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Internationale Beziehungen I
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Vom Kalten Krieg zur Ära der Entspannung


9.7.2004
Die Kuba-Krise 1962 schärfte das Bewusstsein für die Notwenigkeit einer umfassenden Entspannungspolitik zwischen Ost und West. Eine neue Ära in den internationalen Beziehungen wurde eingeleitet.

Das vom US-Verteidigungsministerium veröffentlichte Schwarz-Weiß-Foto zeigt, wie sowjetische Raketen und zugehöriges Equipment am Marinehafen "Mariel" auf Kuba am 5. November 1962 eingeschifft werden.Sowjetische Raketen werden am 5. November 1962 auf Kuba wieder abgezogen. (© AP)

Einleitung



Der Mauerbau in Berlin führte im Sommer und Herbst 1961 zu einer gefährlichen Eskalation des Ost-West-Konflikts und zu einer ernsthaften Belastung für den Frieden in der Welt. Es bedurfte allerdings noch einer weiteren Krise, um die Mächte in Ost und West von der Notwendigkeit einer Entspannung zu überzeugen. Diese Krise entwickelte sich im Herbst 1962 in der Karibik.

Kuba-Krise



Am Morgen des 14. Oktober 1962 fotografierte ein amerikanisches U-2-Aufklärungsflugzeug erste Spuren einer entstehenden Basis für sowjetische Mittelstreckenraketen in der Bucht von St. Cristobal auf Kuba. Am Abend des 15. Oktober waren sich die Experten sicher, daß es sich um den Aufbau von Raketenbasen handelte. Weitere Ermittlungen ergaben, daß Abschußrampen für 16 bis 24 Raketen vorgesehen waren, die in etwa 14 Tagen einsatzbereit sein würden und Raketen mit einer Reichweite von rund 1000 Seemeilen (etwa 1800 Kilometer) aufnehmen konnten. Aus den Photografien war ersichtlich, daß Raketen bereits vorhanden waren; Hinweise auf Atomsprengköpfe gab es noch nicht.

In den nächsten Tagen erfolgte in Geheimbesprechungen der amerikanischen Regierung die Planung des Gegenzugs. Dabei konzentrierte man sich bald auf zwei Möglichkeiten:

- Der Plan eines Luftangriffs zur Vernichtung der Raketen und Abschußrampen wurde zunächst mit Priorität verfolgt, angesichts der Risiken später jedoch zurückgestellt.

- Als Alternative dazu wurde eine Blockade Kubas erwogen, um weitere Raketentransporte zu unterbinden und der Sowjetunion den nötigen Handlungsspielraum zu geben, die schon auf Kuba befindlichen Raketen wieder abzuziehen.

Am Abend des 22. Oktober hielt Präsident Kennedy eine Fernsehrede, in der er der Weltöffentlichkeit erstmals von der Existenz sowjetischer Angriffsraketen auf Kuba Mitteilung machte und zugleich die Entschlossenheit der amerikanischen Regierung bekundete, von der Sowjetunion den Abzug der Raketen zu verlangen. Um dieser Forderung Nachdruck zu verleihen, habe er als ersten Schritt eine "Quarantäne" über Kuba verhängt. Weitere Aktionen würden folgen, wenn der Aufbau weitergehen sollte. Zugleich richtete Kennedy einen Appell an Chruschtschow und an das kubanische Volk, die Raketen abzubauen.

Die juristische Absicherung der verkündeten Maßnahmen erfolgte von der US-Regierung mit dem Hinweis, die "Quarantäne" sei "eine neue Form von Vergeltungsmaßnahme, ein Akt der nationalen und kollektiven Selbstverteidigung gegen eine Aggressionshandlung entsprechend der UN- und OAS-Charta und entsprechend dem Vertrag von Rio von 1947". Tatsächlich sahen die Charta der Vereinten Nationen sowie die Charta der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) und der am 30. August 1947 geschlossene Interamerikanische Beistandspakt von Rio de Janeiro ein Recht auf Selbstverteidigung vor, wenn ein Land durch den Angriff eines anderen Landes bedroht war. Die Selbstverteidigung konnte sowohl "national" (durch das bedrohte Land selber) als auch "kollektiv" (im Rahmen eines Bündnisses) geschehen. Die amerikanische Regierung führte nun gleich beide Möglichkeiten ins Feld.

Raketenabzug

Von der UdSSR dagegen wurde die Quarantäne am 23. Oktober schlicht als "Piraterie" verurteilt. Allerdings beugte sich die sowjetische Regierung schließlich dem amerikanischen Druck, als Chruschtschow am 26. und 27. Oktober in zwei Briefen an Präsident Kennedy den Abzug der Raketen unter Aufsicht der UNO anbot, wenn die USA sich verpflichteten, keine Invasion Kubas vorzunehmen und die amerikanischen "Jupiter"-Raketen in der Türkei abzubauen. Die USA ließen sich auf diesen Tauschhandel zwar nicht offen ein, da er nach einem Erfolg der sowjetischen Raketen-Politik ausgesehen hätte. Inoffiziell stellte Präsident Kennedy dem Kreml aber den Abzug der amerikanischen Raketen aus der Türkei inner- halb der nächsten Monate in Aussicht. Chruschtschow ordnete daraufhin den sofortigen Abbau der Basen auf Kuba an. Die Krise war beendet, ein drohender Atomkrieg in letzter Minute glücklich vermieden worden.

Wie nahe die Welt damals am Rande eines mit Atomwaffen geführten Dritten Weltkrieges gestanden hatte, wurde erst in jüngster Zeit erkennbar. General Anatolij Iwanowitsch Gribkow, der damals an der "Operation Anadyr" - der Stationierung sowjetischer Raketen auf Kuba - maßgeblich beteiligt war, schrieb dazu in seinen Memoiren: "Es muß offen gesagt werden, daß damals das globale Kräfteverhältnis sehr zuungunsten der Sowjetunion ausfiel. Doch auch mit der Stationierung der Mittelstreckenraketen auf Kuba veränderte sich praktisch nichts - während sich die Gefahr einer nuklearen Katastrophe vervielfachte. Deshalb bin ich zutiefst überzeugt, daß die Stationierung der Raketen auf Kuba ein Fehler war."

Die Kuba-Krise schärfte das Bewußtsein für die Notwendigkeit einer Politik der nuklearen Kooperation und der Kriegsverhütung zur Sicherung des Überlebens der Menschheit. Die Krise wurde zu einem Wendepunkt im Kalten Krieg und führte direkt zur Wiederaufnahme und Forcierung der Gespräche über Rüstungskontrolle und Rüstungsbegrenzung, wie sie von Präsident Kennedy vorgeschlagen worden waren. Damit begann schließlich eine umfassende Entspannungspolitik zwischen Ost und West, mit der eine neue Ära in den internationalen Beziehungen eingeleitet wurde.