Sowjetunion I: 1917-1953
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Stalinismus


5.8.2014
Gewalt und Terror, aber auch Visionen von Moderne und Fortschritt prägten die Herrschaftszeit Josef Stalins. Unter dem Slogan vom "Großen Umbruch" setzte Stalin die Kollektivierung der Landwirtschaft, die forcierte Industrialisierung und erste Schauprozesse gegen vermeintliche Saboteure durch. Mit der massenhaften Ausbildung von Ingenieuren sollte zudem die ideale Biografie des "Neuen Menschen" vollendet werden.

„Der Kapitän der Länder der Sowjets steuert uns von Sieg zu Sieg“ – Ab 1928 nimmt Stalin mehrere große Vorhaben in Angriff. Propagandaplakat von 1933„Der Kapitän der Länder der Sowjets steuert uns von Sieg zu Sieg“ – Ab 1928 nimmt Stalin mehrere große Vorhaben in Angriff. Propagandaplakat von 1933 (© ullstein bild - rps)

"Was war der Stalinismus?" Das ist eine in der Forschung immer noch heiß debattierte Frage. Weitestgehend Einigkeit besteht darüber, dass der Stalinismus maßgeblich von der Gewalt und dem Terror geprägt wurde, die mit Stalins Tod endeten. Gestritten wird über den Zweck der Gewalt: Diente sie der Erschaffung der perfekten industrialisierten und modernen Gesellschaft, in der alle, die nicht dem Ideal des "Neuen Menschen" entsprachen, liquidiert werden mussten? Oder diente sie der Feindvernichtung, dessen Allgegenwärtigkeit im In- wie Ausland permanent beschworen wurde? Oder hatte der Terror gar keinen Zweck, wie neuerdings durchaus seriöse Wissenschaftler meinen, sondern erschöpfte sich in einer einzigen Gewaltorgie?

Zweifellos bedienten sich Stalin und seine Mitstreiter der Utopien und Visionen, die seit der Aufklärung Menschen begeisterten und auch in den 1930er-Jahren trotz Terror und Gewalt Arbeiter wie Intellektuelle aus der ganzen Welt in ihren Bann schlugen: Bekämpfung allen Aberglaubens und aller Rückständigkeit, Bildung und Kultur für alle, Moderne und Fortschritt in allen Bereichen von Wirtschaft und Gesellschaft. Während die westliche kapitalistische Welt seit dem Zusammenbruch der Börsen 1929 in Arbeitslosigkeit, Rezession und Chaos versank, schien die Sowjetunion auf dem richtigen Weg zu sein.

Der Stalinismus begann 1928 mit mehreren sich gegenseitig bedingenden Aktionen, die in der Sowjetunion als der "Große Umbruch", im Westen als Stalins "Revolution von oben" oder "Kulturrevolution" bezeichnet wurden: Kollektivierung der Landwirtschaft, forcierte Industrialisierung, erste Schauprozesse gegen die alte technische Intelligenz und Austausch alter, zarischer Wissenschaftler und Experten in den Volkskommissariaten, Behörden und Kulturbetrieben durch junge Kader mit Parteibuch.

Der Große Umbruch



Kollektivierung und Entkulakisierung

Die NÖP endete mit einem rigorosen Wechsel in der Politik gegenüber den Bauern. Da diese sich nicht davon hatten überzeugen lassen, freiwillig Kollektivwirtschaften zu bilden, sollte dies nun unter Zwang geschehen. Zum einen kam hier die Utopie der Bolschewiki von der industriellen Landwirtschaft zum Tragen: Bäuerin und Bauer als ausgebildete Landarbeiter, die mit Hilfe von Traktoren sowie anderen Maschinen Rekordernten erzielten und das rückständige Land in die Moderne katapultierten. Zum anderen wirkte das Feindbild des lethargischen, dumpfen Bauern fort, der aus reiner Sturheit und Verschlagenheit seine Ernte nicht abliefern und die Sowjetregierung boykottieren wollte. Schließlich sollte die Kollektivierung direkt der Industrialisierung dienen: Das Getreide, das die Kollektivwirtschaften abzuliefern hatten, sollte exportiert und mit den Erlösen die Industrialisierung finanziert werden.

Als es 1927 und 1928 zu Missernten kam, erkannte Stalin darin nicht die Folgen einer immer noch restriktiven Politik gegenüber den Bauern, sondern nahm dies als Beweis, dass die Bolschewiki zu nachgiebig gegenüber den Bauern gewesen seien. Hatte der stellvertretende Volkskommissar für Landwirtschaft Alexei Swiderski (1878-1933) 1924 erklärt: "Es gibt keine Kulaken im Dorf, die kann man nur in den Beschlüssen des XIII. Parteitags finden", glaubte Stalin bei einer Reise nach Sibirien Anfang 1928 überall nur reiche Kulaken zu erkennen. Er ordnete an, alle "Spekulanten", "Kulaken" und "Desorganisatoren des Marktes" zu verhaften. Pro Dorf sollten vier bis zehn Kulaken wegen Spekulation verurteilt werden. So kam es bis April 1928 zu 6000 Verhaftungen.

Ein Regierungsdekret vom Juni 1929 legalisierte die Praxis, Bauern nach Artikel 61 ("Nichtbegleichen von Steuerschulden") zu verurteilen und ihnen als Strafe das Fünffache der Steuerlast abzuverlangen. Im Dezember 1929 erklärte Stalin die "Liquidierung der Kulaken" zum Programm: "Heute verfügen wir über eine ausreichende materielle Basis, um den Schlag gegen das Kulakentum zu führen, seinen Widerstand zu brechen, es als Klasse zu liquidieren und seine Produktion durch die Produktion der Kollektiv- und Sowjetwirtschaften zu ersetzen." Zwar gab es Vorgaben, wie viel Besitz ein Bauer haben musste, um als "Kulak" zu gelten (z. B. 1600 Rubel Produktionsmittel, was zehn Pferden oder 13 Kühen entsprach), aber letztlich konnte jeder als "Kulak" bezeichnet werden, der sich den Bolschewiki widersetzte.

Die Kulaken wurden in drei Kategorien unterteilt: 60.000 "Konterrevolutionäre", die sofort in Konzentrationslager verbracht und bei Widerstand exekutiert werden sollten; 150.000 "Kulaken-Aktivisten", die mit ihren Familien in unwirtliche, entlegene Gegenden zu deportieren waren; die dritte Gruppe sollte nur teilweise enteignet und in ihren Heimatdörfern als Arbeiter eingesetzt werden. Das Politbüro veranschlagte, circa drei bis fünf Prozent aller Bauernwirtschaften oder eine Million Höfe mit circa fünf bis sechs Millionen Menschen zu enteignen.

Nachdem der ursprüngliche Plan vorgesehen hatte, bis 1934 nur 15 Prozent der Bauernhöfe in Kollektivwirtschaften zu überführen, beschloss das Novemberplenum des ZK 1929, zu einer totalen Kollektivierung überzugehen und mindestens 80 Prozent aller Bauernhaushalte zu kollektivieren. Die Hauptanbaugebiete für Getreide sollten bis Herbst 1930 kollektiviert sein, alle anderen Regionen bis Frühjahr 1932 folgen. Allerdings gab es keine Anweisungen, wie die Kollektivierung vollzogen werden sollte. Auch blieb unklar, was der Unterschied zwischen einer Kollektivwirtschaft (Kolchose) und einem Staatsbetrieb (Sowchose) sein sollte.

Quellentext

Kontroverse um Landwirtschaft und Industrie

Stalin über die "innere Lage der Sowjetunion". Aus dem Tätigkeitsbericht des ZK für den XIV. Parteitag, 18.-31.12.1925
[…] Es gibt zwei Generallinien: Die eine geht davon aus, daß unser Land noch lange ein Agrarland bleiben müsse, daß es landwirtschaftliche Erzeugnisse ausführen und Maschinen einführen, daß es dabei bleiben und sich auch in Zukunft in der gleichen Bahn weiterentwickeln müsse. Diese Linie fordert im Grunde genommen den Abbau unserer Industrie. […] Diese Linie würde dazu führen [...], daß sich unser Land aus einer wirtschaftlich selbständigen Einheit, die sich auf den inneren Markt stützt, objektiv in ein Anhängsel des kapitalistischen Gesamtsystems verwandeln müßte. Diese Linie bedeutet eine Abkehr von den Aufgaben unseres Aufbaus. Das ist nicht unsere Linie.
Es gibt eine andere Generallinie, die davon ausgeht, daß wir alle Kräfte aufbieten müssen, um unser Land zu einem wirtschaftlich selbständigen, unabhängigen, auf dem inneren Markt basierenden Land zu machen, zu einem Land, das als ein Anziehungsfeld für alle anderen Länder dient, die nach und nach vom Kapitalismus abfallen und in die Bahnen der sozialistischen Wirtschaft einlenken werden. Diese Linie erfordert maximale Entfaltung unserer Industrie [...]. Sie lehnt die Politik der Verwandlung unseres Landes in ein Anhängsel des kapitalistischen Weltsystems entschieden ab. Das ist unsere Aufbaulinie, die die Partei einhält und die sie auch künftig einhalten wird. Diese Linie ist unerläßlich, solange es eine kapitalistische Umkreisung gibt. [...]

J. W. Stalin, Werke, Band 7, 1925. Die deutsche Ausgabe besorgt vom Marx-Engels-Lenin-Institut beim ZK der SED, Dietz Verlag Berlin 1952, S. 259 f.

N. I. Bucharin zur Notwendigkeit eines "dynamischen wirtschaftlichen Gleichgewichts" zwischen Landwirtschaft und Industrie, Herbst 1928
[...] Wenn die Trotzkisten nicht begreifen, daß die Entwicklung der Industrie von der Entwicklung der Landwirtschaft abhängt, so begreifen die Ideologen des kleinbürgerlichen Konservatismus nicht, daß die Entwicklung der Landwirtschaft von der Industrie abhängt, das heißt, daß die Landwirtschaft ohne Traktoren, ohne chemische Düngemittel, ohne Elektrifizierung zur Stagnation verurteilt ist. Sie begreifen nicht, daß gerade die Industrie der Hebel der radikalen Umgestaltung der Landwirtschaft ist, und daß es ohne die Hegemonie der Industrie unmöglich ist, die Rückständigkeit, die Barbarei und das Elend des Dorfes zu beseitigen. […]

N. I. Bucharin, Vor dem elften Jahrestag der Oktoberrevolution. Zum Beginn des neuen Wirtschaftsjahres in der Sowjetunion. Bemerkungen eines Ökonomen. In: Internationale Presse-Korrespondenz 8 (1928), 2. Hj., Nr. 117-119, zit. n. Helmut Altrichter / Heiko Haumann (Hg.), Die Sowjetunion. Von der Oktoberrevolution bis zu Stalins Tod. Bd. 2: Wirtschaft und Gesellschaft, dtv-Dokumente, München 1987, S. 225 f.

Stalin zur Lösung der Agrarkrise vor Studenten der Swerdlow-Universität, 28. Mai 1928
[…] Während wir in der Industrie dem kleinen Kapitalisten in der Stadt die sozialistische Großindustrie entgegensetzen können, die neun Zehntel der gesamten Masse der Industriewaren liefert, können wir der kulakischen Großproduktion im Dorfe [...] nur die noch nicht erstarkten Kollektiv- und Sowjetwirtschaften entgegensetzen, die bloß den achten Teil des Getreides produzieren, das die Kulakenwirtschaften erzeugen. […]
Der Ausweg besteht vor allem darin, von den kleinen, rückständigen, zersplitterten Bauernschaften zu vereinigten, großen, gesellschaftlichen Wirtschaften überzugehen, die mit Maschinen versehen, mit den Errungenschaften der Wissenschaft ausgerüstet und imstande sind, ein Maximum an Warengetreide zu produzieren. Der Ausweg besteht im Übergang von der individuellen Bauernwirtschaft zum kollektiven […] Betrieb in der Landwirtschaft. […]

J. W. Stalin, Werke, Band 11, 1928-März 1929. Die deutsche Ausgabe besorgt vom Marx-Engels-Lenin-Stalin-Institut beim ZK der SED, Dietz Verlag Berlin 1954, S. 78 f.

Die Kollektivierung ist in eine neue Phase eingetreten. Resolution des ZK-Plenums vom 17. November 1929
[…] Die breite Entfaltung der Kolchosbewegung verläuft unter den Umständen einer Verschärfung des Klassenkampfes im Dorf sowie einer Änderung ihrer Formen und Methoden. Gleichzeitig mit einer Verstärkung des direkten und offenen Kampfes der Kulakenschaft gegen die Kollektivierung, der bis zum direkten Terror geht (Morde, Brandstiftungen, schädliche Tätigkeit), greifen die Kulaken immer häufiger zu getarnten und heimlichen Formen des Kampfes und der Ausbeutung, dringen in die Kolchosen und sogar in die Leitungsorgane der Kolchosen ein, um sie von innen zu zersetzen und zu sprengen. […] Trotz […] der panischen Forderungen rechter Opportunisten, […] das Tempo von Industrialisierung und Vergesellschaftung der Landwirtschaft zu senken, führt die Partei den Kurs auf einen entschiedenen Kampf gegen den Kulaken, auf ein Ausroden der Wurzeln des Kapitalismus in der Landwirtschaft, auf die schnellste Vereinigung der individuellen klein- und mittelbäuerlichen Wirtschaften in große Kollektivwirtschaften, auf die Vorbereitung der Bedingungen für eine Entwicklung des planmäßigen Produktenaustausches zwischen Stadt und Land durch und wird ihn weiter durchführen. […]

Helmut Altrichter / Heiko Haumann (Hg.), Die Sowjetunion. Von der Oktoberrevolution bis zu Stalins Tod. Band 2: Wirtschaft und Gesellschaft, dtv-Dokumente, München 1987, S. 273

Resümee
Die von Stalin auch als "rechte Opposition" bezeichnete Gruppe um Bucharin bestimmte die Wirtschaftspolitik in Übereinstimmung mit der Stalin-Gruppe bis Spätherbst 1928. Auf Sitzungen hoher Parteigremien im Februar 1929 entmachtete Stalin die "rechte Opposition". Die Industrialisierungspolitik Stalins wurde im April 1929 gebilligt. Bucharin verlor seinen Sitz im Politbüro und wurde – wie auch die übrigen Führer der "rechten Opposition" Rykow und Tomskij – anderer wichtiger Funktionen enthoben. Am 25.11.1929 unterwarfen sich diese drei Politiker Stalins "Generallinie" in einem öffentlichen Schuldbekenntnis. […] Bucharin und Rykow wurden nach dem 3. Moskauer Schauprozess hingerichtet.

Wolf D. Behschnitt, Die Russische Revolution 1917-1929. Quellen und Darstellungen. Sozialwissenschaftliche Materialien, Ernst Klett Verlage GmbH, Stuttgart 1987, S. 56



Erneuter Bürgerkrieg

Bereits 1929 war ein extrem gewalttätiges Jahr. Fast der gesamte ländliche Raum des Sowjetreichs befand sich erneut im Bürgerkrieg: Die aus den Städten rekrutierten 25.000 Arbeiteraktivisten zwangen Bauern mit vorgehaltener Waffe, ihre "Getreideverstecke" zu zeigen, führten standrechtliche Erschießungen durch und sorgten für die Deportation der Bauern in Viehwaggons.

Erneut zogen sich Bauern in die Wälder zurück und schlossen sich zu Banden zusammen, die 1929 384 Morde an "Konfiskatoren" begingen und Aktivisten überfielen. Bauern schlachteten ihr Vieh, um es nicht an die Kolchose abgeben zu müssen; mit Äxten, Forken und Mistgabeln bewaffnete Bäuerinnen griffen die Kollektivbauern an. Ende 1929 / Anfang 1930 flohen 250.000 "Kulakenfamilien" aus ihren Heimatdörfern, um der "Dekulakisierung" zu entgehen. Um den Widerstand der Bauern zu brechen, wurden Kirchen geschlossen, Glocken eingeschmolzen und Ikonen verbrannt.

Als Stalin Berichte der GPU erreichten, dass die Lage auf dem Land außer Kontrolle zu geraten drohe, rief er am 2. März 1930 unter dem Titel "Vor Erfolg vom Schwindel befallen" in der Prawda, der zentralen Parteizeitung, die Aktivisten zur Mäßigung auf. Allerdings war dies eine zynische Propagandamaßnahme, denn das Politbüro hatte den Kampf im Dorf entfachen wollen und die GPU hatte klare Anweisungen bekommen, wie viele Bauern zu deportieren waren. Entkulakisierung und Kollektivierung wurden demgemäß rücksichtslos fortgeführt, und die bürgerkriegsartigen Zustände hielten an.

Unter der Flagge des Kampfs gegen das Kulakentum wurden auch ethnische Konflikte gewaltsam ausgetragen: An der Mittleren Wolga wurde das russische Dorf Molozino für sechs Wochen von einer tatarischen Gruppe von Getreideeintreibern regelrecht "besetzt" und von der Außenwelt abgeriegelt, die Einwohner verhaftet, gefoltert und vergewaltigt. In Kasachstan war die Kollektivierungskampagne ein Todesurteil für die Lebensart der Nomaden: Sie mussten ihr Vieh verkaufen, um davon Getreide zu erwerben, das sie dem Staat ablieferten. Angesichts des Kampfes um Leben und Tod machten sesshafte Bauern Jagd auf Kasachen, die sie systematisch ermordeten. Kasachische Stämme wiederum schlossen sich zu Kampfverbänden zusammen, denen sich bald auch turkmenische Clans anschlossen. Gemeinsam erhoben sie sich gegen die Sowjetmacht in Kasachstan und Turkmenistan. 1930 erreichte ein Bericht Moskau: "In weiten Gebieten […] gibt es keine Sowjetmacht und keine Parteiorganisation" mehr.

Quellentext

Getreiderequirierung

[…] Man traf sich [...] im Haus eines Bauern, der sein Getreide-Ablieferungssoll nicht erfüllt hatte. Die Dorfsowjet-Diensthabenden trieben alle hin, die den Ablieferungsplan nicht erfüllt hatten, und achteten darauf, daß niemand ohne besondere Erlaubnis die Versammlung verließ. Gewöhnlich hielt Waschtschenko [der Vorsitzende des Dorfsowjets] die Eröffnungsrede. Er berichtete, wieviel Getreide schon vom Dorf abgeliefert worden sei und wieviel noch fehlte. Er zählte die bösartigen Nichtablieferer auf und gab ausführlich bekannt, wo und bei wem verstecktes Getreide gefunden worden sei. […] Waschtschenko appellierte immer und immer wieder: "Wer tritt vor und erklärt freiwillig, daß er seine Ablieferungspflicht erfüllt? Manchmal hob sich eine Hand. [...]
Gewöhnlich aber begann Waschtschenko nach einigen vergeblichen Appellen, die Säumigen einen nach dem andern namentlich an den Tisch zu rufen. […] "Schlagt mir den Kopf ab! […] Ich habe nicht ein Pfund! Kein einziges Körnchen." Diese Worte waren bei den abendlichen Versammlungen am häufigsten zu hören […]. Man rief sie finster oder in hellem Zorn, unter Tränen, schluchzend, manche wie schon verurteilt, andere müde, abgestumpft, gleichgültig. [...] So ging es Nacht für Nacht. Manche Versammlungen zogen sich ununterbrochen zwei, drei Tage hin. […]
Die rückständigen Einzelbauern wurden auf verschiedene Art bedrängt. In ihren Häusern fanden die nächtlichen Versammlungen statt, bei ihnen wurden Bevollmächtigte […] einquartiert. Die Kolchosbauern […] waren […] von Einquartierungen und anderen Verpflichtungen befreit. Die Einzelbauern aber wurden täglich gezwungen, ihre mageren Pferde anzuspannen, um Brennholz für den Dorfsowjet oder die Schule zu fahren, um Abkommandierte in Nachbarkolchosen […] zu bringen oder um stundenlang beim Dorfsowjet "Dienst zu tun" […].
Als äußerste Maßnahme gegen böswillige Nichtablieferer war den dörflichen Machthabern die "bedingungslose Requirierung" gestattet: Eine Brigade von mehreren jungen Kolchosbauern und Angehörigen des Dorfsowjets, fast immer unter Leitung von Waschtschenko, durchsuchte Haus, Scheune und Hof und beschlagnahmte alle der Ablieferung unterliegenden Körnerfrüchte, führte Kuh, Pferd und Schweine fort, nahm auch das Viehfutter mit.
Manchmal ließen sie aus Mitleid Kartoffeln, Erbsen und Mais da, damit die Familie zu essen hatte. Strengere Brigaden nahmen alles fort, hinterließen den Hof wie gefegt. In besonders schweren Fällen wurden auch "alle Wertsachen und überschüssige Kleidung" beschlagnahmt: Ikonen mit silbernen Beschlägen, Samoware, kleine Bildteppiche, selbst metallenes Geschirr – es konnte ja aus Silber sein! –, außerdem in Verstecken aufgefundenes Geld. Eine besondere Anweisung schrieb vor, daß Gold, Silber und ausländisches Geld zu beschlagnahmen seien. Hie und da wurden tatsächlich versteckte Goldmünzen aus der Zarenzeit gefunden – Fünf- und Zehnrubelstücke. Meist aber erwiesen sich die Schätze als Papier: alte großformatige Noten mit den Bildern Peters des Großen oder Katharinas II., oder die unscheinbaren der Kerenskij-Regierung, auch Notgeld aus der Bürgerkriegszeit, [...] manchmal waren es auch sogenannte "Limonen" – Millionen-, oder "Limonarden", Milliarden-Noten aus der sowjetischen Frühzeit. Silberrubel fanden sich, 50-Kopeken-Stücke, auch kupferne Fünfer. Man erklärte uns: "Das Metallgeld von ‚vor den Kolchosen‘ ist mehr wert."
Wolodja und ich waren mehrmals bei solchen Raubüberfällen dabei, nahmen sogar daran teil: Wir hatten an Ort und Stelle eine Liste des Beschlagnahmten aufzustellen. [...] Ich hörte, wie die Frauen verzweifelt schrien und sich an die Säcke klammerten: "Ach, das ist das letzte! Für die Kinder zum Brei! Um Gottes willen – die Kinder werden verhungern!" Und laut heulend warfen sie sich auf ihre Truhen: "Oj, nein, nicht, das ist meine Mitgift, Erinnerung an die selige Mutter! Laßt mir das, liebe Leute, das ist mein Heiratsgut, noch nie angezogene Sachen!"
Ich hörte, wie die Kinder schrien, sich dabei verschluckten, kreischten. Ich sah die Blicke der Männer: eingeschüchterte, flehende, haßerfüllte, stumpf ergebene, verzweifelte oder in halbirrer böser Wut blitzende. "Nehmt doch, nehmt alles! Da – im Ofen steht noch ein Topf Borschtsch. Ist bloß kein Fleisch dran. Aber sonst alles: rote Rüben, Kartoffeln, Weißkohl. Und tüchtig gesalzen! Nehmt, Genossen Bürger! Wartet ab, ich zieh‘ mir die Stiefel aus […]. Sind zwar geflickt und löchrig, aber vielleicht kann sie das Proletariat noch brauchen, die geliebte Sowjetmacht […]."
Es war quälend und bedrückend, all dies zu sehen und zu hören, und noch bedrückender war es, selbst dabei mitzumachen. Nein, falsch: Untätig zuzusehen, wäre noch schwerer gewesen als mitzumachen, zu versuchen, andere zu überzeugen, ihnen zu erklären und dabei sich selbst zu überreden. Denn ich wagte nicht, schwach zu werden und Mitleid zu empfinden. Wir vollbrachten doch eine historisch notwendige Tat. Wir erfüllten eine revolutionäre Pflicht. Wir versorgten das sozialistische Vaterland mit Brot. Wir erfüllten den Fünfjahrplan. […]

Lew Kopelew, Und schuf mir einen Götzen. Lehrjahre eines Kommunisten, © Steidl Verlag, Göttingen 2003, S. 294 ff.



Hungersnot (1932/33)

Direkte Folge der Kollektivierungs- und Entkulakisierungskampagne war eine Hungersnot, der im Jahr 1932/33 je nach Schätzung zwischen fünf und zehn Millionen Menschen zum Opfer fielen. Besonders betroffen war die Kornkammer der Sowjetunion, die Ukraine, in der es allein circa fünf Millionen Hungertote gab. Wie 1921/22 kam es zu Fällen von Kannibalismus, aber diesmal wurde die Hungersnot verschwiegen und ausländische Hilfe nicht zugelassen. Die Menschen fielen einfach auf den Straßen um und blieben dort liegen; die Städte wurden abgeriegelt, um sie vom Elend der Bauern freizuhalten. Stalin sprach ab 1932 von der "Waffe des Hungers", die die Partei gezielt gegen ihre Feinde einsetzen müsse. Die These, dass es sich um einen gezielten Genozid (ukrainisch: Holodomor) an den Ukrainern handelte, ist indes nicht zu halten, da das Politbüro die Kampagne und Gewalt gegen alle Bauern gleichermaßen richtete, russische Bauern genauso betroffen waren und prozentual die Verluste unter den Kasachen noch größer waren. Während das Gedenken an den Holodomor und die Gräuel von Entkulakisierung und Kollektivierung bis zum Ende der Sowjetunion verboten blieb, gibt es heute in der Ukraine eine ausgeprägte Erinnerungskultur sowie aktive politische Bemühungen, den Holodomor international als Genozid anerkennen zu lassen und damit implizit Russland die Täterschaft anzulasten.

Quellentext

Hungersnot in Kasachstan

Zwischen 1930 und 1934 kam mindestens ein Viertel der Bevölkerung Kasachstans ums Leben. Mehr als 1,5 Millionen Menschen verhungerten oder gingen an Krankheiten und Seuchen zugrunde. […] Überall das gleiche Bild des Elends: Ausgemergelte Kinder an den Bahnstationen, unbestattete Leichen am Wegesrand, blutige Auseinandersetzungen um einen Kanten Brot, zerfallende Familien, Kannibalismus. […]
[B]ei den Rettungsversuchen der Bolschewiki ging es nicht primär um Hilfe für die hungernde Bevölkerung, sondern darum, die kollabierende Ökonomie zu stützen und die soziale Kontrolle nicht zu verlieren. […] Die Erfüllung von Ablieferungsplänen und Kollektivierungsvorgaben hatte nach wie vor Vorrang und war der alleinige Maßstab für Erfolg oder Misserfolg von Funktionären und Staatsbediensteten. Die Versorgung der Hungernden, zumal, wenn dazu Reserven angezapft werden mussten, die bereits für andere Zwecke vorgesehen waren, trat dahinter zurück. […]
1932 kam es zum völligen Zusammenbruch. Die Landwirtschaft kollabierte. Die letzten Reserven waren aufgezehrt, die Ernte fiel noch schlechter aus als im Vorjahr, und noch immer zogen die Bolschewiki Getreide und Vieh aus den Regionen ab. Praktisch alle Regionen Kasachstans waren nun von der Not betroffen. Überall flohen die Menschen vor dem drohenden Hungertod. [...]
Die Hungersnot zerstörte die Gesellschaft – in den eigentlichen Hungergebieten und darüber hinaus. Denn niemand konnte sich der Katastrophe und ihren Folgen entziehen. Zwar waren die Hungernden jene, die "verwilderten", doch auch die Menschen in ihrer Umgebung wurden von den Dynamiken der entstehenden Hungergesellschaft unweigerlich erfasst. [...]
Die Hungernden begannen, alle Arten von Gräsern und Pflanzen als Ersatznahrung zu sich zu nehmen. Sie aßen Hunde, Katzen, Vögel, Mäuse, was immer sich […] einfangen ließ. […] Danach blieb den Menschen keine andere Wahl, als ihre Heimatregionen zu verlassen. Sie schleppten sich in größere Orte, zu Bahnstationen, Sovchosen und Großbaustellen […]. […]
[Wenn] auch die letzten Vorräte aufgebraucht waren und keine Aussicht auf Hilfe mehr bestand, wurden die Hilflosen, Schwachen und Kranken zurückgelassen […]. [...] Die Kernfamilie blieb vielfach auch unter schwersten Bedingungen zusammen und versuchte, die Krise gemeinsam zu bewältigen. […] Manche hofften, bessergestellte Menschen würden sich ihrer Kinder annehmen. Sie legten Säuglinge vor Sowjetgebäuden ab oder drückten ihre kleinen Kinder vorüberfahrenden Fremden in die Arme. […]
Wo alle Reserven verbraucht waren, verletzten manche Hungernde auch die letzten Tabus und begannen, Menschenfleisch zu verzehren. Nachrichten über solche Vorfälle verbreiteten sich rasch unter der Bevölkerung und versetzten die Menschen in Angst und Schrecken. […]
Die Steppe war jetzt eine gigantische Todeszone. Vielerorts waren die Behörden weder in der Lage, die Lebenden zu versorgen, noch vermochten sie, die Toten auch nur notdürftig zu verscharren. Niemand machte sich noch die Mühe, Gräber für die Leichen auszuheben, die in Straßengräben und Erdlöchern abgelegt wurden. [...]
Unbestattete Leichen wurden in den größeren Orten zu einem normalen Bestandteil des Straßenbildes. […] Niemand wollte mit den Hungernden zu tun haben. […] Oft genug schlug die Ablehnung der Hungernden in offene Gewalt um. […] Die Hungernden wurden zum Bodensatz der Gesellschaft. Sie wurden vertrieben, bedroht und oftmals auch umgebracht. Sie waren Fremde und Bettler: Die Flüchtlinge wurden Teil einer undifferenzierten, grauen Masse, für die es keine Zukunft gab und deren Vergangenheit niemanden interessierte. […]

Robert Kindler, Stalins Nomaden. Herrschaft und Hunger in Kasachstan (Reihe "Studien zur Gewaltgeschichte des 20 Jahrhunderts"), Hamburger Edition – Verlag des Hamburger Instituts für Sozialforschung, Hamburg 2014, S. 232 ff.



Forcierte Industrialisierung und Großbaustellen des ersten Fünfjahrplans

Stalin setzte auch die forcierte Schwerindustrialisierung gegen seine Rivalen Bucharin, Rykow und Tomski sowie die alte technische Intelligenz durch, die behutsamer erst die Leichtindustrie entwickeln und mit den Erlösen aus dem Export von Gebrauchsgütern die Schwerindustrie aufbauen wollten. Auch hier spielte die Utopie von einem hochindustrialisierten Land eine große Rolle, das Kohle, Stahl und schwere Maschinen herstellte, die Wüste belebte, das Wasser bändigte und das bäuerliche Russland in eine Landschaft rauchender Schlote verwandelte.

Auf der Parteikonferenz im April 1929 verkündete das Politbüro die Einführung des Ersten Fünfjahrplans, der auf 1928 vordatiert und vom V. Sowjetkongress im Mai 1929 beschlossen wurde. Er sah die Mobilisierung der gesamten Bevölkerung, enormer Ressourcen, Propagandakampagnen, vor allem aber den Bau von Wasserkraftwerken, Stahlwerken und Maschinenfabriken in nie gesehenem Maßstab vor.

Vorbildcharakter für die gesamte Industrialisierung wurde dem Bau des Staudamms am Dnjepr (DneproGES, 1927-1932) sowie der Stahlwerke in Magnitogorsk und im Kusbass (Magnitostroj und Kuznetskstroj, beide 1929-1932) zugeschrieben, die beide in sagenhaften 1000 Tagen fertiggestellt werden sollten. Unter der Parole "Amerika einholen und überholen" wollte die Sowjetunion das neue Land der unbegrenzten Möglichkeiten sein, in dem die leistungsstärksten Hochöfen, die längsten Staudämme und die größten Kraftwerke geschaffen wurden. Der Anspruch, binnen weniger Jahre ein "rückständiges", agrarisch geprägtes Land in die industrielle Moderne zu katapultieren, faszinierte viele Menschen im In- und Ausland. Zu den neuen Methoden des sozialistischen Arbeitens gehörte der sozialistische Wettbewerb, bei dem verschiedene Brigaden, Bauabschnitte oder wie am Dnjepr die beiden Ufer um die schnellere Fertigstellung wetteiferten; mehr noch wurde verlangt, den Plan überzuerfüllen oder einen "Gegenplan" aufzustellen, mit dem sich die Arbeiterinnen und Arbeiter verpflichteten, ihr Soll schneller zu erfüllen als geplant. Obwohl enorme Summen ausgegeben wurden, um aus dem Ausland Fachkräfte und Maschinen einzukaufen, gab es auf den Baustellen Planungschaos, viel Improvisation und Pfusch. In Magnitogorsk wurde der Bau der Fabrik ohne bestätigten Plan begonnen und dann an anderer Stelle neu begonnen; der erste Hochofen musste kurz nach Inbetriebnahme wieder abgerissen werden, weil der Beton bröckelte.

Die Eile und der Enthusiasmus waren Teil des Programms. Stalin sagte in einer berühmten Rede vor den Wirtschaftsführern des Landes im Februar 1931, Russland müsse seinen Rückstand von 300 Jahren in zehn Jahren aufholen. Die Industrialisierung wurde daher als Kampf ums Überleben, als Wettlauf gegen die Zeit und als Krieg gegen die Natur dargestellt. So heroisch der Industrialisierungskampf in Zeitungen, Spielfilmen und Romanen dargestellt wurde, so elend lebten Tausende von Arbeiterinnen und Arbeitern und teils auch Ingenieurinnen und Ingenieure, für die es oft keine Unterkunft gab, sodass sie in Zelten und Erdhöhlen hausen mussten. Dennoch verklärten viele von ihnen diese Jahre zu einer heroischen Aufbauzeit, in der sie gern für den Fortschritt Opfer erbrachten und mit viel Enthusiasmus und bloßen Händen den Sozialismus aufbauten.

Quellentext

Über die Aufgaben der Wirtschaftler

Rede Stalins auf der ersten Unionskonferenz der Funktionäre der sozialistischen Industrie, 4. Februar 1931, veröffentlicht in der "Prawda", Nr. 35, am 5. Februar 1931

[…] Wir selbst müssen zu Spezialisten, zu Meistern unseres Fachs werden, wir müssen uns dem technischen Wissen zuwenden – diesen Weg hat uns das praktische Leben gewiesen. [...]
Es ist dies natürlich keine leichte Aufgabe, aber sie ist durchaus zu bewältigen. Wissenschaftliche Kenntnisse, technische Erfahrungen, Wissen – all dies kann man erwerben. Heute hat man sie nicht, morgen wird man sie haben. Die Hauptsache ist hier das leidenschaftliche bolschewistische Verlangen nach der Meisterung der Technik, nach der Meisterung der Wissenschaft von der Produktion. Bei leidenschaftlichem Verlangen kann man alles erreichen, alles überwinden.
Zuweilen wird die Frage gestellt, ob man nicht das Tempo etwas verlangsamen, die Bewegung zurückhalten könnte. Nein, das kann man nicht, Genossen! Das Tempo darf nicht herabgesetzt werden! Im Gegenteil, es muß nach Kräften und Möglichkeiten gesteigert werden. Das fordern von uns unsere Verpflichtungen gegenüber den Arbeitern und Bauern der UdSSR. Das fordern von uns unsere Verpflichtungen gegenüber der Arbeiterklasse der ganzen Welt.
Das Tempo verlangsamen, das bedeutet zurückbleiben. Und Rückständige werden geschlagen. [...] Die Geschichte des alten Rußlands bestand unter anderem darin, daß es wegen seiner Rückständigkeit fortwährend geschlagen wurde. Es wurde geschlagen von den mongolischen Khans. Es wurde geschlagen von den türkischen Begs. Es wurde geschlagen von den schwedischen Feudalen. Es wurde geschlagen von den polnisch-litauischen Pans. Es wurde geschlagen von den englisch-französischen Kapitalisten. Es wurde geschlagen von den japanischen Baronen. Es wurde von allen geschlagen wegen seiner Rückständigkeit. Wegen seiner militärischen Rückständigkeit, seiner kulturellen Rückständigkeit, seiner staatlichen Rückständigkeit, seiner industriellen Rückständigkeit, seiner landwirtschaftlichen Rückständigkeit. Es wurde geschlagen, weil das einträglich war und ungestraft blieb. [...] Das ist nun einmal das Gesetz der Ausbeuter – die Rückständigen und Schwachen werden geschlagen. Das ist das Wolfsgesetz des Kapitalismus. Du bist rückständig, du bist schwach – also bist du im Unrecht, also kann man dich schlagen und unterjochen. Du bist mächtig – also hast du recht, also muß man sich vor dir hüten.
[...] Wollen Sie, daß unser sozialistisches Vaterland geschlagen wird und seine Unabhängigkeit verliert? Wenn Sie das nicht wollen, dann müssen Sie in kürzester Frist seine Rückständigkeit beseitigen und ein wirkliches bolschewistisches Tempo im Aufbau seiner sozialistischen Wirtschaft entwickeln. Andere Wege gibt es nicht. Darum sagte Lenin am Vorabend des Oktober: "Entweder Tod oder die fortgeschrittenen kapitalistischen Länder einholen und überholen."
Wir sind hinter den fortgeschrittenen Ländern um 50 bis 100 Jahre zurückgeblieben. Wir müssen diese Distanz in zehn Jahren durchlaufen. Entweder bringen wir das zuwege, oder wir werden zermalmt. [...]
Wir müssen so vorwärtsschreiten, daß die Arbeiterklasse der ganzen Welt, auf uns blickend, sagen kann: Hier ist sie, meine Vorhut, hier ist sie, meine Stoßbrigade, hier ist sie, meine Arbeitermacht, hier ist es, mein Vaterland – sie machen ihr Werk, unser Werk, gut, unterstützen wir sie gegen die Kapitalisten und entfachen wir die Sache der Weltrevolution. [...]
Ich sage nicht, daß in bezug auf die Leitung der Wirtschaft bei uns in den letzten Jahren nichts geleistet wurde. Es ist gewiß etwas geleistet worden, und sogar sehr viel. Wir haben die Industrieproduktion im Vergleich zur Vorkriegszeit verdoppelt. Wir haben eine Landwirtschaft geschaffen, die die größten Betriebe der Welt hat. Wir hätten aber noch mehr leisten können, wenn wir uns in dieser Zeit bemüht hätten, die Produktion, ihre Technik, ihre finanzielle und ökonomische Seite wirklich zu meistern. [...] Und wir werden es leisten, wenn wir es nur wirklich wollen!

J. W. Stalin, Werke, Band 13, Juli 1930 - Januar 1934. Die deutsche Ausgabe besorgt vom Marx-Engels-Lenin-Stalin-Institut beim ZK der SED, Dietz Verlag Berlin, 1955, S. 34 ff.



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