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Armut und Prekarität


16.12.2014
Armut und Prekarität im heutigen Deutschland sind nicht vergleichbar mit dem Massenelend, das die Industrialisierung begleitete, oder mit der Lebenssituation breiter Bevölkerungskreise in der Zwischen- und Nachkriegszeit. Wohlstandswachstum und Sozialstaat haben Armut und Prekarität quantitativ und qualitativ verändert, aber nicht beseitigen können.

Tafeln, wie hier in Hamburg-Bergedorf, sammeln mithilfe von ehrenamtlichen Helfern „überschüssige“, aber qualitativ einwandfreie Lebensmittel und geben diese an Bedürftige weiter.Tafeln, wie hier in Hamburg-Bergedorf, sammeln mithilfe von ehrenamtlichen Helfern "überschüssige", aber qualitativ einwandfreie Lebensmittel und geben diese an Bedürftige weiter. (© Bundesverband Deutsche Tafel e. V. / Wolfgang Borrs)

Als "prekär" bezeichnen die Sozialwissenschaften die soziale Lage von Menschen, die Gefahr laufen, in die Armut und die damit verbundene soziale Ausgrenzung abzugleiten. Das Problem, was Armut ist, wer zu den Armen gehört und welche Lebensumstände als "Leben in Armut" bezeichnet werden sollen, ist unter Sozialwissenschaftlern, Sozialarbeitern und Politikern umstritten. Einig ist sich die Armutsforschung über drei Aspekte der Armut:
  • Armut in Deutschland ist keine absolute, sondern relative Armut. Mit anderen Worten: Armut ist in entwickelten Gesellschaften keine Frage des physischen Überlebens mehr – wie noch in vielen Ländern der sogenannten Dritten oder Vierten Welt –, sondern eine Frage des angemessenen Lebens; die Armutsgrenze wird nicht durch ein physisches, sondern durch ein soziokulturelles Existenzminimum markiert.
  • Armut wird als interkulturell und historisch relative Erscheinung begriffen: Was Armut ist, variiert interkulturell von Gesellschaft zu Gesellschaft und historisch von Zeitabschnitt zu Zeitabschnitt. So definierte der Rat der Europäischen Gemeinschaft 1984 verarmte Personen als "Einzelpersonen, Familien oder Personengruppen, die über so geringe (materielle, kulturelle und soziale) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedsstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar ist". Was in einer Gesellschaft als "annehmbares Minimum" angesehen wird, verändert sich im Laufe der Zeit mit dem Wandel der Lebensverhältnisse in der Gesamtgesellschaft. Festlegungen dieser Art beruhen auf gesellschaftlichen bzw. politischen Mehrheitsmeinungen und werden nicht von allen Parteien, Wissenschaftlern oder Gesellschaftsmitgliedern geteilt.
  • Armut ist mehrdimensional: Sie ist nicht nur ein ökonomisch-materielles, sondern gleichzeitig auch ein soziales, kulturelles und psychisches Phänomen. Ökonomische und materielle Unterversorgung ist gekoppelt mit der Versagung von allgemein anerkannten Lebenschancen in wesentlichen Bereichen der menschlichen Existenz, mit dem weitgehenden Ausschluss von der Teilhabe am wirtschaftlichen, gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Leben.

Quellentext

Tafelläden – Pro und Contra einer gut gemeinten Institution

Menschen in Lumpen, die durch riesige dunstige Müllkippen an den Rändern der Städte pflügen und sich dort ihre Existenz zusammenklauben: Solche beklemmenden Bilder kennt man nur aus Entwicklungsländern. Aber auch im reichen Land Deutschland ernährt sich eine zunehmende Zahl Menschen von den Müllbergen der Wohlhabenden. Doch hier ist dieses Bild retuschiert, die störenden Teile sind entfernt: Die Abfallhaufen sind überdacht, geordnet und verwaltet, der verzweifelt wühlende Müllsucher ist verschwunden. An den Tafeln, die überschüssige Lebensmittel an Bedürftige verteilen, ist Armut kein Skandal mehr, sondern gut aufgehoben.
Am 23. Februar 1993 eröffnete in Berlin die erste Tafel nach dem Vorbild der US-amerikanischen Foodbanks. Was damals als Nothilfe für Menschen gedacht war, die aus allen sozialen Netzen gefallen waren, etwa Drogenkranke oder Obdachlose, hat sich zum parallelen Versorgungssystem für Menschen entwickelt, die durch zu niedrige Grundsicherung, Hartz IV und prekäre Arbeitsverhältnisse so tief in die Armut gerutscht sind, dass sie auf Lebensmittelspenden angewiesen sind. Mehr als 900 Tafeln gibt es heute in Deutschland. An den bundesweit 3000 Ausgabestellen und Tafelläden holen 1,5 Millionen Menschen Essen ab.
Die Idee der Tafel ist so einfach wie faszinierend: Ehrenamtliche sammeln bei Supermärkten übrig gebliebene, aber verzehrfähige Lebensmittel ein und verteilen diesen Überschuss, der sonst vernichtet werden würde, an Bedürftige. Damit wollen die Tafeln zwei der größten Probleme unserer Zeit in einem Aufwasch beseitigen: die Verschwendung von Lebensmitteln und die wachsende Armut. Fast 20 Millionen Tonnen Lebensmittel werden in Deutschland jedes Jahr weggeschmissen, während 15 Millionen Menschen nahe oder unterhalb der Armutsgrenze leben. Ein Gedanke, der auch in der Überflussgesellschaft schwer zu ertragen ist.
[…] Die Tafeln suggerieren, mit dem Verteilen des "zu viel" an diejenigen, die "zu wenig" haben, die tiefe Kluft zwischen arm und reich zu überbrücken. Doch diese Inszenierung der Armut […] reduziert die Situation der Bedürftigen allein darauf, nicht genügend zu Essen zu haben. "In Deutschland muss niemand hungern" – diese beruhigende Behauptung findet an den Tafeln ihre praktische Umsetzung. […]
Verschwendung ist der Motor der Konsumgesellschaft: Nur wenn viel weggeworfen wird, wird auch viel gekauft. Und weil die Wahlfreiheit des Konsumenten im Supermarkt wie ein Menschenrecht gehandelt wird, wachsen die Müllberge. Die neuen Armen wiederum sind das Ergebnis der Arbeitsmarkt- und Sozialstaatsreform. Es sind diejenigen, für die es keine Verwendung mehr gibt auf dem Arbeitsmarkt – oder die in prekären Arbeitsverhältnissen für wachsenden Profit der Unternehmen sorgen.
Kein Wunder, dass zu den Tafelsponsoren und -spendern ausgerechnet die Konzerne gehören, die von der Überproduktion und Verschwendung von Lebensmitteln profitieren: Rewe, Lidl, Aldi, Metro Group, Edeka. Ihre Spende an die Tafeln lenkt davon ab, wie groß ihr Anteil an der Verschwendung ist, verschafft ihnen ein "nachhaltiges" Image und spart ihnen Entsorgungskosten. "Wer von uns Lebensmittel erhält, ist kein Almosenempfänger, sondern leistet etwas für den Klima- und Ressourcenschutz. Das ist eine gesellschaftliche Leistung, die wir anerkennen müssen", sagt Gerhard Häuser, der Vorsitzende des Bundesverbands der Tafeln. Sie seien "Rädchen in der Lebensmittelindustrie". Das also können Tafelkunden immerhin bieten: Sie entsorgen den Wohlstandsmüll und en passant das schlechte Gewissen der Konsumgesellschaft. […]
Heute erleben wir […]: Armutsbekämpfung wandelt sich von der öffentlichen politischen Aufgabe zur privat organisierten Wohlfahrt wohlhabender Bürger. Stefan Selke, Soziologe an der Universität Furtwangen, erforscht seit vielen Jahren Funktion und Auswirkungen der Tafeln in Deutschland. Er gilt als größter Tafelkritiker in Deutschland und hat außerdem das "Kritische Aktionsbündnis 20 Jahre Tafeln" ins Leben gerufen. Er sagt: "Tafeln sind Prototypen der neuen Freiwilligengesellschaft". In dieser würden verbindliche soziale Rechte gegen eine unverbindliche Almosenökonomie ersetzt.
Das Problem freiwilliger Hilfe ist jedoch: Es gibt keinen Anspruch darauf. So haben nur zehn Prozent der Bedürftigen in Deutschland Zugang zu den Tafeln, es gibt Wartelisten. Wer zur Tafel kommen darf und wer nicht, das bestimmen die Organisatoren örtlicher Tafeln. Und darauf verlassen, dass die Tüte bei der Tafel voll wird, kann man sich nicht. Es gibt ja nur, was andere nicht haben wollten. Und das nur, solange der Vorrat reicht. Wo nur der Überschuss verteilt wird, sind nicht nur die Waren endlich, sondern auch die Gerechtigkeit. So wiederholen und zementieren die Tafeln die gesellschaftlichen Zustände von drinnen und draußen und oben und unten. […]

Kathrin Hartmann, "Solange der Vorrat reicht", in: Frankfurter Rundschau vom 23./24. Februar 2013
Kathrin Hartmann: Wir müssen leider draußen bleiben. Die neue Armut in der Konsumgesellschaft. Blessing Verlag 2012


Einkommensarmut



Die statistischen Angaben zur Zahl der Armen unterscheiden sich stark – je nachdem, wie Armut gemessen bzw. wo die "Armutsgrenze" gezogen wird. Es lassen sich grob zwei Konzepte von Armut unterscheiden: die staatlich anerkannte "offizielle Armut" und die "relative Armut".

Offizielle Armut

Die "offizielle Armut" erfasst alle Menschen, die staatliche Unterstützung erhalten, um den soziokulturellen Mindestbedarf für ein menschenwürdiges Leben sicherzustellen. Staatliche Hilfe erhalten Personen oder Familien, wenn sie nicht mehr in der Lage sind, das gesellschaftlich zuerkannte Existenzminimum aus eigener Kraft und durch andere soziale Versorgungsleistungen zu sichern. Dieses Minimum errechnet sich nach einem komplizierten Verfahren und sichert den Empfängern ein Einkommen von weniger als der Hälfte des Durchschnittseinkommens. Nach dem Datenreport 2008 mussten Haushalte von Sozialhilfeempfängern 2005 mit monatlich 883 Euro pro Person (bedarfsgewichtet nach Alter) auskommen, einem Durchschnittshaushalt standen 1875 Euro zur Verfügung.

In den 1960er-Jahren nahm die Zahl der Sozialhilfeempfänger ab, aber in den 1970er-Jahren kehrte sich dieser Trend wieder um. Seitdem rutschten immer mehr Menschen in die Sozialhilfe, offiziell als "Hilfe zum Lebensunterhalt" (HLU) bezeichnet, ab. Ende 1982 wurde in Westdeutschland die Millionengrenze überschritten, Ende 1992 die Zweimillionengrenze, und Ende 1997 stieg die Zahl in Gesamtdeutschland auf einen vorläufigen Gipfel von 2,89 Millionen. Dieser wurde nach einem vorübergehenden Rückgang 2004 – beim Auslaufen der traditionellen Sozialhilfe – erneut geringfügig übertroffen. Damals lebten 2,91 Millionen Menschen oder 3,4 Prozent der Bevölkerung von laufender Hilfe zum Lebensunterhalt.

Viele arme Menschen wissen gar nicht, dass ihnen Sozialhilfe zusteht, und nicht wenige scheuen den Gang zum Sozialamt aus Stolz oder Scham, aus Furcht vor der Stigmatisierung als Almosenempfänger oder auch, weil sie verhindern möchten, dass Kinder oder andere Verwandte nach dem Sozialhilfegesetz zur finanziellen Mithilfe verpflichtet werden. Die letzte Schätzung zur "Dunkelziffer der Armut" – auch "verdeckte Armut" genannt – kommt zu dem Ergebnis, dass 2003 auf drei HLU-Empfänger mindestens zwei, eher drei weitere Berechtigte kamen (Becker/Hauser 2005).

Leben mit Hartz IVLeben mit Hartz IV (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 174 094; Quelle: Bundesagentur für Arbeit; Stand Ende 2013)
Mit der Zusammenlegung von Sozialhilfe und Arbeitslosenhilfe in der größten Sozialreform der deutschen Nachkriegsgeschichte durch das Hartz-IV-Gesetz lief die übliche Sozialhilfestatistik Ende 2004 aus. Die Regelung der Ansprüche auf Arbeitslosengeld II und Sozialgeld – im Volksmund "Hartz IV" genannt – ist hochkomplex und mehrfach geändert worden. Die Empfänger von "Hartz IV" sind nicht mehr mit den HLU-Empfängern nach der traditionellen Sozialhilferegelung vergleichbar. Sicher ist, dass die Reform die verdeckte Armut nicht beseitigt hat. Nach einer Studie des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung nahmen im Jahr 2008 zwischen 34 und 43 Prozent der Menschen, die einen Anspruch auf Hilfe durch die Hartz-IV-Gesetze haben, diese Unterstützung nicht in Anspruch (Bruckmeier u. a. 2013).

Relative Armut

Relative Einkommensarmut 1991-2012Relative Einkommensarmut 1991-2012 (© GESIS – Social Indicators Monitor (www.gesis.org/SIMon): System Sozialer Indikatoren für Deutschland)
Die europäische international vergleichende Armutsforschung arbeitet mit dem weiter gefassten Begriff der "relativen Armut": Arm sind demnach Einzelpersonen oder Familien, die über weniger als 60 Prozent des durchschnittlichen Haushaltsnettoeinkommens – gewichtet nach Anzahl und Alter der in einem Haushalt lebenden Personen – verfügen. Die relativen Armutsquoten liegen erheblich höher als die Sozialhilfequoten. 2004 bezogen in Westdeutschland 3,4 Prozent der Bevölkerung laufende Hilfe zum Lebensunterhalt, aber 10,8 Prozent – also mehr als dreimal so viele Menschen – mussten mit einem Einkommen vorliebnehmen, das weniger als 60 Prozent des Durchschnitts betrug. Diese Unterschiede haben zwei Ursachen: Zum einen erfasst die "relative Armut" auch die "verdeckte Armut", und zum anderen liegt das politisch anerkannte soziokulturelle Existenzminimum erheblich niedriger als die 60-Prozent-Grenze. Daher wird die relative Armut im politischen Bereich häufig nicht als "Armut", sondern als "Armutsrisiko" oder "Armutsgefährdung" bezeichnet.

Bekämpfte Einkommensarmut nach der SozialhilfegrenzeBekämpfte Einkommensarmut nach der Sozialhilfegrenze (© Eigene Grafik nach Daten der Sozialhilfestatistik des Statistischen Bundesamtes)
Das Schaubild "Relative Einkommensarmut 1991-2012" macht deutlich, dass sich die relative Einkommensarmut im früheren Bundesgebiet insbesondere in der ersten Hälfte der 1990er-Jahre wieder ausgebreitet hat: 1991 waren 6,6 Prozent der Westdeutschen arm, 1996 bereits 10,4 Prozent. Und auch im vergangenen Jahrzehnt ist die Armutsquote nochmals von 10,2 Prozent im Jahr 2000 auf den bisherigen Gipfel von 12,6 Prozent im Jahr 2012 angestiegen. Auch im europäischen Vergleich hat sich die Situation Deutschlands erheblich verschlechtert. 2001 war Deutschland im Kampf gegen die Armut noch sehr erfolgreich – in den damals 15 EU-Staaten lebten lediglich in Schweden weniger Menschen in Armut. Im vergangenen Jahrzehnt ist Deutschland ins Mittelfeld abgestiegen: 2010 war die Armutsquote in 7 der 15 Gesellschaften niedriger – in den drei skandinavischen Ländern sowie in den Niederlanden, in Österreich, Luxemburg und Frankreich.

Die Ergebnisse aus dem Datenreport 2013 zu den Alltagsproblemen, die im Schaubild "Probleme im Alltag durch relative Armut" dargestellt sind, vermitteln einen Eindruck davon, welche Einschränkungen und Belastungen sich hinter dem abstrakten statistischen Konzept der 60-Prozent-Mediangrenze verbergen. So konnten es sich zum Beispiel 60 Prozent der Betroffenen nicht leisten, jedes Jahr eine Woche Urlaub woanders als zu Hause zu verbringen. Von den Menschen mit einem Nettoäquivalenzeinkommen oberhalb der 60-Prozent-Grenze sind 16 Prozent dieser Einschränkung unterworfen.

Quellentext

Mini-Job und Multi-Jobber – ein "Musterbeispiel"

Es ist 21.45 Uhr, und Christine Schöpfel ist für heute fertig mit der Arbeit. Sie schaut sich noch einmal um: Die Toiletten sind sauber, die Kaffeetassen in der Spülmaschine, die kleinen Zwiebelschalen liegen nicht mehr auf dem Teppich, sondern im Mülleimer. Die Papierkörbe sind leer – halt, hier fehlt noch eine Mülltüte. Christine Schöpfel läuft noch einmal schnell in die Küche, eine von den weißen Tüten, aufschütteln, in den Plastikeimer damit, fertig. Licht aus.
Sie schließt ab und läuft zu ihrem Auto, einem kleinen roten Kia. Zu Hause, das weiß sie, warten eine unordentliche Wohnung, unerledigte Näharbeiten, ein Hund, ein Vogel und ein Mann, der sich beschweren wird, dass sie zu viel arbeitet. Sie weiß, dass er recht hat. Spätestens morgen früh, am Donnerstag, wenn sie um halb sechs aufsteht, um die Putz-Tour einer Kollegin beim Pflegedienst zu übernehmen. Vier Haushalte, das geht bis nachmittags. Dann noch Waschen und Bügeln bei einem Kunden, dem sie auf eigene Rechnung den Haushalt führt.
Abends fährt sie wieder hierher, in diese ganz normale Bürolandschaft. Motivierende Sprüche an den Wänden, Familienfotos neben den Bildschirmen, Pin-up-Girls im Pausenraum. Zwölf Schreibtische, sechs Toiletten, Küche, Flur, Treppenhaus. Zwei Mal die Woche erledigt sie nach diesem Putzdienst noch einen zweiten, in einem Logistikzentrum bei Erfurt.
Wie sie das alles schafft? "Eigentlich gar nicht mehr", sagt Christine Schöpfel und verbirgt ihr Gesicht hinter einer Hand. Fünf Jobs hat sie im Moment – denn zu den verschiedenen Putz-Jobs, zum Waschen-Wischen-Bügeln in einem fremden Haushalt kommt noch ein privater Nähbetrieb, Änderungsschneiderei in den eigenen vier Wänden. Dass Schöpfel 62 Jahre alt und inzwischen in Rente ist, zählt nicht: Die 40-Stunden-Woche ist bei ihr spätestens Donnerstagmittag voll – und am Wochenende wird genäht. [...]
Schöpfel, die in der DDR als leitende Postangestellte und Bürokraft in einer Betriebspraxis gutes Geld verdiente, war nach der Wende immer wieder arbeitslos, hielt sich mit Urlaubsvertretungen und Gelegenheitsjobs über Wasser. Eine gute Stelle als Buchhalterin gab sie auf, als sie Mitte der Neunzigerjahre zu ihrem Lebensgefährten ins Erfurter Umland zog. Das Schuhgeschäft, mit dem sie sich dort selbständig machte, ging Pleite. Für die Rente kam kaum etwas zusammen.
Heute ist sie eine von 7,5 Millionen Mini-Jobbern in Deutschland. Bis zu 450 Euro im Monat kann man in diesen Jobs dazuverdienen, so gut wie steuerfrei. Immer mehr Menschen – alleinerziehende Mütter, Studenten, Rentner – bessern so ihr Gehalt auf. Viele haben gleich mehrere Stellen, nicht wenige erledigen den Mini-Job neben einer Vollzeitstelle. Man nennt sie Multi-Jobber, und auch ihre Zahl wächst: etwa 2,7 Millionen sind es im Moment.
So viel Multi-Job wie bei Christine Schöpfel ist allerdings selten. Dabei ist sie ein Musterbeispiel für das, was sich die Erfinder der Mini-Jobs vor mehr als zehn Jahren gedacht haben: Schöpfel wird immer dann gefragt, wenn gerade Not am Mann ist. Für Auftragsspitzen und saisonale Höhepunkte seien Mini-Jobber ideal, befand man damals, als die neuen Arbeits- und Sozialgesetze gemacht wurden. Schnell eingestellt, ein paar Stunden die Woche, ein paar Euro auf die Hand. Wunderbar flexibel.
An einem nieseligen Vormittag im November sitzt Christine Schöpfel an der Nähmaschine und schaut aus dem Fenster. Für sechs Euro kann man bei ihr Hosen kürzen lassen, aufwendigere Arbeiten wie das Füttern einer Jacke kosten 20 Euro oder ein bisschen mehr. Das ist selbst in Thüringen, wo die Löhne so niedrig sind wie fast nirgendwo sonst in Deutschland, ziemlich günstig. [...]
Doch im Moment kommt Schöpfel einfach nicht zum Nähen – sie hat zu viel zu tun mit Urlaubsvertretungen, mit Krankheitsausfällen. Wann immer jemand wegbleibt, springt sie ein. […]
Trotzdem sagt Christine Schöpfel, die Arbeit mache ihr Spaß. "Sonst würd ich es nicht machen." Sie ist stolz, Geld zu verdienen, stolz auf ihre Leistungsfähigkeit. "Das sitzt einfach so bei mir drin." Schöpfel hat zwei Kinder großgezogen, voll gearbeitet, immer schon.
[...] So viel wie ihr Mann, der in einer Aluminium-Gießerei beschäftigt war, hat sie nie verdient. Noch heute, ihr Mann ist seit fast zwanzig Jahren tot, gestorben an den Graphit-Dämpfen in der Gießerei, ist die Witwenrente größer als ihre eigene. […]

Charlotte Theile, "Die Arbeitssammlerin", in: Süddeutsche Zeitung vom 4. Januar 2014