Paul Langrock / Zenit / laif – Ein Tunnel im Berliner Untergrund verbindet Friedrichshain und Marzahn per Stromautobahn. Ein Netzingenieur auf Inspektionstour
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Vom Waldsterben zur Energiewende


24.9.2013
Strom aus Kohle und Atom prägt seit Jahrzehnten Deutschlands Energiepolitik. Aber die Schadensbilanz dieser Politik hat den Aufschwung der erneuerbaren Energien möglich gemacht.

Störfälle als Auslöser für Bewusstseinsveränderung



Abgestorbener Wald im Nationalpark Hochharz in der Nähe des Brockens (Sachsen-Anhalt) im Juli 2002.

NICHT AUSSERHALB DER IZPB!!!Abgestorbener Wald im Nationalpark Hochharz in der Nähe des Brockens (Sachsen-Anhalt) im Juli 2002 (© picture-alliance/ZB/ Peter Förster)
Ein Berghang im Thüringer Wald, Anfang der 1980er-Jahre: Kahl stehen die bleichen Skelette der Fichten nebeneinander. Auf mehreren Hektar Fläche sind praktisch alle Bäume tot oder schwer geschädigt. Auch im Harz, im Schwarzwald und anderen deutschen Mittelgebirgen herrschte in den 1980er-Jahren ein ähnliches Bild. Das "Waldsterben" war so weit verbreitet, dass Wissenschaftler meinten, in fünf Jahren wäre der deutsche Wald flächendeckend tot.

Dieses Horrorszenario trat nicht ein – auch, weil schnell gehandelt wurde. Denn das "Waldsterben" veränderte Westdeutschland: Die Bundesregierung legte das bislang teuerste Programm zum Umweltschutz auf, um die Abgase aus den Schornsteinen der Industrie und der Kraftwerke von Schwefel und anderen Schadstoffen zu befreien; deutsche Autos bekamen bleifreies Benzin und einen Katalysator; die Umweltverbände erhielten starken Zulauf und die neu gegründete Partei "Die Grünen" zog in die Parlamente ein. Das Waldsterben und die Reaktorkatastrophe im ukrainischen Tschernobyl von 1986 – beides katastrophale Störfälle im System der Energieversorgung – erschütterten den deutschen Fortschrittsglauben und verbreiteten "grünes" Denken.

Waldschäden 2012Waldschäden 2012
Doch das Waldsterben war mehr als nur ein Folgeschaden der Stromerzeugung. Zu dem Giftcocktail in der Luft trugen auch andere Verursacher bei: der Verkehr mit seinen Abgasen, Industrie und Haushalte durch die ungefilterte Verbrennung von Kohle und Öl. Den Deutschen wurde drastisch vor Augen geführt, dass Strom aus der Steckdose und eine warme Heizung Konsequenzen für die Umwelt haben – und dass hohe Schornsteine zwar die Belastung der Luft in den Städten verringern, dass sich Schadstoffe aber nicht in Luft auflösen. Die Angst vor sichtbaren und unsichtbaren Schäden aus Kohle- und Atomkraftwerken befeuerte in Deutschland einen jahrzehntelangen Kampf um die Energiepolitik. Der führte auch dazu, dass sich die größte Industrienation Europas ehrgeizige Ziele im Umwelt- und Klimaschutz setzt. Deutschland ist heute eines der wenigen Länder, die eine effektive Senkung ihrer Treibhausgase erreicht haben und ihr Energiesystem im großen Stil umbauen: Die Stromversorgung durch erneuerbare Energien wie Wind- und Sonnenkraft wurde seit den Tagen des Waldsterbens massiv ausgebaut und deckt heutzutage ein Viertel des Verbrauchs. Als sich im japanischen Fukushima im März 2011 die nächste atomare Katastrophe ereignete, war Deutschland auch deshalb bereit für die "Energiewende".