Internationale Beziehungen I

9.7.2004 | Von:

Der Beginn der Bipolarität

Weltwährungssystem

Die beginnende Rivalität zwischen den USA und der Sowjetunion zeigte sich ebenfalls im Bereich der neuen wirtschaftlichen Strukturen, über die parallel zu den politischen und militärischen Fragen entschieden wurde. So beriefen die USA im Sommer 1944 zur Neuordnung der durch den Zweiten Weltkrieg zerrütteten Weltwirtschaft eine internationale Konferenz aller Staaten, die im Kampf gegen Deutschland und Japan standen, nach Bretton Woods im amerikanischen Bundesstaat New Hampshire ein. Die Konferenz, deren Vorgeschichte bis zu den Verhandlungen über das amerikanisch-britische Leih-Pacht-Abkommen im Mai 1941 zurückreichte, fand vom 1. bis 22. Juli unter Beteiligung von 44 Ländern statt und sollte die strittigen Währungs-, Zahlungs- und Handelsfragen klären, die den Aufbau der Nachkriegsordnung belasteten.

Bei dem Treffen wurden zwei Organisationen gegründet: die "Internationale Bank für Wiederaufbau und Entwicklung" (International Bank for Reconstruction and Development = IBRD, oft auch nur Weltbank genannt) und der "Internationale Währungsfonds" (IWF). Sie sollten eine möglichst offene Welthandelsordnung garantieren. Sie litten jedoch von Anfang an unter dem Handicap, daß trotz intensiver Bemühungen des amerikanischen Finanzministers Henry Morgenthau weder das Abkommen über die Weltbank noch die Vereinbarung über den Währungsfond von der Sowjetunion ratifiziert wurde.

Die Weltbank wurde mit einem Grundkapital von 7,6 Milliarden Dollar ausgestattet. Das Geld, das nahezu vollständig von den USA stammte, sollte dazu dienen, das kriegszerrüttete Europa wiederaufzubauen und den neu entstehenden Ländern in Afrika, Asien und Lateinamerika bei ihrer Entwicklung zu helfen. Hauptanliegen der Weltbank war es, wirtschaftliches Wachstum zu fördern und Kapital bereitzustellen, um staatliche Eingriffe und damit sozialistische Wirtschaftslenkung unnötig zu machen.

Mit 7,3 Milliarden Dollar, über die der Internationale Währungsfonds verfügen konnte, sollten vor allem jene Nationen unterstützt werden, die unter hohen Handelsdefiziten litten. Außerdem sollten die Mittel dazu beitragen, Währungen zu stabilisieren, die unter dem Druck interner wirtschaftlicher Probleme standen. Destruktive Handels- und Währungskriege, die in den dreißiger Jahren den Zusammenbruch der internationalen Ordnung mit verursacht hatten, sollten damit möglichst verhindert werden. Zudem bestanden die amerikanischen Vertreter in Bretton Woods darauf, daß das Wirtschaftssystem der Nachkriegszeit auf Gold und dem US-Dollar als Leitwährung basieren sollte. Da die USA über zwei Drittel der Goldreserven der Welt verfügten, kam diese Forderung nicht überraschend: Washington kontrollierte damit sowohl die Weltbank als auch den Internationalen Währungsfonds.

Die Beschlüsse von Bretton Woods traten nach der Ratifizierung durch 28 Staaten am 27. Dezember 1945 in Kraft. Die Sowjetunion, die sich anfangs beteiligt hatte, hielt sich - wie angesichts der Inhalte und Ziele der Konferenz kaum anders zu erwarten - abseits. Tatsächlich sollten die in Bretton Woods getroffenen internationalen Wirtschafts- und Währungsabkommen in der Folgezeit mehr als jedes andere Vertragswerk die Nachkriegszeit bestimmen: Sie bildeten die Grundlage der Außenwirtschaftsbeziehungen der westlichen Welt und stellten damit ein wichtiges Element des Ost-West-Konflikts dar, weil sich mit den Instrumenten des IWF und der Weltbank - wie später mit dem Allgemeinen Zoll- und Handelsabkommen (General Agreement on Tariffs and Trade = GATT) - die kommunistischen Staaten isolieren ließen.

Der Internationale Währungsfonds umfaßte zunächst 28 Mitglieder und hat sich inzwischen auf über 180 Mitgliedstaaten erhöht. Die Mitglieder der Weltbank müssen zugleich Mitglieder des IWF sein, so daß mit Ausnahme Jugoslawiens die osteuropäischen Länder bis zum Ende des Kalten Krieges aus beiden Organisationen ferngehalten werden konnten. Die USA waren daher 1944/45 in der Lage, nicht nur die politische und militärische, sondern auch die wirtschaftliche und finanzielle Führungsrolle in der Welt relativ unangefochten zu übernehmen, wobei das in Bretton Woods geschaffene neue Weltwährungssystem ganz in ihrem Sinne wirkte.

Leitwährung Dollar

Der ökonomische Aufstieg der USA hatte sich allerdings seit langem angekündigt. Bereits in den Jahren zwischen 1899 und 1902, als Großbritannien im Buren-Krieg gebunden gewesen war, hatten die USA kurzzeitig die Rolle des internationalen Financiers gespielt. In der desolaten Wirtschafts- und Währungssituation nach dem Ersten Weltkrieg hatten die USA dann bis zum Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 England als Finanzzentrum der Welt abgelöst. Schon in den zwanziger Jahren war die Wall Street in New York zum Synonym für wirtschaftliche Macht geworden. Doch erst mit den Vereinbarungen von Bretton Woods wurde diese Rolle der USA festgeschrieben.

So wurde der US-Dollar im neuen Weltwährungssystem zusammen mit Gold als internationale Leit-, Reserve- und Transaktionswährung eingesetzt. Der IWF wurde zentrale Institution dieses Währungssystems der westlichen Welt. Die USA verfügten im obersten Verwaltungsgremium des IWF - dem Board of Governors - wie in der Weltbank aufgrund ihrer Einlagen und dem darauf abgestellten Abstimmungsverfahren von Anfang an über eine Sperrminorität. Ohne Zustimmung der USA konnten keine Beschlüsse gefaßt werden. Diese Dominanz kommt auch in der Tatsache zum Ausdruck, daß die USA alle bisherigen Präsidenten der Weltbank stellte - unter ihnen der ehemalige amerikanische Verteidigungsminister Robert McNamara -, während im IWF auch andere Länder den Geschäftsführenden Direktor stellen konnten.

Insgesamt kontrollierten die USA auf diese Weise im Verein mit den anderen westlichen Industrieländern, deren Finanzminister und Zentralbankpräsidenten sich im "Zehnerclub" des IWF zusammenschlossen, über 70 Prozent aller Währungsreserven der im IWF vereinigten Länder. Amerikanische Banken waren bis Ende der sechziger Jahre die wichtigste Quelle internationaler Kredite. Entscheidungen der amerikanischen Regierung bestimmten die Entwicklung der Weltwirtschaft und der internationalen Kapitalmärkte.

Die Sowjetunion und die übrige kommunistische Welt waren davon praktisch ausgeschlossen. Die Weigerung Stalins, die Vereinbarungen von Bretton Woods zu unterzeichnen, führte die UdSSR in wirtschaftliche und finanzielle Isolierung und zwang sie dazu, eine eigene Wirtschaftsgemeinschaft mit entsprechendem Finanzsystem in Gestalt des Rates für Gegenseitige Wirtschaftshilfe (RGW) aufzubauen. Die Konkurrenzsituation, die im machtpolitischen und ideologischen Bereich bestand, entwickelte sich damit auch auf ökonomischem Gebiet.