch-japanischen Beziehungen immer mehr an Bedeutung gewonnen hat, ist die globale Friedenssicherung. Hier ist insbesondere das japanische Engagement in Ex-Jugoslawien zu erwähnen. Zum einen wurden die UN-Maßnahmen fast bis zum Ende des Krieges von dem Japaner Yasushi Akashi geleitet, was in Japan wie in Europa symbolisch für die Notwendigkeit gestanden haben mag, derartige Probleme künftig gemeinsam lösen zu müssen, da kriegerische Konflikte in einer immer näher zusammenrückenden Welt alle gleichermaßen angehen sollten. In diesem Sinne hat Japan mehrfach Regierungsdelegationen in die Region entsandt und finanzielle Wiederaufbauhilfe bereitgestellt. Die Möglichkeiten einer europäischen Beteiligung an den Friedensbemühungen auf der koreanischen Halbinsel werden zur Zeit zwischen Japan und Europa durchdacht.

Eine Kooperation zwischen der EU und Japan bei internationalen Wirtschaftsfragen erscheint für beide Seiten zunehmend sinnvoll, stimmen ihre Interessen in vielen Punkten doch mehr miteinander überein, als mit denen des für beide so wichtigen wie mächtigen Handels- und Bündnispartners USA.

Deutsch-japanische Beziehungen

Die Geschichte der deutsch-japanischen Beziehungen begann mit der Episode eines "Technologietransfers": Ein deutscher Geschützbauer goß 1639 den ersten einsatzfähigen Mörser Japans. Damit war die Technik des Geschütz-Gießens in Japan verankert, wenn auch diese "moderne" Technologie noch zwei Jahrhunderte ungenutzt blieb. Während der japanischen Abschließungsepoche vom 17. bis in das 19. Jahrhundert gelangten wenige Deutsche im Dienst der Holländisch-Ostindischen Kompagnie nach Japan; einige von ihnen beschrieben ausführlich und wissenschaftlich präzise Land und Leute. Der berühmteste Deutsche in dieser Zeit war sicher Engelbert Kaempfer aus Lemgo, der im Dienst der Holländisch-Ostindischen Kompagnie als Arzt für die holländische Faktorei auf der Insel Deshima vor Nagasaki wirkte. Von ihm stammen die ersten wirklich wissenschaftlich akribisch erstellten Aufzeichnungen über Japan in deutscher Sprache, die 1777 unter dem Titel "Geschichte und Beschreibung von Japan" erschienen.

Von echten Beziehungen zwischen Deutschland und Japan kann man erst seit 1861 sprechen, als Preußen mit Japan einen Freundschafts- und Handelsvertrag schloß, der wie alle internationalen Verträge jener Zeit, als "ungleicher Vertrag" gelten mußte, das heißt als ein Vertrag, der Japan mehr oder weniger aufgezwungen wurde.

Intensiver wurden die bilateralen Kontakte, seit die Reformregierung der Meiji-Zeit (1868-1912) sich für das kaiserliche Deutschland unter preußischer Vorherrschaft als Vorbild für wissenschaftlich-technische Entwicklung und bei der politischen Neustrukturierung des Meiji-Staates entschied. Der Anstoß für diese Entscheidung kam von Politikern der sogenannten "Iwakura-Mission", die 1873 Berlin besuchte. Die Delegation unter Leitung des Reformpolitikers Iwakura Tomomi hatte verschiedene europäische Länder bereist, um ihre Verfassungen zu studieren. Im autoritären, aber modernen Deutschland sah die Meiji-Führung eher ein Modell als in den demokratischen Staaten Europas; circa 60 Prozent aller Spezialisten, die aus Japan zum Studium ins Ausland entsandt wurden, gingen nach Deutschland. Besonders im Bereich des Staatsrechts war der deutsche Einfluß beträchtlich: Die japanische Verfassung 1889-1945 war in wesentlichen Teilen der deutschen Staatslehre verpflichtet.

Die guten - aber nicht "exklusiven" - Beziehungen zwischen zwei autoritären Systemen, zwei globalen "Spätentwicklern" in der Welt, überlebten sogar die Kriegsgegnerschaft im Ersten Weltkrieg. Japan saß auf seiten der Sieger, aber Japaner spendeten in den zwanziger Jahren großzügig für die Hilfsorganisation "Notgemeinschaft der Deutschen Wissenschaft", der Vorgängerin der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Die grundsätzliche Sympathie gegenüber Deutschland in den japanischen Eliten hatte 1895 einen schweren Stoß erhalten, weil Deutschland an der Seite Frankreichs und Rußlands Japan gezwungen hatte, seine Forderungen an China nach dem Sieg im japanisch-chinesischen Krieg zurückzuschrauben.

Ein Interessenabgleich zwischen Deutschland und Japan, die beide in ihrer jeweiligen Region hegemoniale Außenpolitik betrieben, führte sie gemeinsam in die internationale Isolation, und schließlich entschieden sich die Führungen beider Staaten in verhängnisvoller Selbstüberschätzung für die Katastrophe des Krieges. Beide Staaten waren in dieser düsteren Geschichtsepoche totalitäre Staaten, aber Japan war nie ein "faschistischer" Staat. Das Bündnis mit dem nationalsozialistischen Deutschland war im japanischen Außenministerium stets umstritten, und der "Anti-Komintern-Pakt" hinderte Japan nicht daran, 1941 ein Neutralitätsabkommen mit der Sowjetunion abzuschließen. In diesem Abkommen hatten sich Deutschland, Italien und Japan verpflichtet, gemeinsam gegen "den Weltkommunismus" der Kommunistischen Internationale (Komintern) vorzugehen. Überspitzt ließe sich das bilaterale Verhältnis zwischen Deutschland und Japan bis 1945 aus japanischer Sicht als Zweckpartnerschaft mit Vorbehalten kennzeichnen; beide Staaten waren fest in ihren Regionen verankert, die sie auch zum Ziel ihrer Aggressionen machten.

Nach der deutschen Vereinigung wurden Politik - und Wirtschaft - von euphorischen Visionen eines profitablen Aufbruchs in den Osten Europas nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion beherrscht. Asiens Entwicklungspotentiale und seine zukünftige Rolle gerieten weitgehend aus dem Blickfeld gerade deutscher Spitzenpolitiker und Wirtschaftsführer. Seit 1993 gibt es zwar ein eigenes Asienkonzept der Bundesregierung, aber dieses Konzept kam spät und harrt noch der Umsetzung.

Das lange Zeit unzureichende Problembewußtsein in der deutschen politischen Führung (die deutsche Wirtschaft ist sich sehr viel früher der Herausforderung aus Asien, speziell aus Japan, bewußt geworden) läßt sich auf eine Reihe von Determinanten auf beiden Seiten zurückführen, die lähmend auf den Erkenntnisprozeß wirkten:

  • Die deutsche politische Elite ist mehrheitlich "eurozentrisch" geprägt, im politischen Willen der Entscheidungsträger dominiert die historische Aufgabe der Einigung Europas weit vor Herausforderungen aus Asien und einem dadurch geforderten Dialog mit den asiatischen Staaten - und hier vor allem mit Japan.

  • In Asien entstehen neue Staatengruppierungen sowie wirtschafts- und sicherheitspolitische Verflechtungen, in denen sich ein neues "asiatisches Selbstbewußtsein" gegenüber Europa (und den USA) äußert. Die beteiligten Staaten sehen in Japan die neue (mindestens regionale) Führungsmacht, ein Gegengewicht zu den USA und China.

  • In Japan wie in Deutschland gibt es unverändert bilaterale Schwierigkeiten im Dialog, die sich aus wechselseitigen Wahrnehmungsproblemen erklären: Japanische Beobachter verkennen häufig die Bedeutung des vereinten Deutschlands in der EU; entweder Deutschland wird als europäische Führungsmacht mit großen außenpolitischen Gestaltungsmöglichkeiten überschätzt oder Deutschland wird als weitgehend außenpolitisch eingeschränktes EU-Mitglied verkannt, das sich nicht nur der EU-Bürokratie zu beugen hat, sondern auch noch außenpolitisch von Frankreich und Großbritannien übertrumpft wird. Die deutsche politische Führung hat bisher in Japan nur unzureichend Grenzen und Möglichkeiten deutscher Außenpolitik im Rahmen der EU deutlich gemacht.
Im wirtschaftspolitischen Bereich ergeben sich für Japan Verständnisprobleme aus dem Nebeneinander von Vertretungen einzelner deutscher Bundesländer, der deutschen Bundesregierung und der Vertretung der EU in Japan. Die Stellenwerte dieser parallelen Vertretungen sind für Wirtschaft und Politik Japans nur schwer einzuordnen.

Die deutschen Defizite in Dialog und Auseinandersetzung mit Japan finden eine Entsprechung in der verengten japanischen Wahrnehmung: ul>
  • Japanische Medien tendieren zu einer negativ geprägten Berichterstattung über Deutschland, wobei in letzter Zeit die ausländerfeindlichen Ausschreitungen nachträglich eine aus ihrer Sicht plausible Begründung geliefert haben. Zu einem großen Teil ist diese negative Berichterstattung auf das grundsätzliche Medienphänomen zurückzuführen, daß Schreckensmeldungen stets größere Aufmerksamkeit erzielen. Sehr viel seltener tauchen in den japanischen Medien Berichte über die gute soziale Infrastruktur Deutschlands, die noch immer stabile deutsche Gesellschaft, kreative Neuerungen im deutschen Bildungswesen oder auch über die tatsächliche Rolle der deutschen Außenpolitik auf. Daß sogar die deutsche politische Kultur teilweise Vorbildfunktion haben kann, zeigen die Veränderungen im japanischen Wahlrecht, die deutliche Einflüsse aus dem deutschen Wahlrecht zeigen.

  • Die wissenschaftliche Beschäftigung mit Deutschland nimmt keine prominente Stellung an führenden japanischen Universitäten ein. Der Deutschunterricht geht stark zurück, seit die zweite Fremdsprache als Eingangsvoraussetzung für Universitäten entfallen ist. An den Universitäten dominiert in allen Wissensbereichen die Auseinandersetzung mit den USA. Andererseits zeichnet sich im akademischen Bereich zunehmend eine "Rückkehr nach Asien" ab: Universitäten werben verstärkt um Studierende aus asiatischen Ländern, indem sie Sonderprogramme einrichten. Die Reaktion ist eindrucksvoll, immer mehr junge Menschen aus China, Malaysia oder Thailand entscheiden sich für ein Studium in Japan. Die Kulturen der japanischen Nachbarländer finden in der Öffentlichkeit mehr Aufmerksamkeit, an den Universitäten werden Forschungsschwerpunkte eingerichtet, und die japanische Politik sucht verstärkt den Dialog mit Asien. Dennoch bleiben die europäischen Staaten - und hier sicher vor allem Deutschland - unverzichtbare Dialogpartner Japans. Repräsentanten deutscher Kultur, ob aus Musik, Literatur oder Kunst, finden auch heute noch in Japan begeisterte Fans. Die Rolle Deutschlands im Bosnien-Konflikt (Entsendung von Bundeswehreinheiten) wird in Japans Medien durchaus diskutiert. Auf der Ebene der Botschaften beider Länder gibt es eine hervorragende Zusammenarbeit in China, Rußland und Ländern in Krisengebieten. Aufmerksam wird in Japan immer wieder die europäische Handelspolitik gegenüber den USA verfolgt, und hier natürlich vor allem die Rolle des wichtigsten amerikanischen Partners in Europa - Deutschland. Beim internationalen Dialog, sei es im Rahmen der Welthandelsorganisation (WTO) oder dem neuen Dialogforum ASEM (ASEAN-Europe Meeting) und auch bei der UNO arbeiten Japan und Deutschland gut zusammen. Das Deutsch-Japanische Dialogforum, dem japanische und deutsche Repräsentanten aus Politik, Wirtschaft und Medien angehören, kann sicherlich dieses bilaterale Gespräch zwischen Deutschland und Japan noch weiter vertiefen. Der Gesprächskreis hat maßgeblich zur Ausarbeitung der sogenannten "Deutsch-Japanischen Agenda" beigetragen, in deren Rahmen beide Staaten in ausgewählten Politikfeldern gezielt kooperieren wollen.