Schnelltriebwagen auf einer Versuchsstrecke im 19. Jahrhundert

8.8.2012 | Von:
Prof. Dr. Jürgen Osterhammel

1880 bis 1914

Die Welt 1880-1914

Massenauswanderung und Globalisierungsschub

Der Erste Weltkrieg war weniger eine logische Konsequenz aus dem Globalisierungsschub, der ihm vorausging, als vielmehr ein katastrophaler Einbruch in diese Entwicklung, die dann auch für längere Zeit zum Stillstand kam. Unter „Globalisierung“ versteht man die gleichzeitige Zunahme von Interaktionsdichte und Interaktionsgeschwindigkeit über große Entfernungen hinweg, letztlich in planetarischem Umfang. Seit seinem Beginn im 16. Jahrhundert ist dieser Globalisierungsprozess durch eine Reihe von Schüben vorangebracht worden. Ein besonders wichtiger fand in den letzten drei Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg statt. Von den technologischen Grundlagen in Verkehr und Telegrafie war bereits die Rede. In welchen anderen Formen zeigte sich die verstärkte Globalisierung um die Jahrhundertwende?
Besonders auffällig ist die immense Zunahme der interkontinentalen Migration. Kollektive Wanderungen – auch Zwangswanderungen wie der atlantische Sklavenhandel – gehören zum Bild der gesamten Neuzeit. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts erreichten sie quantitativ eine neue Dimension. Große Wanderungen zu Lande fanden im Zarenreich statt. Dort war 1861 die Bindung der Bauern an die „Scholle“ aufgehoben worden. Innerhalb der folgenden zehn Jahre strömten rund 13 Millionen Landbewohner in die Großstädte und Bergbaugebiete Russlands, wo in diesen Jahren die Industrialisierung begann. Umfangreicher und auffälliger waren die Atlantiküberquerungen.
Die europäische Auswanderung in die Neue Welt hatte in den 1820er-Jahren bedeutend zugenommen. Während des gesamten Zeitraums zwischen circa 1820 und 1930 (als die Weltwirtschaftskrise die Migrationsströme abbrechen ließ) überquerten 50 bis 55 Millionen Menschen den Atlantik, die meisten von ihnen, um sich in Amerika permanent anzusiedeln. Während desselben Zeitraums verließen ungefähr 42 bis 48 Millionen Inder und Südchinesen ihre dicht bevölkerten Heimatländer und suchten Arbeit in Südostasien (die Inder in Burma, die Chinesen in Indonesien), Afrika, der Karibik oder dem Westen der USA. Diese beiden Migrationssysteme, das atlantische und das asiatische, wurden in ähnlicher Weise von zwei Hauptfaktoren angetrieben: (1) der Flucht der Menschen vor Elend und – ganz besonders im Falle der jüdischen Auswanderer aus dem Zarenreich – vor Verfolgung sowie (2) den Beschäftigungsanreizen, die von boomenden Hochlohnsektoren in Übersee ausgingen.
Die Wirtschaft der USA schien für Immigranten aus Europa (besonders viele kamen nach 1870 aus Deutschland, Ost- und Südeuropa) unbegrenzt aufnahmefähig zu sein, während die USA, Kanada und Australien zu dieser Zeit Asiaten, vor allem Chinesen, durch scharfe Einwanderungsgesetze abzuwehren begannen. Die USA boten Verdienstmöglichkeiten in allen Bereichen ihrer Wirtschaft. In anderen wichtigen Einwanderungsländern wie Argentinien, Uruguay und Brasilien konzentrierten sich europäische Einwanderer in der Landwirtschaft. Enger war der Beschäftigungsspielraum für Inder und Chinesen. Sie wurden für die harte körperliche Arbeit auf Plantagen eingesetzt, die nun in vielen Gegenden der Tropen zur Gewinnung von Exportprodukten entstanden. Chinesen spielten auch eine große Rolle beim Eisenbahnbau im Westen der USA. Die beiden Migrationssysteme unterschieden sich vor allem in zweierlei Hinsicht: Zum einen war im asiatischen System der Anteil derjenigen größer, die nach einigen Jahren in ihre Heimatländer zurückkehrten. Zum anderen war die transatlantische Migration mittlerweile vollkommen „frei“, während beim sogenannten Kulihandel ein höheres Maß an Zwang ausgeübt wurde und die Lebensbedingungen der Plantagenarbeiter sich von der mittlerweile verbotenen Sklaverei nicht grundlegend unterschieden.
Die großen Wanderungen, von denen der Hauptteil nach 1880 erfolgte, führten dazu, dass riesige landwirtschaftliche Flächen neu erschlossen wurden und einige der dynamischesten Sektoren der Weltwirtschaft, zum Beispiel die Industrie der USA und die tropische Plantagenwirtschaft, jenen Zustrom an Arbeitskräften erhielten, der ihnen Wachstum garantierte. Dort, wo die Immigranten dauerhaft in ihren Gastländern blieben, stellten sich Probleme der ethnischen Integration, die ganz unterschiedlich gelöst wurden. Manchmal lebten Einwanderergruppen (durchaus auch aus freien Stücken) in geschlossenen Gemeinschaften unter sich (z. B. in „Chinatowns“ oder in „Little Italies“ innerhalb verschiedener amerikanischer Großstädte). Manchmal zeigte, vor allem in der zweiten Generation, der berühmte Schmelztiegel-Effekt seine Wirkung. In den USA war er insgesamt stärker als die Trennung (Segregation) der Immigranten nach Herkunftsgemeinschaften. Der absolute Höhepunkt der transatlantischen Migration wurde im Jahrzehnt zwischen 1901 und 1910 erreicht, als sich über 13 Millionen Europäer in der Neuen Welt niederließen. Solche Zahlen waren nur möglich, weil mittlerweile die Schifffahrtstarife drastisch gefallen waren und die großen Reedereien spezielle Kapazitäten für die Bewältigung des riesigen Auswandererverkehrs aufgebaut hatten.
Zu derselben Zeit erreichte auch der weltweite Warenhandel einen Höhepunkt seines Volumens und seines Werts. In welchem Maße mittlerweile ein eng verdichteter weltwirtschaftlicher Zusammenhang entstanden war, zeigte sich daran, dass sich Preisverschiebungen auf einem regionalen Teilmarkt unverzüglich auf Märkten am anderen Ende der Welt auswirkten. Die Preise glichen sich also im globalen Maßstab aneinander an. Geografisch war der Welthandel selbstverständlich ungleich verteilt. 1913 betrug Europas Anteil am Weltaußenhandel knapp zwei Drittel. Auf Asien entfielen 11 Prozent, auf Lateinamerika 7,6 Prozent, auf Afrika nur 3,7 Prozent des grenzüberschreitenden Handels. Die Kolonien bestritten also nur einen relativ kleinen Teil des internationalen Warenverkehrs. Sie exportierten zumeist landwirtschaftliche Rohstoffe sowie Mineralien (besonders wichtig: Gold und Diamanten aus Südafrika). Umgekehrt waren sie Absatzmärkte für die Erzeugnisse der europäischen und nordamerikanischen Industrie. Obwohl die USA mittlerweile zum größten Industrieproduzenten geworden waren, lagen sie auch noch im landwirtschaftlichen Export an der Spitze. Zur Ernährung der Weltbevölkerung trugen Weizenexporte aus den USA, Kanada und Argentinien entscheidend bei. Burma und Vietnam wiederum dienten als Reiskammern für große Teile Asiens.
Dass der Nordatlantik die Achse der Weltwirtschaft bildete, zeigte sich auch an den Kapitalströmen. Europäisches Kapital wurde vor allem in den USA angelegt. Es ist aber erstaunlich, wie global das Weltfinanzsystem vor dem Ersten Weltkrieg geworden war. Für europäische Sparer war es völlig normal, über ihre Banken und den weltweit führenden Londoner Kapitalmarkt ihre Ersparnisse in argentinischen Eisenbahnaktien, chinesischen Staatsanleihen oder südafrikanischen Bergbaubeteiligungen anzulegen. Das war mittlerweile leicht zu organisieren, und die Hochkonjunktur in Verbindung mit dem kolonialen Zugriff auf abhängige Ökonomien und Regierungen sicherte eine verlässliche Dividende.

Einwanderer in die USA von 1820 bis 1961Einwanderer in die USA von 1820 bis 1961
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Die Aufteilung Afrikas

Die erstaunlichste Veränderung der politischen Landkarte nach 1880 erfolgte durch die koloniale Besetzung Afrikas. Zwischen 1881 und 1890 geriet der größte Teil des riesigen Kontinents unter europäische Kontrolle. Mit der Verwandlung des Königreichs Marokko in ein französisches Protektorat wurde diese Aufteilung Afrikas 1912 faktisch abgeschlossen. Nur Äthiopien, das 1896 einer italienischen Armee eine militärische Niederlage zugefügt hatte, und Liberia in Westafrika, seit 1847 als Zufluchtsort von Afro-Amerikanern eine unabhängige Republik, blieben von europäischer Herrschaft frei. Standen vor 1880 nur Algerien als französische Besitzung und Südafrika sowie die Stadt Lagos in Nigeria als britische Kolonien unter fremder Herrschaft (die Präsenz der Portugiesen in Angola und Mosambik war überaus lückenhaft und schwach), so regierten dort zehn Jahre später überall europäische Gouverneure.
Das vorkoloniale Afrika war nicht in fest umrissenen Territorien organisiert. Es bestand aus Hunderten oder gar Tausenden politischen Einheiten, die sich weniger aus der Beherrschung von Raum als aus der Kontrolle von Fürsten und Häuptlingen über Anhänger und Untertanen definierten. Diese kaleidoskopartige politische Landschaft wurde innerhalb weniger Jahre zu etwa 40 Gebietseinheiten reduziert und eingefroren. Ihre Grenzen, die zum Teil in der Dekolonisation nach 1956 übernommen wurden und heute noch Gültigkeit haben, wurden von den Kolonialmächten ohne Beteiligung der Einheimischen willkürlich festgesetzt.
Was interessierte die Europäer an Afrika? Der Kontinent war zu arm und zu dünn besiedelt, um als Absatzmarkt für die Produkte der europäischen Industrie in Frage zu kommen. Nach dem Ende des Sklavenhandels waren Güter wie Palmöl auch ohne Kolonisierung in den internatio-nalen Handel gelangt. Der Zugriff auf andere Ressourcen war durchaus ein Motiv der Europäer, doch besetzten sie auch riesige Landflächen, in denen nichts zu holen war. Als stärkste Beweggründe bleiben die Suche nach nationalem Prestigegewinn durch Kolonienerwerb, der Glaube, das „primitive“ Afrika sei ohnehin zur Spielwiese der zivilisatorisch überlegenen Europäer bestimmt, sowie eine schiere Kettenreaktion. Sobald eine Kolonialmacht begonnen hatte, ihre Position in Afrika zu verbessern, fürchteten die anderen, ins Hintertreffen zu geraten. Es war mehr ein chaotisches Wettrennen um Vorteile als eine wohlüberlegte Verteilung der Beute.
Diese Kettenreaktion hatte 1881 am militärstrategisch wichtigen Südrand des Mittelmeeres begonnen. Frankreich erklärte ein Protektorat über Tunesien. 1882 nutzte Großbritannien das Aufkommen einer nationalistischen Bewegung, um Ägypten zu unterwerfen, ein Land, das sich zuvor durch unbedachte Modernisierungsprogramme in Frankreich und Großbritannien hoch verschuldet hatte. Großbritannien erleichterte die internationale Billigung seines ägyptischen Coups, indem es den Ambitionen seiner Rivalen im restlichen Afrika keine Hindernisse in den Weg legte. Bismarck seinerseits förderte die Ablenkung des außenpolitischen Interesses weg von Mitteleuropa und eignete sich nebenbei „Schutzgebiete“ für Deutschland an. Ein besonders aggressiver Akteur war der belgische König Leopold II. (1835-1909, r. ab 1865), der sich von den Großmächten das riesige Kongo-Becken als Privatkolonie zuteilen ließ. In diesem „Kongo-Freistaat“ wurde eine extrem brutale Raubwirtschaft eingeführt. Die Proteste in der internationalen Öffentlichkeit gegen diese „Kongo-Gräuel“ wurden so stark, dass der belgische Staat 1908 dem eigenen König die Kolonie abnahm.
Große Teile Afrikas wurden durch Eroberungskriege unterworfen, bei denen den Europäern der Monopolbesitz des Maschinengewehrs und der Seuchenschutz durch Chinin zugute kamen. Nach der Eroberungsphase setzte in der Regel ein zweites Stadium ein, in dem unter friedlicheren Bedingungen die wirtschaftliche Ausbeutung systematisch organisiert wurde. Dabei spielten geografische Unterschiede eine große Rolle. Einige Teile Afrikas, wie zum Beispiel das Hochland von Kenia, eigneten sich klimatisch für Viehzucht und die Besiedlung durch Weiße. Anderswo stand die Anlage tropischer Plantagen im Vordergrund. Die Entdeckung großer Goldvorkommen in Südafrika (besonders im Transvaal) 1886 machte diesen Landstrich in der Sicht der Ausländer zum wirtschaftlich wertvollsten Teil des Kontinents. Mit Ausnahme Algeriens und Südafrikas wurde Afrika nie zum Ziel einer nennenswerten europäischen Auswanderung. Kolonialherrschaft durfte nur wenig kosten, zumal dann, wenn die jeweilige Kolonie ökonomisch unergiebig war. Deshalb wurden große Teile Afrikas – und dies in sämtlichen europäischen Kolonialreichen – nach der Methode der sogenannten indirekten Herrschaft regiert, wie sie zuvor schon gegenüber den indischen Fürstenstaaten praktiziert worden war. Danach übte der Gouverneur mit seinem kleinen Regierungsstab eine Art von Oberhoheit aus und sicherte durch Militär und Polizei den Landfrieden, überließ aber die Herrschaft auf lokaler Ebene, das Justizwesen und teilweise auch die Steuereintreibung afrikanischen Partnern. Dies waren teils die bisherigen Herrschaftsträger, die sich nun in eine koloniale Hierarchie eingeordnet fanden, teils neue „starke Männer“, die von den Kolonialherren ernannt wurden. Nur auf diese Weise ließ sich der riesige Kontinent mit relativ wenig europäischem Personal unter Kontrolle halten.
Mit Soldaten, Administratoren und Kaufleuten kamen auch christliche Missionare, die in einigen Fällen als erste in unwegsame Landesteile vorstießen. Die christliche Mission war ein fester Bestandteil der europäischen Präsenz. Missionare äußerten sich aber auch zuweilen kritisch gegenüber den Exzessen europäischer Herrschaftsausübung. Sie brachten durch den Kampf gegen verbliebene Reste von Sklaverei, durch Missionsschulen, medizinische Versorgung und zuweilen durch eine Verbesserung der gesellschaftlichen Stellung von Frauen wichtige Elemente der Moderne nach Afrika. Andererseits war die Mission dort problematisch, wo sie Afrikaner zwangsweise ihren einheimischen Traditionen entfremdete, wo sie Familien trennte und Wohlfahrtsleistungen nur im Tausch für Bekehrung anbot. Das Christentum fasste in den außerislamischen Gebieten Afrikas viel fester Fuß als in Asien, wo es heute mit Ausnahme Südkoreas und der Philippinen nirgendwo eine große Rolle spielt. Im Afrika hingegen überlebte es vielfach die Kolonialzeit.
Da die Afrikaner in europäischen Augen auf einer besonders tiefen Stufe der „Leiter der Zivilisiertheit“ – ein im 19. Jahrhundert beliebtes Schema, um die Welt zu ordnen – angesiedelt waren, wurden keinerlei Versuche unternommen, sie an der Macht zu beteiligen. Vor 1914 konnte sich kaum ein Europäer ein Afrika ohne weiße Herren vorstellen.

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Quellentext

Das koloniale Wirtschaftssystem in Afrika

[...] Die frühe Kolonialwirtschaft [...] war ein Konzessionssystem, an dem sich vor allem große Kolonialgesellschaften beteiligten. Oftmals handelte es sich um Handelshäuser, die selbst angesichts zunehmender Unsicherheit staatlich-militärische Unterstützung angefordert und in Erwartung kolonialer Inbesitznahmen spekulativ Ländereien durch Unterhandlung und Verträge mit indigenen Führern erworben hatten. Diese Verträge begründeten zwar nach afrikanischen Vorstellungen kein freies Eigentum, wurden aber gegenüber der europäischen Öffentlichkeit als römisch-rechtliche Titel interpretiert.
Das betraf beispielsweise Deutsch-Ostafrika, das deutsche Kamerun, Französisch-Äquatorialafrika und den Kongo-Freistaat des belgischen Königs Leopold II. Dabei gab es zwei Varianten: In einigen Fällen hatten die Gesellschaften den Auftrag, die gesamte Kolonie auf eigene Rechnung und unabhängig von der Metropole zu verwalten. [...] In anderen Gebieten erhielten die Gesellschaften freie Hand lediglich in einem Teil der Kolonie, die Hoheit verblieb bei der staatlichen Kolonialverwaltung. [...] Dem Staat sparte das Modell Kosten an Erschließung und Verwaltung, für die Gesellschaften bot sich die Möglichkeit zu Geldanlage und Spekulation. Die Gesellschaften sammelten das Geld von Kleinanlegern in Europa, die anfangs überzogene Erwartungen an Profite in Afrika hegten, und finanzierten daraus die Übernahme riesiger Gebiete, die zunächst zum großen Teil gar nicht erschlossen, geschweige denn wirtschaftlich genutzt werden konnten. Dieses System wurde in den deutschen Kolonien schon seit 1884 praktiziert, kam aber in anderen Bereichen erst seit Mitte der 1890er Jahre in Schwung und brach bereits vor dem Ersten Weltkrieg wieder zusammen. [...]
Im [...] Kongo [...] hatte Leopold II. eigenmächtig Land erworben und sich mit Hilfe der Berliner Westafrika-Konferenz 1884/85 alle Rechte für seine „Internationale Afrika-Gesellschaft“ gesichert. Um die Erträge zu steigern, wurde die Kolonie von 1892 an zweigeteilt und zum großen Teil regelrecht privatisiert. Der Kongo-Staat Leopolds behielt sich nur die Ausbeutung noch unkultivierten Landes vor, dieses Gebiet blieb anderen privaten Investoren verschlossen. Das Konzessionsland teilte sich unter sieben Gesellschaften auf, an denen Leopold wiederum beteiligt war. Diese Gesellschaften warfen auf der Basis der Erträge von Kautschuk und Elfenbein anfangs enorme Dividenden ab. In Französisch-Äquatorialafrika wurde auch nach dem Vorbild des Kongo seit den späten 1890er Jahren ein ähnlicher Weg beschritten. Allerdings teilte sich eine größere Zahl kleiner privater Gesellschaften, insgesamt 40 Kompanien, das ausgegebene Land auf. Auf diese Weise kamen an die 80 Prozent des Territoriums in die Gewalt der Gesellschaften. In Kamerun übernahmen de facto nur zwei Gesellschaften [...] rund die Hälfte des Territoriums. [...] Die Konzessionsgesellschaften waren zunächst keine reinen Handelsgesellschaften und auch keine Plantagengesellschaften, sondern sie konzentrierten sich darauf, Afrikaner zur Jagd und zur Sammelwirtschaft zu zwingen. Wilder Kautschuk, Elfenbein und Hölzer wurden auf diese Weise gewonnen und exportiert. In den Jahren von 1895 bis 1905 wuchs der Export von Kautschuk aus dem Kongo-Freistaat von 2,8 Millionen auf 43,7 Millionen belgische Francs, aus Französisch-Äquatorialafrika von 1896 bis 1906 von 2,6 auf 8,6 Millionen französische Francs. Die Gesellschaften konnten anfangs hohe Dividenden verteilen.
Die Erträge wurden mit erheblichen ökologischen und sozialen Kosten erkauft. Kautschukbestände gerieten in Gefahr, und ganze Elefantenherden wurden durch die Jagd nach Elfenbein bedroht. Die erzwungene Umstellung auf Sammelwirtschaft erschütterte die Sozialstruktur bäuerlicher Dorfgemeinschaften. Vor allem im Kongo gingen die Konzessionsgesellschaften und das Militär, belgische Offiziere ebenso wie afrikanische Soldaten, mit größter Brutalität und Grausamkeit gegen die Bevölkerung vor, um ihre Ziele zu erreichen. Verfolgungen und Plünderungen, Verstümmelungen und Ermordungen waren an der Tagesordnung. In Europa mehrten sich die kritischen Berichte. Prominente wie Sir Arthur Conan Doyle engagierten sich, internationale Kommissionen und Gesellschaften, etwa die Congo Reform Association, berichteten über die „Congo-Gräuel“, Joseph Conrad hat sie in „Herz der Finsternis“ (1902) verarbeitet. Dabei verbanden sich wirtschaftliche und humanitäre Argumente. Aufgrund britischen und amerikanischen Drucks übernahm im Jahr 1908 der belgische Staat den Kongo. Hier wie im französischen Bereich wurden nun die Rechte der Konzessionsgesellschaften beschnitten. Diese verloren administrative Aufgaben und wurden vom Staat stärker kontrolliert. Der Verfall der Kautschuk-Preise seit 1907, der mit der Finanzkrise in den USA und der wachsenden Konkurrenz südostasiatischen Plantagenkautschuks in Zusammenhang stand, zwang die Afrika-Gesellschaften ebenfalls zur Umstellung. [...]
Nachdem die frühe Raub- und Beute-wirtschaft, bei der Eroberer, Abenteurer, Handelsgesellschaften und ihre Vertreter vor Ort bestrebt waren, ohne Investitionen für Plantagen oder Verkehrswege möglichst schnell hohe Erträge aus den Kolonien zu ziehen, gescheitert war, begannen mit dem staatlichen Zugriff in einer zweiten kolonialwirtschaftlichen Phase, in einigen Regionen schon vor 1900, Versuche der Inwertsetzung des Kolonialbesitzes. In einer dritten Phase, die nach der Jahrhundertwende einsetzte [...], wurde die koloniale Wirtschaftspolitik zunehmend von der Einsicht geleitet, dass ein schonender Umgang mit den Ressourcen und den Menschen Afrikas, eine rationale und humane Kolonisation, letztlich im Interesse der Kolonialmacht selbst liege. [...] Über kurz oder lang gingen alle Kolonialmächte dazu über, Konzepte zu entwickeln, die aus den Kolonien quasi ein ökonomisches Zulieferterritorium für das Mutterland machen sollten. [...]

Winfried Speitkamp, Kleine Geschichte Afrikas, Stuttgart: Reclam, 2007, 2009, S. 263 ff.

Imperialismus in Ost- und Südostasien

Die Ausdehnung des europäischen Einflusses in Asien war weniger spektakulär als die Unterwerfung Afrikas. Zum einen gingen die Anfänge der Kolonialgeschichte einiger Gebiete Asiens bis in das späte 16. Jahrhundert zurück; zum anderen wurden einige Teile Asiens vor 1914 keiner europäischen Kolonialherrschaft unterworfen. Dazu gehörten die Türkei, die Levante, Arabien, Iran, Afghanistan, die inneren Provinzen Chinas, Siam (das heutige Thailand) und selbstverständlich Japan.
Abgesehen von Indien, wo die Briten keine Konkurrenz zu fürchten hatten, war Südostasien der am intensivsten kolonisierte Teil des Kontinents. Überall hatten sich Europäer bereits vor 1870, oft lange Zeit davor, festgesetzt. In den Jahrzehnten danach wurde die europäische Kontrolle nur noch in entlegenere Landesteile vorangeschoben und durch Ausbau der Kolonialverwaltungen effektiver und damit für die Untertanen vielfach bedrückender gestaltet. Burma und Malaya mit dem Hafen Singapur waren britisch, Vietnam, Laos und Kambodscha, 1887 zu einer Union Indochinoise zusammengefasst, französisch. Die Niederländer kontrollierten Java, Sumatra, Borneo und zahlreiche andere indonesische Inseln. Die USA lösten 1898 die Spanier als Kolonialherren auf den Philippinen ab. All diese Kolonien hatten wenig Verbindung untereinander. Wenn es Gemeinsamkeiten gab, dann erstens die ungewöhnlich starke Ausrichtung auf dem Weltmarkt, unter anderem durch industriell verwertbare Rohstoffe wie Zinn und Kautschuk (zur Herstellung von Gummi verwendet), zweitens die wachsende Rolle, die chinesische Minderheiten im Wirtschaftsleben der Kolonien spielten.
China entwickelte sich in eine andere Richtung. Auch hier kam es wie wenige Jahre zuvor in Afrika zu einem „scramble“, einer Balgerei unter den Großmächten, an der neben nahezu sämtlichen Westeuropäern auch Russland, die USA und Japan beteiligt waren. Es drehte sich aber nur sekundär um Territorien, wichtiger waren Sonderrechte („Konzessionen“), welche die chinesische Regierung zur Anlage von Eisenbahnen oder zum Betrieb von Bergwerken vergab. Anders als in Afrika, aber dem Osmanischen Reich vergleichbar, waren lukrative Anleihegeschäfte mit der chinesischen Regierung sehr beliebt. Die Konditionen waren dabei für den Kreditnehmer äußerst ungünstig. Die Gläubigerländer ließen sich gewisse Kontrollrechte über die chinesischen Staatsfinanzen einräumen. Diese Mechanismen der Abhängigkeit waren wesentlich wichtiger als ein territorialer Kolonialismus.
Ein solcher erlangte erst dann große Bedeutung, als die besonders rohstoffreiche und zugleich landwirtschaftlich fruchtbare Mandschurei ins Zentrum der internationalen Rivalitäten rückte. Im Zuge der Niederschlagung des Boxeraufstandes von 1900/01 besetzte Russland große Teile der mandschurischen Provinzen. Nachdem es aber schon 1905 Japan im Russisch-japanischen Krieg, einem Auslöser der russischen Revolution von 1905, unterlag, musste es diese Positionen großenteils wieder räumen. Nun setzte sich Japan in der Süd-Mandschurei fest und baute diese Region durch Investitionen zum führenden schwerindustriellen Zentrum ganz Asiens aus. Die rohstoffarme Wirtschaft der japanischen Inseln schuf sich damit jenseits des Meeres eine verlässliche Versorgungsbasis. Im Grunde trug erst die japanische Expansion auf dem ostasiatischen Festland ein starkes territoriales Element in die Aktivitäten der imperialistischen Mächte in China hinein.
In China herrscht bis heute eine verständliche Empörung über die „Schmach“, die dem Land von den imperialen Mächten im 19. Jahrhundert zugefügt wurde. Es muss dabei jedoch gesehen werden, dass die Einbindung Chinas in die Weltwirtschaft viel schwächer blieb als in den Fällen Indiens, Südostasiens oder Südafrikas. China war zu arm, um die Hoffnungen derjenigen im Westen erfüllen zu können, die in ihm einen gigantischen Absatzmarkt sahen. Nach dem Ende der Opiumimporte in den 1870er-Jahren hat es diese Funktion als Markt nie wieder gespielt. Auf der anderen Seite produzierte China – außerhalb der auf Japan hin umgepolten Mandschurei – sehr wenige weltmarkttaugliche Produkte. In mancher Hinsicht war seine Verwicklung in den globalen Handel in der frühen Neuzeit stärker gewesen. Denn seine klassischen Exportgüter verlor das Chinesische Kaiserreich an seine asiatischen Konkurrenten: Japan trat an Chinas Stelle als wichtigster Exporteur von Rohseide und Seidenstoffen, während Indien (Assam im Nordosten des Subkontinents) und Ceylon (Sri Lanka) es auf dem Weltmarkt für Tee verdrängten.
Als dynamischeste imperiale Kraft in Ostasien erwies sich die neue Großmacht der Region, Japan. Neben seinem dominierenden Einfluss in der Mandschurei sicherte es sich die Herrschaft über zwei weitere Schlüsselregionen: ab 1895 über die fruchtbare Insel Taiwan und ab 1910 über Korea, das viele Jahrhunderte lang als Tributstaat zur chinesischen Einflusssphäre gehört hatte. Das japanische Kolonialreich war Mitte 1913 mit rund 20 Millionen Einwohnern nur unwesentlich größer als das deutsche (12 Millionen). Es stand damit weit hinter dem niederländischen (50 Millionen) und dem französischen (48 Millionen) Reich, vom British Empire (395 Millionen, davon 20 Millionen in den Dominions) ganz zu schweigen. Doch die japanisch kontrollierten Gebiete waren von besonderem wirtschaftlichem Gewicht. Japan war spätestens seit seinem unerwarteten Sieg über Russland 1905 in den Kreis der Großmächte aufgestiegen. Es war zu dieser Zeit allein aus eigener Anstrengung und sogar ohne nennenswerte Anleihen auf dem internationalen Kapitalmarkt zum einzigen Land Asiens mit einem stabilen industriegestützten Wirtschaftswachstum geworden. Die Strategie, durch eine Kombination eigener Traditionen und aus dem Westen importierter Kultur-elemente das Land – so die Parole der damaligen Zeit – „reich und stark“ zu machen, hatte sich ausgezahlt. Japan entging der Kolonisierung und erwarb sich in Europa einen Ruf als „Preußen des Ostens“. Obwohl seit 1889 ein Verfassungsstaat, blieb es eine Monarchie mit einer solch starken Regierungsexekutive, dass dem Parlament kaum wirksame Kontrollmöglichkeiten blieben. Anders als im sonst ähnlich verfassten Deutschen Reich, gab es vor 1919 in Japan kein allgemeines Männerwahlrecht. In Japan regierten im Grunde bis zum Ersten Weltkrieg jene Oligarchen aus dem inzwischen abgeschafften Samurai-Adel, die 1868 das Land auf den Pfad umfassender Erneuerung geführt hatten. Das in Asien einzigartige politische System Japans war ein ziemlich effizientes und sehr autoritäres System von rudimentär rechtsstaatlichem Charakter, das auf den beiden Säulen Militär und Bürokratie ruhte und der Bevölkerung nur geringe Mitsprachemöglichkeiten ließ. Immerhin war das System damit demokratischer als die Herrschaftsordnungen in den Kolonien der Europäer oder zur gleichen Zeit in China.

Quellentext

Koreas „Jahr der Schande“

[...] Am 22. August 1910 hatte Japans Statthalter den Königspalast in Seoul vorsorglich von Truppen umstellen lassen. Dann unterschrieben er und Koreas Ministerpräsident Yi Wan-yong den Annexionsvertrag, den sie in den Tagen zuvor ausgearbeitet hatten. Bei Sushi und Sake verfassten sie Gedichte auf die künftige Freundschaft. Erhalten ist eine Schriftrolle von Yis Hand mit Versen des Duos über den „süßen Frühlingsregen“ zur Vereinigung der „zwei Völker in einem Haus“.
Allen national gesinnten Koreanern gilt dieser „Regen“ als die Sintflut, 1910 als das „Jahr der Schande“ und Yi Wan-yong als der größte Finsterling ihrer Geschichte. Die von ihm signierte Fremdherrschaft dauerte 35 Jahre. [...]
Unmittelbar bevor Korea zur japanischen Kolonie wurde, war es ein Agrarland. Mehr als 80 Prozent der Einwohner arbeiteten in der Landwirtschaft. [...]
Dem Einbruch des technisch überlegenen Westens in Ostasien, der die alte Ordnung dort überall hinwegspülen sollte, hielt das „Einsiedlerreich“ am längsten stand. In Japan dagegen zerbrach das feudalistische System schon in den 1860er Jahren; unter dem neuen Kaiser Meiji eignete sich das Land mit ungeahnter Effizienz die Wunder der westlichen Technologie an – und die Waffen des Imperialismus.
1875 erteilten die Japaner Korea die erste Lektion, die sie gut 20 Jahre zuvor vom US-Kommodore Matthew Perry gelernt hatten. Der war mit Geschützsalven von seinen „schwarzen Schiffen“ in der für Ausländer verbotenen Tokyoter Bucht gelandet und hatte das Land durch einen einseitigen Vertrag geöffnet. Nach seinem Vorbild schickten die Musterschüler nun ein Kriegsschiff zu Koreas Insel Kanghwa, feuerten eine Salve auf deren Bewacher und ließen eine ganze Flotte folgen.
Mit dieser Drohung zwangen sie dem kaum gerüsteten Nachbarland 1876 das nach der Insel benannte Abkommen von Kanghwa auf. Es folgte dem Modell der „ungleichen Verträge“, mit dem die Kolonialmächte am Ende der Opiumkriege (1858/60) China gedemütigt hatten. Korea musste drei Häfen für den Handel mit Japan öffnen. Japanische Schiffe durften von nun an in koreanischen Gewässern Vermessungen vornehmen. Japanische Bürger in Korea mussten sich nicht vor den dortigen Gerichten verantworten. Japans Währung durfte ins Land. Koreas Einsiedlerzeit war vorbei.
Nach Japans Eindringen sicherten sich auch die USA, Großbritannien, Deutschland und Russland vertragliche Sonderrechte für ihre Bürger, Konsulate, Hafenkonzessionen. Die nach Korea einströmenden neuen Moden und Ideen spalteten seine Führungsschicht. Traditionsgebundene Politiker sahen in allen Fremden und Reformern Verräter an der konfuzianischen Identität. Ihnen standen junge Idealisten gegenüber, die das Land mit nationalem Stolz umgestalten wollten, doch statt eigener Konzepte nur Tokyos autoritäre Modernisierung als Vorbild sahen.
Ein Heer japanischer Konsultanten und koreanischer Helfer schickte einen Reformentwurf nach dem anderen zur Unterzeichnung an König Kojong. Per Dekret wurden Klassenunterschiede reduziert, es wurde die Kleidung modernisiert, das Justizwesen reorganisiert, die lange Pfeife als Statussymbol der Yangbang, der Oberschicht, verboten. Japanische Berater zogen in die Ministerien ein.
Palastwirren, Mordanschläge, Aufstände begleiteten den Verschmelzungsprozess. Tokyo setzte wiederholt Truppen in Bewegung. Auch das chinesische Reich griff mit Soldaten ein, die, als Koreaner verkleidet, der Königin Min gegen die Fortschrittsanhänger zu Hilfe kamen. Am Ende führten Tokyos expansive Ansprüche zum Krieg zwischen Japan und China. Auch da triumphierte das System der straff zentralistisch organisierten Reformen: China unterlag an allen Fronten. Im April 1895 musste das Reich der Mitte auf Koreas Tributzahlungen ebenso verzichten wie auf die Insel Taiwan. Sie fiel mit anderen strategisch wichtigen Gebieten an Japan. [...]
Mit seiner Expansion hatte sich Japan auf die Weltbühne gedrängt. Dort lief noch das Great Game, die Konfrontation zwischen England und Russland, die vom Nahen Osten bis Ostasien reichte. London, das Japan von seinen Kolonien in Fernost fernhalten wollte, ließ Tokyos Gesandten im Juli 1902 wissen: „Die Regierung Seiner Majestät erkennt Japans Sonderinteressen in Korea an.“ Schon im Jahr zuvor hatte Zar Nikolaus II. dem Bruder des deutschen Kaisers, Prinz Heinrich, geklagt: „Ich möchte Korea auch nicht haben, aber ich kann es nicht zulassen, dass die Japaner dort einen Brückenkopf bauen ... Das wäre der Casus Belli.“
Den sahen beide Staaten im Februar 1904 gegeben. Obwohl Korea seine Neutralität erklärt hatte, besetzten japanische Truppen das Land und bauten Bahnlinien für den Krieg gegen das Zarenreich. Zugleich tauchte ein neuer „Mitspieler“ auf: die USA. Noch bevor Russlands verheerende Niederlage besiegelt war, schloss Washington mit Tokyo im Juli 1905 das geheime TaftKatsura-Abkommen. Darin versicherte Japan sein Desinteresse an den von Amerika kontrollierten Philippinen; Washington bekundete Verständnis für Tokyos Griff nach Korea.
Beim Friedensvertrag einen Monat später stand US-Präsident Theodore Roosevelt Pate: Russland, das in der Seeschlacht bei Tsushima fast seine gesamte Flotte verloren hatte, musste zustimmen, „dass die japanische Regierung in Korea ... die Führung, den Schutz und die Aufsicht übernimmt“. So wurde Japan, wie es der US-Historiker Bruce Cumings formulierte, „der gesalbte Träger der weißen Zivilisation in Ostasien“.
[...] Im Herbst 1905 kamen hohe japanische Politiker mit einem Protektoratsvertrag nach Seoul. Die koreanischen Minister sollten ihn im umstellten Palast unterschreiben. Premier Han Kynsol protestierte, worauf ihn Gendarmen aus dem Raum zerrten.
Durch das Protektorat zog Japan die Macht im Lande an sich. Koreas Armee wurde aufgelöst. Einige ihrer Kommandanten und hohe Beamte nahmen sich das Leben. 17 700 Partisanen fielen zwischen 1907 und 1909. Vergeblich appellierte Kaiser Kojong an die Weltmächte, Koreas Unabhängigkeit zu retten. 1907 setzten ihn die „Protektoren“ ab und seinem mental beschränkten Sohn Sunjong die Krone auf.
So war der Annexionsvertrag vom 22. August 1910, dem die Absetzung Kaiser Sunjongs sieben Tage später folgte, nur noch der Gnadenstoß. [...]

Christian Schmidt-Häuer, „Die koreanische Tragödie“, in:
Die Zeit, Nr. 34 vom 19. August 2010

Der Aufstieg der USA zur Weltmacht

Kein anderer Vorgang auf der internationalen Bühne sollte solch weitreichende Konsequenzen haben wie der Aufstieg der USA nach dem Bürgerkrieg. Um 1870 waren die USA ein allgemein respektierter Koloss ohne größeren Einfluss auf das Weltgeschehen außerhalb des eigenen Kontinents. 1919, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, wurde erstmals der amerikanische Präsident, damals Woodrow Wilson, als der mächtigste Mann der Welt anerkannt, der der Friedensregelung für Europa und den Nahen Osten seinen Stempel aufdrückte. Während der fünf Jahrzehnte, die zwischen diesen Daten lagen, hatten die USA einen doppelten Aufstieg erlebt, wirtschaftlich und machtpolitisch. Dabei ging die ökonomische Erstarkung der politischen zeitlich voraus und war überhaupt deren Voraussetzung. Die USA waren ein Industrialisierer der zweiten Generation gewesen. Nun zogen sie an dem Pionier Großbritannien vorbei. 1870 betrug der britische Anteil an der weltweiten Industrieproduktion 32 Prozent, derjenige der USA 23 Prozent, der deutsche 13 Prozent. 1913 war Großbritannien mit 14 Prozent auf den dritten Platz hinter Deutschland (16 Prozent) und den USA (36 Prozent) zurück gefallen. Die Industrie war in den USA stets gleichzeitig mit der Landwirtschaft gewachsen. Nur außerordentliche Produktivitätszuwächse im agrarischen Bereich machten es möglich, eine dank hoher Geburtenraten und immenser Einwanderung schnell wachsende Bevölkerung zu ernähren und zugleich Arbeitskräfte für die Industrie und den Dienstleistungssektor freizusetzen. Der geografische Schwerpunkt der Industrie lag im Nordosten, in Neuengland und in den Staaten südlich der Großen Seen. Kaliforniens Aufstieg zur Industrieregion hatte um 1900 gerade erst begonnen. Andere Staaten entwickelten ihre besonderen Marktnischen. So wurde Petroleum zum dynamischesten Sektor in Texas und Oklahoma.
Die Großen Ebenen in der Mitte des Kontinents verwandelten sich in die wichtigsten Gegenden der agrarischen Expansion. In gigantischem Ausmaß wurde – wie gleichzeitig in den Schwarzerdegebieten des Zarenreiches – Grasland unter den Pflug genommen. Das Leben der Siedlerfamilien auf ihren oft isolierten Höfen war anfangs hart. Bald kam ihnen aber die Einführung von Maschinen (etwa Mähbindern) zugute, die früher als in Europa erfolgte – auch deshalb, weil in den USA Arbeitskräfte knapp waren. Die Landwirte auf ihren Farmen teilten sich die großen Flächen mit Ranchern, die eine Viehwirtschaft größten Stils aufzogen (als Folge wiesen die USA den höchsten Fleischkonsum der Welt auf). Dabei ging es keineswegs immer friedlich zu. Die klassischen Konflikte des „Wilden Westens“ spielten sich in einem „Frontier-Viereck“ ab: Ackerbauern, Viehzüchter, indianische Nomaden und Staatsmacht.
Das schnelle Wirtschaftswachstum der USA, das dem Land im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts – mit Mark Twain gesagt – ein „vergoldetes Zeitalter“ (Gilded Age) bescherte, war möglich dank der unbeschränkten Verfügbarkeit von Land und Arbeit, dank umfangreicher europäischer Investitionen und einer hohen einheimischen Sparquote und dank der Existenz eines riesigen inneren Marktes, den der Staat nach außen durch Zollmauern schützte. Die individuellen Vermögen, die nun in den USA durch Unternehmer wie den Ölbaron John D. Rockefeller (1839-1937) oder den Stahlindustriellen Andrew Carnegie (1835-1919) angehäuft wurden, überstiegen alles aus Europa Bekannte. Die arbeitende Bevölkerung profitierte von steigenden Reallöhnen, hatte aber kaum die Möglichkeit, ihre Interessen durch Gewerkschaften und politische Parteien zu vertreten.
Der außenpolitische Aufstieg der USA ergab sich mit einer Zeitverzögerung aus ihrem einzigartigen ökonomischen Gewicht. Friedliche Beziehungen mit dem Nachbarn Kanada im Norden entlasteten die USA von den für Europa typischen Streitigkeiten am Gartenzaun. Gegenüber Lateinamerika und der Karibik nahm die USA zunehmend die Haltung des arroganten und rücksichtslosen „Yankee“ ein, der seine Geschäftsinteressen energisch verfolgte und im Notfall die Washingtoner Regierung interventionsbereit hinter sich wusste. 1904 ermächtigte Präsidenst Theodore Roosevelt (1858-1919, Präsident 1901-09) die USA pauschal zur Ausübung einer „internationalen Polizeigewalt“, in erster Linie gegenüber den schwächeren Ländern des amerikanischen Südens. Auf der Landenge von Panama sicherten sich die USA souveräne Rechte und gruben dort einen Kanal zwischen den Ozeanen, der 1914 eröffnet wurde. 1898 siegten sie in einem Krieg über Spanien und eigneten sich nach einem Krieg gegen eine nationale Unabhängigkeitsbewegung die ehemals spanische Kolonie der Philippinen an. Das bis dahin ebenfalls spanische Kuba wurde in der Folgezeit zu einer Art von Protektorat der USA. Die Vereinigten Staaten, selbst aus einem antikolonialen Befreiungskampf hervorgegangen, waren zu einer Kolonialmacht geworden. Ihre globalen Wirtschaftsinteressen gingen weit über das kleine Kolonialreich hinaus. Dass die USA einmal in einen europäischen Krieg eingreifen würden, war im Sommer 1914 freilich noch undenkbar. Spätestens 1917, als dies geschah, begann in einem weltpolitischen Sinne das 20. Jahrhundert.

Quellentext

Arm und Reich in den USA

Nachdem die Grenzpioniere von einst verschwunden sind, suchen sich die Menschen in den Vereinigten Staaten neue Helden: erfolgreiche Geschäftsleute, Erfinder und Großindustrielle. [...] Sie sind Selfmade Men in bester amerikanischer Tradition. Geschickt haben sie den Boom nach dem Bürgerkrieg genutzt, um sich gigantische Vermögen zu erwirtschaften, zunächst im Eisenbahngeschäft, später auch in anderen Bereichen. Es ist die Zeit von unglaublich mächtigen und reichen Männern wie John D. Rockefeller (1839-1937), der das Ölgeschäft dominiert, Andrew Carnegie (1835-1919), der die Stahlherstellung unter seiner Kontrolle hat, J. P. Morgan (1837-1913), einem Bankier, der in fast allen Geschäften seine Finger hat, und von Eisenbahnbaron und Spekulant Jay Gould (1836-1892), der die unregulierten Aktienmärkte nach Belieben manipuliert. Viele dieser Männer kommen aus einfachen Verhältnissen oder sind Einwanderer. Sie haben das geschafft, wovon in Amerika jeder träumt, und für ihre Erfolge werden sie von der Gesellschaft gefeiert und bewundert. Der Mythos, man könne es in den USA vom Tellerwäscher zum Millionär bringen, hält sich hartnäckig bis heute, obwohl solche Erfolgsgeschichten die Ausnahme geblieben sind.
The Gilded Age, „Das vergoldete Zeitalter“ tauft Mark Twain diese Zeit. [...] Einen bestimmten Markt komplett zu beherrschen, ist der Traum der meisten Industriekapitäne. Dafür verschmelzen sie zahlreiche kleinere Firmen zu sogenannten Trusts. Diese Konzerne haben so viel Macht, dass kaum noch jemand etwas gegen sie ausrichten kann. Widerstand ist buchstäblich zwecklos. Mit den Eisenbahnnetzen fängt es an, viele andere Branchen folgen.
Ihren Reichtum stellen die Industriebarone ungeniert zur Schau. Von außen sehen ihre Anwesen aus wie Schlösser, innen prunken sie mit Marmor und Gold. [...]
Ein schlechtes Gewissen hat keiner der Industriebarone. Sie finden ihre moralische Rechtfertigung in der jahrzehntelang sehr einflussreichen Philosophie des Sozialdarwinismus, die behauptet, dass auch die Gesellschaft sich in einer Art Evolution zur Vollkommenheit weiterentwickelt. Das geschehe, so der englische Philosoph Herbert Spencer (1820-1903), indem sich die Starken durchsetzen. Forsch beanspruchen daher die reichen Industriellen, die Gesellschaft voranzubringen und Gutes zu bewirken. Eine ganze Reihe von ihnen widmet sich im Ruhestand tatsächlich guten Werken und spendet einen Teil ihres Vermögens. Carnegie gründet fast 3000 Bibliotheken, Rockefeller spendet 500 Millionen Dollar. Doch das kann die Spur der Zerstörung, die sie und andere skrupellose Firmenlenker hinterlassen haben, nicht übertünchen. Die Gesellschaft ist völlig aus dem Lot: zwei Prozent der Amerikaner besitzen zwei Drittel der Werte, dafür leben zwei Drittel der Bevölkerung dicht an der Armutsgrenze und schuften – Kinder ebenso wie Erwachsene – zwölf oder mehr Stunden täglich, sechs Tage in der Woche, in den Fabriken, den Minen und Stahlwerken. Zu miserablen Löhnen und fast ohne Rechte. [...]
Da sich die Städte rapide ausdehnen – allein New York ist in den zwanzig Jahren nach dem Bürgerkrieg um das Zehnfache gewachsen –, zeigt sich die Armut hier am deutlichsten. Viele Menschen müssen in Elendsvierteln leben, zusammengepfercht in schmutzigen, düsteren Mietshäusern. Knöcheltief liegt der stinkende Müll in den Innenhöfen. In den überfüllten, winzigen Wohnungen ohne Küche oder Bad breiten sich Krankheiten wie Tuberkulose und Typhus aus, einen Arzt können sich die meisten Bewohner nicht leisten. Das Leben ist hier so ungesund, dass beispielsweise in einem Chicagoer Einwandererviertel drei von fünf Kindern während des ersten Lebensjahres sterben. [...]
Das ändert sich erst, als Theodore Roosevelt (1858-1919) im Jahr 1901 Präsident wird. [...] Er verspricht den Amerikanern Fairness für alle. Damit bekennt er sich zu den Zielen der Progressives (was übersetzt etwa soviel heißt wie „die Fortschrittlichen“), einer neuen Partei, die Teil einer großen Reformbewegung ist. Nach den turbulenten neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts halten die USA zu Beginn des neuen Jahrhunderts inne und beginnen darüber nachzudenken, woran es liegt, dass das Land von solchen Krisen geschüttelt wird. Ein Umdenkprozess in Richtung einer sozialeren Demokratie beginnt. Schritt für Schritt wenden sich die politischen Vordenker von der Philosophie des Laisser-faire ab. Die Progressives, die von der Mittelklasse und den Republikanern getragen werden, sehen es nun als Aufgabe des Staats, dafür zu sorgen, dass es den Menschen gut geht. [...]
Dass die Progressives es schließlich schaffen, das Land wieder auf einen besseren Kurs zu bringen, ist aber nicht nur das Verdienst von Politikern wie TR, sondern auch von Journalisten. „Muckraker“ – „Dreckwühler“ taufte Roosevelt sie halb verächtlich, halb liebevoll, weil sie ihre Nase immer dorthin stecken, wo im übertragenen Sinne irgendetwas faul ist. Die „Muckraker“ schaffen es, die ganze Nation auf Missstände aufmerksam zu machen und in Empörung darüber zu versetzen. Auf diese Weise beseitigen sie viele Widerstände, die den Reformen entgegenstehen.
[...] Roosevelt und die „Muckraker“ können [...] zufrieden sein. Auch wenn die Macht des Big Business eher noch gewachsen ist, gibt es dank der kritischen Berichte nun bessere Gesetze gegen unfaire Geschäftsmethoden, für Schutz am Arbeitsplatz, gegen Kinderarbeit und vieles andere.

Sylvia Englert, Cowboys, Gott und Coca-Cola, Campus Verlag, Frankfurt am Main 2005, S. 86 f.