Internationale Beziehungen I

9.7.2004 | Von:

Der Beginn der Bipolarität

Beginn des Atomzeitalters

Währenddessen dauerte der Krieg im Pazifik und im Fernen Osten weiter an, in den nun auch die Sowjetunion, die hier seit 1941 Neutralität gewahrt hatte, mit ihrer Kriegserklärung an Japan am 8. August 1945 noch eingriff. Der Termin - genau drei Monate nach dem Ende des Krieges in Europa - war bereits in Jalta zwischen Stalin, Roosevelt und Churchill vereinbart worden. Doch mittlerweile hatte sich manches geändert, wie sich nun auch in Japan wieder zeigte. Denn am selben Tag, als die Sowjetunion in den Krieg eintrat, bereiteten die USA den Abwurf einer Atombombe über Nagasaki vor, um die japanische Hafenstadt ebenso zu zerstören wie es am 6. August bereits mit Hiroshima geschehen war.

Die genauen politischen Hintergründe dieser Atombombenabwürfe sind bis heute in der historischen Forschung umstritten. Die neuartige Waffe sollte ursprünglich gegen Deutschland eingesetzt werden. Doch die Kapitulation Deutschlands zu einem Zeitpunkt, als die Waffe noch nicht einsatzfähig war, verhinderte ihre Verwendung in Europa. Da der Krieg im Fernen Osten noch andauerte, erschien es nur logisch, sie nunmehr auf Japan abzuwerfen. Die amerikanische Regierung rechtfertigte ihre Entscheidung mit dem doppelten Ziel, die Kapitulation Japans zu beschleunigen und zugleich das Leben von etwa 500000 amerikanischen Soldaten zu retten, die nach militärischen Schätzungen bei einer Invasion der japanischen Hauptinseln vermutlich umgekommen wären.

Der Einsatz der neuen Waffe hatte indessen auch "Nebenwirkungen", die der amerikanischen Regierung durchaus gelegen kamen: Zum einen bot sich damit die Gelegenheit, dem künftigen Rivalen Sowjetunion das neue Machtinstrument der USA eindrucksvoll vor Augen zu führen. Zum anderen sollte die rasche Kapitulation Japans dazu verhelfen, die Sowjetunion so weit wie möglich von einer gemeinsamen Besetzung des Inselreiches auszuschließen und damit eine Situation zu vermeiden, wie sie in Europa durch den Kriegsverlauf eingetreten war.

Kapitulation Japans

Diese Rechnung der USA ging tatsächlich auf. Nach der Kapitulation Tokios, die nun überraschend schnell - schon am 10. August - erfolgte, lehnte US-Außenminister Byrnes auf der ersten Tagung des Rates der Außenminister im September 1945 in London die sowjetische Forderung nach einer Mitwirkung an der Besatzungsherrschaft auf den japanischen Hauptinseln rundweg ab, da die UdSSR an den Kämpfen gegen Japan nur zwei Tage beteiligt gewesen sei. Die USA fungierten daraufhin im wesentlichen als alleinige Besatzungsmacht in Japan und bestimmten praktisch im Alleingang den Weg Japans in der Nachkriegszeit. Lediglich die Inselgruppe der Kurilen, die seit dem 18. Jahrhundert zu Rußland gehört hatte und erst 1875 an Japan gefallen war, wurde der UdSSR als Lohn für ihren Kriegseintritt zugesprochen. Selbst diese Entscheidung blieb jedoch umstritten, da Japan bis heute die Rückgabe der Inseln Iturup und Kunashiri fordert.

Allerdings sicherte sich die Sowjetunion mit der Besetzung der Mandschurei und Nordkoreas bis zum 38. Breitengrad auf dem ostasiatischen Festland stattliche territoriale Gewinne, die als Basis für eine aktivere Fernost-Politik dienen konnten. Die Vereinigten Staaten und die Sowjetunion wurden damit auch in Asien faktisch immer mehr zu Rivalen, obwohl die Westmächte zunächst ihre Zustimmung zum sowjetischen Vorgehen in diesem Raum gegeben hatten, das der gemeinsamen Kriegführung entsprach.

In dem "Ost-West-Konflikt", der sich auf diese Weise in Europa und Asien anbahnte, besaßen die beiden Hauptkonkurrenten USA und Sowjetunion bei Kriegsende höchst unterschiedliche Voraussetzungen: Die USA waren aus dem Zweiten Weltkrieg politisch und wirtschaftlich gestärkt hervorgegangen. Die Verluste an Menschen und Material waren verhältnismäßig gering geblieben. Zudem verfügten die USA durch das Atombombenmonopol über einen Trumpf, dessen politische und militärische Bedeutung noch kaum abzuschätzen war. Die UdSSR hingegen hatte mehr als 20 Millionen Menschen verloren und riesige Verwüstungen erlitten, die eine schwerwiegende Einbuße an Infrastruktur und Wirtschaftskraft bedeuteten.

Andererseits war die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg zu einer militärischen Supermacht aufgestiegen, die den eigenen Einflußbereich maßgeblich vergrößert hatte. Sie besaß im Bereich der Landstreitkräfte ein gewaltiges Potential, das nach Kriegsende nur unwesentlich abgebaut wurde, und arbeitete überdies mit Hochdruck an der Entwicklung einer eigenen Atombombe. Hinzu kam, daß die neuen "Supermächte" nicht mehr - wie in der Zwischenkriegszeit - durch Ozeane und Kontinente voneinander getrennt waren, sondern in ihren Einflußzonen politisch und territorial direkt aufeinanderprallten. Alle Elemente einer machtpolitischen Konfrontation zwischen den USA und der Sowjetunion, zwischen Ost und West, waren damit gegeben.