Paul Langrock / Zenit / laif – Ein Tunnel im Berliner Untergrund verbindet Friedrichshain und Marzahn per Stromautobahn. Ein Netzingenieur auf Inspektionstour

Editorial

24.9.2013
empty-imageChristine Hesse
Mit dem Begriff "Energiewende" verbinden sich zwei Zielvorstellungen, die nicht ohne Weiteres miteinander zu vereinbaren sind: eine weitgehende Erhaltung der natürlichen Lebensgrundlagen, ohne den Komfort eines notwendigerweise hochtechnisierten, möglichst reibungslos verlaufenden Alltags- und Wirtschaftslebens zu entbehren.
Beide Ziele genießen bei einem großen Teil der deutschen Bevölkerung einen hohen Grad an Zustimmung, ebenso wie das Bedürfnis nach Sicherheit vor gesundheitlichen, möglicherweise lebensbedrohlichen Belastungen.

Deshalb traf die politische Entscheidung, nach der Atomkatastrophe im japanischen Fukushima 2011 – dem größten atomaren Unfall seit der Havarie des Reaktors im ukrainischen Tschernobyl 1986 – künftig auf Energiegewinnung aus Atomkraft zu verzichten, auf breite Zustimmung.
Mit dieser Entscheidung beschreitet Deutschland einen Pionierpfad, der international sehr aufmerksam verfolgt wird. Gelingt es, auf umweltverträgliche und ressourcenschonende Weise die traditionell hohe Versorgungssicherheit im Energiesektor zu gewährleisten, die auch wirtschaftlich einen gewichtigen Standortvorteil ausmacht, könnte Deutschland weltweit eine Vorreiterrolle einnehmen. Gleichzeitig hat sich Deutschland im Rahmen der EU zu einer ehrgeizigen Klimapolitik verpflichtet, um die Folgen der vom Menschen verursachten Erderwärmung zu begrenzen.

Doch der Weg zu diesen Zielen ist steinig. Es gilt, zukunftsweisende Technologien zu entwickeln, die es erlauben, Energie in ausreichender Menge umweltneutral zu erzeugen und zu speichern. Es gilt, die Menschen für den Systemwechsel zu gewinnen, speziell dann, wenn Individualinteresse und Gemeinwohl auf den ersten Blick auseinander streben und es zu heftigen Auseinandersetzungen im demokratischen Meinungsstreit kommt. Es gilt, die beträchtlichen Kosten der Umstellung auf neue Formen der Energiegewinnung im Auge zu haben und den Interessen und Bedürfnissen der Verbraucher genauso gerecht zu werden wie denen der Wirtschaft und der Energieversorger, damit Arbeitsplätze nicht gefährdet und neue geschaffen werden. Das sind keine einfachen Aufgaben: Bei genauerem Blick offenbart sich eine komplexe Gemengelage voller Konfliktlinien. Sicherheitsdenken trifft auf das Bestreben nach Erhalt von Lebensstandard und Lebensqualität, individuelle Interessen treffen auf das Prinzip des Gemeinwohls, das meist von staatlicher Seite vertreten werden muss, Umweltschutzbestrebungen reiben sich an Kostenerwägungen. Selbst innerhalb einzelner Interessengruppen brechen Fronten auf: So wehren sich die Befürworter erneuerbarer Energien mitunter gegen Windräder oder Pumpspeicherkraftwerke in ihrer näheren Umgebung, scheiden sich Wirtschaftsunternehmen in solche, die von der Energiewende profitieren, und solche, die sich mit ihr eher schwer tun. Und sowohl ungebremstes Fortschrittsstreben wie staatliche Regulierung zeitigen gelegentlich ebenso unvorhergesehene wie ungewollte Folgewirkungen.
Angesichts der politischen und gesellschaftlichen Bedeutung des Themas ist es Ziel dieses Heftes, Grundlagen zum Bereich Energie und zum Bereich Umwelt- und Klimaschutz zu vermitteln, die Vielschichtigkeit der Problemlagen zu verdeutlichen und die wesentlichen Konfliktlinien aufzuzeigen.

Dabei geht es im Schwerpunkt um Stromerzeugung, -transport und -verbrauch, doch auch die verschiedenen Energieformen sowie Sektoren wie Verkehr und Wohnungsbau werden behandelt. Ausgehend von der Frage, was eigentlich unter Energie zu verstehen ist und welche Bedeutung sie für unser Leben hat, gibt das Eingangskapitel einen Einblick in physikalische Grundlagen. Das Folgekapitel analysiert den Energieverbrauch in Deutschland und zeigt Möglichkeiten zur Einsparung und zu größerer Effizienz im Umgang mit Energie auf. Aus welchen Energieträgern mit welchen Methoden Energie gewonnen wird und welche Kraftwerkstechnologien dabei zum Einsatz kommen, behandelt Kapitel 3, während das Anschlusskapitel den Folgewirkungen der Energieerzeugung für die Umwelt, für Luftqualität, Artenvielfalt und Flächenverbrauch gewidmet ist. Ein gesonderter Beitrag beschäftigt sich mit Ursachen und Folgen des menschlich verursachten Klimawandels, dem Anteil, den der Energiesektor daran hat und den internationalen Bemühungen, Abhilfe zu schaffen. Welche technischen Bedingungen eine reibungslose Energieversorgung erfordert und wie das Stromnetz für die wachsende Einspeisung aus erneuerbaren Energiequellen gerüstet werden muss, verdeutlicht Kapitel 6. Wie der Strompreis zustande kommt und welche Bedeutung Energiepreise für unterschiedliche Wirtschaftssektoren haben, wird in Kapitel 7 dargelegt. Das Abschlusskapitel rekapituliert, wie es zur politischen Entscheidung für den Atomausstieg kam, welche energiepolitischen Teilziele sich die Bundesregierung bis 2050 gesteckt hat und welche Akteure daran mitwirken.
Neben der Informationsvermittlung gilt ein besonderes Anliegen des Heftes dem Bemühen, das Bewusstsein für Notwendigkeiten zu schärfen und auf aktive Teilhabe hinzuwirken. Denn auch im Alltag gibt es vielfältige – kleine und große – Gelegenheiten, Energie effizient und sparsam einzusetzen und damit sich und nachfolgenden Generationen ein lebenswertes Dasein zu bewahren.

Christine Hesse