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Der Zehnte – ein Streifzug durch die Steuergeschichte


24.10.2012
Seit jeher haben Steuern Einfluss auf den Gang der Geschichte. Auch das deutsche Steuersystem ist ein historisch gewachsenes Gebilde, das sich immer wieder an die gesellschaftlichen Erfordernisse angepasst hat und dabei zunehmend harmonisiert und zentralisiert wurde.

Bürger entrichten ihre Steuern. Darstellung aus dem 15. Jahrhundert eines unbekannten Künstlers.Bürger entrichten ihre Steuern. Darstellung aus dem 15. Jahrhundert. Lizenz: cc by-nc-nd/3.0/de/

Einleitung



Die Idee einer systematischen Besteuerung entsprang der puren Finanznot. Schon in den Großreichen des Altertums benötigten die Herrscher zum einen Geld für ihren prunkvollen Hofstaat, zum anderen mussten sie die gemeinschaftlich genutzte Infrastruktur wie Straßen und Brücken oder auch das Militärwesen finanzieren. Die Ursprünge des deutschen Steuersystems lassen sich bis in das frühe Mittelalter zurückverfolgen. Bereits in den kirchlichen Personalzehnten und später in den territorialen Kopfsteuern des 17. Jahrhunderts finden sich erste Ansätze für unsere heutige Einkommensteuer. Der eigentliche Steuerstaat war der frühmoderne Territorialstaat im Absolutismus, mit all seinen Ansprüchen an die Entwicklung des Hofes. Seine Ausgaben wurden einerseits durch Eigeneinnahmen – wie Domänen, Forsten und Zölle – bezahlt, andererseits entwickelten sich im 17. Jahrhundert immer mehr direkte und vor allem indirekte Steuern. Einige von ihnen, wie die Hundesteuer oder die Rennwett- und Lotteriesteuer, gibt es bis heute. Und auch die Klagen über die Komplexität des Systems, über zu hohe Abgaben und Verteilungsungerechtigkeiten sind bereits seit Einführung der ersten Steuern in Deutschland zu hören.

Schließlich ist auch der Gedanke, private Gelder dafür zu nutzen, öffentliche Aufgaben zu erfüllen und Vermögen umzuverteilen, älter als man denkt. Im Grunde entstand die Idee von Steuern als etwas, das man zum Gemeinwesen „beisteuert“, sehr früh. Zivilisation im Sinne von geordnetem Zusammenleben, Versorgung von außen und gegenseitiger Unterstützung bildete die Grundlage dafür. Erste Belege für Steuererhebungen finden wir bereits im 3. Jahrtausend vor Christus – also vor 5000 Jahren.

Abgaben in den alten Reichen



Eine echte Besteuerung im heutigen Sinne ging in den meisten Regionen mit der Einführung der Geldwirtschaft einher. Aber auch dort, wo Geld als Zahlungsmittel noch nicht üblich war und der gegenseitige Tausch von Waren den Handel bestimmte, wurden Steuern eingetrieben: durch Arbeitsdienste, Ernteabgaben oder durch sogenannte Tribute für unterworfene Völker. So gab es im alten Ägypten zahlreiche Abgaben und Zwangsdienste, die die Bevölkerung leisten musste. Da die Pharaonen in der spirituell-religiösen Vorstellung der Ägypterinnen und Ägypter den höchsten Stellenwert im Gemeinwesen einnahmen und in gewissen Perioden sogar als einzige Gottheit angesehen wurden, standen ihnen auch die irdischen Güter zu. Privateigentum oder Arbeitslöhne im heutigen Sinne gab es noch nicht.

Wovon also Abgaben oder Steuern erheben? Und nach welchen Kriterien? Durch reine Willkür? Ganz so einfältig waren die Steuereintreiber der Pharaonen nicht.

Daher gab es auch im alten Ägypten schon bald „richtige Steuern“, etwa eine Erntesteuer und einen Nilzoll. Dieser Nilzoll orientierte sich an einer Art Leitlinie, anhand derer die Abgabenlast bestimmt wurde: Am Nil, dem größten Fluss des Landes, wurden sogenannte Nilometer gebaut. Dabei handelte es sich um tiefe Schächte, die mit dem Fluss verbunden waren. Im Inneren war eine Skala angebracht. Mit dem Nilometer wurde die Höhe der Überschwemmungen errechnet. Denn durch die Fluten kam der fruchtbare Schlamm als Dünger auf die Felder. Nur wenn es ausreichend Schlamm gab, konnte die Saat wachsen und gedeihen. Die Überschwemmungshöhe war daher auch ein sehr wichtiger Faktor für die Berechnung der Steuer. Spezielle Beamte, die sogenannten Nilmesser, protokollierten die Wasserlinie entlang des Flusslaufs. Ein im Prinzip, nicht aber in der technischen Gestaltung ähnliches Verfahren gibt es heute noch, um die Pegelstände von Flüssen bei herannahendem Hochwasser zu messen.

Auch in den städtischen Hochkulturen, etwa in Mesopotamien, dem heutigen Irak, lassen sich bereits im dritten Jahrtausend vor Christi Geburt eine Vielzahl von Abgaben, unter anderem auf die private Viehhaltung oder den Fischfang, beobachten. Die Tempelverwaltung führte darüber Buch.

Die Finanznot der Herrschenden war häufig ihren Eroberungen, Kriegen und den damit verbundenen militärischen Aufwendungen geschuldet. Viele der großen Reiche nahmen daher die Eroberten in die Pflicht: Der Finanzbedarf wurde durch Tribute (von lat. tributum: Beitrag‚ öffentliche Abgabe) gedeckt, die den unterworfenen Völkern auferlegt wurden. Davon profitierten – zum Beispiel bei den Römern – die „Einheimischen“. Das römische Reich expandierte etwa ab dem 3. Jahrhundert vor Christus enorm, immer mehr Provinzen trugen dazu bei, den staatlichen Finanzbedarf zu decken, sodass im Jahr 167 vor Christus die römischen Bürger von den direkten Steuern befreit wurden.

Auch die altchinesischen Herrscher, die Assyrer und die Griechen etablierten aufwändige Abgabensysteme, denn alle brauchten die Steuern zur Finanzierung ihrer Ausgaben. Diese Systeme funktionierten zum einen aufgrund der militärischen oder religiösen Macht der Herrscher über ihre Untertanen und die besiegten Völker. Zum anderen waren die meisten Großreiche des Altertums letztlich immer auch Zentralgewalten. Es existierte also schon so etwas Ähnliches wie ein Staat mit seinen einzelnen Gliederungen. Insofern war eine grundlegende Voraussetzung für das Eintreiben und die Verwaltung der Steuern geschaffen.

Römisches Steuersystem



Sowohl die Griechen als auch die Römer finanzierten das Staatswesen vor allem über indirekte Steuern, vornehmlich Zölle, Wege- und Nutzungsgelder. Dieses System der indirekten Steuern wurde verpachtet – und die Erhebung ganz den Steuerpächtern überlassen. Das System der Pächter hatte vor allem zwei Motive: Zum einen konnte man auf diese Weise fiskalische Aufgaben dezentralisieren. Zum anderen waren die Pächter meist reiche Bürger, die das öffentliche Gesellschaftsleben finanziell unterstützten – zum Beispiel, indem sie die Ausgaben für Wettkämpfe, Theater oder musikalische Veranstaltungen übernahmen. Allerdings engagierten sie sich in dieser Weise meist nur, wenn sie als Gegenleistung gewerbsmäßig Steuern eintreiben durften. Für den Pächter ging diese Rechnung keineswegs plus minus null auf, denn sein Vorteil lag in der Gewinnmarge, die in ertragreichen Jahren die Pacht um einiges übersteigen konnte. Allerdings war dieses System durchaus anfällig für Korruption und Misswirtschaft.

Eine weitere wichtige Voraussetzung für die Steuererhebung war, dass die Steuerpflichtigen gezählt wurden. „Und es begab sich zu der Zeit, [...] dass alle Welt sich schätzen ließe.“ Dieses Bibelzitat aus der Weihnachtsgeschichte weist auf den Zensus des römischen Reiches hin, der nach und nach auch in den römischen Provinzen durchgeführt wurde. Erst durch diese Volkszählung wussten Kaiser und römischer Senat genau, wen sie besteuern konnten. Der Zensus war Teil einer umfassenden Steuerreform unter Kaiser Augustus (re.: 30 v. Chr. – 14 n. Chr.).

Schon in den damaligen Besteuerungsvorgängen steckte eine Systematik, die in mancherlei Hinsicht an unser heutiges Steuersystem erinnert. Die Römer entwickelten ein Katastersystem, durch das der Grundbesitz erfasst wurde. Es verwundert also nicht, dass die zwei größten der unzähligen Steuerarten die Kopfsteuer (tributum capitis) und die Grundsteuer (tributum soli) waren. Daneben gab es eine Erbverkehrssteuer, aus der sich die römische Umsatzsteuer entwickelte.

Aus dem alten Rom ist auch eine gescheiterte Steuerreform des Kaisers Diokletian (re.: 284 – 305 n. Chr.) überliefert. Er stellte die Steuer auf landwirtschaftlich genutzte Böden von einer Ist- auf eine Sollertragsbesteuerung um. Die Landpächter wurden nicht mehr nach dem besteuert, was sie tatsächlich aus ihrem Boden herausgeholt hatten. War die Ernte verhagelt und hatte der Bauer kaum genug für das eigene Überleben, musste er dennoch dieselbe Steuer bezahlen wie in einem guten Jahr. Der römische „Staat“ erhoffte sich durch diese Substanzsteuer gleichmäßig fließende und dadurch gut zu kalkulierende Einnahmen. Tatsächlich aber führte sie zum genauen Gegenteil – zu Steuerausfällen.

In jedem Fall benötigte ein solches System eine Grundlage, nach der besteuert werden konnte. Der „Zehnt“ lieferte einen solchen Besteuerungsmaßstab. Wissenschaftler vermuten, dass bereits mehrere tausend Jahre vor Christi Geburt das Auftauchen der Zahl 10 in Vorderasien auf Ansätze für ein Buchführungssystem schließen lassen. Der „Zehnt“ erstreckte sich im Wesentlichen auf Erträge aus Grundbesitz. Viele dieser Naturalzehnten verwandelten sich erst später in Geldabgaben. Für Menschen, die keinen Grund und Boden besaßen, waren die sogenannten Fronden (auch Robote) gedacht. Dies waren Dienste, die durch körperliche Arbeit abgeleistet wurden. Es gab öffentliche und private Fronden. Man unterschied außerdem zwischen Handdiensten (beispielsweise Erntearbeiten) und Spanndiensten (Fuhrdienste).