Während eine überwältigende Mehrheit bei einem Werftbesuch Adolf Hitlers 1936 die Arme zum " Deutschen Gruß" hebt, verschränkt ein einzelner Arbeiter seine Arme.
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Aufstieg


24.5.2012
Die Folgen des verlorenen Krieges, Wirtschaftsprobleme und der mangelnde Rückhalt der Bevölkerung schwächen die Weimarer Republik. Diesen Umstand nutzt die NSDAP durch geschickte Propaganda und kann so ihre Stimmanteile bei Wahlen erheblich steigern. Bald wenden sich immer mehr Menschen den Nationalsozialisten zu.

Während einer Großveranstaltung der deutschen Nationalisten 1922, dem "Deutschen Tag" in Coburg, posiert die Delegation der NSDAP vor einem Hauseingang.Während einer Großveranstaltung der deutschen Nationalisten 1922, dem "Deutschen Tag" in Coburg, posiert die Delegation der NSDAP vor einem Hauseingang. (© Bundesarchiv, Bild 119-5519 / Fotograf: o.A.)

Anfänge der NSDAP in München



Der Nationalsozialismus entwickelte sich aus dem Geist und der Gewalt des Ersten Weltkriegs. In vielen Ländern Europas entstanden nach dem Krieg faschistische Bewegungen, die sich in ihrer antikommunistischen Stoßrichtung, in ihrem „Führerglauben“, ihrer gewalttätigen Politik und ihrem radikalen Nationalismus sowie in ihrer Ablehnung einer bürgerlich-liberalen Gesellschaft durchaus ähnelten. Ihr gemeinsames Vorbild war der italienische Faschistenführer Benito Mussolini, der als ehemaliger Sozialist 1919 die „Fasci di combattimento“ (Kampfbünde) gegründet hatte und 1922 an die Macht gelangt war.

Adolf Hitler, der zuvor ein unbedeutendes Bohemienleben geführt hatte, fühlte sich durch die Mobilmachung für den Krieg 1914, die er in München erlebte, wie auferweckt. „Mir selber kamen die damaligen Stunden wie eine Erlösung aus den ärgerlichen Empfindungen der Jugend vor“, formulierte er zehn Jahre später in „Mein Kampf“. Wie Zehntausende anderer junger Männer meldete er sich freiwillig zum Militärdienst und tauchte ein in jenes trügerisch-großartige Erleben der „Volksgemeinschaft“ 1914, in das Gefühl von Einheit und Siegesgewissheit, das realitätsnahe Erwartungen zum Charakter und zur Dauer des Krieges verschwinden ließ.

Als Hitler im Herbst 1916 an der Westfront durch einen Angriff zum ersten Mal verwundet wurde, waren seine Illusionen über einen raschen Sieg verflogen, der Glaube an die Unbesiegbarkeit Deutschlands jedoch keineswegs. Aus dem Lazarett an die Front zurückgekehrt, wurde er im Oktober 1918 Opfer eines Giftgasangriffs, erblindete kurzzeitig und erlebte das Kriegsende im Krankenbett. Erst wenige Wochen vor dem Ende, Anfang Oktober 1918, hatten die führenden Generäle Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff eingestanden, dass der Krieg verloren sei. Doch entzogen sie sich ihrer Verantwortung und überließen es der zivilen Reichsregierung, am 3. Oktober 1918 bei den Siegermächten um einen Waffenstillstand zu bitten.

Quellentext

Adolf Hitlers frühe Jahre

Adolf Hitler, am 20. April 1889 in der österreichischen Stadt Braunau geboren, stammte aus kleinen Verhältnissen. Sein Vater war Zollbeamter, hinterließ aber, als er 1903 starb, so viel Geld, dass seine Witwe und sein Sohn davon ihren Lebensunterhalt bestreiten konnten. Hitler brach die Schule nach der 9. Klasse ab und blieb zunächst bei seiner Mutter, an der er sehr hing, in Linz wohnen. Ihr Tod im Dezember 1907 bedeutete zweifellos die einschneidendste Zäsur in seiner Jugend. Er zog danach nach Wien, scheiterte jedoch mit seinen Versuchen, an der Wiener Kunstakademie als Student aufgenommen zu werden. So führte er als „Künstler“ und „Schriftsteller“ ein orientierungsloses, müßiggängerisches, kärgliches Leben, verdiente sich Geld mit Gelegenheitsarbeiten und dem Verkauf selbst gemalter Ansichtspostkarten, wohnte in Männerwohnheimen, las völkische und antisemitische Broschüren, besuchte politische Veranstaltungen und hörte leidenschaftlich Wagner-Opern in der Wiener Staatsoper. Ob Richard Wagners Antisemitismus Hitler beeinflusst hat, ist in der Geschichtsschreibung strittig. Immer wieder wird allerdings darauf aufmerksam gemacht, dass die öffentliche theatralische Inszenierung der Politik, wie sie später zum Beispiel auf den Reichsparteitagen praktiziert wurde, durchaus mit dieser frühen Theaterleidenschaft Hitlers verbunden war. Auch die späteren gigantischen Baupläne für die Reichshauptstadt Berlin lassen sich auf die Wiener Jahre zurückführen, in denen Hitler von sich glaubte, ein begabter Künstler und Architekt zu sein.
Als 1913 der Einberufungsbefehl in die österreichische Armee drohte, setzte sich Hitler nach München ab, weil er als sich Deutschland zugehörig fühlender Nationalist in keinem Fall für das österreichische Vielvölkerimperium kämpfen wollte. Stattdessen meldete er sich in München Anfang August 1914 als Freiwilliger. Der Krieg gab ihm die Ordnung, die seinem Leben fehlte. Hitler machte beim Militär keine Karriere, sondern blieb Gefreiter, ein unterer Dienstgrad. Offenkundig war er ein verlässlicher, wenig auffallender Soldat. Entgegen seiner eigenen Selbststilisierung in der 1925/27 erscheinenden programmatischen Schrift „Mein Kampf“ war er allerdings kaum an der Front eingesetzt gewesen, und die Auszeichnung mit dem Eisernen Kreuz I. Klasse verdankte er der Fürsprache Hugo Gutmanns, eines jüdischen Offiziers.




„Dolchstoßlegende“

Für Hitler wie für Millionen anderer Deutscher war die Armee unbesiegt geblieben und angeblich von hinterhältigen Verbrechern an der „Heimatfront“ verraten worden. „In diesen Nächten wuchs mir der Hass, der Hass gegen die Urheber dieser Tat“, schrieb Hitler in „Mein Kampf“ und hielt unmissverständlich fest, wer für ihn die „Urheber“ waren: „Mit dem Juden gibt es kein Paktieren, sondern nur das harte Entweder – Oder. Ich aber beschloss, Politiker zu werden.“

Selbstverständlich erschuf Hitler hier seine eigene Legende. Seine tatsächliche Entscheidung, in die Politik zu gehen, fiel erst zwei Jahre später. Und natürlich waren nicht Juden verantwortlich für die Niederlage Deutschlands. Aber es ist kennzeichnend, dass er diese Wende in seinem Leben an eben jenem historischen Punkt ansetzte, als das Deutsche Reich seine bis dahin tiefste Niederlage erlebte. Aus dem Moment der absoluten Ohnmacht heraus, der Empfindung, Opfer zu sein und Vergeltung üben zu müssen, erwuchs sein Entschluss. Nicht konstruktiver politischer Gestaltungswillen, sondern Hass bildete die Emotion, mit der Hitler seinen Eintritt in die Politik begründete.

Schon während des Krieges hatte der Antisemitismus, insbesondere der Vorwurf, „jüdische Schieber“ und „Kriegsgewinnler“ verdienten Millionen, während die Bevölkerung hungern müsste, rasch an öffentlicher Resonanz gewonnen. Tatsächlich aber hatte imperialistische Überheblichkeit das Deutsche Reich in den Krieg getrieben, und die Siegesgewissheit war schnell in den fürchterlichen Schlachten des Weltkrieges zerstoben. Da das Reich nicht auf einen längeren Krieg vorbereitet war, mangelte es bald an Lebensmitteln und anderen Versorgungsgütern. Und schon seit 1915 protestierten die Arbeiter mit Streiks gegen die schlechten Lebens- und Arbeitsbedingungen. Antisemiten machten „die Juden“ zu Sündenböcken und verdächtigten sie sogar, sich vor dem Militärdienst zu drücken. Deshalb wurde im Oktober 1916 eine offizielle „Judenzählung“ im deutschen Heer durchgeführt. Da diese Maßnahme willkürlich und ohne Konzept vorgenommen wurde und die Zahlen dieses antisemitische Vorurteil vermutlich bloßstellten, wurden die Ergebnisse nicht veröffentlicht, was die antisemitische Kampagne noch verstärkte. Als sich nach dem unerwarteten Eingeständnis der Obersten Heeresleitung Ende September 1918, dass der Krieg nicht mehr gewonnen werden könne, plötzliche Ernüchterung einstellte, wurden vielfach „die Juden“ ebenso wie die politische Linke, die die Arbeiter zu Streiks aufgewiegelt habe, für die Niederlage verantwortlich gemacht. Revolutionäre mit jüdischer Herkunft wie Rosa Luxemburg, Hugo Haase oder Eugen Leviné schienen die antisemitische wie antikommunistische Weltsicht zu bestätigen, dass es „jüdische Bolschewisten“ seien, die dem deutschen Heer einen „Dolch in den Rücken“ gestoßen hätten und nun den Umsturz wollten. Diese Sicht und seine Chance, sich damit aus der Verantwortung zu stehlen, unterstützte der inzwischen im Ruhestand befindliche Ex-Generalfeldmarschall von Hindenburg durch eine entsprechende Erklärung vor dem Untersuchungsausschuss der Nationalversammlung zur Kriegsschuldfrage am 18. November 1918.

Quellentext

Unbewältigte Kriegstraumata

[...] Der Erste Weltkrieg zerstörte die alten herrschaftlichen und gesellschaftlichen Strukturen Mittel- und Osteuropas. Am Ende standen Hunger, Niedergang, Chaos und Not, Dumpfheit und Hass. Auf deutscher Seite waren zwei Millionen zumeist junge Männer gefallen, ein Viertel von ihnen während der letzten Kriegsmonate. Millionen Menschen fristeten ihr Leben als Kriegskrüppel, Witwen und Halbwaisen. Infolge der britischen Seeblockade waren 500000 Deutsche verhungert. 1917 standen pro Ein- wohner in den Städten durchschnittlich 1400 Kalorien pro Tag zur Verfügung. „Das Schlangenstehen vor den Lebensmittelgeschäften der Städte machte die Zermürbten wild und aufsässig und vor allem grimmig gegen die Reichen, die sich ‚hinten herum‘ besser ernährten.“
Hunderttausende starben an Tuberkulose, an Grippeepidemien und allgemeiner Entkräftung vor ihrer Zeit. Kinder litten an Unterernährung und Rachitis. Demobilisierte Soldaten, verzweifelte, ausgemergelte Frauen irrten durch ihr schwieriges Leben.
Die deutschen Männer hatten umsonst gelitten. „Wie soll man weiterleben“, fragten sie sich, „wenn alles vergeblich war.“ Ihre Frauen hatten umsonst gehungert. Mit den Kriegsanleihen, die das Bürgertum in vaterländischem Pflichtgefühl gezeichnet hatte, verloren die gehobenen Mittel- und Oberschichten erhebliche Teile ihres Vermögens. Das kaiserliche Feldheer war geschlagen. Folglich konnten die Schrecken der Front, konnten die schweren psychischen Verletzungen der elf Millionen heimkehrenden Soldaten nicht in Siegesfeiern gewürdigt, abgebaut und verarbeitet werden. Trommelfeuer, Giftgasalarm, Granatsplitter und Tod, kurz: die Kriegstraumata fraßen in ihnen. [...]
Voller Wut und Gram mochten die meisten der geschlagenen Soldaten die Sinnlosigkeit ihres Kampfes nicht einsehen. Stattdessen vergruben sie sich in dem Gefühl, ihr – seit dem 9. November 1918 demokratisch regiertes – Vaterland behandle sie mit „maßloser Undankbarkeit“. [...]
Den Friedensvertrag von Versailles, den die deutschen Abgesandten im Sommer 1919 ohne jede Diskussion und unter Androhung militärischer Gewalt unterzeichnen mussten, empfanden die Besiegten als ungeheuerliche Ungerechtigkeit. Sie vergaßen dabei freilich, was sie – nach einem vergleichsweise kleinen Krieg von 1870/1871 mit 120000 gefallenen deutschen und französischen Soldaten – Frankreich an Gebietsverlusten und Kontributionen zugemutet und dass sie im Januar 1918 der jungen Sowjetunion einen Frieden diktiert hatten, der die Härten des Versailler Vertrags deutlich übertraf. [...]
Den von Wilson verkündeten und von Deutschland im Oktober 1918 akzeptierten Kerngedanken eines „Friedens ohne Sieger“ verletzte insbesondere Artikel 231 des Versailler Vertrages. Er schob den Deutschen die alleinige Kriegsschuld zu und bildete die Grundlage für die Reparationsforderungen. Diese sollten nicht – wie bis dahin bei Friedensverträgen üblich – als gewissermaßen natürliche Folge der Niederlage bezahlt werden, sondern aufgrund einer zuvor anerkannten schweren Schuld. [...]
Der Kriegsschuldparagraph führte dazu, dass sich die Deutschen bald mehrheitlich darauf verständigten, jede Mitschuld am Krieg zu leugnen. So konnte die NSDAP später erfolgreich die Mär verbreiten: „Die Unschuld Deutschlands am Weltkrieg ist heute urkundlich nach jeder Richtung hin erhärtet.“ Eine gleichfalls ungute psychologische Wirkung entfalteten die extrem hohen Reparationsforderungen. Sie erlaubten den Deutschen, jede Mitverantwortung für Kriegsfolgen, Inflation, Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise von sich zu weisen und die Misere fremden, nicht zuletzt angeblich weltweit vernetzten jüdischen Kräften anzulasten. [...]

Götz Aly, Warum die Deutschen? Warum die Juden? Gleichheit, Neid und Rassenhass 1800-1933, S. Fischer Verlag Frankfurt/M. 2011, S. 152 ff.




Bürden der Republik

Die Revolution 1918/19 hatte Hoffnungen auf eine demokratische und soziale Republik geweckt. So deutlich die im November und Dezember 1918 rasch im ganzen Reich gebildeten Räte für eine parlamentarische Regierung votiert hatten, so vernehmlich hatten sie zugleich Forderungen nach einer Reform der militärischen Strukturen sowie nach einer Sozialisierung der Schwerindustrie, nach der Demokratisierung der Betriebe und einem Acht-Stunden-Arbeitstag erhoben. Noch inmitten der revolutionären Wirren machten die Unternehmer sozialpolitische Zugeständnisse, indem sie den zurückkehrenden Soldaten den alten Arbeitsplatz garantierten, die freien Gewerkschaften als einzigen Verhandlungspartner bei Tarifverhandlungen akzeptierten und die Einführung des Acht-Stunden-Tages bei vollem Lohnausgleich versprachen.

Weitergehende Reformen des Wirtschaftslebens blieben jedoch aus. Der Rat der Volksbeauftragten aus Mehrheitssozialdemokraten (MSPD) und Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD), die sich 1917 wegen der Unterstützung des Krieges durch die sozialdemokratische Mehrheit abgespalten hatten, wehrte die Forderungen nach Sozialisierung der Schwerindustrie ab. Ebenso traute die sozialdemokratische Führung in Berlin eher der alten militärischen Elite zu, die Sicherheit der Republik zu gewährleisten. Sie unterließ es daher, eigene republiktreue Militärverbände aufzubauen. Stattdessen bildeten sich aus den Gruppen von demobilisierten Soldaten, die nicht ins Zivilleben zurückkehren wollten, sogenannte Freikorps, die im Baltikum oder in den umstrittenen östlichen Gebieten, die von Polen wie von Deutschen beansprucht wurden, weiterkämpften.

Diese Versuche der MSPD, die revolutionäre Dynamik abzubremsen, stießen auf den Widerstand der Linken, die – insbesondere nach Gründung der Kommunistischen Partei am 1. Januar 1919 – immer wieder versuchte, nach dem Muster der bolschewistischen Oktoberrevolution in Russland die Macht zu ergreifen. Aber auch viele Arbeiter waren von der Politik der MSPD enttäuscht, zumal die Berliner Regierung die linken Aufstände mit brutaler Gewalt durch jene Freikorpsverbände niederschlagen ließ, die aus ihrer republikfeindlichen, konterrevolutionären Gesinnung keinen Hehl machten.

Die kurze Einmütigkeit, die sich in den Wahlen zur Nationalversammlung am 19. Januar 1919 äußerte, in denen die MSPD stärkste Partei wurde und zusammen mit dem katholischen Zentrum und der liberalen Deutschen Demokratischen Partei eine verfassungstreue Regierung bilden konnte, war rasch vorbei. Die Rechte, ermuntert durch die militärischen Erfolge gegen linke Aufständische, glaubte die Zeit reif für den Staatsstreich. Im März 1920 marschierte das Freikorps Ehrhardt mit Unterstützung des Reichswehrchefs in Berlin, General Walther Freiherr von Lüttwitz, in die Reichshauptstadt ein. Doch brach der Putschversuch am zivilen Widerstand der Beamten zusammen, die den Anweisungen der selbst ernannten Regierung nicht folgten. Ein Generalstreik im ganzen Reich brachte die Putschisten endgültig zu Fall; der Staatsstreich von rechts war durch eine republikanische Loyalität „von unten“ verhindert worden.

Gewerkschaften und streikende Arbeiter sahen nun die Gelegenheit gekommen, um grundlegende Reformen durchzusetzen, und führten den Streik fort. Im Ruhrgebiet übernahmen sogar bewaffnete Arbeitermilizen örtlich die Macht. Wieder ließ die Regierung Freikorps, darunter jene Einheiten, die eben noch gegen die Republik geputscht hatten, gegen die Streikenden marschieren und vor allem im Ruhrgebiet den Aufstand blutig niederschlagen. Über tausend Tote waren auf Seiten der Aufständischen zu beklagen. Als am 6. Juni 1920 der erste Reichstag gewählt wurde, erlitt die MSPD eine schwere Niederlage, während die linke USPD ihre Stimmen mehr als verdoppelte. Ebenso gewannen rechte Parteien deutlich an Zustimmung. Der republikanische Konsens war zerbrochen.

Und doch fanden auch in der Folgezeit immer wieder eindrucksvolle Manifestationen zugunsten der Weimarer Republik statt. Nach dem Mordanschlag auf Außenminister Walther Rathenau durch rechtsradikale Terroristen am 24. Juni 1922 riefen die Gewerkschaften einen eintägigen Generalstreik aus; überall im Reich demonstrierten Menschen gegen die Terrorpolitik von rechts und für die Republik.

Aber der jungen Republik waren auch schwere Bürden auferlegt, allen voran der Versailler Vertrag. Ohne dass eine deutsche Delegation hatte mitverhandeln können, wurde ihr im Mai 1919 das Ergebnis präsentiert, das massive Gebietsabtretungen vorsah, was mit einem empfindlichen Verlust von Kohle-, Erzvorkommen und industriellen Ressourcen einherging. Westpreußen kam zu Polen, Frankreich erhielt Elsass-Lothringen zurück. Die ehemaligen Kolonien wurden unter das Mandat des Völkerbundes gestellt, ebenso das Saarland, dessen Bevölkerung fünfzehn Jahre später entscheiden sollte, ob sie zu Frankreich oder Deutschland gehören wollte. Für Oberschlesien wurde eine Volksabstimmung im Jahr 1921 beschlossen, in der eine Mehrheit für die Zugehörigkeit zu Deutschland votierte. Dennoch teilten die Alliierten die Region und schlugen die industriellen Teile Oberschlesiens Polen zu. Das künftige deutsche Heer sollte höchstens 100000 Mann umfassen. Dem Reich wurden hohe Reparationszahlungen auferlegt, und es hatte zu akzeptieren, dass es die alleinige Kriegsschuld trug. Der sozialdemokratische Ministerpräsident Philipp Scheidemann sagte, dass einem deutschen Politiker die Hand verdorren müsse, wenn er diesen Vertrag unterschriebe, und trat zurück.

Doch die Drohung der Alliierten, in Deutschland einzumarschieren, wenn der Vertrag nicht unterschrieben würde, ließ der Reichsregierung keine Wahl. Nachdem der Reichstag mehrheitlich für die Annahme gestimmt hatte, wurde der Vertrag am 28. Juni 1919 vom sozialdemokratischen Außenminister Hermann Müller und dem Zentrumspolitiker Johannes Bell im Namen der Reichsregierung unterzeichnet.

Obwohl die britische und die US-amerikanische Regierung die Notwendigkeit von Nachverhandlungen über den Zahlungsmodus der Reparationsforderungen anerkannten und verhindern wollten, dass das Deutsche Reich durch eine hohe Schuldenaufnahme ökonomisch in die Krise geriet, war der Versailler Vertrag eine schwere Belastung für die Republik. Denn die Rechte mobilisierte mit aller Kraft gegen das „Schanddiktat von Versailles“ und nutzte jede Gelegenheit, republiktreue Politiker als „Erfüllungspolitiker“, „Novemberverbrecher“ und „Handlanger der Alliierten“ zu diffamieren. Auch die Mordanschläge auf den früheren Reichsfinanzminister und Unterzeichner des Waffenstillstandes Matthias Erzberger (Zentrum), den Industriellen und Reichsaußenminister Walther Rathenau (DDP) und andere zielten darauf, im aufgebrachten politischen Klima den Bürgerkrieg zu provozieren.

Gründung der NSDAP

In diesem politischen Umfeld gründeten in München der Eisenbahnschlosser Anton Drexler und der Journalist Karl Harrer am 5. Januar 1919 die Deutsche Arbeiterpartei (DAP), eine von vielen rechtsextremen, völkischen Gruppen, die den Kampf gegen die „Novemberverbrecher“, gegen den „jüdischen Bolschewismus“ und Marxismus auf ihre Fahnen geschrieben hatten. In ihrer radikalen Ablehnung des Versailler Friedensvertrages 1919 als „Diktat“ und „Schande“ waren die Völkischen nicht randständig, denn die harten Bedingungen des Vertrages lehnten auch weite Teile des Bürgertums bis hinein in die Sozialdemokratie ab. In der hämischen Kritik am liberalen Rechtsstaat der Weimarer Republik und am parlamentarischen System unterschied sich die DAP wenig von anderen rechten Gruppierungen. Ebenfalls trieb sie wie etliche andere rechtsextreme Organisationen ein radikaler Antisemitismus um. Was indessen die Nationalsozialisten von anderen Antisemiten unterschied, war die Bereitschaft zur Gewalt. Für Hitler galt nur ein Antisemitismus der Tat.

Hitler, der 1919 noch für die Reichswehr tätig war, um die rechtsradikale Szene in München zu bespitzeln, erhielt im September den Auftrag, eine Versammlung der DAP zu besuchen. Drexler entdeckte rasch das Rednertalent Hitlers und warb ihn an, wie auch er in der Gruppe ein Betätigungsfeld für seine politischen Ambitionen sah. Hitler, der kurz darauf aus der Reichswehr ausschied, um sich ganz auf die Parteiarbeit zu konzentrieren, wurde zum Hauptredner der Partei; über seine öffentliche Agitation – er bestritt jede Woche mehrere Versammlungen – gewann die Nationalsozialistische Arbeiterpartei Deutschlands, wie sie seit Februar 1920 hieß, zunehmend mehr Mitglieder.

Im Winter 1919/1920 arbeiteten Drexler und Hitler das Parteiprogramm aus, das im Laufe der nächsten Jahre für unabänderlich erklärt wurde. Viele der 25 Punkte unterschieden sich in ihrer Zielsetzung nicht von anderen völkischen Programmen der Zeit. Gefordert wurden die Aufhebung des Versailler Vertrages, der Anschluss Österreichs, die Rückgabe der Kolonien und die Verstaatlichung von Großbetrieben. Für den Mittelstand wurde die Auflösung der Warenhäuser zugunsten der kleinen Gewerbetreibenden verlangt, für die Bauern in einer schwammigen Formulierung eine den „nationalen Bedürfnissen angepasste Bodenreform“. Von dem damals bekannten völkischen Wirtschaftstheoretiker Gottfried Feder stammte die Forderung nach „Brechung der Zinsknechtschaft“, was die Abschaffung von Einkommen aus Zinserträgen bedeuten sollte. „Arbeit“, vor allem Handarbeit, stand im Mittelpunkt und die Parole: „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“. Insbesondere zielte das Programm auf die Herstellung einer „Volksgemeinschaft“ ohne Juden. Unter Punkt 4 hieß es klipp und klar: „Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksicht auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein.“

Auf einer Großveranstaltung Ende Februar 1920 mit rund 2000 Menschen im Festsaal des Hofbräuhauses präsentierte Hitler das Programm, las die einzelnen Forderungen vor und erhielt laut Polizeibericht starken Beifall. Hitler entwarf persönlich die Parteifahne mit dem Hakenkreuz in einem weißen Kreis auf rotem Grund und verband damit absichtlich ein bekanntes völkisches Symbol mit der Farbe der Arbeiterbewegung. Bald war Hitler der häufigste Redner der NSDAP mit mehreren öffentlichen Auftritten in der Woche, der mit seinen Ausfällen gegen die Republik, insbesondere gegen die sozialdemokratisch geführte Reichsregierung in Berlin, gegen den Versailler Vertrag und gegen die Juden überhaupt rasch bekannt und von einflussreichen, rechten Kreisen protegiert wurde.

Quellentext

Antisemitismus

Antisemitismus prägte die Ideologie des Nationalsozialismus, aber Judenfeindschaft existierte bereits im christlichen Mittelalter in Europa. Juden waren gezwungen, in eigenen Stadtbezirken zu wohnen, mussten bestimmte Kleidung tragen und unterstanden einem besonderen Judenrecht. Waren es damals religiöse Vorurteile wie der Vorwurf, Juden hätten Jesus getötet, die den Judenhass bestimmten, so entstand mit dem modernen, naturwissenschaftlichen Weltbild seit dem 18. Jahrhundert eine neue Dimension der Judenfeindlichkeit.
Der Siegeszug, den die Biologie, insbesondere Charles Darwins Buch über die Entstehung der Arten, im europäischen Denken nahm, führte dazu, auch Menschen nach biologischen Kriterien in angeblich höher- und minderwertige Rassen einzuteilen. Darwins Formulierungen wie „natürliche Auslese“ oder „Überleben der Tüchtigsten“ („survival of the fittest“) wurden politisch missbraucht, um angeblich „lebensunwertes Leben“ zu definieren. Rassismus war durchaus bis in die Wissenschaft hinein verbreitet; die Forderung nach „Rassereinheit“ und nach erbbiologischen Maßnahmen, damit sich nur die „Besten“ vermehrten und die „Minderwertigen“ sich nicht fortpflanzten, fanden selbst in der Sozialdemokratie Gehör.
Die traditionelle religiöse Judenfeindschaft, die sich im 19. Jahrhundert aufgrund der Emanzipation der Juden in der bürgerlichen Gesellschaft auch um den Neid auf deren wirtschaftliche Entwicklung erweiterte, wurde nun auch rassistisch bestimmt. Es entstand der moderne Antisemitismus, der glaubt, in den Juden eine zersetzende, zerstörerische Rasse zu erkennen, die insbesondere die „arische Rasse“ vernichten wollten. Vor allem der Engländer Houston Stewart Chamberlain verbreitete mit seinem viel gelesenen Buch „Die Grundlagen des 19. Jahrhunderts“ diese Ideologie. Chamberlain, der eng mit der Familie Richard Wagners verbunden war, traf Hitler Anfang der 1920er- Jahre in Bayreuth und sah in ihm den kommenden Retter des deutschen Volkes.
Die wirtschaftlichen Turbulenzen, die sozialen Verwerfungen durch Industrialisierung und Urbanisierung ließen den Antisemitismus zu einer in allen gesellschaftlichen Schichten aufzufindenden Ideologie werden, auch wenn sich die Sozialdemokratie offiziell stets von der Judenfeindlichkeit distanzierte. Der bekannte preußische Historiker Heinrich von Treitschke formulierte 1879 öffentlich: „Die Juden sind unser Unglück.“ Die populäre Familienzeitschrift „Die Gartenlaube“ veröffentlichte antisemitische Arti- kel. Über 250000 Bürger unterstützten 1881 eine Petition der „Antisemitenliga“, die den Ausschluss von Juden aus dem öffentlichen Dienst und ein Zuwanderungsverbot von Juden aus Osteuropa forderte. Zwischen 1893 und 1898 saßen 16 Abgeordnete antisemitischer Parteien im Reichstag.
Zwar verloren antisemitische Parteien in den folgenden Jahren an Einfluss, aber der Antisemitismus in der Gesellschaft war keineswegs verschwunden. In den völkischen, nationalistischen Verbänden, in denen sich Hunderttausende von Deutschen organisierten, gehörte Antisemitismus zum politischen Repertoire. Und nicht zuletzt zeigten die öffentlichen Werbeschriften von zahlreichen deutschen Badeorten an der Ost- und Nordsee, dass sie Juden vom Kurbetrieb ausschließen würden, wie tief die alltägliche Judenfeindschaft in die deutsche Gesellschaft eingedrungen war.




Unterstützung für die NSDAP

Zwar stellte die NSDAP zu dieser Zeit in München nur eine unter etlichen völkischen Gruppen dar. Aber es gab honorige und vor allem vermögende Gönner der jungen Partei wie den Verleger Julius F. Lehmann, der mit medizinischen Fachbüchern viel Geld verdiente, das er rechtsextremen Organisationen zukommen ließ, oder Rudolf Freiherr von Sebottendorf, den Vorsitzenden der sogenannten Thule-Gesellschaft. Diese war ein exklusiver völkischer Klub, dem unter anderen Julius F. Lehmann, Gottfried Feder, Rudolf Heß und Hans Frank angehörten, und zu dem andere, wie der einflussreiche Publizist Dietrich Eckart sowie der spätere NSDAP-Führer Alfred Rosenberg, Kontakt hielten. Sebottendorf kaufte, um die völkische Agitation zu forcieren, die Zeitung „Münchner Beobachter“, die im August 1919 ihren Namen in „Völkischer Beobachter“ änderte. Immer wieder unterstützten in diesen frühen Jahren wohlhabende Sympathisanten, wie der junge Geschäftsmann Kurt Lüdecke, der Klavierfabrikant Edwin Bechstein oder der Verleger Hugo Bruckmann samt ihrer Ehefrauen, die finanzschwache Partei mit zum Teil beträchtlichen Spenden.

Aber auch die Verbindung Hitlers zur Reichswehr kam der Partei zugute. Durch seinen früheren militärischen Vorgesetzten Karl Mayr lernte Hitler im Frühjahr 1920 den Hauptmann Ernst Röhm kennen, der großen Einfluss auf die sogenannten Einwohnerwehren in Bayern besaß, die als bewaffnete Einheiten zur Bekämpfung revolutionärer Umtriebe nach dem Krieg entstanden waren und denen Anfang 1920 mehr als eine Viertelmillion Mitglieder angehörten. Auch finanziell förderte das Militär die junge Partei. 3000 NSDAP-Broschüren zum Versailler Vertrag, die der Lehmann-Verlag im Juni 1920 lieferte, bezahlte die Abteilung von Hauptmann Mayr. Als Ende 1920 die NSDAP den „Völkischen Beobachter“ übernahm, kamen 60000 Reichsmark, die Hälfte der erforderlichen Kaufsumme, aus einem Reichswehrfonds.

Hitler, der sich im Kampf um die Macht in der Partei erfolgreich gegen Drexler durchsetzte und im Juli 1921 zum Parteivorsitzenden gewählt wurde, setzte ganz auf Propaganda – das hieß stets Aufruf zur Tat und Demonstration von Stärke durch Gewalt. Schon 1920 begann die NSDAP einen Saalschutz aufzustellen, um in Prügeleien mit dem politischen Gegner gewappnet zu sein. Aus dieser Truppe bildete sich die Sturmabteilung (SA) heraus, wie sie ab Oktober 1921 genannt und von Röhm geleitet wurde. Röhm kümmerte sich darum, die Schlägertruppe in eine paramilitärische Organisation umzuwandeln, wobei der SA zugute kam, dass ihr aus den Freikorpsverbänden erfahrene und ausgebildete Kämpfer zuströmten.

Zum „Deutschen Tag“ im nordbayerischen Coburg am 14./15. Oktober 1922, einem Aufmarsch der Rechtsradikalen aus allen Teilen Deutschlands, erschienen Hitler und die übrige Parteiführung in einem eigens angemieteten Sonderzug mit rund 800 SA-Männern, die trotz eines polizeilichen Verbots in geschlossener Formation marschierten, Hakenkreuzfahnen entrollten und eine Massenschlägerei mit sozialistischen Arbeitern am Straßenrand provozierten. Obwohl die NSDAP-Delegation zu den kleinsten gehörte, hatte sie sich mit Gewalt erfolgreich einen Namen in Nordbayern gemacht. Als sich ebenfalls im Oktober der einflussreiche völkische Politiker Julius Streicher in Nürnberg mitsamt seiner Anhängerschaft der NSDAP unter Hitler anschloss, war die Partei erstmals über München hinausgekommen und hatte ihre Mitgliederzahl auf rund 20000 verdoppelt.

Ein weiteres Ereignis im Oktober 1922 sollte für die junge NSDAP prägend werden: Mussolinis „Marsch auf Rom“. Zwar war hinter den Kulissen in Absprache mit dem italienischen König die Übergabe der Macht an Mussolini bereits eine fest verabredete Angelegenheit gewesen, aber als etwa 20000 faschistische „Schwarzhemden“ am 28. Oktober aus verschiedenen Richtungen auf Rom zumarschierten, war der Mythos vom „Marsch auf Rom“ als heldenhafte faschistische Machtergreifung geboren und wirkte sich sofort auf die rechten, putschbereiten Gruppen in Deutschland aus. Anfang November 1922 verkündete der „Völkische Beobachter“, dass nun auch Deutschland einen Mussolini habe: „Er heißt Adolf Hitler“.




 

Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache. Weiter...