Internationale Beziehungen I

9.7.2004 | Von:

Der Beginn der Bipolarität

Die Aufteilung Europas

Als die Sowjetunion mit dem Sieg von Stalingrad Anfang 1943 zu einem militärischen Machtfaktor ersten Ranges aufstieg, wuchs sie auch innerhalb der Anti-Hitler-Koalition in eine Führungsposition hinein, die sich wesentlich von der Rolle des Bittstellers unterschied, in der sich die UdSSR noch 1941/42 befunden hatte. Das sowjetische Selbstbewußtsein machte sich bereits bei den alliierten Kriegskonferenzen bemerkbar, auf denen ab 1943 versucht wurde, Lösungen für die Gestaltung der Welt nach dem Kriege zu finden.

Stalin drängte nun immer offener auf die Verwirklichung seines Machtkonzeptes, das der Sowjetunion eine Einflußsphäre in Osteuropa zuerkennen sollte, während Roosevelt weiter auf einer "Politik der offenen Tür" und der Verwirklichung demokratischer Gesellschaftssysteme in allen Ländern beharrte. Im Oktober 1943 wurde deshalb auf einer Außenministerkonferenz der USA, Großbritanniens und der Sowjetunion in Moskau beschlossen, eine Europäische Beratende Kommission (European Advisory Commission = EAC) einzusetzen, die sich mit der Ausarbeitung von Plänen für die europäische Nachkriegsordnung befassen sollte.

Zwei Monate später, vom 28. November bis 1. Dezember 1943, trafen Churchill, Roosevelt und Stalin in Teheran erstmals zu einer Konferenz der "Großen Drei" zusammen. Da Ergebnisse der EAC noch nicht vorlagen, konnte man sich zunächst nur über allgemeine Grundsätze einigen. Dazu gehörten vor allem die Zerstückelung Deutschlands (dismemberment) und die Wiederherstellung Österreichs in den Grenzen von 1937 sowie die prinzipielle Zustimmung der Westmächte zu der von Stalin geforderten neuen polnischen Ostgrenze entlang der "Curzon-Linie" (1919 zunächst als Ostgrenze vorgesehene Linie entlang der Flüsse Bug und San), die mit einer Entschädigung Polens im Westen auf Kosten Deutschlands einhergehen sollte (Westverschiebung Polens). Außerdem verständigte man sich darauf, im Frühjahr 1944 endlich die Zweite Front in Frankreich zu errichten.

Eine genaue Abgrenzung von Einflußsphären wurde in Teheran jedoch nicht vorgenommen, weil Roosevelt nach wie vor hoffte, daß es gelingen werde, Stalin auf die Einhaltung der Grundsätze der Atlantik-Charta und zur vorbehaltlosen Anerkennung der Souveränität aller Staaten verpflichten zu können. Da Churchill frühzeitig die Gefahr eines Vordringens der sowjetischen Armee nach Ost- und Mitteleuropa und der damit verbundenen Ausdehnung des sowjetischen Herrschaftsbereiches erkannt hatte, war er in dieser Hinsicht weniger optimistisch. Bereits 1941/42 hatte er deshalb mehrfach versucht, Roosevelt zu überzeugen, die Zweite Front auf dem Balkan zu errichten, um von dort aus ein ungehindertes Vordringen der Sowjetmacht in Ost- und Mitteleuropa zu blockieren. Doch weil Roosevelt die Zusammenarbeit mit der Sowjetunion nicht gefährden wollte, hatte er sich entschieden, dem Wunsch Stalins zu entsprechen und den Hauptstoß gegen Deutschland von Frankreich aus zu führen. Churchill bemühte sich daher im Oktober 1944 in Moskau noch im Alleingang um eine Einigung mit Stalin über Interessensphären. Die von beiden getroffenen Absprachen über Südosteuropa wurden jedoch von der amerikanischen Regierung nicht anerkannt, so daß sie offiziell keine Gültigkeit erlangten.

Schaffung vollendeter Tatsachen

Schon im Spätsommer 1944 kontrollierte die Sowjetunion nahezu den gesamten osteuropäischen Raum, nachdem auch Bulgarien und Rumänien von sowjetischen Truppen besetzt worden waren, ohne daß es alliierte Vereinbarungen gegeben hätte, wie mit diesen Gebieten in Zukunft zu verfahren sei. Ein besonderes Kapitel war die Entwicklung in Polen, wo Stalin im Juli 1944 das von prosowjetischen Kräften gegründete Lubliner Komitee als einzige Vertretung Polens anerkannte. Er setzte sich damit nicht nur in Gegensatz zur polnischen Exilregierung in London, sondern weckte auch neues Mißtrauen bei den Alliierten. Denn immerhin war die Exilregierung aus Wahlen, die im November 1938 stattgefunden hatten, und einem im März und April 1939 geschlossenen "Burgfrieden" zwischen Opposition und Regierung in Polen hervorgegangen und konnte somit auf demokratische Legitimität verweisen. Dagegen stellte das Lubliner Komitee eine reine Kadergründung prosowjetischer Kräfte dar.

Das rücksichtslose Vorgehen Stalins wurde erneut deutlich, als die sowjetische Armee im Januar 1945 auch Warschau eroberte und das kommunistisch gelenkte Komitee sofort die Rolle der neuen polnischen Regierung übernahm. Vertretern der Londoner Exilregierung wurde die Rückkehr nach Polen verweigert. Nach westlicher Auffassung zeichnete sich damit ab, was viele befürchtet hatten: eine Politik der "Schaffung vollendeter Tatsachen" und die sowjetische Vorherrschaft in Osteuropa ohne Rücksicht auf die Interessen der betroffenen Völker oder die Prinzipien des Völkerrechts und der Atlantik-Charta.

Präsident Roosevelt - zu Beginn des Jahres 1945 bereits von schwerer Krankheit gezeichnet - hoffte trotzdem auf eine einvernehmliche Regelung der Nachkriegsordnung, zumal die zweite Konferenz der "Großen Drei", die vom 4. bis 11. Februar 1945 in Jalta auf der Krim stattfand, dafür einige Anhaltspunkte zu bieten schien. Denn man verständigte sich hier nicht nur auf die Bildung einer polnischen provisorischen Regierung unter Beteiligung der Londoner Exilregierung und die Einberufung einer Konferenz zur Gründung der Vereinten Nationen, sondern bewog Stalin auch dazu, sich zum Selbstbestimmungsrecht der Völker zu bekennen, die Abhaltung freier Wahlen in den von der sowjetischen Armee besetzten osteuropäischen Ländern "so bald wie möglich" zuzusichern und die "Erklärung über das befreite Europa" zu unterzeichnen. Hier sollten sich die drei Alliierten ausdrücklich verpflichten, in allen befreiten Gebieten demokratische Strukturen aufzubauen.

Schon bald nach Jalta jedoch erwiesen sich die Hoffnungen auf eine pluralistische Entwicklung Osteuropas als Illusion: Offenbar verstanden die Westmächte und die Sowjetunion unter freien Wahlen und Demokratie etwas Grundverschiedenes. Jedenfalls war der Kontrast zwischen den Worten und Taten Stalins unverkennbar. Bereits im März 1945 zwang er Rumänien eine kommunistisch beherrschte Regierung auf. Die versprochenen Wahlen in Ungarn, Bulgarien, Polen und Jugoslawien wurden immer wieder verschoben, als sich abzeichnete, daß freie Wahlen entgegen den ursprünglichen Erwartungen Stalins nicht zu kommunistischen Regierungen führten. Statt dessen fanden nun in allen Ländern blutige Säuberungen statt, denen große Teile der bürgerlichen und sozialdemokratischen Opposition zum Opfer fielen. Selbst Roosevelt mußte deshalb noch unmittelbar vor seinem Tod im April 1945 erkennen, daß der Kreml nicht daran dachte, in den von sowjetischen Truppen besetzten Ländern die Zusagen über die Errichtung freier, demokratischer und unabhängiger Staaten einzuhalten.