Paul Langrock / Zenit / laif – Ein Tunnel im Berliner Untergrund verbindet Friedrichshain und Marzahn per Stromautobahn. Ein Netzingenieur auf Inspektionstour

24.9.2013 | Von:
Manuel Berkel

Energiewirtschaft und Preise

Kontroverse um die Förderung der erneuerbaren Energien

Im Interesse der Verbraucher wie auch kleiner und mittlerer Unternehmen wird vielfach gefordert, die Förderung erneuerbarer Energien zu reformieren. Gleichzeitig ist umstritten, ob die positiven Beschäftigungseffekte der erneuerbaren Energien die hohe Förderung rechtfertigen. Nach Angaben des Bundesumweltministeriums arbeiteten 2011 etwa 382 000 Menschen im Bereich der erneuerbaren Energien. Die Arbeitsplätze finden sich in der Metall-, Elektro- und Chemieindustrie sowie im Maschinenbau bei der Produktion der Ökostrom-Anlagen, im Handwerk bei der Installation und Wartung sowie im Dienstleistungsgewerbe beim Betrieb von zum Beispiel Windparks.
Neuen Arbeitsplätzen stehen die Kosten für die Förderung nach dem EEG gegenüber, 2012 betrug die Vergütung 15,4 Milliarden Euro. Diese Summe wurde den Verbrauchern an Kaufkraft entzogen oder sie fehlte Unternehmen für Investitionen. In der konventionellen Energiewirtschaft gehen außerdem immer mehr Arbeitsplätze verloren.
Zu ersten nachhaltigen Arbeitsplatzverlusten kam es auch bereits in der Erneuerbaren-Branche, als 2011 und 2012 eine Reihe von Solaranlagenherstellern trotz milliardenhoher Zuschüsse Insolvenz anmeldeten. Wie in anderen Bereichen der Elektroindustrie hatten asiatische Hersteller die Marktführerschaft erobert. Die hohe Förderung der Solarbranche wird von vielen inzwischen als kritisch gesehen. Es gibt aber kaum Zweifel, dass erneuerbare Energien und Technologien für den effizienten Verbrauch von Energie in den kommenden Jahrzehnten wichtige Wachstumsmärkte bleiben werden. Der Klimawandel und der wachsende Energiebedarf der Weltbevölkerung lassen wenig Alternativen.

Quellentext

Beschäftigung im Sektor erneuerbare Energien

Wenn es den typischen Beruf der Energiewende gibt, dann ist es dieser: Servicemonteur für Windräder. Fast wie ein Actionheld im Film hängt er – durch ein Seil gesichert – in schwindelerregender Höhe und montiert und wartet einen geflügelten Giganten. Voraussetzung für den Job sind eine abgeschlossene Berufsausbildung in Elektrotechnik, Maschinenbau oder Mechatronik sowie eine entsprechende Weiterbildung.
Aber es muss nicht so spektakulär sein, auch für die Mitarbeiter von Logistik oder Werften für die Offshore-Windkraft bringen Windräder Jobs. Den aktuellsten Zahlen der Bundesregierung zufolge beschäftigte die Windenergie 2012 direkt oder indirekt fast 118 000 Menschen.
[...] Fast 377 800 Menschen hat die Branche der erneuerbaren Energien im vergangenen Jahr in Deutschland nach offiziellen Angaben beschäftigt. Allerdings: Zum ersten Mal ist die Zahl rückläufig, 2011 waren es noch 381 600 Beschäftigte gewesen. Beginnt der Jobmotor Energiewende etwa zu stottern?

Bei der Windenergie zumindest läuft er noch einwandfrei. Laut einer vom Bundesumweltministerium in Auftrag gegebenen Studie zur Bruttobeschäftigung durch erneuerbare Energien vom März 2013 könnte der deutsche Windmarkt im laufenden Jahr sogar „alle bisher dagewesenen Rekorde brechen“. Bis zu 3500 Megawatt Stromleistung durch neue Windradanlagen könnten demnach entstehen. Gleichwohl, so die Macher der Studie, könnte mit dem Wachstum bald Schluss sein. [...] Denn bereits jetzt seien auf dem globalen Markt Überkapazitäten auszumachen. Die langfristige Folge: Die Nachfrage sinkt, die Preise für Windtechnologie fallen, Tausende Arbeitsplätze sind gefährdet.
In der Solarbranche kennt man das schon. Hier ist die Energiewende-Party spätestens seit dem vergangenen Jahr vorbei. Dabei schien sich das Jobversprechen zunächst auch hier zu bewahrheiten: Laut der Regierungsstudie vom März 2013 verfünffachte sich die Zahl der Beschäftigten von gut 25 000 im Jahr 2004 innerhalb von sieben Jahren auf 125 000. Dann brach sie im vergangenen Jahr auf nur noch 100 500 Arbeitnehmer ein. [...] Ein Hauptgrund: In Asien lassen sich Solarzellen deutlich billiger herstellen.
[...] Wurden 2011 in Deutschland noch 400 Biogasanlagen errichtet, waren es 2012 nur noch 300. Auch die Beschäftigung sank demnach. Im Biogasbereich arbeiten vor allem Anlagenbauer, Zulieferer, Landwirte und Servicekräfte. 2011 waren es noch rund 60 000, im vergangenen Jahr dann schon 20 000 Beschäftigte weniger [...]. Mit dem Wegbrechen des inländischen Markts setzen die Unternehmen aufs Ausland: Die Exportrate der Branche stieg in dem Zeitraum von 10 auf 40 Prozent. [...]

Kann die Energiewende also auch in den kommenden Jahren neue Arbeitsplätze schaffen? [...] Der Trend scheint weg vom innerdeutschen Markt hin zu mehr Engagement im Ausland zu gehen.
Doch was ist mit den Arbeitsplätzen in Deutschland? Hier sehen Experten großes Potential beim Netzausbau. Laut einem Sprecher der Deutschen Energie-Agentur (Dena) müssen bis 2022 rund 4000 Trassenkilometer entstehen, um den durch Wind erzeugten Strom aus dem Norden und Osten der Republik in den Süden und Westen zu transportieren. Das Problem: Es gibt noch keine Zahlen, wie viele Arbeitsplätze der Netzausbau konkret schaffen kann. [...]

Markus Huth, "Der Aufwind flaut ab", in: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 12. Juni 2013