Zerstörter Straßenzug in Rotterdam im Mai 1940
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Der Weg in den Krieg


18.12.2012
Konsequent verfolgte die NS-Politik das Ziel, durch militärische Aggression den Herrschaftsbereich des Deutschen Reiches in Europa auszuweiten. Die Westmächte versuchen, den Konflikt mit Deutschland friedlich zu lösen. Doch Hitler hält an seinem Kriegskurs fest und gewinnt in Stalin einen mächtigen Verbündeten.

Adolf Hitler im offenen Wagen während einer Parade in Kraslice (Graslitz) nach dem Anschluss des Sudetenlandes im Oktober 1938.Adolf Hitler im offenen Wagen während einer Parade in Kraslice (Graslitz) nach dem Anschluss des Sudetenlandes im Oktober 1938. (© Bundesarchiv Bild 137-049535)

Außenpolitische Erfolge


Von Anfang an bestimmte der Wille der nationalsozialistischen Führung zum Krieg um "Lebensraum im Osten“ ihre Außen- und Wirtschaftspolitik. Dass die europäischen Mächte so lange Illusionen über den eigentlichen Charakter der deutschen Politik hegten, lag an den einseitigen Bestimmungen des Versailler Friedensvertrages von 1919, dessen teilweise Revision von britischer wie amerikanischer Seite mittlerweile als durchaus berechtigter Anspruch Deutschlands angesehen wurde. Bestärkt durch die entsprechende NS-Propaganda wurde nationalsozialistische Politik daher lange Zeit von den Westmächten als "Revisionspolitik“ verkannt, die an ihr Ziel gelangt sei, wenn die Gebietsabtretungen wieder rückgängig gemacht wären. In Wirklichkeit zielte sie weit über die Revision des Versailler Vertrages hinaus auf die Eroberung von "Lebensraum“ in Osteuropa.

Um Kontinentalimperium zu werden, war ein Bündnis mit oder zumindest die Tolerierung durch Großbritannien, das als imperiale Weltmacht die Meere beherrschte, nötig, wie Hitler schon in "Mein Kampf“ geschrieben hatte. Polen, das zu dieser Zeit unter der autoritären Regierung von Marschall Józef Piłsudski stand, war in den außenpolitischen Plänen der NS-Führung die Rolle eines Juniorpartners für den geplanten Krieg gegen die Sowjetunion zugedacht. Deshalb kam es – in überraschender Abkehr von der bis dahin notorisch antipolnischen Politik der Regierungen der Weimarer Republik – im Januar 1934 zu einem deutsch-polnischen Nichtangriffspakt. Um sich aus jeglichen völkerrechtlichen Verpflichtungen zu lösen, hatte Deutschland bereits zuvor, im Oktober 1933, die Genfer Abrüstungskonferenz des Völkerbundes verlassen, die zwischen Februar 1932 und Juni 1934 mit Unterbrechungen tagte und die Abrüstung ihrer insgesamt 64 Teilnehmerstaaten zum Ziel hatte. Gleichzeitig erklärte das Deutsche Reich seinen Austritt aus dem Völkerbund. Schon Anfang Juni 1933 hatte das Hitler-Kabinett ein einseitiges Moratorium aller Auslandsschulden verkündet, was die internationale Finanzwelt zu Recht als aggressiven Konfrontationskurs bewertete und es der NS-Regierung in den kommenden Jahren fast unmöglich machte, neue Kredite auf dem Weltfinanzmarkt zu erhalten.

Im Hintergrund stand der unbedingte Aufrüstungswille der neuen Regierung. Im April 1933 war das Reichsluftfahrtministerium unter Leitung von Hermann Göring geschaffen worden, das den forcierten Aufbau einer Luftwaffe betreiben sollte; im Dezember fiel die Entscheidung für die Aufstockung des Heeres auf 300 000 Mann, was einen Bruch mit den Bestimmungen des Versailler Vertrages bedeutete, der eine Begrenzung auf 100 000 Mann vorgesehen hatte. Wer im März 1934 die im Reichsgesetzblatt veröffentlichten Zahlen des neuen Reichshaushaltes las, konnte feststellen, dass sich der Etat für die Reichswehr gegenüber 1933 offiziell von 73,7 auf 141,5 Millionen Reichsmark nahezu verdoppelt hatte. Die tatsächlichen Zahlen lagen noch beträchtlich darüber: Allein die Aufwendungen für den Ausbau der Kriegsmarine betrugen 1934 insgesamt 172,3 Millionen Reichsmark, überstiegen also bereits die offiziell angegebenen Gesamtausgaben. Innerhalb weniger Jahre, zwischen 1933 und 1935, wuchs der Anteil der Militärausgaben am Volkseinkommen von weniger als einem Prozent auf nahezu zehn Prozent. Kein anderer Staat, so der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze, hatte jemals zuvor in Friedenszeiten so rasch und aggressiv eine derartige Umschichtung des nationalen Sozialprodukts zugunsten der Ausgaben für den Krieg vorgenommen.

Im Januar 1935 sorgte die Abstimmung im Saargebiet für einen ersten triumphalen Sieg der Nationalsozialisten. Die Saarländer, die aufgrund des Versailler Friedensvertrages durch den Völkerbund regiert worden waren, sollten 15 Jahre später darüber abstimmen, ob sie sich Frankreich oder Deutschland anschließen oder ihren Mandatsstatus beibehalten wollten. Obwohl im Unterschied zum Deutschen Reich die Hitler-Gegner im Saarland im Wahlkampf uneingeschränkte politische Möglichkeiten besaßen und deshalb auf ein deutliches Votum gegen Hitler-Deutschland hofften, war das Resultat der Abstimmung eindeutig: Bei einer Wahlbeteiligung von 98 Prozent sprachen sich annähernd 91 Prozent der saarländischen Bevölkerung für den Anschluss an das Deutsche Reich aus.

Hitler nutzte diesen Erfolg, um am 16. März 1935 gegen die Bestimmungen des Versailler Vertrages die allgemeine Wehrpflicht wieder einzuführen. Bezeichnenderweise war damit auch ein Wechsel der Begriffe verbunden: Aus der "Reichswehr“ wurde "Wehrmacht“, aus dem "Reichswehrminister“ der "Reichskriegsminister“. Zwar erhob die britische Regierung Protest gegen diese Vertragsverletzung, fand sich aber wenige Monate später, im Juni 1935, bereit, mit dem Deutschen Reich ein Flottenabkommen abzuschließen. Dieses zielte zwar darauf, gegenseitige Rüstungsgrenzen zu definieren, gestand aber Deutschland zugleich eine deutlich umfangreichere Marine zu, als der Versailler Vertrag erlaubte. Dass es dem außenpolitisch unerfahrenen Joachim von Ribbentrop, der von Hitler als Sonderemissär nach London geschickt worden war, gelang, diese wichtigen Verhandlungen erfolgreich zu führen, trug ihm bei Hitler den Nimbus eines geschickten Außenpolitikers ein und führte ihn 1938 schließlich sogar an die Spitze des Auswärtigen Amtes.

Als Benito Mussolini im Oktober 1935 völkerrechtswidrig Äthiopien besetzen ließ, um ein "großitalienisches Imperium“ zu errichten, sah die NS-Führung eine neue günstige Gelegenheit, einen Bündnispartner zu gewinnen. Während sich die Westmächte uneins waren, wie sie auf die italienische Aggression reagieren sollten, und sich nur zu halbherzigen Sanktionen bereitfanden, demonstrierte Deutschland wohlwollende Neutralität. Daraufhin erklärte Mussolini, der bislang kein Bündnis mit dem Deutschen Reich angestrebt hatte, dass sich die deutsch-italienischen Beziehungen grundlegend verbessert hätten. Selbst das "Österreich-Problem“, sprich den Anschluss Österreichs an Deutschland, den Hitler wollte und Mussolini bis dahin vehement abgelehnt hatte, um nicht ein mächtiges Reich an der Nordgrenze Italiens entstehen zu lassen, ließe sich nun gemeinsam lösen.

Der nächste außenpolitische Schritt zielte auf das Rheinland. Aufgrund der Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrages, erneut bekräftigt 1925 im Vertrag von Locarno zwischen Deutschland, Frankreich, Belgien, Großbritannien und Italien, stellte es eine entmilitarisierte Zone dar, um den westlichen Nachbarn des Deutschen Reiches Sicherheit vor deutschen Übergriffen zu geben. Die Ratifizierung eines französisch-sowjetischen Beistandspaktes im Februar 1936 nahm Hitler zum Anlass zu behaupten, die Westmächte hätten den Locarno-Vertrag gebrochen. Daraufhin ließ er am 7. März deutsche Truppen in das Rheinland einmarschieren – mit dem geheimen Befehl, sich sofort wieder zurückzuziehen, falls sie auf den Widerstand der französischen Armee stoßen sollten.

Wiederum gaben die Westmächte zu erkennen, dass sie trotz des eklatanten Bruchs völkerrechtlicher Verträge keine militärische Aktion gegen das Deutsche Reich unternehmen würden. Zwar verurteilte der Völkerbund die deutsche Aggression, aber praktische Konsequenzen blieben aus. Damit war Hitlers Vabanque-Spiel aufgegangen. In Deutschland nährte sein erneuter Erfolg den "Hitler-Mythos“ so der Historiker Ian Kershaw. Diesem Mann schien alles zu gelingen, seine Gegner und Skeptiker verstummten zunehmend. Nur wenige erkannten die unerbittliche Absicht und Konsequenz, mit der Hitler auf den Krieg zusteuerte.

Mit der Inszenierung der Olympischen Spiele in Berlin im Sommer 1936 sollte der Welt das Bild eines machtvollen, aber friedfertigen Deutschlands vorgegaukelt werden. Entgegen diesem öffentlichen Schein entschied Hitler noch während der Spiele, den Aufstand des Generals Francisco Franco gegen die legitime republikanische spanische Regierung zu unterstützen und damit den spanischen Bürgerkrieg zum internationalen Schlachtfeld gegen den "Bolschewismus“ zu machen. Zusammen mit Italien lieferte Deutschland trotz internationaler Absprachen, Neutralität zu wahren, Rüstungsgüter nach Spanien und entsandte sogar heimlich die "Legion Condor“. Der spanische Bürgerkrieg sollte zum Versuchsfeld der eigenen Kriegsführung werden, die sich, wie im Falle des verheerenden Angriffs auf die baskische Stadt Guernica im April 1937, auch gegen die Zivilbevölkerung richtete.

In einer geheimen Denkschrift vom August 1936 forderte Hitler, dass innerhalb von vier Jahren die deutsche Armee einsatzfähig und die deutsche Wirtschaft kriegsfähig gemacht sein müssten. Angesichts des chronischen Mangels an Devisen und der Abhängigkeit des Deutschen Reiches von Rohstoffimporten, die sich durch die gleichzeitige Autarkie- und Aufrüstungspolitik drastisch verschärften, hatte Hitler bereits im April 1936 Hermann Göring als "Beauftragten des Reiches für Rohstoff- und Devisenfragen“ eingesetzt. Im Oktober 1936 wurde eine mit weitreichenden Kompetenzen ausgestattete Vierjahresplanbehörde unter Hermann Göring gebildet, welche die wirtschaftlichen Anstrengungen zentral lenken und intensivieren sollte. Ihr vordringliches Ziel war, die Abhängigkeit von ausländischen Rohstoffen zu verringern, insbesondere was die Mineralölproduktion und die Herstellung synthetischen Kautschuks (Buna) betraf. Doch wurde die höhere Eigenproduktion durch den rasant wachsenden Bedarf der Wehrmacht gleich wieder aufgesogen, sodass sich die Auslandsabhängigkeit des Deutschen Reiches nicht verminderte. Hielt man an der vehementen Aufrüstungspolitik fest, führte dieses Dilemma notwendigerweise zu der Konsequenz, dass nur durch die Eroberung ausländischer Industrieanlagen und Rohstofffelder der Bedarf gedeckt und die Kostenexplosion eingedämmt werden konnten. Angesichts der gigantischen Mobilisierung des militärischen Potenzials war der Krieg keine bloße politische Option mehr, sondern die unausweichliche Folge der bereits getroffenen Vorbereitungen.

Rüstungsausgaben und Volkseinkommen 1932-1938 (Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig)Rüstungsausgaben und Volkseinkommen 1932-1938 (Die Verwendung dieser Grafik ist honorarpflichtig)

Quellentext

„Proben“ für die einen …

Der Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe, Hermann Göring, sagt später [vor dem Internationalen Militärgerichtshof in Nürnberg 1946] über die deutsche Beteiligung am Spanischen Bürgerkrieg:
„Als in Spanien der Bürgerkrieg ausgebrochen war, sandte Franco einen Hilferuf an Deutschland um Unterstützung besonders in der Luft. Man darf nicht vergessen, Franco stand mit seinen eigentlichen Truppen in Afrika. [...] Das Entscheidende war, dass zunächst seine Truppen nach Spanien kamen. [...] Ich sandte mit Genehmigung des Führers einen großen Teil meiner Transportflotte und sandte eine Reihe von Erprobungskommandos meiner Jäger, Bomber und Flakgeschütze hinunter und hatte auf diese Weise Gelegenheit, im scharfen Schuss zu erproben, ob das Material zweckentsprechend entwickelt wurde. Damit auch das Personal eine gewisse Erfahrung bekam, sorgte ich für einen starken Umlauf, das heißt, immer wieder neue hin und die anderen zurück.“

Hans-Christian Kirsch (Hg.), Der spanische Bürgerkrieg in Augenzeugenberichten, Karl Rauch Verlag Düsseldorf/München 1971, S. 101 f.





Quellentext

… Ernstfall für die anderen

Am 26. April 1937 bombardierte die „Legion Condor“ Guernica, baskisch: Gernika. Pablo Picasso erinnert mit seinem weltberühmten Gemälde „Guernica“ an die Zerstörung der nordspanischen Stadt, bei der mehrere Hundert Zivilisten getötet wurden. Padre Alberto de Onaindía, ein junger baskischer Priester, sieht das Bombardement mit an:
„[...] Es war ein wunderbar klarer Tag, der Himmel war weich und klar. Wir kamen in den Vororten von Guernica gegen 5 Uhr an. In den Straßen war viel Betrieb, denn es war Markttag. Plötzlich hörten wir die Sirene. [...] Bald erschien ein feindliches Flugzeug über Guernica. [...] Direkt über dem Zentrum warf es drei Bomben ab. Kurz darauf sah ich sieben Flugzeuge, auf die sechs weitere folgten, dann kamen noch einmal fünf. Alle waren Junkers-Maschinen. Unterdessen war ganz Guernica von einer Panik ergriffen. [...]
Mehr als eine Stunde blieben die achtzehn Maschinen in einer Höhe von wenigen hundert Metern über Guernica, und sie warfen Bombe auf Bombe.
Von dem Lärm der Explosionen und dem Geräusch der einstürzenden Häuser macht man sich keinen Begriff. Sie flogen über die Straßenzüge hin. Sehr viele Bomben fielen. Scheinbar überall. Später sahen wir die Krater. Sie hatten einen Durchmesser von sechzehn Metern und waren acht Meter tief.
Gegen 7 Uhr flogen die Maschinen ab, und nun kam eine neue Welle, die diesmal in sehr großer Höhe flog. Die zweite Welle warf Brandbomben auf unsere gemarterte Stadt. Das zweite Bombardement dauerte fünfunddreißig Minuten, aber es reichte hin, um den ganzen Ort in einen gewaltigen Feuerofen zu verwandeln. [...] Die Angriffe und die Zerstörung der Stadt hielten noch weitere zwei Stunden und fünfundvierzig Minuten an. Als das Bombardement vorbei war, kamen die Leute aus ihren Schutzräumen. Keiner weinte. Verwunderung stand auf ihren Gesichtern. Jeder von uns konnte einfach nicht begreifen, was er da sah.
Bei Sonnenuntergang konnte man immer noch nicht weiter als fünfhundert Meter sehen. Überall wüteten die Flammen, und dicker schwarzer Rauch stieg auf. Um mich herum beteten die Leute und streckten die Arme in Kreuzform gegen den Himmel, um Gnade zu erbitten. [...]
Guernica hatte keine Flak, überhaupt gab es keine Geschütze in der Stadt, nicht einmal ein Maschinengewehr wäre zu finden gewesen.
In den ersten Nachtstunden sah ich fürchterliche Szenen: Männer, Frauen und Kinder liefen durch den Wald und suchten ihre Angehörigen. In den meisten Fällen fanden sie nur die Leichen, durchsiebt von den Kugeln der Bordwaffen. [...]“

Ders., S. 268 ff.







 

Webdocumentary

Auschwitz heute - dzisiaj - today

Auschwitz – Ort und Symbol der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie. Der Name der südpolnischen Stadt steht für den millionenfachen Mord an Juden, Sinti und Roma und Menschen, die nach der NS-Rassenideologie nicht zur "Volksgemeinschaft" gehörten. Der Bombay Flying Club hat dazu eine Webdocumentary für die bpb umgesetzt - in deutscher, englischer und polnischer Sprache. Weiter...