Internationale Beziehungen I
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Krise und Neubeginn der Ost-West-Kooperation


9.7.2004
Die Führungskrise der USA führte zu einer außenpolitischen Offensive der Sowjetunion. Washington beantwortete dies mit einer starken militärischen Aufrüstung. Mit Gorbatschows Machtantritt eröffneten sich neue Chancen für die Entspannungspolitik.

US-Präsident Ronald Reagan und der Generalsekräter der kommunistischen Partei der Sowjetunion Michail Gorbatschow bei einem Treffen in Genf, 1985.Ronald Reagan und Michail Gorbatschow bei einem Treffen in Genf, 1985. (© Wikimedia, Public Domain)

Einleitung



Bis 1975 hatte die Entspannungspolitik somit auf verschiedenen Gebieten bemerkenswerte Erfolge verbuchen können. Dies galt sowohl für den SALT-Prozeß und die Verbesserung der politischen Beziehungen zwischen den USA und der Sowjetunion (von den 105 Verträgen, die von 1933 bis 1980 zwischen beiden Ländern geschlossen wurden, kamen allein 41 zwischen Mai 1972 und Mai 1974 zustande) als auch für die Entspannung in Europa, bei der vor allem die Fortschritte in der Ost- und Deutschlandpolitik sowie die Regelung des Berlin-Problems und die KSZE hervorzuheben waren.

Die Euphorie, die Anfang der siebziger Jahre herrschte, weil man sich weiterhin gute Entwicklungsmöglichkeiten versprach, wurde jedoch bald getrübt. Ein wichtige Ursache dafür war die Tatsache, daß die USA als Folge des Vietnam-Traumas und der Watergate-Affäre in eine innen- und außenpolitische Krise gerieten, die zum Verlust der Handlungsfähigkeit der amerikanischen Regierung führte. Damit war eine wichtige Voraussetzung der Entspannungspolitik verlorengegangen.

Der Vietnam-Krieg hatte in Westeuropa und auch in den USA Widerstand gegen die amerikanische Politik der weltweiten Einmischung geweckt, deren Praxis offensichtlich im Widerspruch zu den Idealen der Verteidigung von Demokratie, Freiheit und Menschenrechten stand. Die Umstände des Rückzugs der USA aus Vietnam, der sich zunächst jahrelang hinzog und schließlich im April 1975 in einer ungeordneten, überstürzten Flucht endete, bedeuteten einen zusätzlichen Prestigeverlust der USA. Es gab keine koordinierte Machtübergabe, die das Gesicht hätte wahren helfen, sondern eine militärische Niederlage und unausgesprochene Kapitulation. Diese Erfahrungen bereiteten in den USA den Boden für eine Rückkehr zu Isolationismus und Neokonservativismus.

Amerikanische Krise



Zu allem Überfluß traf diese zögerliche Beendigung des Vietnam-Krieges auch noch mit der Empörung über die Watergate-Affäre zusammen. Bei dieser Affäre versuchte Präsident Nixon über ein Jahr lang, vom Frühjahr 1973 bis zu seinem erzwungenen Rücktritt im August 1974, einen Einbruch in das Hauptquartier der Demokratischen Partei im Watergate-Komplex in Washington während des Wahlkampfes 1972 zu vertuschen, an dem offenbar einige seiner Mitarbeiter indirekt beteiligt gewesen waren. Die Verbindung von Vietnam-Trauma und Watergate-Skandal verschärfte die amerikanische Krise auf dramatische Weise und bewirkte das Ende der "imperialen Präsidentschaft" (Arthur M. Schlesinger), die sich durch eine allmähliche Vergrößerung der Machtbefugnisse des Weißen Hauses auf Kosten des Kongresses entwickelt und in den sechziger und frühen siebziger Jahren unter Johnson und Nixon ihren Höhepunkt erreicht hatte.

Die Tragweite dieser Krise wurde zunächst nicht nur vielfach unterschätzt, sondern auch auf falsche Ursachen - vor allem auf eine angeblich "illusionäre Entspannungseuphorie" - zurückgeführt. Tatsächlich trug die Entspannung zwischen Ost und West dazu bei, den amerikanischen Rückzug aus Vietnam zu rechtfertigen und seine längerfristigen Auswirkungen zu verschleiern. So schien es 1973 nach einer Phase durchaus erfolgreicher Rüstungskontrollpolitik keineswegs abwegig, in den USA die allgemeine Wehrpflicht abzuschaffen.

Auch die kontinuierliche Verringerung des Anteils der Verteidigungsausgaben am amerikanischen Bruttosozialprodukt von 7,8 Prozent im Jahre 1970 auf 5,2 Prozent 1979 ließ sich mit Blick auf die Entspannung zwischen Ost und West begründen. Der eigentliche Grund für diese Reduzierungen war jedoch nicht die Entspannungspolitik selbst, sondern eine allgemeine Verteidigungsmüdigkeit und die Unlust, sich militärisch außerhalb der Grenzen der USA mehr als unbedingt nötig zu engagieren.

Verteidigungsmüdigkeit

Die Zahl der amerikanischen Soldaten ging von 3,547 Millionen im Jahre 1968 - dem Höhepunkt des Vietnam-Krieges - auf 2,022 Millionen 1979 zurück; die Mannschaftsstärke der sowjetischen Armee stieg dagegen im gleichen Zeitraum von 3,220 Millionen auf 3,658 Millionen. Darüber hinaus standen den USA während der Präsidentschaft Jimmy Carters nur etwa 800000 Reservisten zur Verfügung, der Sowjetunion jedoch mehr als fünf Millionen. Zudem waren die konventionelle Beweglichkeit der USA und ihre Interventionsmöglichkeiten außerhalb des Bündnisbereichs der NATO ab Mitte der siebziger Jahre auf ein Maß geschrumpft, das es dem amerikanischen Präsidenten nicht mehr erlaubte, im Bedarfsfall auf einen kurzfristig realisierbaren, nennenswerten Einsatz militärischer Machtmittel zu vertrauen.

Die amerikanische Politik in Afrika, Asien und im Mittleren Osten war daher Beschränkungen unterworfen, die vom Standpunkt des amerikanischen Weltmachtinteresses nicht zu verantworten waren. Die gewaltigen Nuklearpotentiale nutzten den USA dabei wenig, denn diese Waffen waren aufgrund ihrer überdimensionalen Vernichtungskraft und Eskalationsgefahr für einen Einsatz in einem regional begrenzten Konflikt ungeeignet und deshalb praktisch ohne Wert. Die UdSSR, der diese Schwäche nicht verborgen blieb, hatte in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre dadurch weltpolitisch relativ freie Hand.