Großbritannien
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Wirtschaftssystem und Wirtschaftspolitik


27.2.2009
Die britische Wirtschaftspolitik setzte jahrzehntelang auf Privatisierung und staatliche Deregulierung. Der Schwerpunkt der Wirtschaftstätigkeit liegt im Dienstleistungssektor und regional im Südosten des Landes um den Großraum London.

In London warten Arbeiter  vor einem übergroßen Bild, bis sie die Baustelle des größten Gebäudes Europas mit dem Namen "The Shard" betreten dürfen.In London warten Arbeiter vor einem übergroßen Bild, bis sie die Baustelle des größten Gebäudes Europas mit dem Namen "The Shard" betreten dürfen. (© picture-alliance/AP)

Einleitung



In der Mitte des 18. Jahrhunderts begann in Groß-britannien der Prozess der Industrialisierung, der begleitet war von einer Effizienzerhöhung der landwirtschaftlichen Produktion. Bereits um 1840 waren weniger als 30 Prozent der Arbeitskräfte im Agrarsektor beschäftigt, im europäischen Durchschnitt waren es dagegen noch zwei Drittel. Die Industrialisierung drängte im 19. und 20. Jahrhundert die Landwirtschaft als Arbeitgeberin weiter in den Hintergrund.

Gegen Ende der 1950er Jahre verlagerte sich die wirtschaftliche Führungsrolle vom Industrie- zum Dienstleistungssektor. Die britische Wirtschaft ist heute eine Dienstleistungsökonomie. Sie ist im OECD-Länder-Vergleich überdurchschnittlich erfolgreich bei wissensintensiven Dienstleistungen (Telekommunikation, Banken und Versicherungen, Forschung und Entwicklung, Dienstleistungen für Unternehmen) und unterdurchschnittlich in den wachstumsschwachen Sektoren (Landwirtschaft, Verarbeitendes Gewerbe mit geringem Technikeinsatz).

Strukturelle Grundlagen



Das Vereinigte Königreich vermittelt noch immer das Bild eines grünen Landes. Circa 75 Prozent seiner Fläche werden landwirtschaftlich genutzt, 60 Prozent dieser Fläche sind Weideland unter anderem für etwa 20 Millionen Schafe. Trotzdem ist die Landwirtschaft heute für die britische Wirtschaftsleistung mit einem Anteil von einem Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) nur noch von marginaler Bedeutung. Der OECD-Bericht von 2007 beziffert den Anteil der Landwirtschaft (Agriculture, forestry and fishing) an der Gesamtzahl der Beschäftigten im Jahr 2006 auf 1,3 Prozent. Dies erklärt die im Vergleich zu anderen EU-Regierungen größere Entschlossenheit der britischen Regierung, wenn es in Brüssel um eine Reform der EU-Agrarpolitik und die Senkung ihrer Kosten geht.

Der Industriesektor hat seit dem Zweiten Weltkrieg ebenfalls an Bedeutung für die britische Wirtschaft verloren. Laut OECD-Bericht von 2007 trug der Verarbeitende Sektor 2006 weniger als 15 Prozent zur Bruttowertschöpfung bei.

Traditionelle Industriezweige, wie Stahl, Kohle und Schiffbau oder die Textilindustrie, die in der unmittelbaren Nachkriegszeit noch Millionen von Arbeitnehmern beschäftigten, bieten heute noch einige zehntausend Arbeitsplätze. Da die Zentren dieser Industrien in Nordirland, Schottland, Wales und Nordengland lagen, erlebten diese Industrieregionen einen raschen Niedergang, den die Regional- und Industrieansiedelungspolitik der Nachkriegsregierungen nur unwesentlich aufhalten konnte. 2006 waren laut OECD noch 22 Prozent der Beschäftigten in Industrie und Baugewerbe tätig, während der Dienstleistungssektor 76,4 Prozent beschäftigte. Führend in der Welt ist die britische Wirtschaft in den Feldern Telekommunikation (vodafone), Öl und Gas (BP) oder Pharmazie und Chemie (GlaxoSmithKline).

Produktivitätsdefizite

WirtschaftsdatenWirtschaftsdaten
Schon seit Kriegsende beklagen Ökonomen die mangelnde Konkurrenzfähigkeit der britischen Wirtschaft, insbesondere die Produktivitätsdefizite in der Industrie. Margaret Thatchers Politik, die auf schärferen Wettbewerb, einen Abbau staatlicher Regulierung und die Beseitigung von Gewerkschaftsblockaden bei der Modernisierung der Unternehmen setzte, verbesserte zwar Großbritanniens relative Position. Aber noch immer liegt die Produktivität in der britischen Industrie unter derjenigen der USA, Deutschlands oder Frankreichs. Wichtige Ursache hierfür sind der Mangel an geeignet ausgebildeten Fachkräften, aber auch an Grundkenntnissen der Schulabgänger, sowie das vergleichsweise geringe staatliche Engagement bei der Förderung von Forschung und Entwicklung.

Das Unternehmerlager ist traditionell ökonomisch, politisch und zum Teil auch organisatorisch gespalten zwischen schwachen klein- und mittelgroßen Unternehmen auf der einen und international engagierten Großunternehmen auf der anderen Seite. Ein jüngstes Beispiel für die unterschiedlichen Interessenlagen in der britischen Industrie ist die befürwortende Haltung der exportorientierten Großunternehmen zur Einführung des Euro, der viele Klein- und Mittelunternehmen skeptisch gegen-überstehen. Die überwiegende Zahl der industriellen Großbetriebe Großbritanniens ist im Besitz weltweit agierender Unternehmen, die ihren Hauptsitz nicht in Großbritannien haben. Der Anteil britischer Firmen mit ausländischen Besitzern ist im letzten Jahrzehnt von 30 Prozent auf 50 Prozent gewachsen. Damit sind die britische Wirtschaft und ihr Angebot an Arbeitsplätzen, noch stärker als dies für Deutschland gilt, von den Erfolgen und Misserfolgen der Weltwirtschaft und den Standortentscheidungen der internationalen Unternehmen abhängig.

Neben amerikanischen Unternehmen spielen japanische Investoren in einigen Sektoren der Wirtschaft, wie der Automobilindustrie (Toyota, Nissan, Honda) oder der Chip-Produktion (Fujitsu), eine besondere Rolle. Sie möchten auf dem europäischen Binnenmarkt präsent sein und bevorzugen Groß-britannien wegen der englischen Sprache, wegen der für alle Investoren attraktiven relativ niedrigen Steuersätze im Verein mit im europäischen Vergleich längeren Arbeitszeiten und niedrigeren Löhnen. Die Produktivität in Betrieben, die zu japanischen Konzernen gehören, ist gemessen am Landesdurchschnitt meist relativ hoch, so dass sich diese Betriebe auch überdurchschnittliche Löhne zur Beteiligung ihrer Mitarbeiter am Unternehmenserfolg leisten können. Dafür verzichten die Beschäftigten aber häufig in Firmenverträgen auf traditionelle Rechte, wie das Streikrecht oder das Recht zur Organisation in Gewerkschaften.