Schnelltriebwagen auf einer Versuchsstrecke im 19. Jahrhundert

Editorial

8.8.2012
Jutta KlaerenJutta Klaeren
Im 19. Jahrhundert beginnen viele Entwicklungen, deren Ergebnisse bis in die Gegenwart wirken – politisch, wirtschaftlich und sozial.
So werden in vielen Staaten Europas Verfassungen erkämpft und erarbeitet, die die Beziehungen zwischen staatlicher Macht und Staatsvolk auf eine rechtliche Grundlage stellen. Es gründen sich Parteien, deren gewählte Vertreter die Exekutive kontrollieren, und das Wahlrecht wird auf immer größere (männliche) Gruppen der Bevölkerung ausgeweitet.
Auf wirtschaftlichem Gebiet finden gravierende Veränderungen statt, die, ausgehend von Großbritannien, in anderen westeuropäischen Ländern, den USA und Japan verstärkt um die Jahrhundertmitte einsetzen. In vielen Ländern vollzieht sich der entscheidende Übergang von der Agrar- in die Industriegesellschaft. Erfindungen und technische Entwicklungen verändern die Produktionsbedingungen in den Fabriken und begünstigen die Massenfertigung. Ein neues (Massen-)Transportmittel, die Eisenbahn, beschleunigt das Reisen, verkürzt die Distanzen und entpuppt sich als Wachstums-„Lokomotive“ für die Regionen, die sie verbindet.
Die Massenarmut, ein drückendes Problem der ersten Jahrhunderthälfte in Europa, geht zurück, denn das wirtschaftliche Wachstum steigt stärker als die Bevölkerungszahlen. Die neu entstehenden Industrien bieten Arbeitsplätze, sodass das Einkommen pro Kopf zunimmt und die Nachfrage und die Produktion gefördert werden. Ersparnisse, die zurückgelegt werden können, ermöglichen es wiederum den Banken, Mittel für Investitionen bereitzustellen.
Aber der Umbruch fordert enorme Anpassungsleistungen und kostet Opfer. Nicht alle profitieren vom wachsenden Wohlstand. Traditionelle Gewerbe geraten unter Druck, viele Menschen erleiden Statusverluste. Hunderttausende, die auf der Suche nach Verbesserung ihrer Existenzbedingungen in die wachsenden Städte und nach Übersee drängen, machen die Erfahrung von Entwurzelung. Der getaktete Alltag des Maschinenzeitalters steigert die physischen Belastungen für die Einzelnen.
Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts ist die Welt intensiver miteinander vernetzt denn je. Die interkontinentale Dampfschifffahrt verbindet Häfen auf allen Kontinenten, verkürzt die Streckendauer und senkt die Transportkosten. Durch die Telegrafie wächst die Welt kommunikativ zusammen, Nachrichten erreichen nun innerhalb kurzer Frist die Empfänger. Das, wozu früher mehrere Wochen benötigt wurden, erfolgt nun innerhalb eines Tages. Über Nachrichtenagenturen und den entstehenden Zeitungsmarkt gelangen Neuigkeiten aus dem Ausland an die interessierte Leserschaft.
Doch die immer engeren wirtschaftlichen Verflechtungen sind begleitet von staatlichem Eigeninteresse und Konkurrenzdenken. Übersteigerter Nationalismus und imperialistisches Wetteifern um immer größere Anteile an der Welt münden in den Ersten Weltkrieg. Er setzt dieser Phase der Globalisierung ein vorläufiges, blutiges Ende.
Die zuvor herrschende Vernetzung, die auch die Gegenwart bestimmt, legt es nahe, zum besseren Verständnis des 19. Jahrhunderts neben der deutschen Nationalgeschichte auch Entwicklungen und Geschehnisse auf der europäischen und globalen Ebene in den Blick zu nehmen. Diese Überlegung bestimmt die Konzeption dieser Heftausgabe. Dabei geht der Autor, Jürgen Osterhammel, in einem Dreischritt vom Kleinen zum Großen: Deutschland – Europa – Die Welt vor, wobei Verbindungen zwischen den drei Ebenen stets verdeutlicht und unnötige Überschneidungen vermieden werden. So kann derselbe Sachverhalt von unterschiedlichen Standorten aus betrachtet werden, die 1848er Revolution zum Beispiel als deutsches und als europäisches Ereignis. Andere Entwicklungen, die sich überall gezeigt haben, werden wiederum exemplarisch in einem Kapitel behandelt, so die Auswanderung als ein auch europäisches Phänomen im Abschnitt zur Welt.
Das räumliche Drei-Ebenen-Modell wird ergänzt durch die zeitliche Einteilung des Jahrhunderts in drei Epochen: 1800-1850, 1850-1880, 1880-1914, wobei diese Periodisierung eher als Annäherung und Hilfsmittel zu verstehen ist.
Das Heft bietet so einen umfassenden Blick auf die Geschehnisse im 19. Jahrhundert bis hin zum Ersten Weltkrieg und kann dabei, dank der wechselnden Perspektiven, manchen „Aha-Effekt“ erzeugen, der auch Gegenwartsphänomene besser nachvollziehbar macht. Denn – so Jürgen Osterhammel – „Globalisierung gab es lange vor dem Internet“.

Jutta Klaeren