Internationale Beziehungen I

9.7.2004 | Von:

Der Beginn der Bipolarität

Anglo-Amerikanische Allianz

Mit dem deutschen Angriff auf die Sowjetunion im Juni 1941 änderte sich diese Lage von Grund auf. Nachdem deutsche Truppen im September 1939 Polen und im Frühjahr und Sommer 1940 Dänemark, Norwegen, die Niederlande, Belgien und schließlich Frankreich überrannt hatten, drohte jetzt bei einem deutschen Erfolg gegen Rußland die völlige nationalsozialistische Herrschaft über den europäischen Kontinent. Im amerikanischen Außenministerium rechnete man mit einem Zusammenbruch der Sowjetunion innerhalb von drei Monaten. Schließlich war die sowjetische Armee in der zweiten Hälfte der dreißiger Jahre weitreichenden "Säuberungen" unterworfen worden und hatte 1939/40 nur mit Mühe das kleine Finnland bezwingen können.

Der britische Premierminister Winston Churchill, der im Falle der sowjetischen Niederlage eine deutsche Invasion der britischen Inseln befürchtete, sagte Stalin deshalb noch am Tag des deutschen Angriffs die englische Unterstützung gegen Hitler zu. Präsident Roosevelt, dessen Abneigung gegen den sowjetischen Kommunismus bisher ebenso groß gewesen war wie gegen den deutschen Nationalsozialismus, gab seine Hilfszusage nur eine Woche später. Er hatte Großbritannien trotz aller Widerstände in der amerikanischen Öffentlichkeit und im Kongreß gegen einen unmittelbaren Kriegseintritt der USA bereits seit 1939 mit Waffen und anderen Hilfsgütern versorgt. Am 11. März 1941 setzte Roosevelt im Kongreß ein Leih-Pacht-Gesetz (lend-lease) zur Ausweitung der Unterstützung durch, um die USA, wie er zur Begründung erklärte, zum "Zeughaus der Demokratie" zu machen. Dabei wollte er auch die UdSSR in ihrem Kampf gegen Hitler-Deutschland unterstützen.

Die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion war allerdings weder für Roosevelt noch für Churchill eine Selbstverständlichkeit. Zwar war die Allianz unter machtpolitischen Gesichtspunkten - als sogenannte "Anti-Hitler-Koalition" - zu rechtfertigen. Dennoch blieb sie ein künstliches, "unnatürliches" Bündnis, das zur anglo-amerikanischen Übereinstimmung, die aus der Gemeinsamkeit der demokratischen Werte herrührte, in einem bemerkenswerten Kontrast stand.

Um den Gegensatz auch nach außen deutlich zu machen und zugleich die amerikanisch-britische Solidarität zu betonen, trafen Roosevelt und Churchill im Sommer 1941 vor der Küste Neufundlands an Bord der Schiffe "Augusta" und "Prince of Wales" zusammen. Hier verabschiedeten sie am 14. August die Atlantik-Charta, die unter Rückgriff auf Woodrow Wilson britisch-amerikanische Grundsätze für eine internationale Staatenordnung verkündete: Selbstbestimmungsrecht der Völker und freie Wahl der Regierungsform, Ablehnung territorialer Annexionen, Gewaltverzicht und weltweite wirtschaftliche Zusammenarbeit ohne Handelsschranken.

Anti-Hitler-Koalition

Für die Sowjetunion war die Unterstützung durch Großbritannien und vor allem durch die USA - trotz der weltanschaulichen und politischen Gegensätze - von lebenswichtiger Bedeutung. Denn die rasch vorrückenden deutschen Truppen waren von der schlecht ausgerüsteten sowjetischen Armee zunächst nicht zu stoppen, obwohl Stalin den Kampf gegen Deutschland zum "Großen Vaterländischen Krieg" erklärte und damit an den russischen Patriotismus appellierte.

Tatsächlich umfaßten die amerikanischen Lieferungen an die Sowjetunion bereits im ersten Vierteljahr Waren im Wert von 145 Millionen Dollar, ehe der Kongreß im November 1941 die Verteidigung Sowjetrußlands als "lebenswichtig für die amerikanische Sicherheit" bezeichnete. Damit schufen sie die Voraussetzungen für eine Einbeziehung der UdSSR in das Leih-Pacht-Programm. Danach konnten die Lieferungen nahezu beliebig ausgeweitet werden. Roosevelt, der die Sowjetunion jetzt einen "angemessenen Partner" für eine amerikanische Unterstützung nannte, räumte dem Kreml daher sogleich einen zinsfreien Kredit über eine Milliarde Dollar zum Ankauf kriegswichtiger Güter ein.

Stalin zeigte sich für diese Hilfe, auf die er dringend angewiesen war, auch durchaus erkenntlich. So vermied er es von Anfang an, den Krieg als einen "Kampf um die Weltrevolution" zu führen, und verfügte im Mai 1943 sogar die Auflösung der Komintern, um den Westmächten sein Entgegenkommen zu signalisieren. Zudem bekannte er sich im September 1941 grundsätzlich zu den Prinzipien der Atlantik-Charta, die er später - auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 - sogar unterzeichnete. Roosevelt leitete daraus die Hoffnung ab, die Zusammenarbeit zwischen Ost und West werde nicht nur ein taktisch bedingter Schachzug zur Niederringung Hitler-Deutschlands sein, sondern sich zu einem langfristig gültigen Grundzug der internationalen Beziehungen entwickeln.

Quellentext

Die Atlantik-Charta

14. August 1941:

Der Präsident der Vereinigten Staaten und Premierminister Churchill, als Vertreter von Seiner Majestät Regierung in dem Vereinigten Königreich, erachteten es bei ihrem Zusammentreffen für richtig, gewisse allgemeine Grundsätze der nationalen Politik ihrer beiden Länder bekanntzumachen, von denen sie eine bessere Zukunft für die Welt erhoffen.

Erstens, ihre Länder streben nach keiner Vergrößerung, weder auf territorialem Gebiet noch anderswo.

Zweitens, sie wünschen keine territorialen Änderungen, die nicht mit dem frei zum Ausdruck gebrachten Wunsch der betreffenden Völker übereinstimmen.

Drittens, sie achten das Recht aller Völker, sich die Regierungsform zu wählen, unter der sie leben wollen. Sie wünschen die obersten Rechte und die Selbstregierung der Völker wiederhergestellt zu sehen, denen sie mit Gewalt genommen wurden.

Viertens, sie werden, unter gebührender Achtung ihrer bestehenden Verpflichtungen, darnach streben, daß künftig alle Staaten, große und kleine, Sieger und Unterlegene, gleicherweise Zugang zum Handel und den Rohmaterialien der Welt haben, die sie für das Gedeihen ihrer Wirtschaft benötigen.

Fünftens, sie wünschen die engste Zusammenarbeit aller Nationen auf wirtschaftlichem Gebiet, um bessere Löhne, wirtschaftlichen Fortschritt und soziale Sicherheit zu gewährleisten.

Sechstens, nach der endgültigen Vernichtung der Nazityrannei hoffen sie auf einen Frieden, der allen Nationen die Möglichkeit bietet, innerhalb der eigenen Grenzen sicher zu leben, und der allen Menschen die Sicherheit gibt, in ihren Ländern frei von Not und Furcht zu leben.

Siebentens, ein solcher Friede würde allen Menschen gestatten, ungehindert die Meere und Ozeane zu überqueren.

Achtens, sie glauben, daß alle Nationen der Welt, sowohl aus praktischen wie aus sittlichen Gründen, dazu kommen werden, auf Gewaltanwendung zu verzichten.

Da kein künftiger Friede aufrecht zu erhalten ist, so lange die Rüstungen zu Land, zur See und in der Luft von Nationen weiterhin zum Angriff außerhalb der Grenzen eingesetzt werden, glauben sie auch, daß es wesentlich ist, diese Nationen zu entwaffnen, bis ein umfassenderes und dauerndes System der allgemeinen Sicherheit geschaffen wurde. [...]

Quelle: Wolfgang Lautemann/Manfred Schlenke (Hrsg.), Weltkriege und Revolutionen 1914-1945, Geschichte in Quellen, München 1979, S. 491.

Ungeachtet aller ideologischen Gegensätze wurde die Zusammenarbeit der Anti-Hitler-Koalition somit ein Erfolg. Vor allem die Abwicklung des Leih-Pacht-Programms der USA verlief bemerkenswert reibungslos. Das Programm, das ursprünglich mit sieben Milliarden Dollar dotiert war, umfaßte bis zu seiner Aufhebung am 21. August 1945 schließlich mehr als 43,6 Milliarden Dollar und damit 14 Prozent der gesamten amerikanischen Verteidigungsausgaben im Zweiten Weltkrieg. Die Sowjetunion erhielt davon Lieferungen - Kriegs- und Industriematerial, einschließlich kompletter Produktionsanlagen - im Wert von etwa zwölf Milliarden Dollar, die wesentlich dazu beitrugen, die Kampfkraft der sowjetischen Armee zu stärken. Im einzelnen zählten dazu 14800 Flugzeuge, 427000 dreiachsige Lastkraftwagen, 50000 Jeeps, 420000 Tonnen Aluminium sowie 2,12 Millionen Tonnen Stahl und 2,5 Millionen Tonnen Erdöl und Benzin.

Doch die Zusammenarbeit funktionierte nicht nur in materieller Hinsicht. Auch über die unmittelbaren Kriegsziele waren sich die Verbündeten weitgehend einig. Nachdem die USA nach dem japanischen Überfall auf Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 offiziell in den Krieg eingetreten waren, verständigte man sich rasch darauf, daß die Achsenmächte - vor allem Deutschland und Japan - niedergerungen und entwaffnet werden sollten. Dabei wollte man, wie Churchill und Roosevelt auf der Konferenz von Casablanca im Januar 1943 vereinbarten, zunächst alle Kräfte auf Deutschland konzentrieren (Germany first), um dessen bedingungslose Kapitulation zu erreichen. Allerdings bestand von vornherein eine prinzipielle Unvereinbarkeit zwischen den Rooseveltschen Vorstellungen einer "gemeinsamen Weltordnung" nach dem Kriege (one world) und den Stalinschen Forderungen zur Erfüllung der sowjetischen Sicherheitsbedürfnisse.