Schnelltriebwagen auf einer Versuchsstrecke im 19. Jahrhundert
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1850 bis 1880


8.8.2012
Seit der Jahrhundertmitte dominieren der Nationalismus und der Fortschrittsgedanke die europäische Ideenwelt. Mit der nationalen Einigung unter den preußischen Hohenzollern wird Deutschland eine autoritäre Militärmonarchie und gleichzeitig zur weltweit drittgrößten Industrienation. Auch europaweit wachsen materielle Sicherheit, Wohlstand und Rechtsstaatlichkeit. Technische Neuerungen wie die Dampfschifffahrt und die Telegrafie sowie länderübergreifende Vereinheitlichungen und Institutionen wie der Freihandel und der Goldstandard lassen die Welt zusammenrücken.

1826 nimmt Nicéphore Nièpce aus dem Fenster seines Arbeitszimmers in Le Gras die vermutlich erste lichtbeständige Fotografie der Welt auf.1826 nimmt Nicéphore Nièpce aus dem Fenster seines Arbeitszimmers in Le Gras die vermutlich erste lichtbeständige Fotografie der Welt auf. (© Wikimedia)

Deutschland 1850-1880


Der Nationalstaat als politisches Projekt

Seit der Gründung des Deutschen Reiches im Jahre 1871 haben Historiker immer wieder den Eindruck erweckt, die ganze frühere Geschichte des 19. Jahrhunderts sei zwangsläufig auf den Fluchtpunkt der nationalen Einheit zugelaufen. Hier muss man differenzieren. Gewiss lag die Zusammenfassung der einzelnen deutschen Staaten zu einem militärisch wehrhaften, außenpolitisch handlungsfähigen und im Innern einen nationalen Markt gewährleistenden Großgebilde in der Tendenz der Zeit. Um 1820 konnte man noch mit guten Gründen – wie Johann Wolfgang von Goethe (1749-1832) es tat – die Auffassung vertreten, die Deutschen seien mit der bunten Vielfalt ihrer Klein- und Mittelstaaten besser bedient. Um 1860 war eine solche Position anachronistisch geworden. Auf der anderen Seite verlief die Bildung des deutschen Nationalstaates keineswegs nach einer unaufhaltsamen Logik. Strategie, Taktik, Zufall und sogar menschliches Versagen – etwa der Militärführungen Österreichs 1866 und Frankreichs 1870 – spielten dabei zusammen, dass 1870/71 die Reichsgründung unter preußischer Führung möglich wurde. Der Nationalstaat setzte ein nationales Bewusstsein voraus, ohne unmittelbar und automatisch aus einem solchen Bewusstsein zu entstehen. Er war ein politisches Projekt. Es wurde vorrangig von Preußen vorangetrieben. Warum?
Erstens hatte Preußen 1815 auf dem Wiener Kongress große Territorien hinzugewonnen, dabei jedoch äußerst ungünstige, ja, irrationale Grenzen erhalten. Der rheinisch-westfälische Westen war mit den preußisch-brandenburgischen Stammlanden gar nicht verbunden. Zweitens erkannten Preußens leitende Staatsmänner, an erster Stelle Otto von Bismarck (1815-1898, Ministerpräsident ab 1862), dass die preußische Großmachtrolle in Europa nur durch territoriale Erweiterung zu einem deutschen Staat zu wahren sei. Drittens unterhielt die schnell wachsende preußische Wirtschaft immer engere Handels- und Verkehrsbeziehungen mit den übrigen deutschen Staaten, weniger enge allerdings mit der Habsburgermonarchie. Seit 1828 waren regional begrenzte Zollvereine eingerichtet worden, 1834 folgte der Deutsche Zollverein, dem Österreich nicht angehörte. Er schuf eine Freihandelszone und trug zur weiteren Verflechtung der einzelstaatlichen Ökonomien bei.
Die kleineren deutschen Staaten orientierten sich bereits lange vor der Reichsgründung wirtschaftlich und politisch immer stärker in Richtung Berlin. Eine Nationalstaatsbildung ohne einen zu weit gehenden Verlust eigener Souveränität lag daher in ihrem eigenen Interesse. Die Habsburgermonarchie blieb auch nach 1849 die zweite und gleichberechtigte Hegemonialmacht im Deutschen Bund. Sie fiel aber wirtschaftlich relativ zurück, war selbst für die süddeutschen Staaten als „großer Bruder“ mit der Zeit kaum noch eine Alternative zu Preußen und hatte den deutschen Nationalisten keine aufregende „großdeutsche“ Vision zu bieten. Durch den Zugewinn von Venetien und der Lombardei hatte das Habsburgerreich zudem nach 1815 eine Schwerpunktverlagerung in den Süden erfahren, die erst durch seine militärische Vertreibung aus Norditalien 1859/66 beendet wurde. Anders als Preußen betrieb die Regierung in Wien also statt einer zielstrebigen Deutschlandpolitik eine „oftmals bewusst forcierte Selbstabkapselung“ (Friedrich Lenger).
Diese allgemeine Tendenz zur kleindeutschen Integration wurde durch drei „Einigungskriege“ beschleunigt. Der Deutsch-dänische Krieg (1864), in dem Preußen und Österreich nebeneinander kämpften, mobilisierte eine länderübergreifende Öffentlichkeit für ein „nationales“ Ziel. Im viel wichtigeren Preußisch-österreichischen Krieg (1866) verteilten sich die deutschen Mittelstaaten als Verbündete auf die beiden Lager. Nach dem Sieg über Österreich in der Schlacht von Königgrätz annektierte Preußen Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhessen, Nassau und Frankfurt am Main. Österreich wurde als außenpolitischer Verbündeter der Zukunft großmütig behandelt. Der Deutsche Bund wurde aufgelöst und an seiner Stelle der Norddeutsche Bund gegründet, der aus Preußen, Sachsen und den Bundesgenossen von 1866 bestand. Damit war der wichtigste Schritt in Richtung auf eine nationale Einigung getan. Die Verfassung des Norddeutschen Bundes nahm in vielem bereits die Reichsverfassung von 1871 vorweg.
Der Deutsch-französische Krieg (1870/71) schließlich, bei dem Bismarck Frankreich in die Rolle des Angreifers zu manövrieren verstand, schloss abermals die nationalen Reihen gegen einen äußeren Gegner und sorgte dafür, dass der am meisten beargwöhnte Nachbar Deutschlands der Reichsgründung keinen Widerstand entgegensetzen konnte. Am 18. Januar 1871 wurde der preußische König in Versailles zum deutschen Kaiser proklamiert. Dem waren langwierige Verhandlungen zwischen Preußen und den Einzelstaaten, vor allem Bayern, vorausgegangen, die für ihren begrenzten Souveränitätsverzicht im neuen Gesamtstaat Zugeständnisse und Geldzahlungen erwarteten. Der neue Staat erhielt eine bundesstaatliche Verfassung, in der der Bundesrat, das heißt die „Länderkammer“, und vor allem der dort den Vorsitz führende, allein dem Kaiser verantwortliche Reichskanzler die stärksten Staatsorgane waren. Der nach allgemeinem und gleichem Männerwahlrecht gewählte Reichstag besaß erhebliche Kompetenzen in Finanzwesen und Gesetzgebung, jedoch nicht das Recht zur Wahl und Abberufung der Exekutive. Die Regierung ging also nicht aus dem Vertrauen der Parlamentsmehrheit hervor. Das Militär war parlamentarischer Aufsicht vollkommen entzogen. Obwohl mehr als ein Scheinparlament, war der Reichstag dennoch nicht – wie das Parlament in einem demokratischen System britischen Typs, das die deutschen Liberalen so sehr bewunderten – die wichtigste Arena des Machtkampfes und der zentrale symbolische Ort der nationalen Politik. Die politische Ordnung des Kaiserreiches war zumindest in den Anfangsjahren die einer von autoritärem Geist durchdrungenen Militärmonarchie, die auf einem scharfen Strukturgegensatz zwischen Reichstag und Reichskanzler beruhte.
1871 war die Bildung des deutschen Nationalstaates keineswegs abgeschlossen. Auf die „äußere“ Reichsgründung hatte eine „innere“ zu folgen, also der Aufbau reichsweiter Institutionen. Dies erforderte eine umfassende, einfallsreiche und juristisch sorgfältig gestaltete Gesetzgebung, die in den 1870er-Jahren auch eindrucksvoll gelang. Ein politischer Schatten fiel dadurch auf den neuen Zusammenschluss der deutschen Nation, dass Bismarcks konfrontative Politik sogenannte Reichsfeinde ausgrenzte und verfolgte. Zwischen 1871 und 1878 führte der Reichskanzler einen Kampf gegen die katholische Kirche und deren politische Vertreter („Kulturkampf“). Von 1878 bis 1890 galt das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ („Sozialistengesetz“), das sozialistische und sozialdemokratische Aktivitäten außerhalb des Reichstags verbot. Die deutsche Einheit blieb unvollständig und halbherzig.

Quellentext

Eine Schlacht und ihre Folgen

Am Abend des 23. Juni 1859 verwandelt sich das lombardische Städtchen Cavriana, 14 Kilometer südlich des Gardasees, in einen Kasernenhof. […]
Ja, es ist Krieg. Wieder einmal versuchen die Italiener, die verhassten Habsburger loszuwerden, die über den Norden des Landes von Mailand bis Venedig (und in der Toskana) herrschen. Frankreich, Habsburgs alter Widersacher, ist den Italienern zu Hilfe geeilt – am 4. Juni wurden die Österreicher bei Magenta erstmals geschlagen.
[…] [D]er Habsburger Franz Joseph I. [...] sieht [...] das Recht auf seiner Seite. Seit den Tagen Karls V. gehören Teile der Lombardei, seit dem 18. Jahrhundert die Toskana den Habsburgern, seit dem Wiener Kongress 1815 auch Venetien. Doch wen kümmert das noch? Der Nationalismus ist die alles umstürzende Kraft. Das Haus Piemont-Sardinien hat sich an die Spitze der italienischen Freiheitsbestrebungen gesetzt. Camillo Cavour, Premierminister in Turin […] hat die Zeit auf seiner Seite. In seinem 1932 erschienenen Roman ‚Radetzkymarsch‘, der mit den Ereignissen des Jahres 1859 beginnt, lässt Joseph Roth den skeptischen Grafen Chojnicki über das Schicksal der Habsburger Vielvölkermonarchie meditieren: „Sie zerfällt bei lebendigem Leibe. Sie zerfällt, sie ist schon zerfallen! […] Die Zeit will uns nicht mehr! Diese Zeit will sich selbständige Nationalstaaten schaffen!“ […]
In derselben Nacht erreicht der Genfer Geschäftsmann Henry Dunant die Stadt Castiglione delle Stiviere, wenige Kilometer westlich von Cavriana. […] Der 31-Jährige hat sich mit seinen Investitionen in Algerien, seit 1830 französische Kolonie, verspekuliert. In der Tasche trägt er ein Empfehlungsschreiben. Es soll ihm die Tür zu Napoleon öffnen. […]
Die Schlacht beginnt im Morgengrauen. […] Etwas mehr als 300 000 Soldaten stehen sich gegenüber, 170 000 Österreicher und 150 000 Franzosen und Piemontesen. Es sollte zu einer der größten Schlachten der europäischen Geschichte kommen. Das Dorf Solferino bildet den Mittelpunkt der Front, die sich vom Gardasee über eine ganze Kette von Hügeln, Anhöhen und Erhebungen bis in die Poebene zieht. So überraschend der Kampf begonnen hat, so schnell sind die feindlichen Armeen ineinander verkeilt wie wilde, bisshungrige Tiere. Das Töten endet erst bei Sonnenuntergang mit dem Rückzug der Österreicher. [...]
Den ganzen Tag über kommen zahllose Verletzte zum Dom von Castiglione. Wenige Meter entfernt wohnt Henry Dunant bei einer befreundeten Familie. Der Anblick, der sich ihm bietet, ist Furcht erregend. Die Verwundeten werden auf Bahren, auf Karren, auf den Schultern der Kameraden hierher transportiert. Die Stadt hallt wider von ihren Schreien. Spitäler, Kirchen, Schulen sind bis zum Rand hin gefüllt mit wimmernden, zuckenden Körpern. Viele Soldaten liegen, da es keinen Platz mehr für sie gibt, auf den Bürgersteigen. [...]
Dunant […] protokolliert entsetzt das Grauen. „Dort“, schreibt er 1862 in seinem Buch ‚Eine Erinnerung an Solferino‘, „liegt ein völlig entstellter Soldat, dessen Zunge aus dem zerschmetterten Kiefer hängt. Er macht alle Anstrengungen, sich zu erheben. Ich benetze seine vertrockneten Lippen und seine verdorrte Zunge. Einem anderen Unglücklichen ist durch einen Säbelhieb ein Teil des Gesichts fortgerissen worden. Nase, Lippen und Kinn sind von dem übrigen Teil des Kopfes getrennt. Unfähig zu sprechen und halb blind, macht er ein Zeichen mit der Hand. Durch diese erschütternde Gebärde, die von unartikulierten Tränen begleitet ist, lenkt er die Aufmerksamkeit auf sich. Ich gebe ihm zu trinken und lasse auf sein blutendes Antlitz einige Tropfen Wasser träufeln.“
Dunant schreibt als Menschenfreund. Der Gedanke, der sich durch die Erinnerungen zieht, ist schlicht und revolutionär zugleich: Sobald ein Soldat verwundet ist, ist er kein Soldat mehr, sondern ein Mensch, der alle Hilfe verdient. Jeder Verwundete muss versorgt werden, egal, welche Uniform er trägt, egal, welcher Nation er angehört. Diese Idee wird am 24. Juni 1859 in Castiglione geboren. Das Leid ist überwältigend, die Einwohner helfen den Elenden, ganz gleich, ob Freund oder Feind. „Wäre es nicht möglich“, schreibt Dunant, „in Friedenszeiten eine Gesellschaft zu gründen, die aus großherzigen Freiwilligen zusammengesetzt ist, um den Verletzten in Kriegszeiten zu helfen?“
Fünf Jahre später, am 22. August 1864, unterzeichnen zwölf Nationen die ersten Paragrafen der Genfer Konvention. Darin sind zum ersten Mal die Rechte von Kriegsgefangenen festgelegt, gleichzeitig werden nationale Hilfskomitees unter dem Signum des Roten Kreuzes gegründet. Es ist der Beginn einer Organisation, die sich bald über den ganzen Globus ausbreiten wird. […].

Peter Ladurner, Ulrich Ladurner, „Wasser, rot vom Blut“, in:
Die Zeit, Nr. 26 vom 18. Juni 2009




Die Verfassung des Deutschen Reiches von 1871Die Verfassung des Deutschen Reiches von 1871
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Quellentext

Otto von Bismarck

[...] Bismarck gab gerne den Part des zurückgebliebenen Krautjunkers aus der preußischen Provinz, in Wahrheit jedoch war er ein eher untypischer Vertreter seiner Zunft. Sein Vater, der auf einen fünf Jahrhunderte zurückreichenden Stammbaum adeliger ostelbischer Gutsherren zurückblickte, war noch der Prototyp des Junkers. Ottos Mutter hingegen, Wilhelmine Menken, entstammte einer Akademikerfamilie aus dem sächsischen Leipzig. Ihr Großvater war Rechtsprofessor gewesen [...].
Wilhelmine Menken nahm die schulische Bildung ihrer Söhne in die Hand, was für Bismarck bedeutete, dass er eine für seine Klasse eher untypische Bildung genoss: er fing nicht mit der Kadettenschule an, sondern als Internatsschüler an der Plamannschen Lehranstalt in Berlin – einer Schule für die Söhne höherer Verwaltungsbeamter – mit einer klassischen bürgerlichen Ausbildung. Von dort wechselte er zuerst ans Friedrich-Wilhelm-Gymnasium und später auf das Gymnasium zum Grauen Kloster, bevor er an den Universitäten Göttingen (1832/33) und Berlin (1834/35) Rechts- und Staatswissenschaft studierte. Darauf folgte ein vierjähriges Referendariat in der preußischen Verwaltung in Aachen und Potsdam. Gelangweilt von der für das Referendariat typischen Eintönigkeit und mangelnden persönlichen Autonomie brach Bismarck zur großen Bestürzung seiner völlig überraschten Familie die Ausbildung ab und widmete sich der Bewirtschaftung des Gutes Kniephof, wo er die Jahre 1839 bis 1845 verbrachte. In diesem langen Intermezzo gab er den Junker in Reinkultur, genoss das Leben, aß und trank viel [...]. Ein genauerer Blick auf das Leben von Otto von Bismarck in dieser Zeit jedoch enthüllt auch einige für einen Junker ganz und gar untypische Betätigungen, beispielsweise das ausgiebige Studium der Werke von Hegel, Spinoza, Bauer, Feuerbach und Strauß.
Diese Gegensätze sind wichtig für das Verständnis von Bismarcks politischem Leben. Sein Hintergrund und seine Einstellung erklären in Teilen die gebrochene Beziehung zwischen ihm und den Konservativen [...]. Bismarck gehörte nie wirklich zu ihnen, und die Konservativen, die das sehr wohl spürten, trauten ihm auch nie so recht über den Weg. Er hielt nicht viel vom Korporativismus der Altkonservativen und fühlte sich ebenso wenig von einer Weltsicht angezogen, laut der die Junker in ständischer Solidarität ihre Interessen gegenüber dem Staat behaupten mussten. [...]
Wie seine Vorfahren mütterlicherseits suchte Bismarck als Erwachsener seine Erfüllung im Dienst für den Staat. Allerdings sollte er dem Staat dienen, ohne jemals sein Diener zu sein. Der Gutsbesitz als Lebensinhalt reichte ihm nicht [...], aber er verlieh ihm doch ein Gefühl der Unabhängigkeit. [...]
Dieses Verständnis spiegelt sich wider in seinem Auftreten als öffentliche Person und insbesondere in seiner Neigung zur Insubordination. Bismarck verhielt sich nie so, als hätte er einen Vorgesetzten, was besonders in seiner Beziehung zu Wilhelm I. augenfällig wurde. [...]
Bismarck erweckte den Eindruck, jenseits aller ideologischen Rezepte, gleich welcher Gruppierung, zu stehen. Er war kein aristokratischer Korporatist, und auch ein Liberaler war er nicht beziehungsweise konnte er nicht sein. Ebenso wenig identifizierte er sich ungeachtet seiner langjährigen Zugehörigkeit zum Beamtentum mit dem „Vierten Stand“ der Bürokraten [...]. Daraus ergab sich eine Freiheit von ideologischen Beschränkungen, die sein Verhalten kaum vorhersagbar machten und es ihm [...] erlaubte, von einem Lager ins andere zu wechseln, seine Gegner auf dem falschen Fuß zu erwischen und die Differenzen zwischen ihnen zu seinen Gunsten zu nutzen. [...]
[...] Bismarck war kein Mann der Prinzipien; im Gegenteil, er war ein Mann, der sich von Prinzipien gelöst hatte, der die romantischen Bindungen einer älteren Generation abgestreift hatte, um eine neue Art der Politik zu machen: flexibel, pragmatisch und frei von ideologischen Verpflichtungen. Die Gefühle oder die Meinung der Öffentlichkeit waren für ihn keine Autoritäten, denen man gefallen oder folgen musste, sondern Kräfte, die es zu lenken und leiten galt. [...]

Christopher Clark, Preußen. Aufstieg und Niedergang; 1600-1947. Übersetzung: Richard Barth / Norbert Juraschitz / Thomas Pfeiffer © 2007, Deutsche-Verlags-Anstalt, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, S. 592 ff.




Industrialisierung und Urbanisierung

Das dritte Viertel des 19. Jahrhunderts sah den Durchbruch der Industrialisierung in Deutschland. Gegenüber England, auch Belgien und Teilen Frankreichs, war Deutschland ein Nachzügler. Es holte jedoch schnell auf. Um 1880 war es nach Großbritannien und den USA die drittgrößte Industrienation der Welt. Dies verdankte es nicht dem Textilsektor, der in England die treibende Kraft der Industrialisierung gewesen war, sondern vier anderen Antrieben (die selbstverständlich unterdessen in der britischen Wirtschaft ebenfalls eine Rolle spielten): dem Steinkohlebergbau, der Eisen- und Stahlindustrie, dem Maschinenbau und – dem wichtigsten dieser „Leitsektoren“ – den Eisenbahnen.
Zwischen 1848 und 1864 verdreifachte sich die Zahl der in den wichtigsten Steinkohlegebieten – an der Ruhr, an der Saar, in Sachsen und in Schlesien – Beschäftigten auf etwa 100 000 Arbeiter. Gleichzeitig war dank besserer Technik die Produktivität des Abbaus gestiegen, sodass die Menge der geförderten Steinkohle sogar auf mehr als das Vierfache angewachsen war. Der Bergbau hatte in Deutschland eine lange Tradition. Sie drückte sich in einem besonderen Bergrecht aus, das dem jeweiligen Territorialherrn die Verfügung über sämtliche Bodenschätze übertrug. Der Aufschwung des Steinkohlebergbaus ging nicht nur auf eine steigende Nachfrage nach fossiler Energie und auf neue technische Möglichkeiten der Kohlegewinnung in immer tieferen Untertageschichten zurück, sondern auch auf eine liberalisierende Neuordnung des Bergbaus, die in ihren modernisierenden Auswirkungen der Bauernbefreiung und der Einführung der Gewerbefreiheit vergleichbar ist. Der Staat zog sich auf Inspektionsfunktionen zurück. Gleichzeitig erweiterten sich die Möglichkeiten, über die neue Form der Aktiengesellschaft Kapital im Bergbau zu investieren. Bald wurde der Großbetrieb charakteristisch für die Zechenlandschaft, besonders an der Ruhr.
Auch die Eisen- und Stahlindustrie erforderte Organisation im großen Stil. In Preußen steigerte sich die Erzeugung von Roheisen zwischen 1850 und 1880 von 135 000 auf zwei Millionen Tonnen, die von Stahl von 150 000 auf 1,7 Millionen Tonnen. Ein zunehmender Anteil dieser Produktion ging auf das Konto großer Eisenhütten und Stahlwerke, die vielfach zwischen 1850 und 1875 gegründet wurden oder damals in eine große Expansionsphase eintraten. So erhöhte sich die Zahl der Beschäftigten bei der Firma Krupp in Essen von weniger als 1800 im Jahre 1860 auf 16 000 im Jahre 1873. Nur Großunternehmen konnten sich die gewinnbringende Übernahme kostspieliger Technologien leisten, die damals noch vorwiegend in Großbritannien entwickelt und patentiert wurden.

Erwerbstätige in Deutschland von 1800 bis 1914Erwerbstätige in Deutschland von 1800 bis 1914
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Auch der frühe deutsche Maschinenbau beruhte anfangs auf der Nachahmung ausländischer Vorbilder. Britische, belgische und französische Technologie wurde legal oder auch per Industriespionage nach Deutschland transferiert. Charakteristisch für den Maschinenbau waren geringere Betriebsgrößen und ein typischer Aufstiegsweg vom Handwerkermeister zum Fabrikunternehmer, während die frühen Unternehmer in der Montanindustrie eher aus der wohlhabenden Kaufmannschaft stammten. Keineswegs wurde das Handwerk auf breiter Front durch die Industrie verdrängt und ersetzt. Bekleidung stammte weiterhin aus der Schneiderei (oder wurde im Haushalt selbst hergestellt), Schuhe kamen vom handwerklichen Schusterbetrieb. Bäcker, Metzger und andere „Nahrungsmittelhandwerker“ blieben kleinbetrieblich organisiert. Sie profitierten vom Rückgang der Selbstversorgung in den wachsenden Städten.
Urbanisierung, also eine deutliche Zunahme des Anteils von Städtern an der Gesamtbevölkerung, ist kein unmittelbares Resultat von Industrialisierung. Städte wuchsen bereits, bevor es irgendwo Industrie gab, und im Industriezeitalter wirkten weiterhin nichtindustrielle Ursachen städtischer Expansion, etwa die verstärkte Einbindung von Hafenstädten in den Welthandel. Doch im Deutschland der Jahrzehnte nach 1850 ergab sich ein enger Zusammenhang zwischen beiden Prozessen. Am deutlichsten war er dort, wo sich neue montanindustrielle Regionen bildeten und durch Zuzug rasch wuchsen. Besonders auffällig war das Entstehen einer Städtelandschaft im Ruhrgebiet. Einige der dort aufstrebenden Städte gingen auf mittelalterliche Gründungen zurück, wie etwa Essen, viel charakteristischer war aber das rapide Wachstum neu gegründeter „Industriedörfer“ wie Oberhausen, das 1874, zwölf Jahre nach dem Beginn der Besiedlung, bereits 15 000 Einwohner zählte. Richtige Großstädte gab es zur Zeit der Reichsgründung im Ruhrgebiet noch nicht; die eigentliche Expansion erfolgte im Kaiserreich. Städte wuchsen auch aus anderen Gründen: als Zentren der Textilindustrie wie Chemnitz und Barmen (heute ein Teil von Wuppertal), als Eisenbahnknotenpunkte wie Hannover oder als multifunktionale Metropolen wie an erster Stelle Berlin, das 1871 mit 826 000 Einwohnern (um die Jahrhundertmitte erst 412 000) die mit Abstand größte Stadt im Deutschen Reich war. Die Urbanisierung war geografisch sehr ungleich verteilt. Große Landstriche wurden von ihr kaum berührt. Dort bildete die Kleinstadt, ein beliebtes Motiv von Malerei und Literatur, weiterhin den Rahmen des Alltagslebens: selten mit Kanalisation, Wasserversorgung und Gasbeleuchtung ausgestattet, manchmal noch hinter Toren und Mauern versteckt. Die hier vorherrschende Mentalität hatte mit der nach außen offenen Urbanität Berlins und anderer Großstädte wenig gemeinsam.

Quellentext

Im Visier von Bismarck: Katholiken und Sozialisten

Im Unterschied zu seinem vorsichtigen Handeln in der Außenpolitik hatte Bismarck in der Innenpolitik keine Bedenken, präventiv gegen vermeintliche Gegner vorzugehen [...] und Minderheiten zu „Reichsfeinden“ zu erklären, um auf diese Weise eine Mehrheit der Bevölkerung auf die Ziele der Regierung verpflichten zu können.
Den ersten innenpolitischen „Präventionskrieg“ begann Bismarck bereits im Sommer 1871 [...]. Er richtete sich gegen die Katholiken, die sich im neuen preußisch-protestantisch geprägten Kaiserreich – anders als zuvor im Deutschen Bund – in die Rolle einer konfessionellen Minderheit gedrängt sahen. Die Gründung der Zentrumspartei als eine Sammlungsbewegung des politischen Katholizismus war eine Reaktion darauf.
Der Reichskanzler sah in der neuen Kraft, um die sich auch alle antipreußischen Gruppierungen – die Vertreter der nationalen Minderheiten (Polen, Dänen, Elsässer) und die hannoverschen Welfen – scharten, eine Art Verschwörung, eine „Mobilmachung der Partei gegen den Staat“. Mit einer Reihe von antikatholischen Ausnahmegesetzen hoffte er das Zentrum als politischen Faktor ausschalten zu können. Ein sogenannter „Kanzelparagraph“ untersagte Geistlichen die Erörterung öffentlicher Angelegenheiten; der Jesuitenorden wurde verboten; ohne Zustimmung der staatlichen Behörden durfte kein Priester mehr in ein geistliches Amt berufen werden – wer sich widersetzte, musste mit seiner Ausweisung oder einer Haftstrafe rechnen.
Doch alle Maßregelungen verfehlten ihren Zweck. Statt die Katholiken zu zermürben, schweißten sie sie erst recht zusammen. [...] Rudolf Virchow, der berühmte Mediziner und liberale Politiker, prägte das Wort vom „Kulturkampf“. In diesem Konflikt hatten die Nationalliberalen Bismarck von Anfang an unterstützt. Für sie war der Kampf gegen das Zentrum Teil einer umfassenden Auseinandersetzung zwischen dem modernen Nationalstaat und der katholischen Kirche. Diese hatte, so glaubten sie, mit dem auf dem Vatikanischen Konzil 1870 verkündeten Dogma der päpstlichen Unfehlbarkeit gerade einen Beweis ihrer Rückständigkeit geliefert.
Je tiefer sich die Nationalliberalen freilich von Bismarck in den Kulturkampf verstricken ließen, desto mehr waren sie gezwungen, Stück um Stück von ihren eigenen rechtsstaatlichen Prinzipien abzurücken. Zu Recht hielt ihnen Eugen Richter, der prominente Abgeordnete der linksliberalen Fortschrittspartei, vor: „Mich kann nicht trösten, dass der reaktionäre Spieß, nachdem er bisher mehr gegen links gekehrt war, nun gegen das Zentrum gerichtet wird. Dieselbe Hand, die ihn nach rechts gedreht hat, kann ihn auch wieder nach links drehen.“
Tatsächlich hatte Bismarck [...] 1878 [...] bereits einen neuen innenpolitischen Feldzug eröffnet: gegen die Sozialdemokratie. [...] Einen willkommenen Anlass lieferte ihm August Bebel. Im Mai 1871 hatte sich der SPD-Abgeordnete im Reichstag solidarisch erklärt mit dem Kampf der Pariser Kommune und diesen als ein „kleines Vorpostengefecht“ für kommende große Klassenkämpfe bezeichnet.
Die revolutionäre Bewegung in Paris war eine Folge der Krise, in die Frankreich unmittelbar nach der Niederlage im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 geraten war. Der Versuch der neuen großbürgerlichen Regierung unter Adolphe Thiers, die Pariser Nationalgarde zu entwaffnen, führte am 18. März 1871 zum Aufstand. Die Regierung Thiers flüchtete nach Versailles; in Paris übernahm ein revolutionärer Gemeinderat, bestehend aus Republikanern, Radikaldemokraten und Sozialisten, die Macht. [...]
In der „blutigen Woche“ vom 21. bis 28. Mai 1871 wurde dieses Aufsehen erregende Experiment einer Selbstregierung der Bevölkerung jedoch von den französischen Regierungstruppen unter dem Schutz der preußischen Bajonette niedergeworfen. [...] In der europäischen Arbeiterbewegung wurde der Kampf der Kommune zum Symbol für das heraufziehende neue Zeitalter proletarischer Revolutionen; unter den Herrschenden verstärkte er die Furcht vor der „roten Gefahr“.
Bismarck wollte die Sozialdemokratie im Keime ersticken. Allerdings war er sich im Klaren darüber, dass repressive Maßnahmen allein nicht ausreichen würden. Deshalb fasste er eine Doppelstrategie ins Auge, die er in einer Notiz vom Oktober 1871 so beschrieb: „1. Entgegenkommen gegen die Wünsche der arbeitenden Klasse durch Gesetzgebung und Verwaltung [...], so weit mit den allgemeinen Staatsinteressen verträglich. 2. Hemmung der staatsgefährlichen Agitation durch Verbots- und Strafgesetze.“
Zunächst kam freilich die zweite Variante zum Zuge. Nach zwei Attentaten auf Kaiser Wilhelm I. im Mai und Juni 1878, für die zu Unrecht die Sozialdemokraten verantwortlich gemacht wurden, verabschiedete der Reichstag am 21. Oktober 1878 das „Gesetz gegen die gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“. Mit einem Schlage wurden alle sozialdemokratischen Vereine und Zeitungen verboten; nur das Recht, sich an Wahlen zu beteiligen, verblieb der Partei. Aus bestimmten Bezirken oder Orten, über die der sogenannte „Kleine Belagerungszustand“ verhängt worden war, durften „Agitatoren“ ohne weiteres ausgewiesen werden. Von diesem harten Schicksal wurden über 1000 Sozialdemokraten getroffen; viele von ihnen entschlossen sich zur Auswanderung nach Amerika.
Doch wiederum hatte Bismarck die Widerstandskraft des Gegners unterschätzt. Unter den Schlägen von Polizei und Justiz formierte sich die Sozialdemokratie überhaupt erst zu einer Massenbewegung, scharten sich die Anhänger um August Bebel, der damals zur unbestrittenen Führungsfigur der SPD emporstieg. Und erst jetzt, in der verschärften Konfrontation mit Klassenstaat und Klassenjustiz, fanden die Theorien von Karl Marx und Friedrich Engels wachsende Resonanz. Sie kamen dem Bedürfnis nach einer Programmatik entgegen, welche geeignet schien, die Ausnahmesituation der Sozialdemokratie zu erklären und zugleich den Weg in eine bessere Zukunft zu weisen.
Demgegenüber konnte dem Versuch, durch eine Kombination von Unterdrückung und Sozialreform, von „Zuckerbrot und Peitsche“ die Arbeiter von den Verlockungen des Sozialismus fern zu halten, zunächst kaum Erfolg beschieden sein. In den achtziger Jahren wurde eine Reihe wichtiger Sozialgesetze beschlossen – vom Kranken- und Unfallschutz bis hin zur Alters- und Invalidenversicherung. Für damalige Verhältnisse war das ein großer Fortschritt, auch im europäischen Vergleich. [...] Langfristig [...] trugen die Sozialgesetze dazu bei, dass sich die deutsche Sozialdemokratie vor 1914 immer mehr in der bestehenden Ordnung des Kaiserreichs einrichtete und sich deren Sturz immer weniger vorstellen konnte – mochte sie auch weiterhin an ihrer revolutionären Rhetorik festhalten. [...]

„Reichsfeinde“ im Visier: Kulturkampf, Sozialistengesetz und konservative Wende. In: Deutsche Geschichte 1: Wie wir wurden, was wir sind. Das 19. Jh. 1789-1918, S. 193 ff. Erarb. v. Dr. Volker Ullrich © Ernst Klett Verlag GmbH Stuttgart, 2012




Eisenbahnen

Es bedeutete einen großen Einschnitt in der Geschichte jeder Stadt, wenn sie einen Bahnhof erhielt und an das Eisenbahnnetz angeschlossen wurde. Das dritte Viertel des 19. Jahrhunderts war jener Zeitabschnitt, in dem die Eisenbahn ihre größte wirtschaftliche und kulturelle Wirkung entfaltete. Die ersten schienengeführten Eisenbahnen wurden noch von Pferden gezogen. 1839 wurde zwischen Leipzig und Dresden die erste ausschließlich mit Dampflokomotiven betriebene Strecke eröffnet. Anfangs konnte von einem Schienen-„Netz“ noch keine Rede sein. Einzelne Strecken verdichteten sich zu regionalen Systemen, die mit der Zeit zu einem nationalen, an den Grenzen aber Anschluss ans Ausland findenden Netz zusammenwuchsen. Dies war bis zur Reichsgründung geschehen. Danach ging der Ausbau weiter und erreichte kurz vor dem Ersten Weltkrieg die höchste Netzdichte. 1885 waren auf dem Gebiet des Deutschen Reiches etwa 37 000 km Schienen befahrbar – geringfügig mehr als heute in der Bundesrepublik Deutschland.
Die Eisenbahn war eine der großen Wachstums-„Lokomotiven“ der deutschen Wirtschaft ab den 1840er-Jahren. Durch die gewaltige Nachfrage nach Eisen, Stahl und Steinkohle stimulierte sie diese anderen Leitsektoren. Sie regte die technologische Entwicklung an, schuf in der Bauphase ebenso wie im laufenden Betrieb Zigtausende neuer Arbeitsplätze und rief neue Finanzierungsinstrumente hervor, die wiederum der Modernisierung des Bankenwesens zugute kamen. Dadurch, dass Bahnen teils staatlich, teils privat gebaut und betrieben wurden, entstand eine von Land zu Land unterschiedlich zusammengesetzte Mischwirtschaft. In jedem Fall betrachtete der Staat die Eisenbahn als eine hoheitliche Angelegenheit. Auch Privatbahnen unterlagen einem gewissen Maß an Aufsicht und Regulierung. Das Aufstellen landesweit abgestimmter Fahrpläne gehörte zu den schwierigsten Organisationsaufgaben der Zeit.

Entwicklung des Eisenbahnnetzes der führenden Industrienationen (in 1000 km)Entwicklung des Eisenbahnnetzes der führenden Industrienationen (in 1000 km)
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Die Eisenbahn entwickelte sich im Zusammenhang einer umfassenderen Transportrevolution, wie sie zu unterschiedlichen Zeitpunkten in vielen Ländern begann. Landstraßen wurden ausgebaut und damit die Möglichkeiten des Pferdetransports noch besser genutzt. In den Städten entstanden Pferde-Trams, später elektrische Straßenbahnen als Zubringer zu den Bahnhöfen. In der Schifffahrt setzte sich allmählich das Dampfschiff durch. Flüsse wurden reguliert und besser schiffbar gemacht, Häfen ausgebaut, befahrbare Kanäle als Verbindungen zwischen Flüssen angelegt. All dies zusammengenommen erhöhte die Transportgeschwindigkeit, vergrößerte das Transportvolumen und senkte die Transportkosten. Menschen und Güter konnten leichter über immer größere Entfernungen befördert werden. Die Eisenbahn veränderte die „gefühlte“ Geografie. Vordem fast unüberwindliche Distanzen ließen sich nun bewältigen. Das Reisen wurde bequemer. Vorortbahnen und Nahverkehrszüge erlaubten im städtischen Raum das flächige Siedeln, entlasteten die Innenstädte von Wohnungsdruck und schufen manchmal integrierte Ballungsräume. Orte, die ohne Bahnanschluss blieben, fielen in ihrer Entwicklung zurück. Umgekehrt war die Position an einem Knoten des Bahnnetzes ein Standortvorteil, der Industrien anlocken konnte. Der Eisenbahnbau veränderte die Landschaft. Bodenkäufe und Enteignungen waren notwendig, um Trassen verlegen zu können. Weghindernisse mussten durch Brücken und Tunnels überwunden werden, die beide meist anspruchsvolle Aufgaben an die Ingenieurskunst stellten, manchmal mit ästhetisch eindrucksvollen Resultaten. In Städte konnte der Bahnbau schwere Wunden schlagen. Alte Quartiere wurden abgerissen, Stadtteile durch Gleisanlagen voneinander getrennt. Die Kopfbahnhöfe der großen Metropolen definierten Innenstädte auf neue Weise als die schienenlosen Zonen zwischen den Endpunkten der verschiedenen Strecken. Architektonisch wurden Bahnhöfe zu den aufwändigsten Großprojekten der Epoche.
Schließlich war die Eisenbahn überall, wo sie eingeführt wurde, die technische Voraussetzung für neue Wahrnehmungsweisen. Erstmals konnte man sich schneller bewegen als mit dem kräftigsten Pferd. Das Tempoerlebnis änderte sich dadurch fundamental. Der Blick aus dem rollenden Abteil ließ Landschaften als bewegte Panoramen erscheinen. Da der Zug viele Menschen gleichzeitig beförderte, wandelte sich das Reisen zu Lande von einem Individualabenteuer zu einer Kollektiverfahrung, wie sie eine Fahrt einer Postkutsche niemals sein konnte. Gesellschaftliche Hierarchien spiegelten sich in den Komfort- und Tarifklassen der Bahn, von denen es ab 1852 in Preußen vier gab. Sucht man einen einprägsamen Namen für das dritte Viertel des 19. Jahrhunderts, dann wäre "Eisenbahnzeitalter“ eine gute Wahl.

Quellentext

Vor- und Nachteile des Eisenbahnfahrens

[…] Dem Reisenden, der es gewohnt ist, von der Postkutsche aus seinen Blick auf nahe Dinge zu fokussieren, muss bei der neuen Geschwindigkeit [des Eisenbahnfahrens] fast zwangsläufig schwindlig werden. Victor Hugo schreibt 1837 von einer Zugreise [...]: „Die Blumen am Feldrain sind keine Blumen mehr, sondern Farbflecken oder vielmehr rote und weiße Streifen; die Getreidefelder werden zu langen gelben Strähnen; die Kleefelder erscheinen wie lange grüne Zöpfe.“ Weil er versucht, Einzelheiten festzuhalten, wird die Fahrt zum stroboskophaften Terror. Wohlgemerkt: Die Züge zuckelten damals mit ungefähr 30 Stundenkilometern durch die Lande. Die medizinische Zeitschrift „Lancet“ meint im Jahr 1862 dramatische gesundheitliche Folgen durch das Bahnfahren belegen zu können: „Die Geschwindigkeit und Verschiedenartigkeit der Eindrücke ermüden notwendigerweise sowohl das Auge wie das Gehirn. Die andauernd sich verändernde Entfernung der Gegenstände erfordert eine unablässige Anpassungsarbeit des Apparates, durch den sie scharf auf die Retina eingestellt werden; und die geistige Anstrengung des Gehirns, sie aufzunehmen, ist kaum weniger ermüdend dadurch, dass sie unbewusst geleistet wird; denn keine Tatsache im Bereich der Physiologie ist unumstrittener als die, dass eine übermäßig funktionelle Aktivität stets materiellen Zerfall und organische Veränderung der Substanz im Gefolge hat.“ [...]
All diejenigen, die das vorindustrielle Postkutschengetrödel gewöhnt sind, erleben Zugfahrten zunächst als Attacke auf alle Sinne, was dann meist umschlägt in Ödnis und Abgeschlagenheit. „Ich langweile mich derart in in der Eisenbahn“, schreibt Gustave Flaubert, „dass ich nach fünf Minuten vor Stumpfsinn zu heulen beginne. Die Mitreisenden denken, es handle sich um einen verlorenen Hund; durchaus nicht, es handelt sich um Herrn Flaubert, der da stöhnt.“ [...]
Andere Reisende, und das macht es so interessant, hatten umgekehrt den Eindruck, dass die Zugfahrt nicht die Wahrnehmung der Landschaft zerstört, sondern überhaupt erst ermöglicht. Voraussetzung dafür ist freilich, wie der Historiker Wolfgang Schivelbusch schreibt, aus dessen „Geschichte der Eisenbahnreise“ all die eben angeführten Zitate stammen, dass die Wahrnehmung des Reisenden „sich nicht gegen die Effekte der neuen Reisetechnik sträubt, sondern diese ganz in sich aufnimmt“. Wer gar nicht erst versucht, Details des vorbeiwischenden Vordergrundes zu fixieren, sondern stattdessen die Landschaft an sich vorbeiziehen lässt wie ein Panorama, der kann das Reisen genießen. So schwärmt der Pariser Journalist Jules Clarétie, eine Eisenbahnfahrt führe dem Reisenden „in wenigen Stunden ganz Frankreich vor, vor Ihren Augen entrollt sie das gesamte Panorama, eine schnelle Aufeinanderfolge lieblicher Bilder und immer neuer Überraschungen“. Ja, er sagt, die Bahn zeige erst „das Wesentliche einer Landschaft, wahrlich ein Künstler im Stil der alten Meister. Verlangen Sie keine Details von ihr, sondern das Ganze, in dem das Leben ist“.
Es kann zwischen den begeisterten Passagieren und den traditionellen Reisenden keine richtige Verständigung geben, so unterschiedlich ist ihr Blick: Den einen ist es aufgrund der Mobilität nicht mehr möglich, die Welt in Ruhe wahrzunehmen. Für die anderen, so Schivelbusch, ist genau diese Mobilität „die Grundlage der neuen Normalität. Eine Erfahrung von Verflüchtigung gibt es für diesen Blick nicht mehr, weil die verflüchtigte Wirklichkeit seine neue normale Wirklichkeit geworden ist oder, anders gesagt, weil der Raum, in dem die Verflüchtigung sich am deutlichsten zeigte, der Vordergrund, für den panoramatischen Blick keine Existenz mehr hat.“ [...]

Alex Rühle, Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline, Stuttgart: Klett-Cotta 2010, S. 95 ff.




Bürgerlichkeit

Kein einziger Teilabschnitt des 19. Jahrhunderts lässt sich problemlos als „Blütezeit des Bürgertums“ beschreiben. Das Bürgertum war niemals eine quantitativ dominierende Gesellschaftsschicht; es umfasste maximal 15 Prozent der Bevölkerung. Während seine Abgrenzung vom Adel in Deutschland markanter blieb als zum Beispiel im adelsdominierten Großbritannien oder dem adelsarmen Frankreich, lässt sich eine soziale Barriere nach „unten“ nur ungenau bestimmen. Dies liegt vor allem an der sehr schwammigen Kategorie des „Kleinbürgertums“, in der selbstständige Handwerker, kleine Ladenbesitzer, niedere Beamte, manchmal auch relativ wohlsituierte Facharbeiter, Volksschullehrer und, gegen Ende des 19. Jahrhunderts zahlenmäßig rasch zunehmend, Angestellte eingeordnet werden. Solche Kleinbürger, die um keinen Preis mit der Unterschicht bzw. dem „Proletariat“ verwechselt werden wollten, besaßen selten den Bildungsehrgeiz des „gehobenen“ Bürgertums mit gymnasialem oder akademischem Hintergrund oder den wirtschaftlichen Aktionsradius eines Kapitalien bewegenden und über größere Belegschaften gebietenden Unternehmers.
Schließlich kommt als weitere Schwierigkeit eine Doppeldeutigkeit im deutschen Begriff des „Bürgers“ hinzu. Denn er bezeichnet sowohl den politisch für Freiheit und Gemeinwohl engagierten citoyen als auch den Geschäfte machenden, egoistisch seine Interessen durchsetzenden (in heutiger Ausdrucksweise: „gierigen“) bourgeois, anders gesagt: den öffentlichen und den privaten Bürger, also den Verteidiger von politischen Grundrechten einerseits, den Anhänger der ungehemmten wirtschaftlichen Freiheit auf dem Markt andererseits. Die politische Geschichte des deutschen Bürgertums lässt sich in dieser Spannung zwischen Citoyen und Bourgeois, zwischen politischem Idealismus und wirtschaftlichem Realismus erzählen. Die früher verbreitete These, das deutsche Bürgertum habe nach 1848 seine eigenen demokratischen Werte und Normen „verraten“ und sich den adlig-konservativen Kräften in Politik und Gesellschaft unterworfen, es sei dabei von einer kosmopolitisch-internationalen zu einer nationalistischen Haltung umgeschwenkt, lässt sich in solcher Allgemeinheit nicht halten. Richtig ist, dass sich der Liberalismus, die im 19. Jahrhundert vorherrschende politische Orientierung des Bürgertums, im Kaiserreich parteipolitisch in einen eher wirtschaftsnahen „rechten“ und einen „freisinnig“ eingestellten „linken“ Flügel spaltete. Die moralisierende „Verrats“-These übertreibt diesen Tatbestand.
Der kulturelle Einfluss des Bürgertums erreichte in der zweiten Jahrhunderthälfte seinen Höhepunkt. Der Wirtschaftsaufschwung – ganz besonders während der „Gründerzeit“ unmittelbar nach der Reichsgründung – mehrte die Zahl erfolgreicher Bürger, die Gewinne in ihre eigenen Unternehmen reinvestierten und dennoch genügend Finanzmittel übrig behielten, um sich einen anspruchsvollen Lebensstil mit großen Häusern und Dienstpersonal leisten zu können. Aus vereinzelten Pionieren wurde nun eine breitere Schicht von Firmengründern. Von den alten Eliten oft als protzige „Neureiche“ belächelt oder gar verachtet, wurden solche Bürger dennoch stilprägend. Obwohl der Adel seinen Besitz und sein Ansehen relativ gut zu behaupten vermochte und das offizielle Deutschland unter den Hohenzollern vielfach adlige Leitbilder propagierte, gab es im Kaiserreich nach 1871 keine aristokratische „Leitkultur“, der sich die Bürger imitierend angepasst hätten. Bürger trugen die Selbstverwaltung der Kommunen. Sie waren die wichtigsten Mäzene und Nutznießer kultureller Einrichtungen wie Opernhäuser und Museen. Ihre Werte flossen in die Religionsausübung der christlichen Kirchen (und des Judentums) ein; vor allem die Bürgerinnen wurden zu Hüterinnen religiöser Traditionen, oft auch zu den treibenden Kräften karitativen Engagements. Bürger praktizierten selbstbewusst ihre Erziehungsideale. Ein neuer emotionaler Kult um das Kind war eher bürgerlich als aristokratisch. Ihm folgte bei Jungen der unvermeidliche Besuch des Gymnasiums (einschließlich seiner neuen, dem bürgerlichen Interesse an „Realien“ jenseits der klassischen Sprachen entsprechenden Spielarten), das zur klassischen Bürgerschule wurde. Die höhere Schule war auch ein Ort der Disziplinierung, an dem bürgerliche Tugenden wie Fleiß, Ordnung und eine langfristige Lebensplanung trainiert wurden. Im Gymnasium als bürgerlicher Einheitsschule – Internate spielten in Deutschland, anders als in Großbritannien, eine geringe Rolle – trafen sich die Lebenskreise von Wirtschaftsbürgertum und Bildungsbürgertum.
Bildungsbürger waren selbst häufig als Studienräte oder Professoren im staatlichen Erziehungsbereich tätig. Nie war das gesellschaftliche Ansehen dieser Berufe höher als im Kaiserreich. Die Verbesserung von Bildungschancen für Mädchen ging ebenfalls vorwiegend auf bürgerliche Anstöße zurück. Einerseits pflegte das Bürgertum das Ideal der auf die Privatheit des Hauses konzentrierten, bei ihren häuslichen Verrichtungen von Dienstmädchen unterstützten Frau und Mutter; andererseits besaßen die wichtigsten Aktivistinnen der frühen Frauenbewegung, die sich für Mädchenbildung und weibliche Erwerbschancen einsetzten, einen bürgerlichen Familienhintergrund.
Die deutsche Gesellschaft wurde in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer bürgerlichen Gesellschaft mit aristokratischer Dekoration; Führungspositionen in bestimmten gesellschaftlichen Bereichen, vor allem im Militär, waren allerdings für bürgerliche Schichten selbst im frühen 20. Jahrhundert kaum zu erreichen. Das Bürgertum bildete kein einheitliches Milieu. Allein schon die konfessionelle Kluft zwischen Protestanten und Katholiken konnte eine gemeinsame Geselligkeit behindern; „Mischehen“ standen ganz außer Frage. Man darf auch nicht übersehen, dass es neben der bürgerlichen Kultur zahlreiche ländlich-bäuerliche und proletarische Kulturformen gab, die sich gegenüber den Verlockungen der Bürgerlichkeit resistent zeigten. Andererseits suchten auch viele Arbeiter und Handwerker sozialen Aufstieg und persönliche Erfüllung in „Bildung“, dem bürgerlichen Leitbild schlechthin, und das Leben auf dem Dorfe „verbürgerlichte“ sich umso mehr, je leichter wohlhabenden Bauern die Güter städtischen Konsums erreichbar wurden.

Quellentext

Das Bürgertum und seine Kinder

Mehr und mehr zentrierte sich das bürgerliche Familienleben um die Kinder. [...] Erziehung als absichtsvolle und von den Eltern geleitet Veranstaltung wurde mit Interesse verfolgt und mit Hoffnungen bedacht. Als Brücke zwischen Kinderwelt und Erwachsenenwelt sollte sie die jeweils notwendigen und erwünschten Charaktermerkmale und Persönlichkeitsstrukturen herstellen.
Je mehr Energie, Emotionalität und Erziehungsmühen auf die Kinder verwandt wurden, desto mehr wuchs der Wunsch, ihnen die optimalen mentalen wie materiellen Zuwendungen bieten zu können. Bei häufig begrenztem Budget hieß dies, die Kinderzahl überschaubar zu halten. Nachdem die Durchschnittskinderzahl in Bürgerfamilien bis zur Jahrhundertmitte bei etwa fünf bis sieben Kindern gelegen hatte, tummelten sich in den Kinderstuben des Kaiserreichs häufig nur noch zwei bis vier Kinder. [...]
Ein weiterer Grund für die Geburtenreduzierung war die im ausgehenden 19. Jahrhundert wachsende Chance, dass Kinder ihre Kindheit überlebten. Dank verbesserter Hygiene, neuer Erkenntnisse im Bereich der Säuglingspflege und medizinischer Fortschritte [...] überstanden ihre Kinder Krankheiten, die ihnen wenige Jahre zuvor noch fast zwangsläufig das Leben gekostet hätten. [...]
Doch bei aller Liebe zwischen Eltern und Kindern: Die bürgerliche Familienharmonie kannte auch Missklänge. Selbst wenn das Bürgertum bereit war, altersspezifischen Ansprüchen der Kinder in hohem Maße Rechnung zu tragen, wurde dabei nie die zukünftige gesellschaftliche und vor allem geschlechtsspezifische Rolle der Kinder aus den Augen verloren. Schon von den ersten Kinderjahren an hatten Bürgereltern sehr konkrete Vorstellungen, was Jungen mussten und Mädchen nicht durften – und umgekehrt.
Bürgersöhne konnten zwar ihre ersten Kinderjahre relativ unbeschwert genießen, mussten dann aber bald dafür gewappnet werden, in den Fußstapfen des Vaters den eingeschlagenen Bürgerweg weiter zu gehen. Mit dem Vater als Vorbild, dessen Beruf in dem Zusammenspiel von materiellem Erwerb und individueller Erfüllung als Maxime des männlichen Lebensentwurfs verklärt wurde, waren die kleinen Bürger schon von klein auf mit hohen Leistungserwartungen konfrontiert. Mehr noch als die Söhne aus dem Bildungsbürgertum hatten Unternehmersöhne, befand sich, wie noch lange im 19. Jahrhundert üblich, die Familienvilla auf dem Betriebsgelände, immer ihre berufliche Zukunft direkt vor Augen. [...]
Spätestens mit dem Eintritt ins Gymnasium [...] begann [...] der Ernst des Lebens. Der Stundenplan beherrschte nun den Alltag, der sich in einer methodischen Zeiteinteilung nach Schulschluss fortsetzte. [...]
Leistungsdruck und Selbstdisziplin lasteten vor allem auf Bürgersöhnen. Die Erwartungen, denen die Bürgertöchter unterstanden, waren anderer Art. Dass die Familie ihr Bestimmungsort sein würde, für den sie schon als Mädchen vorbereitet werden sollten, erfuhren sie früh und ebenso früh die damit verbundenen Einschränkungen. Anders als ihre Brüder [...] durften Bürgertöchter den schützenden Familienraum nur selten verlassen. Ihre „Berufung“ lebte ihnen die Mutter vor, vorbereitet darauf wurden sie mit Puppen, Puppenstuben und Küchenutensilien en miniature. Was sie als Kleinkinder noch im Spiel erproben sollten, wurde bald zu ernsthaften Verantwortlichkeiten für den Familienhaushalt. [...] Auch wenn es sich nicht alle Bürgereltern leisten konnten, ihre Töchter mit einer [...] Vielfalt „weiblicher“ Kenntnisse zu versorgen, war doch die Beschlagenheit auf dem gesellschaftlichen Parkett ein unhinterfragtes Muss der weiblichen Erziehung. Durch ihr geschliffenes Auftreten sollten sie jede Gesellschaft schmücken, die Aufmerksamkeit der Männerwelt auf sich ziehen und sich die besten Heiratschancen eröffnen. Das in der Schule erlernte Bildungswissen geriet dabei leicht in den Hintergrund. Erst im Kaiserreich, als die Bürgerängste wuchsen, nicht alle Töchter angemessen verheiraten zu können, entstanden, in der Regel auf Initiative ihrer Väter, höhere Töchterschulen, die jedoch im Lehrplan weiterhin andere Akzente setzten als die von den Söhnen besuchten Gymnasien. Drei Jahre früher als ihre Brüder kehrten Bürgertöchter auch jetzt noch der Schule den Rücken, um sich als „Wartemädchen“ die Zeit bis zur erwünschten Eheschließung zu vertreiben. Die Meisten gewannen dieser monotonen Zeit als „Haustochter“ wenig ab. [...]

Gunilla Budde, Blütezeit des Bürgertums. Bürgerlichkeit im 19. Jahrhundert, Darmstadt: WBG 2009, S. 33 ff.