Während eine überwältigende Mehrheit bei einem Werftbesuch Adolf Hitlers 1936 die Arme zum " Deutschen Gruß" hebt, verschränkt ein einzelner Arbeiter seine Arme.
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„Volksgemeinschaft“


24.5.2012
Durch Einbindung aller Gesellschaftsgruppen und "Gleichschaltung" von Presse und Rundfunk versucht das Regime, die Bevölkerung zu vereinnahmen. Propaganda, tatsächliche und angebliche Erfolge in Politik und Wirtschaft sowie Gemeinschaftsaktionen sollen Zuversicht und ein Gefühl von Zugehörigkeit vermitteln. Wer nicht Teil der "Volksgemeinschaft" ist, erlebt Ausgrenzung und Benachteiligung.

Adolf Hitler fährt 1937 während der nationalsozialistischen Maifeier im Berliner Olympiastadion ein.Adolf Hitler fährt 1937 während der nationalsozialistischen Maifeier im Berliner Olympiastadion ein. (© Bundesarchiv, Bild 183-C06292 / Foto: Schwahn, Ernst)

Einleitung



Die Umwälzungen der Jahre 1933/34 hatten Staat und Gesellschaft grundlegend verändert. Alle Parteien bis auf die NSDAP waren aufgelöst, die Gewerkschaften zerschlagen, der Rechtsstaat durch die Reichstagsbrandverordnung ausgesetzt, die parlamentarische Demokratie beseitigt. Das Reichskabinett tagte nur noch sporadisch. Stattdessen organisierte der Chef der Reichskanzlei, Hans Heinrich Lammers, die Gesetze im Umlaufverfahren, indem die beteiligten Ministerien nacheinander ihre Zustimmung gaben, wobei Hitler stets das entscheidende Wort hatte. Ähnlich war auf der Länderebene die politische Gewalt auf die Reichsstatthalter übergegangen, die in Personalunion meistens zugleich die NSDAP-Gauleiter waren. Diese langjährigen Parteikämpfer bildeten den tatsächlichen Machtkern der NSDAP, auf sie stützte sich Hitler in seinen wichtigen politischen Entscheidungen.

Die NSDAP baute eigene politische Strukturen auf, die zum Teil mit den staatlichen verklammert waren, zum Teil neben ihnen her und über sie hinweg existierten. So wurde Heinrich Himmler als Reichsführer SS und damit Führer einer Gliederung der NSDAP 1936 Chef der gesamten deutschen Polizei und sorgte in den kommenden Jahren dafür, dass dieses zentrale Exekutivinstrument ein von der SS gelenktes und durchdrungenes Herrschaftsmedium des NS-Regimes wurde. Joseph Goebbels lenkte als Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda sowie als Präsident der Reichskulturkammer den öffentlichen Diskurs, Presse, Rundfunk, Film und Kunst, in einem Ausmaß, das noch wenige Jahre zuvor in der kulturellen Vielfalt der Weimarer Republik kaum denkbar gewesen wäre. Zudem blieb er als Gauleiter von Berlin gerade in der Reichshauptstadt ein zentraler politischer Akteur, der insbesondere die Verfolgung der Juden immer wieder antrieb. Hermann Göring vereinigte in seiner Person nicht nur die Funktion des mächtigen Ministerpräsidenten Preußens als größtem und wichtigstem Land des Deutschen Reiches. Er war zudem Oberbefehlshaber der Luftwaffe und Reichsluftfahrtminister und wurde 1936 zunächst zum Rohstoff- und Devisenkommissar, dann zum Beauftragten des Vierjahresplans ernannt. Damit errang er faktisch, obwohl es nach wie vor einen Reichswirtschaftsminister gab, die Rolle eines Wirtschaftsdiktators, der die Wirtschaft auf den Krieg ausrichtete und die Ausplünderung der Juden in Deutschland wie später in den besetzten Gebieten organisierte.

Diese Parallel- und Sonderstrukturen sorgten dafür, dass es innerhalb des Herrschaftsgefüges des NS-Regimes zu Machtrivalitäten, Kompetenzgerangel und Ämterwirrwarr kam. Albert Speer zum Beispiel, den Hitler zu seinem Lieblingsarchitekten erkor und dem er die Zukunftsplanung für die Reichshauptstadt übertrug, stand in einer steten Auseinandersetzung mit der Berliner Verwaltung und dem Oberbürgermeister Julius Lippert, die dieser bezeichnenderweise verlor und die 1940 zu dessen Rücktritt führte.

Ohne die Bereitwilligkeit der alten Eliten, das nationalsozialistische Regime zu stützen, wären die neuen Herrscher sicher rasch an ihr Ende gelangt. Die Militärs erhofften sich einen starken Ausbau der Rüstung und eine Militarisierung der Gesellschaft, die den „Wehrgedanken“ in den Mittelpunkt stellte. Die Unternehmer waren selbstverständlich mit der Zerschlagung der Arbeiterorganisationen einverstanden und erwarteten, dass ihre autoritäre Befehlsgewalt im Betrieb wieder ungehindert zur Geltung kam. Die Bürokratie sah sich zwar mit neuen politischen Strukturen konfrontiert, wurde aber vom NS-Regime von den rechtsstaatlichen Einschränkungen befreit und glaubte, nun endlich nach eigenem Gutdünken walten zu können. Der junge preußische Beamte Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg, der sich später zu einem Gegner Hitlers wandelte, am Attentat vom 20. Juli 1944 beteiligt war und deswegen hingerichtet wurde, hatte in einer Denkschrift im April 1933 gefordert, dass sich die Beamten der Zukunft als „eine Streitmacht von politischen Kämpfern“ verstehen sollten. Noch bestanden formalrechtliche Verwaltungsstrukturen parallel zu den politisch dominierten. Aber insbesondere die Verfolgung der Juden eröffnete selbst Finanzbeamten einen „Ermöglichungsraum“, der die bisherige rechtsstaatliche Ordnung, die ihren Bürgern gleiche Rechte und Pflichten einräumt, zerstörte und Juden, aber auch Roma und Sinti, sogenannte Asoziale, kranke und behinderte Menschen zu Bürgern zweiter Klasse herabminderte, die der Verfolgung schutzlos ausgeliefert waren.

Die Herrschaftsstruktur des „Führerstaates“ war durchaus vielgestaltig, rivalisierend, auch überschneidend und widersprüchlich. Eine einheitliche, feste und überschaubare Ordnung von Regierung und Verwaltung wurde nie erreicht. Doch bedeutete dies keineswegs zwangsläufig Chaos und Schwäche des Systems. Vielmehr konnte die Einsetzung von „Kommissaren“ und „Sonderstäben“ immer wieder zu einem Abbau traditioneller Hierarchien, Verkürzung von Verwaltungswegen, Verstärkung von Kooperation unterschiedlicher Institutionen und damit zur Effizienz und Mobilisierung von Ressourcen beitragen. So sehr auch Machtkämpfe innerhalb des nationalsozialistischen Apparates, Kompetenzkonflikte zwischen wirtschaftlichen oder staatlichen Entscheidungsträgern mit der NSDAP die Politik bestimmten, so stark bestand die Fähigkeit des NS-Regimes gerade darin, daraus immer wieder eine Handlungsoption abzuleiten. Der britische Historiker Ian Kershaw hat die Bereitschaft so vieler verschiedener Institutionen zur Mitarbeit mit dem Willen, „dem Führer entgegen zu arbeiten“ begründet. Gerade die „Un“-Ordnung des NS-Regimes öffnete dem Engagement und der Handlungsbereitschaft viele Möglichkeiten, stets im Glauben, mit dem eigenen Tun im System aufzusteigen und zum Gelingen des Ganzen beizutragen.

Zusammengehalten wurde diese polykratische Struktur des NS-Regimes durch den „Führer“, der an der Spitze von Staat und Gesellschaft stand und uneingeschränkte Entscheidungsmacht besaß. Kaum einem anderen Politiker des 20. Jahrhunderts ist es wie Hitler gelungen, die Sehnsüchte von Menschen nach sozialer und politischer Ordnung im Glauben an seine Person als „Führer“ zu binden, die traditionellen Eliten auf sich zu verpflichten und in den unvermeidlichen Machtkämpfen und Interessenskämpfen als entscheidende Instanz zu fungieren. Auf den „Führerwillen“ beriefen sich alle Machtträger des Regimes; auf Hitlers Wort kam es an, wenn Rivalitäten zu klären und Entscheidungskonflikte zu lösen waren. Hitler besaß eine Machtstellung im NS-Regime, die, gerade weil sie von der weitgehenden Zustimmung der Bevölkerung getragen war, sicher einzigartig war.

Das nationalsozialistische HerrschaftssystemDas nationalsozialistische Herrschaftssystem
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Quellentext

Charismatische Herrschaft oder Terrorsystem?

Von Max Weber, einem Gründervater der Soziologie, stammt die Unterscheidung der drei reinen Typen der legitimen Herrschaft: der traditionalen, der rational-bürokratischen und der charismatischen. Letztere hängt an der Ausstrahlung einer einzelnen Person. Ist der NS-Staat ein Fall charismatischer Herrschaft? Oder hielt ihn Terror zusammen? Die Historiker Hans-Ulrich Wehler, Ludolf Herbst und der Soziologe M. Rainer Lepsius nehmen Stellung.

[...][A]uch 65 Jahre nach dem Untergang des NS-Staates konkurrieren denkbar unterschiedliche Deutungen der Diktatur und ihres „Führers“ miteinander. [...] Zuletzt hat Ian Kershaw in seiner zweibändigen Hitler-Biographie den Weberschen Idealtypus der charismatischen Herrschaft effektiv genutzt, um mit einer schlüssigen Interpretation Hitlers Sonderstellung in einer rational kontrollier-baren Form zu erfassen. [...]
Webers Idealtypus der charismatischen Herrschaft besitzt wie eine Ellipse zwei Brennpunkte. Im ersten Zentrum steht das kriegerische, rhetorische, religiöse, politische Sondertalent des Charismaträgers, der dank einer existentiellen Krise aufsteigt und sich dann als Retter in der Not bewähren muss. Sein Personalcharisma prägt die durch eine „Gesinnungsrevolution“, die Metanoia, zusammengeführte, auf persönlicher Loyalität beruhende charismatische Gemeinschaft seiner gläubigen Anhänger. Die Verwaltungsstäbe werden nicht auf der Grundlage sachlicher Qualifikation, sondern durch das persönliche Vertrauen des Charismatikers gebildet. Der Konkurrenzkampf rivalisierender Machtzentren erzeugt ein polykratisches System, in dem er die letztinstanzliche Entscheidungskompetenz gewinnt oder doch die Schiedsrichterrolle besetzt.
Das zweite Zentrum besteht aus der Zuschreibung charismatischer Fähigkeiten durch die Gesellschaft (jedenfalls wachsender Segmente von ihr), die dank der politischen Kultur des Landes die Neigung gespeichert hat, großen Persönlichkeiten ihr politisches Geschick namentlich in Krisensituationen anzuvertrauen. Diese Zuschreibungsbereitschaft ist mindestens ebenso wirksam wie die Aura des charismatischen Sondertalents. Insofern kommt es bei der Interpretation charismatischer Herrschaft stets darauf an, die erwartungsvolle, durch einen Vertrauensvorschuss gestützte Zuschreibung hoch zu gewichten. Darauf zielt auch Kershaws Schlüsselzitat ab, dem „Führer entgegen zu arbeiten“. [...]
Tatsächlich konnte [...] nur die charismatische Herrschaft Hitlers die Destruktivkräfte der Epoche auf so fatale Weise bündeln – fast bis zum Ende von der Zustimmung einer Mehrheit in der deutschen Gesellschaft getragen. Die These von der Messias-Erfindung durch einige strategisch platzierte Helfershelfer, damit auch von der erfolgreichen manipulatorischen Propaganda verfehlt das Phänomen Hitler und den Nationalsozialismus ganz und gar. Sie lenkt nicht nur von einer begriffsscharfen Analyse der Führerdiktatur ab, sondern auch von der unverändert irritierenden Zustimmungsbereitschaft all jener, die das Charisma beharrlich, ja fanatisch zuzuschreiben bereit waren. Dass so viele Deutsche in erster Linie von einer geschickten Propaganda für den Messias verführt worden seien, läuft daher letztlich auf eine verblüffende Verharmlosung der politischen Antriebskräfte der deutschen Gesellschaft in den fatalen Jahren zwischen 1920 und 1945 hinaus.

Hans-Ulrich Wehler, „Kräfte einer trübseligen Figur. Die Diktatur fand reale Zustimmung“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. Juli 2011

[…] Für die Historiker stellte sich in Bezug auf die Person Hitlers die Frage, wie ein so durchschnittlich begabter und nach allen bürgerlichen Leistungskriterien zu wenig Hoffnungen berechtigender Mensch eine so große, wenn auch verhängnisvolle Wirkung hatte entfalten können. Die Antwort suchten sie in einer Analyse der komplexen wechselseitigen Beziehungen zwischen der Person Hitlers und den bürokratischen Apparaten, die den totalen Staat, an dessen Spitze Hitler seit 1933 stand, in allen Lebensbereichen prägten und durchdrangen. Im Rahmen der Totalitarismusforschung wurde die Aufmerksamkeit auf den Propaganda- und Terrorapparat gelenkt. Strukturgeschichte wurde mit biographischen Ansätzen verknüpft, denn so viel lässt sich in der Moderne für jedes Gesellschafts- und Staatssystem sagen: Auf sich allein gestellt, bleibt selbst der mächtigste Politiker machtlos. Die Charakterisierung Hitlers als „schier omnipotenter charismatischer Führer“ (Wehler) haben NS-Forscher wie Karl Dietrich Bracher, Martin Broszat oder Hans Mommsen aus gutem Grund vermieden. [...]
Die Charakterisierung der Hitler-Diktatur als charismatische Herrschaft geht in die Irre, weil sie die Propagandafassade, die die NSDAP zur Legitimierung ihrer Herrschaft errichtete, für die Wirklichkeit nimmt. Die von der Propaganda be- hauptete und heute vielfältig nachgebetete unmittelbare emotionale Beziehung zwischen Führer und Volk war doch gerade darauf angelegt, die komplexe und mit gravierenden Problemen behaftete gesellschaftliche Wirklichkeit im sogenannten „Dritten Reich“ zu überblenden. Wenn der Historiker diesem Trugbild folgt, entgeht ihm – um das Mindeste zu sagen – der zentrale Aspekt des nationalsozialistischen Herrschaftssystems: die Bürokratisierung und Durchdringung aller Lebensbereiche mit Kommandostrukturen. Sie sollten sicherstellen, dass die politische Führung ihre irrwitzigen, jeder Vernunft und Humanität widersprechenden und weit über die Kraft Deutschlands hinausgehenden Ziele verfolgen konnte.
Dieser Widerspruch zwischen Anspruch und Leistung zwang die NS-Führung dazu, alle Lebensbereiche mit einem Netz von Lenkungsbehörden zu überziehen. Hitler persönlich spielte in diesem Netzwerk gewiss eine zentrale Rolle – nicht aber als Person und Charismaträger, sondern als Appellationsinstanz. Das Funktionieren eines solchen komplexen Systems ließ sich nur gewährleisten, wenn Hitlers Rolle vollständig entpersönlicht wurde. Der Führer wurde zum Prinzip.
Das „Dritte Reich“ war eine Führer-Diktatur nicht, weil „der“ Führer an ihrer Spitze stand, sondern weil auf allen Ebenen das Führerprinzip galt. Das Gesamtsystem ist daher gerade nicht von dem einen Führer her zu verstehen, sondern von der Vielzahl der Führer und Unterführer her, die an allen Knotenpunkten plaziert waren. Um sich in diesem System zurechtzufinden, benötigte schon der Zeitgenosse ein Führer-Lexikon, das wie ein Telefonbuch in ständig aktualisierter Form für jeden Lebens- und Funktionsbereich herausgegeben wurde. Die wichtigeren dieser Führer-Funktionäre waren in mehrere Hierarchien gleichzeitig eingebunden. So ließ sich, die Konzentrationslager im Rücken, der Einfluss der SS und der Partei auf allen Ebenen sicherstellen.
Das nationalsozialistische Herrschaftssystem mit seiner monolithischen Fassade war ebenso komplex wie labil. Es wäre daher völlig falsch anzunehmen, darin habe nur ein Wille, nämlich der Adolf Hitlers, gegolten und man habe diesem „entgegen gearbeitet“. Vielmehr wies diese Machtstruktur eine Tendenz auf, sich zu einem Diadochensystem zu entwickeln. Wenn man daher vom „Führerstaat“ spricht, ist dies nur gerechtfertigt, wenn man den Plural mitdenkt und den Blick auf das Führer-Prinzip richtet und nicht auf die Person des Führers an der Spitze.[...]

Ludolf Herbst, „Nicht Charisma, sondern Terror. Der Propagandafassade entsprach keine Wirklichkeit“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 20. Juli 2011

[...] Es empfiehlt sich, Max Weber, der den Begriff der charismatischen Herrschaft vor dem Ersten Weltkrieg prägte, genauer zu konsultieren. Dort wird man lesen können, dass „Charisma“ die „außeralltägliche Eigenschaft“ einer Persönlichkeit heißen soll, die von Kräften ausgeht, die letztlich „gottgesandt“ sind. Ihretwegen wird der Charismatiker als vorbildlicher Führer bewertet. Die Faszination durch die prätendierte Mission verbindet sich mit der Faszination durch die Person. Charisma hat dabei begrifflich keine positive Konnotation. Auch ein so durchschnittlicher und verbrecherischer Mensch wie Adolf Hitler kann Charisma haben.
Der Charismatiker steht im Dienst von „transzendentalen Mächten“, im Falle Hitlers der „Vorsehung“, und hat eine „Mission“, im Falle Hitlers die Erneuerung der Weltgeltung Deutschlands. Die Parole der Kampfzeit hieß dementsprechend: „Deutschland, erwache!“ Für viele Zeitgenossen war Hitler auch ein „Erweckungserlebnis“. Die Anerkennung des Führers ist nicht nur die persönliche Verehrung, sie ist – wie Weber sagt – „Pflicht“, nämlich eine Verpflichtung auf die Ideale, die der Charismatiker zu erfüllen verspricht.
Die charismatische Beziehung ist eine zweiseitige. Derjenige, der Charisma zu haben prätendiert, muss seinen Anspruch bewähren, bei Hitler in der Kampfzeit zunächst durch Erfolge bei Großkundgebungen durch seine Rhetorik, später durch Wahlerfolge [...]. Nach der Machtergreifung bewährten sich der charismatische Anspruch einerseits über den Rückgang der Arbeitslosigkeit (wobei die Kausalität von Hitlers Maßnahmen irrelevant ist) und die außenpolitischen Erfolge, die faktisch die Außerkraftsetzung des Versailler Friedensvertrages bedeuteten.
Diese beruhen auf der von Hitler getragenen Bereitschaft zum Hazard, zum Risiko eines Krieges. Das war weder Rhetorik noch von der Bevölkerung gewollt. Zu Beginn des Krieges dienten die militärischen Siege als Bewährungsproben (wobei es wiede- rum irrelevant ist, ob sie durch Hitlers Entscheidungen erreicht wurden). Ein in diesem Sinne bewährtes Charisma ist nicht die Erfindung manipulativer Propaganda, sosehr diese auch zur Verbreitung des Glaubens an Hitlers Charisma beigetragen haben mag.
Andererseits erheben die Charismageber auch ihrerseits materielle Ansprüche, die der Charismatiker erfüllen soll. Dies erfolgte zunächst für die jungen arbeitslosen Gefolgsmänner innerhalb der wachsenden Parteiorganisation und ihrer Milizen, später durch Pfründen im Staatsapparat und im Reichsarbeitsdienst, schließlich durch die rasche Ausweitung des Militärs, finanziert durch die Verschuldung des Reichshaushaltes. Nach der Machtübernahme blieben die Löhne eingefroren. An die Stelle der Einkommenserhöhung traten symbolische Maßnahmen: Kraft durch Freude, Winterhilfswerk, Mustersiedlungen.[...]
Die charismatische Beziehung muss von der charismatischen Herrschaft unterschieden werden. Letztere wird durch eine weitgehende Entinstitutionalisierung der geltenden Ordnung realisiert. Personalisierung bedeutet immer auch Entinstitutionalisierung der Herrschaft. Wie Max Weber ausführt, kennt der Verwaltungsstab kein Beamtentum, sondern rekrutiert sich aus den „Jüngern“, die das Vertrauen des Führers haben. Es gibt keine feststehenden Behörden. Ad hoc eingesetzte führerunmittelbare Sonderstäbe handeln im direkten Auftrag des Führers. Das dadurch hervorgerufene Verwaltungschaos ist kein Argument gegen die charismatische Herrschaft, sondern gerade ihr Ergebnis: Die Handlungswillkür des Führers soll nicht durch die Zuständigkeiten anderer eingeengt werden. Hitler widersetzte sich rechtsverbindlichen Neuregelungen, etwa einem neuen nationalsozialistischen Strafgesetzbuch oder den Versuchen des Innenministers Frick, eine neue Behördenorganisation durchzusetzen.
Um ein solches Regime zu etablieren, müssen alle ihm entgegenstehenden Institutionen aufgelöst werden. Die Natio-nalsozialisten handelten entsprechend konsequent und rasch. Vier Wochen nach der Machtübernahme wurde die Notverordnung erlassen, die verfassungsmäßige Bürgerrechte aufhob, und nach weiteren drei Wochen erfolgte das Ermächtigungsgesetz, das die Gesetzgebungskompetenz des Reichstages für vier Jahre suspendierte. Schließlich wurden nach dem Tod von Hindenburg die Ämter des Reichskanzlers und des Reichspräsidenten fusioniert. Der Willkürherrschaft waren keine institutionellen Grenzen gesetzt. Es gab keine Meinungsfreiheit mehr, und die politische Opposition konnte ohne Rechtsschutz sofort kriminalisiert werden. Die charismatische Herrschaft ist mehr als eine bloß emotionale Vergemeinschaftung, sie ist eine Struktur der politischen Herrschaft.
Dabei gilt es zu beachten, dass für die Leitung und die Organisation eines komplexen Industriestaates keineswegs alles nach den Maximen eines charismatischen Herrschaftsverbandes geregelt werden kann. So unterschied schon Ernst Fraenkel zwischen der Regelverwaltung und der Maßnahmeverwaltung. Der Führer musste nicht alles selbst entscheiden, es genügte, dass nichts Wesentliches gegen seine Vetomacht entschieden werden konnte. Er delegierte an die von ihm ausgewählten Vertrauensleute, war deshalb aber kein „schwacher Diktator“. Er behielt die ihm für seine „Mission“, für Kriegsvorbereitung und „Ausmerzung“ der Juden wichtigen Entscheidungen in seiner Hand. Die charismatische Herrschaft beruht keineswegs nur auf dem Charisma des Herrschers oder auf Terror gegen die Opposition.
Der Entscheidungsprozess folgt einem militärischen Modell: hierarchisch gestufte Befehlsgebung mit Gehorsamspflicht durch einen Befehlshaber. Es gibt keine kollektive Willensbildung und Entscheidungsfindung. Schon in der NSDAP gab es keinen Parteirat oder kollegialen Vereinsvorstand. Selbst die von Hitler bestellten Gauleiter durften sich nicht versammeln und beraten. So war es dann auch im Reich: Die Kabinettssitzungen wurden eingestellt, die Willensbildung erfolgte in Einzelgesprächen zwischen Hitler und den jeweiligen Befehlshabern. Die individuellen Zugangschancen zu Hitler und die von ihm häufig nur mündlich gegebenen Einzelanweisungen bestimmten ihr Eigengewicht und das ihrer Verwaltungsstäbe. Insofern gab es auch keine institutionellen Regelungen, um Hitler abzusetzen (wie im Italien Mussolinis). Die Tötung Hitlers war der einzige und illegale Weg, Hitlers Herrschaft zu beenden.[...]
Das Hitler-Regime ist nicht einfach als charismatische Herrschaft zu charakterisieren, das durch einen bedingungslosen Glauben an das persönliche Charisma Hitlers legitimiert wurde. Große Teile der Herrschaftsausübung folgten dem Modell der bürokratischen Herrschaft und dem Legitimitätsglauben an die Gültigkeit der Gesetzmäßigkeit der Anordnungen, ohne auf einen charismatischen Glauben zu rekurrieren.
[...] Wir haben es also zu tun mit einem Mischsystem […]. Die Persönlichkeit von Adolf Hitler besaß bis zum Kriegsende die Fähigkeit, Zweifelnde und Kritiker (etwa Generäle) im Vier-Augen-Gespräch immer wieder von seinem prätendierten Charisma zu überzeugen.

M. Rainer Lepsius, „Max Weber, Charisma und Hitler“, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24. August 2011




Ohne Zweifel trug zum „Führermythos“ auch die geschickte Propaganda bei, die die wirtschaftlichen, arbeitsmarktpolitischen und außenpolitischen Erfolge des Regimes in erster Linie Hitler zuschrieb. Die Inszenierung der Reichsparteitage stand ganz im Zeichen der Symbiose von „Bewegung“ und „Führer“. Während der Olympischen Spiele in Garmisch-Partenkirchen und Berlin 1936 präsentierte sich Deutschland als erfolgreiche, wieder erstarkte Nation mit Hitler als international respektiertem Staatsmann an der Spitze. Goebbels und sein Propagandaapparat unternahmen jede Anstrengung, den „Führerkult“ zu verstärken und Hitler als nationalen Retter, als Erlöser und Heilsbringer erscheinen zu lassen. Das religiöse Element, wie es in der liturgischen Inszenierung von Parteitagen, nächtlichen Weihen oder in den Totenehrungen zum Ausdruck kam, war offensichtlich, zumal Hitler diese Dimension zusätzlich verstärkte, indem er sich als von der „Vorsehung geschickt“, als „auserwählt“ und vom „Schicksal bestimmt“ bezeichnete.

Aber die Begeisterung, die so viele Deutsche teilten, war nicht nur ein Werk von Verführung und Propaganda. Mit Hitler verband sich nicht nur die Erwartung, dass er Deutschland aus der Krise, sondern vor allem zu neuer Größe führen werde. Das Zukunfts- und Heilsversprechen, das Hitler verhieß, gepaart mit den realen Erfolgen, die das Regime vorzuweisen hatte, bildete die Basis für die enorme Selbstmobilisierung der deutschen Gesellschaft in den Vorkriegsjahren. Selbst dort, wo Korruption und Misswirtschaft nicht zu übersehen waren, wurde dies nicht dem „Führer“ als vielmehr seinen unvollkommenen Gehilfen angelastet. „Wenn der Führer das wüsste“ geriet zu einer gängigen Selbsttäuschungsformel, mit der sogar Unrecht und Verbrechen vom Glauben an Hitler abgespalten werden konnten.

Ohne diese Bereitschaft zur Selbstmobilisierung ist der Nationalsozialismus nicht zu verstehen. Die Verheißung einer „Volksgemeinschaft“ war nicht bloß eine Propagandaformel, mit der die nach wie vor anhaltenden sozialen Ungleichheiten ideologisch kaschiert werden sollten, sondern sie bildete den Zielpunkt einer künftigen sozialen Ordnung, der sich viele aus durchaus ganz unterschiedlichen Gründen verschrieben. „Wenn ich den Gründen nachforsche, die es mir verlockend machten, in die Hitler-Jugend einzutreten“, bekannte nach dem Krieg die ehemalige BDM-Funktionärin Melitta Maschmann, 1918 geboren und seit 1933, gegen den Willen ihrer rechtskonservativen Eltern, BDM-Mitglied, „so stoße ich auch auf diesen: Ich wollte aus meinem kindlichen, engen Leben heraus und wollte mich an etwas binden, das groß und wesentlich war. Dieses Verlangen teilte ich mit unzähligen Altersgenossen.“

Das Ziel nationalsozialistischer Politik lag in der Herstellung der „Volksgemeinschaft“, einer Gesellschaftsordnung, der nur die „erbbiologisch wertvollen“ und „rassereinen“ Deutschen angehören und aus der die „Fremdvölkischen“ und „Gemeinschaftsfremden“, allen voran die Juden, ausgeschlossen werden sollten. Inklusion wie Exklusion sind daher die beiden untrennbar zusammengehörenden Seiten der nationalsozialistischen „Volksgemeinschaft“.

Quellentext

Sprache und Sprachlenkung im Nationalsozialismus

[...] Der NS-Staat [...] brachte als totalitäres Regime sämtliche Informationsmedien unter seine Kontrolle – mit dem Ziel der totalen propagandistischen Durchdringung der Bevölkerung, wie es Hitler schon in „Mein Kampf“ gefordert hatte. Abgesehen von den meist von NS-Funktionären verfassten Wörter-büchern, die 1933 in großer Zahl herauskamen (zum Beispiel das ‚Politisches ABC des neuen Reiches‘, ‚Das ABC des Nationalsozialismus‘ oder das ‚Taschenwörterbuch des Nationalsozialismus‘) wurden daher alle neu erscheinenden, aber auch bestehende Wörterbücher und Enzyklopädien den ideologischen Anforderungen des Dritten Reichs angepasst. [...]
Ein [...] Beispiel: Vergleicht man die Duden-Auflagen vor 1933 mit den Auflagen von 1934 und 1941, so zeigt sich eine markant zunehmende Anzahl neu aufgenommener NS-Vokabeln. In der 11. Auflage von 1934 waren es 180 (wie z. B. Arbeitsfront, Arbeitslager, aufnorden, Deutscher Gruß, Deutsches Jungvolk) und in der 12. Auflage von 1941 bereits 883. Viele neue Einträge (wie etwa Rassenschande, Vierteljude, Volljude, Volksgenosse, Volksschädling) wurden bereits in der 1. Nachkriegsauflage von 1948 wieder getilgt. Andere Wörter wie vollelterig oder deutschvölkisch verschwanden erst in der 14. Auflage von 1957, Volksfremd und auswuchern (durch Wucher ausbeuten) erst in der 15. Auflage im Jahr 1961. [...]
Zur Vereinheitlichung der Nachrichtengebung, zur inhaltlichen Kontrolle, aber auch zur Normierung der Nachrichtenformulierung in den verbliebenen Zeitungen gab es die „Anweisungen der Pressekonferenz der Reichsregierung des Dritten Reichs“. Diese wurden auf der täglich stattfindenden Pressekonferenz in Berlin von den Korrespondenten mitgeschrieben und an die Heimatredaktionen weitergegeben. Zeitungen ohne eigenen Korrespondenten erhielten das offizielle Protokoll über die Gaupropagandaämter. Goebbels persönlich überwachte das Deutsche Nachrichtenbüro (DNB), das als einzige Agentur von Bedeutung übriggeblieben war. Obwohl häufig in verbindlichem Ton formuliert, mussten die Presseanweisungen, auch die über die Einführung oder Zurückziehung von Schlagwörtern und Parolen, über den Gebrauch oder Nichtgebrauch von Ausdrücken, streng beachtet werden. Andernfalls machte sich der verantwortliche Journalist strafbar, und die betreffende Zeitung konnte wegen Landesverrats für einen Tag, eine Woche oder länger, oder auch ganz verboten werden. [...]
Wichtige Hochwertwörter der nationalsozialistischen Weltanschauung durften nicht profaniert werden: [...]
„Es wird gebeten, das Wort Propaganda nicht missbräuchlich zu verwenden. Propaganda ist im Sinne des neuen Staates gewissermaßen ein gesetzlich geschützter Begriff und soll nicht für abfällige Dinge Verwendung finden. Es gibt also keine Greuelpropaganda, keine bolschewistische Propaganda, sondern nur eine Greuelhetze, Greuelagitation, Greuelkampagne usw. Kurzum – Propaganda nur dann, wenn für uns, Hetze, wenn gegen uns.“ (28.7.1937) [...]
Für die umstrittene Bezeichnung Reichskristallnacht gibt es im Übrigen keinen zeitgenössischen schriftlichen Beleg. Sie war offenbar ein Element der inoffiziellen mündlichen Sprache. [...]
In Hitlers „Mein Kampf“ zählt Hermann Hammer allein 2294 Änderungen von der 1. Auflage 1925/27 bis zur 6. Auflage 1930/33 – weitere Änderungen folgten bis zur letzten Auflage. Die Änderungen dienten der stilistischen Glättung, kleinen sachlichen Korrekturen, aber auch der Anpassung von bestimmten Textstellen an den ideologisch definierten NS-Sprachgebrauch. [...]
Es wird erkennbar, dass die nationalsozialistische Sprachlenkung durch die Festlegung der Gebrauchsweisen von Wörtern, Schlagwörtern und Slogans auf eine einzige Bedeutung eine Einheitssprache schaffen wollte, die konkurrierenden Meinungen und Interpretationsweisen (W. Dieckmann) das Wort abschnitt, so dass Gegenmeinungen und Gegenargumente in der Öffentlichkeit nicht mehr vernehmbar waren. [...]

Cornelia Schmitz-Berning, 15.10.2010, http://www.bpb.de/politik/grundfragen/sprache-und-politik/42752/sprache-zur-ns-zeit






 

Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache. Weiter...