von links nach rechts: 1. Ausschnitt aus dem Dekret des Rheinisch-Deutschen Nationalkonvents
vom 18. März 1793, das die Gründung der Mainzer Republik, eines Freistaates von „Landau bis Bingen“, verkündet; 2. Darstellung des Barrikadenkampfes in der Breite Straße in Berlin während der Nacht vom 18. auf den 19. März 1848 (im Bildhintergrund die südliche Fassade des Stadtschlosses); 3. Plakate an einer Litfaßsäule in Magdeburg aus dem Wahlkampf zur Volkskammerwahl 1990, wobei die Ankündigungen zu den Telemann-Festtagen zufällig auf den 18. März 1990 verweisen; 4. Straßenschild auf dem westlich vom Brandenburger Tor in Berlin gelegenen Platz, der seit dem 18. März 2000 diesen Namen trägt.
1 | 2 | 3 Pfeil rechts

18. März 1848: revolutionärer Aufstand in Berlin


20.11.2014
Einsatz von Reitersoldaten zur Räumung des Schlossplatzes am frühen Nachmittag des 18. März18./19. März 1848 in Berlin: Einsatz von Reitersoldaten zur Räumung des Schlossplatzes am frühen Nachmittag des 18. März (© bpk / Kunstbibliothek, Staatliche Museen zu Berlin / Knud Petersen)
Der 18. März 1848, ein Samstag, war ein warmer Vorfrühlingstag. Am Morgen konnten die Bewohnerinnen und Bewohner Berlins in der Presse und auf Bekanntmachungen des Magistrats, der Stadtregierung, sensationelle Nachrichten lesen. König Friedrich Wilhelm IV. hatte ein "Gesetz über die Presse" erlassen. Danach war die Zensur aufgehoben; die Pressefreiheit wurde vorbehaltlos gewährt. Mehr noch: Zugleich hatte der König in einem "Patent" (so hieß seit dem Mittelalter ein offener Brief eines Landesherrn) den "Vereinigten Landtag" – kein Parlament, sondern die Ständeversammlung der preußischen Provinzen, in der Adelige, Großbauern und städtische Großgrundbesitzer zusammenkamen – vorfristig zu Beratungen einberufen. In dem "Patent" fanden sich einige Programmpunkte des Königs hinsichtlich einer politischen Neugestaltung des Deutschen Bundes. Der Monarch verlangte unter anderem, "dass Deutschland aus einem Staatenbund in einen Bundesstaat verwandelt werde". Und während Friedrich Wilhelm IV. noch im April 1847 eben dieser Versammlung gegenüber geäußert hatte, er werde es nicht zulassen, dass sich zwischen ihm, dem König von Gottes Gnaden, und dem Volk ein "beschriebenes Blatt", also ein Verfassungstext, "eindränge", bekundete der König nun, dass eine zukünftige "Bundespräsentation eine constitutionelle Verfassung aller deutscher Länder nothwendig erheische (verlange)". Begeistert nahmen die Menschen diese Botschaften auf. Nicht allein, dass der König sich der Einführung demokratischer Rechte nicht länger zu versperren schien – offenbar wollte er sich als Repräsentant des größten deutschen Staates, nämlich Preußens, sogar an die Spitze der in den deutschen Staaten und Reichsstädten mittlerweile immer entschiedener auftretenden Bewegung für die Einheit Deutschlands stellen.

Gegen Mittag zogen Tausende Berliner und Berlinerinnen aus allen Bevölkerungsschichten zum Schlossplatz, um dem König zu danken. Unter donnerndem Beifallsgeschrei betrat er mit dem Ministerpräsidenten gegen vierzehn Uhr einen der Balkone des Schlosses. Die Rede des Ministerpräsidenten ging ebenso im tosenden Jubel unter wie die durch ihn gesprochenen Dankesworte des Königs. In großer Zahl wurde das Extrablatt der "Allgemeinen Preußischen Zeitung" mit den Texten des Pressegesetzes und des Einberufungspatents verteilt. Trotz entsprechender Gesten des Königs verließen die freudig erregten Menschen den Schlossplatz nicht.

Die Stimmung schlug um, als Demonstrierende, die an den Portalen zu den Schlosshöfen standen, einsatzbereite Militärabteilungen sahen. Erste Rufe waren zu vernehmen: "Militär zurück!" Die Menschen erinnerten sich an die Zusammenstöße von Bürgern mit dem Militär an vergangenen Tagen, als es sogar einen Toten gab. Auf dem Platz häuften sich die lautstarken Forderungen: "Die Soldaten fort!" – "Das Militär zurück!" Eine bedrohliche Unruhe kam auf. Da erschien am Rande des Platzes eine Schwadron Dragoner, etwa 50 Reiter. Der Kommandierende zog den Säbel, so auch die Soldaten. Aus einem der Portale des Schlosses rückte eine Kompanie Grenadiere an. Das Militär hatte offenbar den Befehl erhalten, die Menschen zurückzudrängen und den Platz zu räumen. Da erschallten zwei Schüsse. In einer panikartigen Reaktion flohen die Menschen in die Straßen, die zum Schlossplatz führten. "Verrat! Verrat! Der König schießt auf das Volk!" Sturmglocken läuteten. Innerhalb weniger Stunden wurden im Stadtgebiet spontan und völlig planlos etwa 200 Barrikaden errichtet – Barrikaden aus Fuhrwerken und Droschken, aus Türen, Toren und Fässern, aus Balken und Bohlen, befestigt mit Pflastersteinen und Steinplatten. Sie sollten ein Vordringen des Militärs verhindern. Auf einigen der Barrikaden wehte eine schwarz-rot-goldene Fahne, das Symbol der Bewegung für Einheit und Freiheit.

So planlos wie der Barrikadenbau war der Widerstand gegen das anrückende Militär. Die Verteidiger waren überwiegend Handwerker, Arbeitsleute und Studenten. Praktisch waffenlos. Vereinzelt waren auch Frauen und Kinder zu sehen. Planvoll handelte jedoch die Militärführung. Sie wollte die Kontrolle über die Innenstadt erlangen, zog einen schützenden Ring um das Schloss und stellte Verbindungen zu den Munitions- und Proviantdepots her. Barrikade um Barrikade wurde niedergemacht. Die helle Vollmondnacht wurde von Feuerschein, Schüssen, Brüllen, Schreien und Trommelwirbel der Straßenkämpfe zerrissen. In den frühen Morgenstunden des Sonntags stellte das Militär den Kampf ein. Nur wenige Barrikaden hatten standgehalten. So jene am Alexanderplatz.

Die Tage danach



Die Barrikadenkämpfe verunsicherten den König und seine Berater nachhaltig. Der König, der von sich schrieb, er habe keinen anderen Gedanken als den, "die Revolution zu bekämpfen und zu vernichten", war um Schadensbegrenzung bemüht.

Noch in der Nacht zum 19. März verfasste er eine Proklamation "An meine lieben Berliner!". Die Geschehnisse des Vortages wären durch fremde Ruhestörer und Aufrührer provoziert worden, war da zu lesen, und die Kavallerie wäre auf dem Schlossplatz mit "eingesteckter Waffe" vorgegangen. Diese Unwahrheiten förderten in der Bürgerschaft nicht gerade die Glaubwürdigkeit des Monarchen.

An diesem Tag gab es zudem einen ersten Überblick über die Opfer der Barrikadenkämpfe. Auf Seiten der Bürger waren letztlich 270 Tote zu beklagen, darunter 11 Frauen und 10 Kinder bzw. Jugendliche. Beinahe zwei Drittel der Gefallenen waren Handwerker, mehr als ein Viertel Arbeiter und Dienstboten. 1000 Menschen hatten Verletzungen davongetragen. Eine große Zahl der Toten wurde in einem der Schlosshöfe aufgebahrt, wo sich der König – an seiner Seite die Königin – vor ihnen verneigte. Unter den Soldaten hatte es etwa 200 Tote und 250 Verletzte gegeben. Noch am 19. März befahl der König den Abzug des Militärs aus der Stadt und genehmigte eine Bürgerbewaffnung.

Am 21. März kursierte eine Proklamation ohne Unterschrift in Berlin, die allerdings in der Hofdruckerei hergestellt worden war:
"An die deutsche Nation! Eine neue glorreiche Geschichte hebt mit dem heutigen Tage für Euch an! Ihr seid fortan wieder eine einige große Nation, stark, frei und wichtig im Herzen von Europa! Preußens Friedrich Wilhelm IV. hat Sich, im Vertrauen auf Euren heldenmütigen Beistand und Eure geistige Wiedergeburt, zur Rettung Deutschlands an die Spitze des Gesamt-Vaterlandes gestellt. Ihr werdet Ihn mit den alten, ehrwürdigen Farben Deutscher Nation noch heute zu Pferde in Eurer Mitte erblicken. Heil und Segen dem constitutionellen Fürsten, dem Führer des gesamten deutschen Volkes, dem neuen Könige der freien, wiedergeborenen deutschen Nation. Berlin, den 21. März 1848

Tatsächlich ritt der König an diesem Tage, geschmückt mit einer Armbinde und unter einer Fahne mit den Farben Schwarz-Rot-Gold, die er insgeheim ablehnte, durch die Stadt. Er selbst interpretierte die Farben allerdings nicht als das Zeichen der Freiheitsbewegung in Deutschland, sondern als Farben des mittelalterlichen Reiches deutscher Nation, dessen Wiedererrichtung sein Traum war. An mehreren Orten der Stadt, so vor der Universität, hielt der König kurze Ansprachen. Sein (zu diesem Zeitpunkt nicht ohne weiteres erkennbares) Scheinbekenntnis zur Freiheits- und Einheitsbewegung brachte ihm von Kritikern die Titulierung "Staatsschauspieler" ein. Begleitet wurde das Schauspiel von einem weiteren königlichen Aufruf ("An mein Volk, an die deutsche Nation!"). Er werde nun die "Leitung" der deutschen Einheitsbewegung übernehmen, kündigte der König an und stellte sodann fest: "Preußen geht fortan in Deutschland auf." Zugleich gab er den Befehl, dass die Soldaten neben der preußischen nunmehr die "deutsche Kokarde", also die Farben Schwarz-Rot-Gold, zu tragen hätten.

Am 22. März wurden die Märzgefallenen beigesetzt. Der schier nicht enden wollende Trauermarsch zum Friedrichshain vor dem Königstor führte von der Neuen Kirche am Gendarmenmarkt, dem heutigen Deutschen Dom, vorbei am Schloss. Auf dem Schlossbalkon nahmen der König und die Minister zur Ehrung der Toten Helme bzw. Hüte ab.

Am 29. März berief Friedrich Wilhelm IV. den rheinischen Bankier Ludolf Camphausen zum Ministerpräsidenten und den Bankier und Großunternehmer David Hansemann zum Finanzminister, beide Liberale. Nun hatte Preußen wie andere deutsche Staaten auch ein bürgerliches "Märzministerium". All das ließ den Eindruck und die Hoffnung aufkommen, dass sich die revolutionären Forderungen erfüllen könnten.