Schnelltriebwagen auf einer Versuchsstrecke im 19. Jahrhundert
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1800 bis 1850


8.8.2012
1815 endet in Europa eine Epoche permanenter Kriege. Nun soll die Rückkehr zur fürstlichen Territorialherrschaft inneren und äußeren Frieden gewährleisten. Doch die zunehmende Politisierung breiter Bevölkerungskreise, Bevölkerungswachstum und Massenarmut sorgen für revolutionäre Unruhe und Druck zu Reformen. Die Europäer dringen immer mehr in ferne Weltregionen vor. Dort verschieben sich die Gewichte: Während die westliche Hemisphäre erstarkt, gerät Asien unter den zunehmenden Einfluss der Europäer.

Die Reichskrone des Heiligen Römischen Reiches, niedergelegt von Kaiser Franz II. am 6. August 1806. Damit war das seit dem frühen Hochmittelalter bestehende Reich erloschen.Die Reichskrone des Heiligen Römischen Reiches, niedergelegt von Kaiser Franz II. am 6. August 1806. Damit war das seit dem frühen Hochmittelalter bestehende Reich erloschen. (© Wikimedia, CSvBibra)

Deutschland 1800-1850


Die territoriale Revolution der deutschen Staatenwelt

Der deutsche Nationalstaat ist heute eine Selbstverständlichkeit. Deshalb fällt es schwer, sich ein Europa vorzustellen, in dem es einen solchen Staat noch nicht gab. Der heutige Föderalismus der 16 Bundesländer erinnert an die große Bedeutung, die Länder, Landschaften und unabhängige Städte – davon geblieben ist der Status von Berlin, Hamburg und Bremen als Bundesländer – als eigenständige politische Einheiten in Deutschland von jeher gehabt haben. Die föderale Struktur der heutigen Bundesrepublik vermittelt allerdings einen nur schwachen Eindruck von der kleinstaatlichen Zersplitterung, die um 1800 das hervorstechende Kennzeichen der politischen Landkarte Mitteleuropas war. Viele der Mini-Staaten bestanden nur aus einer größeren Stadt und ihrer ländlichen Umgebung. Durch den Tod des Herrschers, die Spaltung einer Dynastie, durch Vererbung oder eine militärische Niederlage konnten sie von heute auf morgen den Besitzer wechseln.
Diese fragmentierte Staatenwelt war nicht nach außen abgeschottet. Sie stand an ihren Rändern in einer Vielzahl von Beziehungen zu ihren zahlreichen Nachbarn. Im Inneren wurde sie in erster Linie durch eine gemeinsame Sprache zusammengehalten. Um 1800 war „Deutschland“ zwar kein Nationalstaat, aber eine ziemlich klar identifizierbare Kulturnation, zu der im allgemeinen Verständnis auch die vorwiegend deutschsprachigen Gebiete der Habsburgermonarchie (ab 1804: „Kaisertum Österreich“) gehörten.
Die politische Landkarte Mitteleuropas um 1800, das Ergebnis Jahrhunderte langer Prozesse der Teilung und neuerlichen Zusammenführung politischer Einheiten durch Erbgang, Verheiratung, Schenkung oder Krieg, war extrem uneinheitlich. Kein Staat war im heutigen Sinne territorial abgerundet. Selbst ein großflächiges Gebilde wie das Königreich Preußen besaß Streubesitz weit entfernt von seinen hauptsächlichen Landesgrenzen. So gehörte das niederrheinische Kleve bis zu seiner Besetzung durch französische Revolutionstruppen 1794 als Enklave zu Preußen; auch die fränkischen Gebiete um Ansbach und Bayreuth waren preußisch, ebenso das französischsprachige Neuchâtel in der Schweiz. Noch stärker zersplittert war zum Beispiel das Herrschaftsgebiet des Kurfürsten von Mainz. Zu ihm gehörten der Bischofssitz Erfurt sowie kleine Gebietsstücke in Westfranken, an der Lahn, in Nordhessen und sogar nördlich der Werra. Herrschaft wurde bis zum Ende des 18. Jahrhunderts in Deutschland nicht als Herrschaft über zusammenhängende Territorien gedacht, sondern als Geltungsbereich von Rechtsordnungen. „Kurmainz“ lag dort, wo Mainzer Recht galt. Im Nachbardorf konnte es schon nassauisches oder sächsisches Recht sein. Zollschranken waren allgegenwärtig. Maße, Gewichte und die Uhrzeit unterschieden sich von Ort zu Ort, und ein extrem uneinheitliches Geld- und Münzwesen erschwerte schon im Nahbereich den Wirtschaftsverkehr.
Eine wichtige Nebenwirkung solch komplizierter Gemengelagen war das Fehlen eines nationalen kulturellen Zentrums oder auch mehrerer solcher Zentren. Die Geschichte der deutschen Hochkultur ist bis weit ins 19. Jahrhundert hinein eine Geschichte bürgerstädtischer oder fürstlich-höfischer Kulturförderung und Kulturentfaltung gewesen. War das kulturelle Leben Frankreichs auf Paris, das englische auf London konzentriert, so gab es im deutschsprachigen Raum neben Wien, Berlin oder München eine Vielzahl kultureller Brennpunkte, deren Aufstieg und Fall in Residenzstädten eng mit dem Engagement einzelner fürstlicher Mäzene zusammenhing. In den Jahren um 1800 waren Kleinstädte wie Weimar oder Jena erstrangige Zentren von weiter Ausstrahlung.
Die zahlreichen, oft winzigen autonomen Herrschaftsgebiete auf „deutschem“ Territorium wurden durch das Heilige Römische Reich Deutscher Nation überwölbt. Es war kein Staat im modernen Sinne, sondern eine damals in Europa einzigartig gewachsene, niemals systematisch entworfene Konstruktion, „ein Personenverband, der im Kern bis zum Schluss auf gegenseitigen persönlichen Treueverpflichtungen beruhte“ (so die Historikerin Barbara Stollberg-Rilinger). Daher gab es beim Kaiser in Wien, der außerhalb der habsburgischen Lande keinerlei „absolute“ Macht ausübte, keine deutsche „Regierung“; es gab keine Reichsarmee und keine Reichsverwaltung, kein einheitliches Finanzwesen, kein allgemeines Recht für alle Bewohner des Reiches, nur Ansätze zu einer gemeinsamen Außenpolitik. An Anhängern fehlte es dem Reich bis zum Ende nicht. „Reichspatrioten“ priesen die Vorteile eines lockeren Zusammenhalts, aber die Unfähigkeit des Reiches zu Reformen war vielen Kritikern schon im 18. Jahrhundert aufgefallen.
Den Test eines neuen großen Krieges bestand es nicht. Seit 1792 rückten die Truppen des revolutionären Frankreich gegen den Westen Deutschlands vor, unterstützt durch sympathisierende Aufstände in Mainz und in anderen Städten und Landregionen des Rheinlandes. Dass der Kaiser Anfang 1793 den „Reichskrieg“ erklärte, hatte wenig Bedeutung, da die größeren Länder ihre jeweils eigene Politik betrieben. Angesichts des vehementen französischen Vordringens musste jeder sehen, wie er seine Interessen vertrat, etwa durch separate Friedensschlüsse. Zudem machte Frankreich Angebote der territorialen Neuordnung, die für manche ihrer Adressaten verlockend waren.
In dieser Situation beschlossen einige der mächtigsten Fürsten die Selbsttransformation des Reiches. Der Reichsdeputationshauptschluss vom Februar 1803, das Ergebnis einer Kombination von deutschem Reformwillen und französischem Druck, bedeutete eine revolutionäre Vereinfachung der politischen Landkarte, eine territoriale „Flurbereinigung“ größten Stils. Der Rhein wurde als Grenze zu Frankreich endgültig anerkannt. Die meisten der geistlichen Fürstentümer wurden aufgehoben; im Zuge der „Säkularisation“ wurden kirchliche Hoheitsrechte und umfangreicher Kirchenbesitz (etwa Klöster und Stifte) an die weltlichen Fürstenstaaten verteilt. Sie waren auch die wichtigsten Nutznießer der sogenannten Mediatisierung: 45 der noch bestehenden 51 Freien Reichsstädte, die bis dahin direkt dem Kaiser unterstanden hatten, wurden von benachbarten oder sie umgebenden fürstlichen Territorien annektiert. Hunderte bis dahin juristisch autonome Adelsherrschaften wurden aufgehoben und landesherrlicher Regierung unterstellt. Vor allem Bayern, Baden und Württemberg konnten ihren Territorialbesitz dramatisch vermehren und ihre Grenzen abrunden. 1803 änderte das Heilige Römische Reich seinen Charakter derart radikal, dass es de facto aufhörte zu bestehen. Die ohnehin schwachen Institutionen des Reiches, vor allem der Kaiser und der Reichstag (im Grunde eine Fürstenversammlung), wurden überflüssig. Franz II. proklamierte 1804 erstmals ein „österreichisches“ Erbkaisertum. Im Juli 1806 erklärte er unter dem Druck des siegreichen Eroberers Napoleon das Reich für aufgelöst.
Der territoriale Umbau Mitteleuropas war zu diesem Zeitpunkt bereits im Wesentlichen abgeschlossen. Er gelang, weil die Neuordnungspläne Frankreichs, dessen Politik ab 1799 vom Ersten Konsul, ab 1804 Kaiser Napoleon Bonaparte (1769-1821) bestimmt wurde, mit den Interessen der größeren deutschen Fürsten übereinstimmten. Napoleon stellte den beiden mächtigsten deutschen Staaten, Österreich und Preußen, einen westlichen Block des „Dritten Deutschland“ entgegen, der politisch als Allianzpartner, militärisch als Puffer und wirtschaftlich als Ressourcenquelle Frankreichs dienen sollte. Seine Organisationsform war ab 1806 der „Rheinbund“ unter französischem Protektorat, in dem es zahlreiche Abstufungen der Nähe zu und Abhängigkeit von Frankreich gab. Die territoriale Revolution von 1803/06 überdauerte den Sturz Napoleons im Jahre 1815. Auf dem Wiener Kongress von 1814/15 wurde sie von sämtlichen europäischen Großmächten bestätigt. Napoleons ehemalige deutsche Verbündete, vor allem die Königreiche Bayern und Württemberg, wurden nicht geschwächt. Preußen erhielt große Gebiete im Rheinland und in Westfalen zugesprochen; Österreich, das sich nun ganz aus den Niederlanden und vom Oberrhein zurückzog, gewann Norditalien hinzu. Die damals vereinbarte politische Landkarte blieb im Prinzip bis 1866 bestehen. Sie war gekennzeichnet durch drei Machtpole: Preußen im Norden, Österreich im Südosten, das Dritte Deutschland in der Mitte und im Südwesten. An der Polyzentralität Deutschlands änderte sich wenig.

Restauration, Beamtenherrschaft und früher Konstitutionalismus

Als übergreifende Organisationsform dieser vereinfachten, aber immer noch fragmentierten Staatenwelt wurde 1815 der Deutsche Bund mit erst 38, später 41 Mitgliedern geschaffen. Er war zwar kompakter organisiert als das Reich vor 1806, jedoch eher eine Institution der gemeinschaftlichen Beratung und Abstimmung unter selbstständigen Staaten als ein Quasi-Nationalstaat mit starken Regierungsfunktionen. Politik wurde weiterhin in und zwischen den Fürstenstaaten gemacht. Diese Politik war während der folgenden Jahrzehnte noch nicht primär nationale Politik. Doch hatten die Befreiungskriege gegen Napoleon, vor allem 1813/14, sowie die Idee einer auch staatlich geeinten deutschen Kulturnation viel Zustimmung gefunden. In propagandistisch geschürter Franzosenfeindschaft schien sich eine gesamtdeutsche Identität zu stärken.
Dass die Fürsten und die „von unten“ aus der bürgerlichen Gesellschaft organisierte Nationalbewegung am gleichen Strang ziehen würden, erwies sich nach dem Ende der Kriege allerdings als Illusion. Der österreichische Staatsminister Klemens Wenzel Fürst von Metternich (1773-1859), der einflussreichste Architekt der nachnapoleonischen Ordnung in Deutschland und Europa, war nicht der Einzige, der verstand, dass die deutsche Nationalbewegung, so schwach sie noch war, letztlich eine liberale Verfassung anstrebte und damit die Einschränkung der Fürstenherrschaft, deren Sicherung wiederum Metternichs höchstes Ziel war. Das Wartburgfest vom Oktober 1817, überwiegend von Studenten bestritten, markierte die Abwendung der enttäuschten deutschen Patrioten vom Deutschen Bund. Im September 1819 setzte Metternich gegen Widerstände auch unter den Fürsten mit den „Karlsbader Beschlüssen“ harte Repressionsmaßnahmen durch. Was bis dahin in den deutschen Staaten bereits an Meinungs- und Pressefreiheit erreicht war, wurde weitgehend rückgängig gemacht. Die Zensur von Gedrucktem aller Art spielte eine größere Rolle als je zuvor. Kritiker der Fürstenherrschaft und Anhänger von Nationalideen wurden ins Gefängnis geworfen, aus staatlichen Ämtern entlassen, von Agenten bespitzelt. In dieser Zeit, die in Literatur und Malerei vom „Biedermeier“ geprägt war, dem Beschwören unpolitischer und unheroischer kleiner Lebenskreise, wie sie etwa Carl Spitzweg (1808-1885) darstellte, zogen sich Viele eingeschüchtert oder resignierend ins Privatleben zurück. Einige der klügsten Köpfe wie Heinrich Heine (1797-1856), Ludwig Börne (1786-1837) oder Karl Marx (1818-1883) gingen ins Exil.
Dennoch wäre es übertrieben, in Deutschland eine Friedhofsruhe anzunehmen. Die Politisierung größerer Teile der Gesellschaft, wie sie in den 1790er-Jahren begonnen hatte, ließ sich nicht vollkommen rückgängig machen. Institutionen der Öffentlichkeit wie Presse, Buchmarkt, Lesegesellschaften und ein aufblühendes Vereinswesen konnten sich auch im engen Rahmen polizeilicher Überwachung fortentwickeln. Eine im Juli 1830 von Paris ausgehende Revolution stürzte in den deutschen Ländern zwar kein einziges Herrscherhaus, äußerte sich aber bis 1834 als „revolutionsähnliche Erregung gesellschaftlicher Kräfte“ (so der Historiker Wolfram Siemann) und führte in einer ganzen Reihe von Ländern des Dritten Deutschland zu verfassungspolitischen Fortschritten. Der nun beginnende „Vormärz“ (1830-47) wurde zu einer Zeit der Entstehung politischer Programme und Parteiströmungen. In Süddeutschland, vor allem im Großherzogtum Baden, hatten es die Fürsten und ihre Regierungen als Folge reformerischer Zugeständnisse erstmals mit gewählten Landtagen zu tun, in denen liberale Mehrheiten selbstbewusst für größere Freiheiten stritten.
Diese beginnende Parlamentarisierung und Konstitutionalisierung – von der Preußen und Österreich einstweilen unberührt blieben – sollte jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass während der gesamten ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts die wichtigsten politischen Initiativen „von oben“ ausgingen, von einer modernisierungsorientierten Staatsbürokratie. Sowohl im Rheinbund als auch in Preußen wurden nach 1806 große Reformprogramme umgesetzt, die an frühere Formen eines „aufgeklärten Absolutismus“ anschlossen und sich zugleich das napoleonische Frankreich zum Vorbild nahmen. In Staatsverwaltung und Militär, im Bildungswesen und in der Wirtschaftspolitik wurden die Strukturen und Praktiken des vornapoleonischen Ancien Régime überwunden. Dies geschah in den Rheinbundstaaten, besonders durchgreifend im Königreich Bayern unter dem Minister Maximilian Graf Montgelas (1759-1838), in enger Anlehnung an Frankreich und mit der Absicht, den monarchischen Staat auf Kosten verbliebener ständischer Sonderrechte zu stärken. In Preußen entstand der Reformimpuls umgekehrt aus der Abwehr Frankreichs. Nach der ungeschickt provozierten Schlacht von Jena und Auerstedt im Oktober 1806 war der preußische Staat zusammengebrochen. Der Königshof floh, französische Besatzungstruppen zogen in Berlin ein. 1807 sah sich Preußen nach Fläche wie Bevölkerung auf die Hälfte reduziert. In dieser extremen Notlage entwarf ein kleiner Kreis von Angehörigen der Elite – Karl vom und zum Stein (1757-1831), Karl August von Hardenberg (1750-1822), Wilhelm von Humboldt (1767-1835) und andere – ein Rettungsprogramm für Preußen, das zumindest teilweise verwirklicht wurde.
Ob Rheinbund oder Preußen, ob pro- oder anti-französisch: Die Resultate waren ähnlich. Die Staatsverwaltung wurde zentralisiert, hierarchisiert, nach Fachressorts geordnet, von Patronage- und Pfründenwirtschaft befreit, stärker für nichtadlige Karrierebeamte geöffnet. Aus Fürstendienern wurden Staatsbedienstete. Durch die Zurückdrängung des bis dahin auch politisch dominierenden Adels und überhaupt von „ständischen“ Zwischengewalten aller Art gewann der Staat – wie gleichzeitig im napoleonischen Frankreich – eine beispiellose Machtfülle. Diese wiederum weckte mit der Zeit aus der Gesellschaft heraus Forderungen nach Mitsprache und Kontrolle.
Der gestärkte Staat nahm zahlreiche Reformprojekte in Angriff. Von besonders nachhaltiger Wirkung war zum Beispiel die Bildungsreform, die ein kleiner Kreis um den Gelehrten Wilhelm von Humboldt ab 1809 in Preußen initiierte und die rasch auch außerhalb Preußens Nachahmer fand. Statt Drill und Wissensansammlung sollte „Bildung“ die optimale Entfaltung individueller Begabungen ermöglichen. Auf die Ideen der Humboldt-Gruppe gingen Neuerungen wie das dreigliedrige Bildungssystem, das auf Alten Sprachen und Mathematik beruhende humanistische Gymnasium, die wissenschaftliche Ausbildung von Gymnasiallehrern und das Prinzip der Einheit von Forschung und Lehre an den Universitäten zurück.

Quellentext

Staatliche Überwachung

Die Geschichte des deutschen Überwachungsstaates [...] ist vor allem mit einem Namen verbunden: Klemens Fürst Metternich. Vom Wiener Kongress 1815 bis zur Revolution 1848 war er als österreichischer Außenminister und Staatskanzler der eigentliche Herr in Mitteleuropa. [...]
Als im März 1819 ein Student in Mannheim August von Kotzebue ersticht, da er den Erfolgsdramatiker verdächtigt, ein Agent des Zaren zu sein, nimmt Metternich das Attentat zum Vorwand für einen Schwenk, den er längst geplant hat. Im böhmischen Karlsbad schwört er Deutschlands Staaten auf unerbittliche Härte ein.
[...] Die Universitäten werden überwacht, die Zensur wird verschärft, eine Kommission soll Freiheitsfreunde aufspüren, und der Deutsche Bund darf in seinen Mitgliedsstaaten Soldaten einsetzen, wenn die Innere Sicherheit gefährdet ist. [...] „Schändlich und beleidigend“, ruft Wilhelm von Humboldt, und sein Wort ist nicht das schärfste.
[...] Das Pressegesetz regelt die Zensur für alle Schriften, die kürzer als 320 Seiten sind, so will man Zeitschriften und Broschüren kontrollieren, dicke, teure Bücher hingegen gelten als ungefährlich. Und in Mainz wird die Zentraluntersuchungskommission eingerichtet [...]. Sie soll „hochverräterische Umtriebe“ verhindern und darf die deutschen Länder anweisen, wo zu durchsuchen und wer zu verhaften ist. Doch vor allem sammelt sie unablässig Material, häuft Papierberge, erstellt ungezählte Listen vermeintlicher Verschwörer [...]. [...]
Nach der französischen Juli-Revolution von 1830, die den letzten Bruder Ludwigs XVI., Karl X., vom Thron fegt und auch nach Deutschland dringt [...], gibt es neue Gesetze „zur Herstellung und Erhaltung der Ruhe in Deutschland“, und dem großen deutsch-französisch-polnischen Freiheitsfest auf dem Hambacher Schloss in der Pfalz 1832 folgen weitere Beschlüsse „zur Aufrechterhaltung der gesetzlichen Ordnung und Ruhe“. Im Jahr darauf brechen in Frankfurt am Main Unruhen aus. Studenten erobern zwei Wachgebäude – eine dilettantische Aktion. Doch Metternich kommt’s gerade recht, hat doch die Mainzer Zentraluntersuchungskommission 1828 zu seinem Bedauern ihre Arbeit eingestellt. Nun wird am 30. Juni 1833 in Frankfurt die Bundeszentralbehörde eingerichtet.
Damit nicht genug. [...], Metternich installiert [...] ein komplettes weiteres System in Mainz, ein „Informationsbüro“, das deutschlandweit seine Spitzel aussendet. Es ist allein eine Einrichtung des Fürsten, sein Instrument und streng geheim.
Das Büro postiert an den strategischen Punkten je einen V-Mann, in Mainz, in Leipzig, in Frankfurt, außerdem in der Schweiz, in Straßburg und Paris. Zudem schaffen sich die Zuträger ihr eigenes Netz am Ort. Und sie reisen viel herum. Es sind Männer des Geistes darunter, Schriftsteller und Journalisten, konvertierte Liberale, zerrissene Charaktere wie Eduard Beurmann, der Frankfurter Agent. Er beschattet den jungdeutschen Schriftsteller Karl Gutzkow, mit dem er zugleich die Oberpostamtszeitung herausgibt.
Oft mehrmals in der Woche senden die informellen Mitarbeiter ihre Berichte nach Mainz, von wo sie nach Wien in die Staatskanzlei weitergereicht werden. [...] Mit Datum vom 30. November 1840 kann man aus Leipzig über Robert Blum erfahren: „Blum ist […] der Vorstand einer politischen Gesellschaft, welche unter dem Namen Kegelgesellschaft […] ihr Wesen treibt. Sie kegelt zwar im Sommer, allein, sie hat nur politische Unterhaltungen. Sie feiert die Erstürmung der Bastille.“ Oder, am 14. Februar 1846, aus Paris: „Drei kommunistische Chefs, Deutsche, unter welchen sich der bekannte Marx befindet, arbeiten an der Herausgabe von acht Bänden: Über den Kommunismus, seinen Ursprung, seine Doktrinen, seine Verbindungen.“ Metternich liest alles. [...]
Die Berichte werden sorgfältig ausgewertet. Es folgen Zensur, Verbote, Verhaftungen, Kerkerstrafen. Der Kreis der Verdächtigen wird immer größer. Gelten zunächst vor allem die Universitäten als Brutstätten der Verschwörung, geraten nach den Studenten und Professoren rasch auch Künstler, Unternehmer, Ärzte, Pfarrer, Handwerksgesellen und -meister unter Verdacht, liberale Bürger ebenso wie demokratisch gesinnte Adelige.
Metternich spürt wohl, dass die Zeit stärker ist als er. Überall gibt es Wandel, junge National- und Freiheitsbewegungen. [...] Aber eine Idee, wie man die neuen Kräfte bändigen und in ruhige Bahnen lenken könnte, hat er nicht. [...] [I]n den vierziger Jahren [sind] die Erosionserscheinungen unübersehbar. Die Zentralbehörde stellt 1842 ihre Arbeit ein, und auch Metternichs eigener Spitzelapparat, das Mainzer Informationsbüro, beginnt an Einschüchterungskraft zu verlieren. [...]
Kontrolle und Zensur werden allmählich zur Farce. 1848 kracht Metternichs Bau dann binnen Wochen zusammen. Die gefürchtete Revolution ist da. [...] Der Fürst ist am Ende. Wenige Stunden nachdem die Revolution Wien erreicht hat, gibt er auf. Am 13. März verlässt er die Stadt und flüchtet nach London, Deutschland jubelt. [...]

Ralf Zerback, „Metternichs IM“, in: Die Zeit, Nr. 25 vom 10. Juni 2009




Gesellschaftliche Veränderungen in Stadt und Land

Andere Reformen hatten Auswirkungen auf Sozialstruktur und Wirtschaftsleben. Manchmal zeigten sich ihre Ergebnisse erst nach Jahren oder gar Jahrzehnten. Dazu zählten gesetzlich verordnete Änderungen der Agrarverfassung („Bauernbefreiung“), die zahlreiche Einschränkungen der Mobilität und der persönlichen Entscheidungsfreiheit der bäuerlichen Bevölkerung aufhoben und es ihr ermöglichten, Landeigentum zu erwerben und sich durch Ablösezahlungen von Arbeitsdiensten für den Grundherrn freizukaufen. Keiner der größeren deutschen Staaten war auf diesem Gebiet so fortschrittlich wie Preußen. Ähnliches gilt für die Einführung der Gewerbefreiheit. Sie garantierte Freizügigkeit und Niederlassungsfreiheit für jeden, der einen Handwerksbetrieb, eine Fabrik oder ein Handelsgeschäft eröffnen wollte – ein Grundpfeiler einer liberalen, den freien Wettbewerb erleichternden Wirtschaftsordnung. Ein weiteres Reformfeld war die Judenemanzipation. Sie folgte dem Vorbild des revolutionären Frankreich und beseitigte zunächst ab 1808 im Königreich Westfalen, einem französischen Satellitenstaat um die Hauptstadt Kassel, später in Preußen und anderen deutschen Staaten die vielfältigen Beschränkungen, die der jüdischen Minderheit (etwa ein Prozent der Bevölkerung) seit Jahrhunderten auferlegt worden waren. Bis zur Revolution von 1848/49 war die rechtliche Gleichstellung der Juden im Wesentlichen überall in Deutschland erreicht, auch wenn in der Praxis gewisse Diskriminierungen fortbestanden. Die Judenemanzipation ist ein gutes Beispiel dafür, dass der Staat durch Gebote und Verbote Freiräume schaffen konnte, in denen sich gesellschaftliche Kräfte dann selbsttätig entfalteten. Denn die zunehmende Integration der jüdischen Bevölkerung in die deutsche Gesellschaft konnte nicht staatlich verordnet werden; sie beruhte auf dem Verdienst der juristisch Emanzipierten.
Überhaupt sollte man die staatlichen Einwirkungsmöglichkeiten nicht überschätzen. Viel mehr als heute müssen für das 19. Jahrhundert gesellschaftliche und auch wirtschaftliche Prozesse als nur wenig durch Politik gesteuert betrachtet werden. Fundamental unter diesen Prozessen war in der ersten Hälfte des Jahrhunderts eine Bevölkerungsexplosion. Zwischen 1800 und 1850 nahm die Bevölkerung auf dem Gebiet des späteren Deutschen Reiches (ab 1871) von etwa 23 auf über 35 Millionen zu. Dieses Wachstum erklärt sich aus einem Zusammenwirken mehrerer Faktoren, unter anderem dem Rückgang von medizinisch unkontrollierbaren Seuchen, der Verbesserung der öffentlichen Hygiene (etwa durch Kanalisation und Frischwasserversorgung), der Aufhebung älterer rechtlicher Ehebeschränkungen und der Ausweitung von Erwerbschancen vor allem in der ostdeutschen Landwirtschaft. Doch nicht überall verbesserten sich die Beschäftigungsmöglichkeiten. Das Bevölkerungswachstum war daher kein Anzeichen steigenden Wohlstandes. Im Gegenteil: Bis zur Mitte des Jahrhunderts wurde immer wieder die „Überfüllung“ einzelner Gewerbezweige beklagt. Auch die Zunahme der Auswanderung, vor allem nach Nordamerika, lässt sich auf den Mangel an Lebenschancen zu Hause zurückführen.
Es gab weiterhin Gegenden in Deutschland, in denen etwa die Hälfte der Bevölkerung am Rande des Existenzminimums lebte. In manchen Regionen verschlechterte sich die materielle Lage vor allem der Landbevölkerung; man spricht hier von „Pauperismus“ (von lat.: pauper = arm). Wanderarbeit und Bettelei blieben verbreitet. Wie viele andere Teile des europäischen Kontinents, so war auch Deutschland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts in einem heute schwer nachvollziehbaren Maße ein Land der Massenarmut. Die ersten Ansätze der Industrialisierung genügten noch nicht, um in hinreichendem Umfang Beschäftigung und Wohlstand zu schaffen. Im Vergleich zur zweiten Jahrhunderthälfte stagnierte die Wirtschaft, und das Tempo gesellschaftlicher Veränderungen blieb begrenzt.
Dennoch gab es Inseln der Dynamik, die in die Zukunft wiesen. Dazu gehörte die „agrarkapitalistische“, also mit Lohnarbeitern für den Markt produzierende Landwirtschaft auf den großen Gutshöfen im ostelbischen Preußen und die bäuerliche Familienlandwirtschaft überall dort, wo Agrarreformen die Stellung des selbstständigen Bauern stärkten, oft auf Kosten der landlosen Dorfbevölkerung und des Gesindes.
Ein zweites Feld wirtschaftlicher Dynamik war die zaghaft beginnende Industrialisierung ab Mitte der 1830er-Jahre. Sie wurde einerseits durch die Baumwollspinnerei getragen (die aber niemals eine solch fundamentale Bedeutung erlangte wie in der englischen industriellen Revolution), andererseits durch den Eisenbahnbau, der in den 1840er-Jahren seinen ersten Boom erlebte. Die Eisenbahn hatte eine doppelte Wirkung: Einerseits erleichterte sie als Verkehrsmittel den Transport von Personen und Gütern. Andererseits wurde sie zum Wachstumsmotor, indem sie selbst eine riesige Nachfrage nach Investitionen und Arbeitsleistungen schuf. Die charakteristische Erfolgsformel der deutschen Industrialisierung bildete sich schon damals heraus: Eisen- und Stahlindustrie plus Steinkohlebergbau plus Maschinenbau. In kurzer Zeit war Deutschland in der Lage, sich vom Import britischer Lokomotiven unabhängig zu machen und das nötige Eisenbahninventar selbst herzustellen.
Noch war die Industrie zu schwach und regional zu wenig verbreitet, um eine neuartige „Industriegesellschaft“ hervorzubringen. Die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war eine Zeit des Übergangs. Der Adel, durchweg politisch konservativ eingestellt, vermochte überall in Deutschland seine Stellung zu bewahren, nicht selten durch Nutzung neuer wirtschaftlicher Möglichkeiten. Die Agrarreform schwächte seine direkte Kontrolle über die Bauern, leitete auf dem Wege über Ablösezahlungen aber flüssiges Kapital in die Kassen der adligen Herren. Zur gleichen Zeit gewann ein städtisches Wirtschaftsbürgertum an Einfluss und Reichtum, das zunächst noch seine Geschäfte eher im Handel als in der Industrie tätigte. Weitsichtige Kaufleute investierten aber auch früh in neu entstehende Wachstumsbranchen wie den Maschinenbau. Besonders charakteristisch für Deutschland waren die Verbreitung und das Prestige jener „gebildeten Stände“, die sich nun mehr denn je durch anspruchsvolle nicht-manuelle – anders gesagt: akademische – Fähigkeiten als Mediziner, Juristen, Theologen, Wissenschaftler oder philologisch geschulte Gymnasialprofessoren definierten und die sich vom örtlichen Adel durch intellektuellen Ehrgeiz und durch Selbstvervollkommnung in den Künsten und populären Wissenschaften abgrenzten. Diese lesende und musizierende Gesellschaftsschicht, oft im Staatsdienst tätig, haben Historiker „Bildungsbürgertum“ getauft.
Insgesamt stellt sich bei einem Blick auf die Soziallandschaft zwischen dem Rheinland und Ostpreußen, zwischen der Nordsee und Tirol die Frage, ob man überhaupt von einer einzigen „deutschen Gesellschaft“ sprechen kann. „Zutreffender dürfte es sein, von einer Vielzahl regionaler und städtischer Gesellschaften auszugehen.“ (so der Sozialhistoriker Jürgen Kocka).

Quellentext

Willhelm von Humboldts Bildungsziel: „das Menschenkind zum Menschen zu bilden“

Mit dem Oktoberedikt sollten die gesetzlichen Überreste des „Feudalismus“ dem Adelsstand entzogen und so die Entstehung einer politisch enger verbundenen Gesellschaft in Preußen erleichtert werden. „Untertanen“ sollten zu „Bürgern des Staates“ umerzogen werden. Dabei erkannten die Reformer, dass weitere Maßnahmen erforderlich waren, um den Patriotismus der Bevölkerung zu mobilisieren. „Vergeblich sind alle Bemühungen“, schrieb Karl von Altenstein 1807 an Hardenberg, „wenn die Erziehung widerstrebt, flache Staatsbeamte gebildet werden [...] und kraftlose Bürger erzogen werden.“ Neuerungen in der Verwaltung und dem Rechtswesen allein reichten nicht aus; mit ihnen einhergehen musste eine breite Bildungsreform, die der emanzipierten Bürgerschaft Preußens die nötige Kraft für die bevorstehenden Aufgaben verleihen sollte.
Mit der Erneuerung des Bildungssystems wurde Wilhelm von Humboldt beauftragt, ein Mitglied einer pommerschen Militärfamilie, der im aufgeklärten Berlin der 1770er und 1780er Jahre aufgewachsen war.
[...] Humboldt legte ein überaus liberales Reformprogramm vor, das die Bildung in Preußen völlig umkrempelte. Zum ersten Mal bekam das Königreich ein einheitliches, standardisiertes öffentliches Bildungssystem, das an die aktuellen Trends in der Pädagogik des progressiven Europa angelehnt war. Bildung als solche, erklärte Humboldt, müsse fortan von der Vorstellung technischer oder beruflicher Ausbildung losgekoppelt werden. Ihr Ziel sei es nicht, „den Schusterjungen zum Schuster auszubilden“, sondern „das Menschenkind zum Menschen zu bilden“. Die reformierten Schulen sollten Schüler nicht einfach in einem konkreten Fach unterrichten, sondern ihnen die Fähigkeit vermitteln, selbstständig zu denken und zu lernen. „Der Schüler ist reif“, schrieb er, „wenn er soviel bei andern gelernt hat, daß er nun für sich selbst zu lernen imstande ist.“ Damit dieser Ansatz auch wirklich seinen Weg in das Schulsystem fand, gründete Humboldt neue Lehrerkollegien, um Kandidaten für die chaotischen Grundschulen des Königreiches auszubilden. Er führte ein standardisiertes System staatlicher Prüfungen und Inspektionen ein und schuf innerhalb des Ministeriums eine eigene Abteilung, welche die Erstellung von Lehrplänen, Lehrbüchern und Lernhilfen überwachte.
Der Kern – und das dauerhafteste Denkmal – der humboldtschen Reformen war die Universität, die 1810 in Berlin gegründet wurde. [...] Auch hier trachtete Humboldt danach, seine kantsche Vision von Bildung als ein Prozess der Selbstemanzipation durch autonome, rationale Individuen zu verwirklichen. [...]
Daraus folgte, dass akademische Forschung eine Tätigkeit ohne vorherbestimmten Endpunkt war, ohne Ziel, das man in rein utilitaristischen Begriffen hätte definieren können. [...] Dabei ging es weniger um Wissen in dem Sinn, dass Fakten angehäuft wurden, sondern um Reflexion und Argumentation. [...]
Für den Erfolg des Unterfangens war es unerlässlich, dass die Bildung frei von jeder politischen Intervention blieb. Der Staat sollte sich jeder Einmischung in das intellektuelle Leben der Universitäten enthalten [...].[...]

Christopher Clark, Preußen. Aufstieg und Niedergang; 1600-1947. Übersetzung: Richard Barth / Norbert Juraschitz / Thomas Pfeiffer © 2007, Deutsche-Verlags-Anstalt, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, S. 385 ff.




Quellentext

Judenemanzipation

[...] Unter Mendelssohns Einfluss veröffentlichte im Jahre 1781 der Geheime Kriegsrat im preußischen Außenministerium Chris-tian Wilhelm Dohm die Schrift „Über die bürgerliche Verbesserung der Juden“. In ihr sprach er sich für die Gleichberechtigung der Juden aus und ermahnte die Christen, ihre Jugend dazu zu erziehen, Juden als Brüder zu lieben. Dies sei im Interesse des Staates.
Der Durchbruch kam mit der französischen Revolution. [...] Die französische Armee brachte die Emanzipation der Juden nach Deutschland. Napoleon schränkte ihre Freiheiten allerdings ein, doch blieb das Prinzip der Emanzipation erhalten. [...] Die Ideen der französischen Revolution hatten in derBevölkerung solchen Widerhall gefunden, dass Staatskanzler von Hardenberg es unternahm, dem Volk eine „Revolution von oben“ zu verordnen. Die Emanzipation der Juden wurde darin ebenfalls festgeschrieben und von König Friedrich Wilhelm III. im Jahre 1812 als Edikt erlassen. Allerdings umfasste dieses Edikt nur die Juden im Kernland Preußens, nicht z. B. in der Provinz Posen, und ließ ihre Zulassung zu Staatsämtern offen. Nun strömten junge Juden in Scharen als Freiwillige in die preußische Armee. Napoleon wurde von den Alliierten, Preußen, Russland und England, in der Völkerschlacht von Leipzig im Jahre 1813 besiegt und im Jahre 1815 bei Waterloo vollkommen geschlagen. [...]
Die Großmächte kamen nun zum Wiener Kongress zusammen, um die alte Ordnung wiederherzustellen. Auch die „Judenfrage“ stand auf der Tagesordnung. Man beschloss, gegenwärtig den Juden die Rechte, welche ihnen in den von Napoleon eroberten Ländern bereits eingeräumt worden waren, bis auf weiteres zu erhalten. Doch erreichten es die Judenhasser, sie durch Änderung eines Wortes im Protokoll ihrer Bürgerrechte zu berauben. Das Wort „in“ wurde durch das Wort „von“ ersetzt. Da die Juden ihre Rechte zwar in den Staaten, aber nicht von den Staaten, sondern von Napoleon erhalten hatten, waren diese Rechte aufgehoben. Bayern erließ sofort so harte Judengesetze, einschließlich der Beschränkung jüdischer Ehen, dass viele Juden nach Amerika auswanderten. Die Juden mussten wieder von vorn anfangen, und dies zur Zeit der Romantik, in der die Vernunft vom Gefühl und patriotischnationaler Gesinnung abgelöst wurde. Die folgenden Jahrzehnte waren eine Periode der Reaktion, unter der die Juden besonders litten. [...]
Juden schlossen sich der deutschen Freiheitsbewegung an. Ludwig Bamberger (1823-1899) war einer der führenden Kämpfer für Demokratie und wurde wegen seiner Aktivitäten in der Revolution von 1848 zum Tod verurteilt. Er floh ins Ausland, durfte aber 1866 nach Deutschland zurückkehren. Er war einer der Gründer der Deutschen Reichsbank und Schöpfer der einheitlichen Goldwährung. Mehrmals in den Reichstag wiedergewählt, stellte er sich schließlich nicht mehr zur Wahl wegen des wachsenden Antisemitismus in Kreisen der Politiker.
Gabriel Riesser (1806-1863), dem erst nach wiederholter Ablehnung seitens der Regierung in seiner Vaterstadt Hamburg die Zulassung als Anwalt und Notar gewährt worden war, wurde 1848 zum Vizepräsidenten des demokratischen Parlaments in der Paulskirche zu Frankfurt gewählt. Mutig führte er den Abgeordneten, welche gar nicht daran gedacht hatten, den Anspruch der Juden auf Gleichberechtigung vor Augen. Er war Mitglied der Abgesandten des Parlaments, die König Wilhelm IV. von Preußen die Krone eines geeinten Deutschlands anboten. Nachdem der König dieses Angebot als vom Volke, „aus der Gasse kommend“, entrüstet abgelehnt hatte, löste sich das Parlament auf. Neue Unterdrückungen und Krawalle gegen die Juden folgten.
Zahlreiche Juden ließen sich nun taufen, um damit, in den Worten Heinrich Heines, „das Entréebillet zur Gesellschaft“ zu erwerben. Wie Heines Beispiel zeigt, half es nicht viel. (Im Gegensatz dazu wurde der als Kind getaufte Benjamin Disraeli Premierminister des britischen Empire und enger Vertrauter von Königin Viktoria. Disraeli betonte sein ganzes Leben lang in Wort und Schrift sein jüdisches Erbe.)

Leo Trepp, Die Juden. Volk, Geschichte, Religion, © 1998 by Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbek GmbH, S. 87 ff.




Quellentext

Pauperismus und seine Folgen

[…] Seit etwa 1825 tauchte in der gesellschaftlich-politischen Diskussion, aus dem Englischen kommend, ein neuer Begriff auf, der die öffentliche Erörterung über die wirtschaftliche und soziale Lage der „handarbeitenden Klassen“ bis 1848 durchweg beherrschte, der „Pauperismus“.
Brockhaus´ Real-Enzyklopädie definierte ihn 1846 als „neuerfundenen Ausdruck für eine höchst bedeutsame und unheilvolle Erscheinung, die man in Deutschland durch die Worte ‚Massenarmut oder Armentum‘ wiederzugeben versucht hat. Es handelt sich dabei nicht um die natürliche Armut, wie sie als Ausnahme infolge physischer, geistiger und sittlicher Gebrechen oder zufälliger Unglücksfälle immerfort einzelne befallen mag; auch nicht um die vergleichsweise Dürftigkeit, bei der doch eine sichere Grundlage des Unterhalts bleibt. Der Pauperismus ist da vorhanden, wo eine zahlreiche Volksklasse sich durch die angestrengteste Arbeit höchstens das notdürftige Auskommen verdienen kann [...] und dabei immer noch sich in reißender Schnelligkeit ergänzt und vermehrt.“
Damit sind die wesentlichen Merkmale benannt, die bereits für das Bewußtsein der Zeitgenossen den Pauperismus von den herkömmlichen Formen der Armut unterschieden. […] Er bezeichnet [...] eine grundsätzliche Störung im Ausgleich zwischen Bevölkerungs- und Nahrungsspielraum. Diese Störung entstand aus dem Zusammentreffen zweier einander steigernder Krisen: der agrarischen Übervölkerung auf der einen und einer konjunkturellen Störung auf der anderen Seite.
Die Wirtschaftskrise wiederum hatte mehrere Ursachen. Infolge anhaltender Überproduktion seit dem ausgehenden 18. Jahrhundert trat 1819 ein Preissturz für Agrarprodukte ein, der in den zwanziger Jahren anhielt. Er zog auch im städtischen Gewerbe eine langdauernde Absatzstockung nach sich. Zwar nahm die Landwirtschaft vor allem in Gebieten rationeller Bewirtschaftung, besonders in Ostelbien, zusätzliche Arbeitskräfte auf. Doch genügte dieses vermehrte Angebot an Arbeit nicht, um den Überschuss aus der ersten großen Bevölkerungswelle 1770 bis 1830 aufzufangen. Die zahlreichen zeitgenössischen Analysen heben daher alle eine Tatsache hervor: den zu starken Anstieg der Arbeitskräfte gegenüber den vorhandenen Arbeitsplätzen. Diese Übervölkerungskrise zeitigte also vor allem eine Beschäftigungskrise. [...]
Dazu drückte schon seit der Öffnung der Kontinentalsperre 1815 und noch zunehmend in den dreißiger und vierziger Jahren die englische Konkurrenz auf das einheimische Gewerbe, insbesondere auf die Textilherstellung – bis zur Jahrhundertmitte der weitaus wichtigste Zweig der gewerblichen Produktion. Zeitgenössische Quellen, besonders aus den vierziger Jahren, schildern höchst anschaulich die Absatzstockungen in den traditionellen deutschen Gewerberegionen, so etwa der Klöppelei im Obererzgebirge, der Eisenproduktion in der Eifel, im Siegerland, in Westfalen, im nassauischen Bergland, der Garn- und Leinwandindustrie in Bielefeld, die ihre Märkte in Amerika, England, Belgien und Frankreich verlor, der Spinnerei in Kurhessen und Thüringen, die sich der Konkurrenz durch englische, aus australischer Wolle gefertigter Stoffe nicht mehr erwehren konnte, und der Blei- und Eisenproduktion in den preußischen Rheinprovinzen. […]
Auch die Arbeitsuchenden der Überschussbevölkerung fanden im allgemeinen zwar Arbeit, aber sie wurde aufgrund des Überangebots so schlecht bezahlt, dass der Lohn zum Leben kaum reichte. Der Wert der einzelnen Stelle sank so weit ab, dass vielerorts bis zu 60 Prozent der Bevölkerung an den Rand des Existenzminimums gerieten. Infolge von Missernten und Kartoffelfäule mündete die Übervölkerung 1847/48 in eine verbreitete Hungersnot. […]
Die Auswanderung war im absolutistischen Territorialstaat nur selten und dann meist aus religiösen Motiven vorgekommen. Die vormoderne Agrarverfassung schränkte die Freizügigkeit stark ein und band den Wegzug an den ausdrücklichen Konsens des Grund- bzw. Guts- und des Landesherrn. Im Sinne ihres merkantilistischen Interesses an der Ressourcensteigerung für die Landesökonomie betrachteten die Monarchen die Auswanderung als Verlust an Arbeits- und Wirtschaftskraft, suchten sie nach Möglichkeit zu verhindern und neigten eher dazu, […] die Einwanderung vor allem hoch qualifizierter Arbeitskräfte zu fördern. Im beginnenden Pauperismus kehrte sich diese Einschätzung um zu der Hoffnung, durch die Auswanderung sozialen Sprengstoff zu beseitigen. […] Einen ersten Höhepunkt erreichte die Auswanderungswelle 1847, als der Druck des Pauperismus unerträgliche Formen annahm. 1845 emigrierten 37 800 Menschen aus dem Gebiet des späteren Deutschen Reiches, bis 1850 stieg die Zahl kontinuierlich auf 83 220 im Jahr. Die meisten Emigranten kamen aus den Realteilungsgebieten mit starker Besitzzersplitterung, wo die nachgeborenen Söhne keine Chance mehr sahen, sich und eine Familie zu ernähren. […]
Stärker noch als die Auswanderung diente die jetzt einsetzende Binnenwanderung dazu, die Agrarregionen von der jugendlichen Überschussbevölkerung zu entlasten.[...] Die agrarische Überschussbevölkerung zog zuerst in die nächstgelegene Stadt ab, je nach Siedlungsdichte aus einem Umkreis von 50, 100 oder 150 Kilometern. Erst wenn am nächstgelegenen gewerblichen oder industriellen Standort keine Arbeit zu finden war, setzte das Wandern von Ort zu Ort ein. […]
Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts war die Bevölkerungsverteilung zwischen Stadt und Land etwa gleich geblieben. Der überwiegende Teil der Bevölkerung lebte auf dem Land. In den gewerblich und industriell am weitesten fortgeschrittenen Ländern, in England und Schottland und in den Niederlanden, macht der Bevölkerungsanteil der Städte mit mehr als 2000 Einwohnern um 1815 etwa 25 Prozent, in Frankreich, Dänemark und Deutschland etwa 20 Prozent aus. […] [D]ie Ausnahme stellen die großen Metropolen London, Paris, Wien und Berlin dar, die bereits im 18. Jahrhundert zu kontinuierlichem Wachstum übergingen.
Das allgemeine Städtewachstum dagegen begann in Deutschland im Wesentlichen seit 1815, der Anteil der Städter an der Gesamtbevölkerung vergrößerte sich jetzt laufend. Wien etwa zählte im Jahr 1800 231 000 Einwohner, 1849 bereits 476 000; Berlin 1801: 173 000 und 1849: 454 000 Einwohner; das Wachstum Berlins überflügelte also bereits das der habsburgischen Metropole. Auch kleine Residenzstädte legten erheblich zu, so etwa München; eine Handels- und Gewerbestadt wie Leipzig verdoppelte fast ihre Bevölkerung von 38 000 im Jahr 1800 auf 67 000 im Jahr 1852. […]

Wolfgang Hardtwig, Vormärz. Der monarchische Staat und das Bürgertum, © 1985 Deutscher Taschenbuch Verlag, München, S. 70 ff.




Quellentext

Pro und contra Maschinen

Aus einem Artikel der Kölnischen Zeitung von 1818
Eine Maschine macht oft die Arbeiten von tausend Menschen entbehrlich und bringt den Gewinn, den sonst alle dieser Arbeiter teilen, in die Hände eines einzigen. Mit jeder abermaligen Vervollkommnung einer Maschine werden neue Familien brotlos; jede neuerbaute Dampfmaschine vermehrt die Zahl der Bettler, und es steht zu erwarten, daß sich bald alles Vermögen in den Händen einiger tausend Familien befindet und der übrige Teil des Volkes als Bettler in ihre Dienstbarkeit geraten werden. Muß nicht jeder Menschenfreund schmerzlich ergriffen werden von dem Gedanken, daß es dahin kommen kann und aller Wahrscheinlichkeit dahin kommen muß? Wir sind der Meinung, daß der Schaden, den unsere Gewerbe durch das englische Maschinenwesen erleiden, obwohl er sehr fühlbar ist, bei weitem leichter ertragen werden kann als der Druck, der aus dem Flor der zu sehr durch Maschinen vervollkommneten Fabriken erwachsen würde, die Deutschland mit drei bis vier Millionen Bettlern bevölkern würden.

Aus: Horst Mönnich, Aufbruch ins Revier – Aufbruch nach Europa. Hoesch 1871-1971. Jubiläumsschrift der Hoesch-AG, Dortmund, München 1971, S. 54
In: Manfred Görtemaker, Deutschland im 19. Jahrhundert, 5., durchgeseh. Aufl., Opladen: Leske+Budrich 1996, S. 176, mit freundlicher Genehmigung der Springer Science and Business Media

Friedrich List (1789-1846), Vorkämpfer der deutschen Zolleinigung
[…] Diejenigen, die gegen neue Maschinen eifern, bedenken nicht, daß der Pflug, die Mahlmühle, das Rad, die Säge, das Beil, ja sogar der Spaten einst neu erfundene Maschinen gewesen sind, und daß man, wenn man zu allen Zeiten die Erfindung neuer Maschinen als ein Unglück betrachtet hätte, noch heute die Erde mit hölzernen Stöcken bearbeiten, das Korn mit den Händen vermittelst zweier Steine zerreiben, und das Mehl auf dem Rücken von Saumrossen nach der Stadt bringen müßte. Der ganze Unterschied zwischen jenen alten und unseren neuen Maschinen besteht darin, daß jene bereits mit den gesellschaftlichen und industriellen Verhältnissen verwachsen sind, daß dagegen die Einführung dieser im ersten Augenblick und so lange, bis dies geschehen ist, eine Anzahl von Menschen ihrer gewohnten Beschäftigung beraubt und sie nöthigt, zu andern Geschäftszweigen überzugehen, oder ihre bisherige Verfahrensweise mit einer neuen erst einzulernenden zu vertauschen, oder ihren Aufenthaltsort zu verändern, um sich anderwärts Beschäftigung zu verschaffen. Die Klagen dieser Menschen, die, wie nicht zu leugnen, insofern gegründet sind, als dadurch ihr Nahrungsstand vorübergehend gestört oder doch beeinträchtigt wird, veranlassen Kurzsichtige, die Maschinen überhaupt als ein Übel zu betrachten, als ob die Geburt eines Kindes ein Übel wäre, weil sie mit Schmerzen für die Mutter verbunden ist. Sie bedenken nicht, daß die Schmerzen vorübergehen, die Wohltat dagegen bleibt und von Generation zu Generation wächst. Weit entfernt, den arbeitenden Classen die Gelegenheit zur Arbeit zu schmälern, erweitern sie dieselbe auf außerordentliche Weise. Denn indem die Maschinen dazu beitragen, den Kostenpreis der Fabrikate und Producte zu vermindern, vermindern sie auch die Marktpreise derselben, wodurch die Consumtion und dadurch die Nachfrage und dadurch die Production in solcher Weise gesteigert wird, daß nun weit mehr als zuvor, ja in einzelnen Fällen zehn Mal mehr Arbeiter durch den nämlichen Industriezweig Beschäftigung finden, ungeachtet jeder einzelne von diesen Arbeitern zehn Mal mehr producirt. [...]

Aus: „Arbeit ersparende Maschinen“, Artikel in: Staats-Lexikon oder Encyklopädie der Staatswissenschaften. In Verbindung mit vielen der angesehensten Publicisten Deutschlands herausgegeben von Carl von Rotteck und Karl Welcker, Bd. 1, Altona 1834, S. 653/54
In: Wolfgang Hardtwig, Vormärz. Der monarchische Staat und das Bürgertum, © 1985 Deutscher Taschenbuch Verlag, München, S. 187 f.





Die Revolution von 1848/49

Zwischen etwa 1800 und 1820 erlebte Deutschland politische Umwälzungen von größter Tragweite. 1830 wurde es von den Impulsen der Pariser Julirevolution erfasst. Aber eine Revolution, die in Gestalt einer Volksbewegung eine etablierte politische Elite stürzte und zu einem unumkehrbaren Systemwandel führte, gab es bis 1848 nicht. In jenem Jahr wurden die deutschen Länder Teil einer beinahe gesamteuropäischen Revolutionswelle. Die Revolution in Deutschland begann Anfang März 1848 mit Protestversammlungen und Unruhen in Baden und anderen Gebieten Südwestdeutschlands. Sie endete im Juli 1849 mit dem Sieg von Bundestruppen über die letzten Aufständischen in Baden und in der Pfalz. Die Revolution erfasste nahezu alle deutschen Staaten. Sie war zugleich eine konstitutionelle, eine nationale und eine soziale Revolution. Sie erschütterte die preußische Hohenzollernmonarchie, die bis dahin kaum Zugeständnisse an liberale Verfassungsforderungen gemacht hatte, und trieb die Herrschaft der Habsburger in Wien an den Rand des Zusammenbruchs. Mit der Krise seiner beiden Vormächte schien vorübergehend das Schicksal des Deutschen Bundes besiegelt zu sein.
Die Revolution führte zu den ersten gesamtdeutschen Wahlen für eine Nationalversammlung. Dieses gesamtdeutsche, überwiegend mit Vertretern des Bürgertums besetzte Parlament, das erste in der deutschen Geschichte, trat im Mai 1848 in der Frankfurter Paulskirche zusammen. Nach sorgfältigen Beratungen verkündete es im März 1849 eine deutsche Reichsverfassung, gültig für das gesamte Territorium des Deutschen Bundes, jedoch unter Ausschluss der im Deutschen Bund vertretenen Teile der Habsburgermonarchie („kleindeutsche Lösung“). Die Verfassung sah eine erbkaiserliche Spitze vor, eine durch das allgemeine und direkte Männerwahlrecht gewählte Zweite Kammer des Reichstags („Volkshaus“) sowie eine Erste Kammer („Staatenhaus“), die aus Vertretern der Einzelstaaten bestehen sollte, davon die Hälfte von den Regierungen entsandt, die andere Hälfte von den Landtagen gewählt. Obwohl die Paulskirchenverfassung niemals in Kraft trat, wurde sie zu einem Basisdokument der deutschen Demokratie. Sie enthielt einen ausführlichen Grundrechtekatalog, in dem die politischen Bestrebungen des deutschen und europäischen Liberalismus einen gültigen Ausdruck fanden. Ebenso neuartig und wegweisend waren die Überlegungen, die die Verfassungsväter zur Frage der Verteilung der Zuständigkeiten zwischen Zentralstaat („Reich“) und Einzelstaaten anstellten. Die Verfassung stärkte das Reich in einem solchen Maße, dass der Übergang vom Staatenbund zum Bundesstaat konstitutionell vollzogen wurde. Der nationale Einheitsstaat auf föderaler Grundlage, wie er 1871 mit größerem Gewicht der Einzelstaaten realisiert wurde und wie wir ihn im Prinzip heute noch kennen, wurde 1849 erstmals entworfen. Damit verstärkte sich auch ein nationalistisches Denken, das die Frage, wer und was „deutsch“ sei, mit einer neuen Bedeutung versah.
In der Modellhaftigkeit der Verfassung von 1849 liegt die wichtigste Fernwirkung einer Revolution, die ihre Ziele selbst nicht verwirklichen konnte. Das Scheitern der Revolution warf die Demokratisierung Deutschlands um Jahrzehnte zurück und schwächte republikanische und sozialrevolutionäre Kräfte; es stärkte den preußischen Anspruch auf Vorherrschaft in Deutschland und verhinderte eine Dezentralisierung oder gar Auflösung der Habsburgermonarchie. Manche politischen Vorhaben der Revolutionszeit sollten erst wieder nach dem Ersten Weltkrieg aktuell werden. Die Revolution bündelte die politischen Themen, die während der ersten Jahrhunderthälfte intellektuelle Minderheiten beschäftigt hatten: Einschränkung von Fürstenherrschaft und Regelung des politischen Lebens durch Verfassungen, Schutz des Individuums durch liberale Freiheitsrechte, Schaffung von Rahmenbedingungen für eine wettbewerbsorientierte und kapitalistische Marktgesellschaft, Neuordnung der politischen Geografie Mittel- und Südosteuropas nach nationalen Gesichtspunkten. Alle diese Themen wurden umfassend diskutiert und blieben nach 1849 auf der politischen Tagesordnung.
Die Revolutionäre waren sich untereinander nicht einig. Bei allen Unterschieden ihrer Ziele und ihres radikalen Temperaments gingen sie jedoch miteinander ziviler um, als dies bei anderen europäischen Revolutionen davor und danach der Fall war. Terror wurde weniger von den Revolutionären praktiziert als von ihren Gegnern – und auch dort vergleichsweise maßvoll. Die Revolution von 1848/49 fand von Anfang an eine Massenbasis, über die die liberalen Honoratioren an ihrer Spitze erstaunten und zum Teil erschraken. Sie war eine Revolution für „bürgerliche“ Werte und Ideale, jedoch, sozial gesehen, keine Revolution ausschließlich der Bürger. Es gab zugleich Revolutionen von Bauern und von städtischen Unterschichten. Wenn sie auch politisch fehlschlug, so setzte die Revolution doch nachhaltige Lernprozesse in Gang, auch bei den konservativen Siegern.

Quellentext

Die Grundrechte

laut Verfassung des Deutschen Reiches vom 28. März 1849 (Paulskirche)

[...] § 130. Dem deutschen Volke sollen die nachstehenden Grundrechte gewährleistet seyn. Sie sollen den Verfassungen der deutschen Einzelstaaten zur Norm dienen, und keine Verfassung oder Gesetzgebung eines deutschen Einzelstaates soll dieselben je aufheben oder beschränken können.

Artikel I. § 131. Das deutsche Volk besteht aus den Angehörigen der Staaten, welche das deutsche Reich bilden.
§ 132. Jeder Deutsche hat das deutsche Reichsbürgerrecht. Die ihm kraft dessen zustehenden Rechte kann er in jedem deutschen Lande ausüben. [...]
§ 133. Jeder Deutsche hat das Recht, an jedem Orte des Reichsgebietes seinen Aufenthalt und Wohnsitz zu nehmen, Liegenschaften jeder Art zu erwerben und darüber zu verfügen, jeden Nahrungszweig zu betreiben, das Gemeindebürgerrecht zu gewinnen. [...]

Artikel II. § 137. Vor dem Gesetze gilt kein Unterschied der Stände. Der Adel als Stand ist aufgehoben.
Alle Standesvorrechte sind abgeschafft. Die Deutschen sind vor dem Gesetze gleich. [...]
Die öffentlichen Ämter sind für alle Befähigten gleich zugänglich.
Die Wehrpflicht ist für alle gleich; Stellvertretung bei derselben findet nicht statt.

Artikel III. § 138. Die Freiheit der Person ist unverletzlich.
Die Verhaftung einer Person soll, außer im Falle der Ergreifung auf frischer That, nur geschehen in Kraft eines richterlichen, mit Gründen versehenen Befehls. Dieser Befehl muß im Augenblicke der Verhaftung oder innerhalb der nächsten vier und zwanzig Stunden dem Verhafteten zugestellt werden.
Die Polizeibehörde muß jeden, den sie in Verwahrung genommen hat, im Laufe des folgenden Tages entweder freilassen oder der richterlichen Behörde übergeben. [...]
§ 139. Die Todesstrafe, ausgenommen wo das Kriegsrecht sie vorschreibt, oder das Seerecht im Fall von Meutereien sie zuläßt, so wie die Strafen des Prangers, der Brandmarkung und der körperlichen Züchtigung, sind abgeschafft.
§ 140. Die Wohnung ist unverletzlich. [...]
§ 142. Das Briefgeheimniß ist gewährleistet. [...]

Artikel IV. § 143. Jeder Deutsche hat das Recht, durch Wort, Schrift, Druck und bildliche Darstellung seine Meinung frei zu äußern. [...]

Artikel V. § 144. Jeder Deutsche hat volle Glaubens- und Gewissensfreiheit. [...]
§ 146. Durch das religiöse Bekenntniß wird der Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte weder bedingt noch beschränkt. [...]

Artikel VI. § 152. Die Wissenschaft und ihre Lehre ist frei.
§ 153. Das Unterrichts- und Erziehungswesen steht unter der Oberaufsicht des Staates, und ist, abgesehen vom Religionsunterricht, der Beaufsichtigung der Geistlichkeit als solcher enthoben. [...]
§ 158. Es steht einem jeden frei, seinen Beruf zu wählen und sich für denselben auszubilden, wie und wo er will.

Artikel VII. § 159. Jeder Deutsche hat das Recht, sich mit Bitten und Beschwerden schriftlich an die Behörden, an die Volksvertretungen und an den Reichstag zu wenden. [...]

Artikel VIII. § 161. Die Deutschen haben das Recht, sich friedlich und ohne Waffen zu versammeln; einer besonderen Erlaubniß dazu bedarf es nicht. [...]
§ 162. Die Deutschen haben das Recht, Vereine zu bilden. [...]

Artikel IX. § 164. Das Eigenthum ist unverletzlich.
Eine Enteignung kann nur aus Rücksichten des gemeinen Besten, nur auf Grund eines Gesetzes und gegen gerechte Entschädigung vorgenommen werden. [...]
§ 165. Jeder Grundeigenthümer kann seinen Grundbesitz unter Lebenden und von Todes wegen ganz oder theilweise veräußern. [...]
§ 166. Jeder Unterthänigkeits- und Hörigkeitsverband hört für immer auf.
§ 167. Ohne Entschädigung sind aufgehoben:
1. Die Patrimonialgerichtsbarkeit und die grundherrliche Polizei, sammt den aus diesen Rechten fließenden Befugnissen, Exemtionen und Abgaben.
2. Die aus dem guts- und schutzherrlichen Verbande fließenden persönlichen Abgaben und Leistungen. [...]

Artikel X. § 174. Alle Gerichtsbarkeit geht vom Staate aus. [...].
§ 175. Die richterliche Gewalt wird selbstständig von den Gerichten geübt. [...]

http://www.verfassungen.de/de/de06-66/verfassung48-i.htm






 
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