IzpB Europäische Union 

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Thema im Unterricht


30.3.2015
Die Begegnung der Jugendlichen mit Europa beginnt nicht in der Schule und findet auch nicht hauptsächlich im Unterricht statt. Die Schule hilft vielmehr, das Erlebte und Erfahrene zu hinterfragen, es sich systematisch anzueignen und eine eigene Urteilsfähigkeit und Handlungskompetenz gegenüber europäischen Themen zu entwickeln.

Europa als Alltagserfahrung



Europa gehört zur Alltagserfahrung seiner Bürgerinnen und Bürger. Dabei wird Europa eher unbewusst erlebt als tiefgründig reflektiert und diskutiert. Anknüpfungspunkte ergeben sich in unterschiedlichen Situationen und auf verschiedenen Ebenen. Dazu gehören beispielsweise:
  • Europameisterschaften in verschiedenen Sportarten;
  • Urlaubsreisen in Europas Ferienregionen zwischen Mittelmeer und Ostsee, zwischen Atlantikküste und Schwarzem Meer;
  • Reisen ohne Grenzkontrollen und ohne Geldumtausch im sich stetig erweiternden Euro-Raum;
  • Europäische Qualitätsstandards auf Lebensmitteletiketten;
  • die Europafahne (siehe Glossar) zwischen Nationalflaggen;
  • die Euro-Münzen und -Scheine, die Interesse wecken und Identifikationsmöglichkeiten schaffen;
  • Europol und das Schengen-Abkommen;
  • Europas Beiträge zur Spitzenforschung: Kernphysik (CERN), die Europäische Raumfahrtagentur (ESA) und die Europäische Südsternwarte (ESO);
  • europäische Richtlinien, die in viele innerstaatliche Politikbereiche eingreifen, etwa in die Agrar-, Regional-, Verkehrs-, Umwelt-, Verbraucher- sowie Wettbewerbspolitik;
  • Diskussionen um den Beitritt weiterer Staaten zur EU oder die in Deutschland diskutierte Pkw-Maut für EU-Ausländer
  • Diskussionen um solidarische Unterstützung zwischen Mitgliedstaaten bis hin zur Forderung nach Austritt einzelner Staaten (Grexit);
  • die permanente Diskussion um Kosten und Nutzen der EU;
  • die Europawahlen, die alle fünf Jahre die Beteiligung der Bürgerinnen und Bürger am Projekt Europa fordern und entsprechende Kenntnisse voraussetzen.
Privatleute, gesellschaftliche Organisationen, Gewerkschaften, Unternehmen sowie politische Institutionen aller Ebenen knüpfen konkrete Erwartungen an das Zusammenwachsen Europas:
  • Ökonomisches Wachstum und Arbeitsplätze mit Zukunft;
  • den Ausgleich der Wohlstandsunterschiede zwischen Regionen und Gesellschaftsschichten;
  • Schutz vor Umweltproblemen und Gesundheitsrisiken;
  • wirksamer Schutz gegen internationale Konkurrenz und negative Auswirkungen der Globalisierung;
  • Harmonisierung des Asylrechts und fairer Lastenausgleich, gemeinsame solidarische Steuerung der Zuwanderung sowie gemeinsame Lösung von Integrationsaufgaben;
  • Sicherheit nach innen sowie nach außen.
Diesen Erwartungen an Europa stehen im öffentlichen Diskurs immer wieder auch Ressentiments und Ängste gegenüber. Auch Politikverdrossenheit hat eine starke europäische Komponente. In den Augen vieler Bürgerinnen und Bürger steht Europa für Bürokratie, Bevormundung und Bürgerferne.
Erwartungen und Befürchtungen sind in den Köpfen von Lehrerinnen und Lehrern, Schülerinnen und Schülern präsent und fordern die Schule heraus.
An die Alltagserfahrungen von Jugendlichen lässt sich in der Schule jedoch erfolgreich anknüpfen, zumal diese Europa als Idee und Perspektive trotz der häufig beklagten Bürokratie und Bürgerferne weiterhin befürworten. Gleichwohl hat die Attraktivität Europas inzwischen etwas nachgelassen (16. Shell-Jugendstudie, Bonn 2010).

Was leistet die Schule für Europa?



"Europa braucht Europäer! Damit sind Menschen gemeint, denen die Einbindung ihres Landes und ihres Lebens in die Europäische Union bewusst ist, die diese im Prinzip – bei aller Kritik an konkreten Politiken – bejahen und die bereit sind, europäische Partizipationschancen wahrzunehmen und auszubauen. Nur wenn es diese Europäer gibt, bleibt die Möglichkeit bestehen, die europäische Integration und die Chancen, die sich durch sie eröffnen, zur Gestaltung unserer Zukunft zu nutzen." (Europäische Akademie Berlin (Hg.): Die Europäische Dimension in den Lehrplänen der deutschen Bundesländer. Vergleichende Studie im Auftrag der Europäischen Kommission-Vertretung in Deutschland, Berlin 2007, Seite 12.)

Schulalltag

Europa ist nicht nur Alltag außerhalb der Schule, sondern gehört auch zum Schulalltag. Nicht selten wird bereits nach wenigen Schritten im Schulfoyer oder der Schulaula sichtbar, dass die Schule verschiedenartige Kontakte ins europäische Ausland pflegt und mit diesen werbend Besucher der Schule begrüßt. Das Zertifikat "Europaschule" wird mittlerweile in fast allen Bundesländern an besonders engagierte Schulen verliehen.
Für die Schülerinnen und Schüler erscheint Europa aber vor allem im Fachunterricht.
  • Hier sind die Fremdsprachen zu nennen, die mittlerweile auch fester Bestandteil des Grundschulunterrichts sind. Der Beginn des Unterrichts in der zweiten Fremdsprache wurde im Gymnasium und als Wahlpflichtfach in Realschulen und Gesamtschulen von der 7. in die 6. Jahrgangsstufe vorverlegt, um dem Sprachlernvermögen in früheren Jahren Rechnung zu tragen.
  • Der Literaturunterricht versucht Querlinien aufzuzeigen, so zum Beispiel wenn Shakespeare auch im Deutschunterricht angesprochen wird – eventuell direkt verknüpft mit der Kunstepoche, die den jeweiligen Autor beeinflusst hat.
  • Musik und Musikunterricht haben im klassischen Genre, aber auch bei der Rock-, Pop-, Rap-, Hip-Hop-, House- oder Techno-Musik sowie anderen modernen Richtungen, die nationalen Grenzen seit langem überwunden.
  • In den Fächern Geschichte, Erdkunde, Sozialkunde und Gesellschaftslehre wird verstärkt auf fächerverbindendes Unterrichten geachtet, damit die Komplexität der europäischen Dimension heutiger Lebenswirklichkeiten besser verstehbar wird.
Unmittelbare Begegnungen schaffen lebenslange Bindungen:
  • Ein Schüleraustausch mit einer englischen oder französischen Schule hat lange Tradition im Nachkriegsdeutschland und zeigt, wie ähnlich, aber auch wie vielfältig europäische Kulturen sein können. Selbstverständnis durch Fremdverstehen schafft interkulturelle Kompetenz: Wenn eine Schülerin oder ein Schüler Einblicke in die Lebensverhältnisse eines Nachbarlandes erlangt, regt dies Fragen zum eigenen Lebensstandard an und damit auch zum Verständnis für Nöte und Forderungen anderer. Auf diese Weise werden Solidarität und Empathie gefördert.
  • Die europäische Integration hat Schulpartnerschaften von Finnland bis Spanien, von Irland bis Russland und von Dänemark bis in die Türkei vorangetrieben. Hier finanzieren die EU-Institutionen seit langem Förderprogramme zur Unterstützung der Partner vor Ort (z. B. Comenius).
  • Nicht selten ergänzen Fremdsprachenassistenten den Unterricht auch in Fächern, die bilingual angeboten werden, wie beispielsweise Sozialkunde auf Englisch oder Erdkunde auf Französisch. An manchen Schulen kann ein Doppel-Abschluss erworben werden, wie das deutsche Abitur und das französische Bac(calauréat).
  • Immer mehr Bedeutung erlangen Lehrer mit Migrationshintergrund. Sie sind prädestiniert für das Abbauen von Vorurteilen, das Vermitteln von Völkerverständigung und das Vorleben des europäischen Mottos im Schulalltag: In Vielfalt geeint.
Input und Output

Schule verarbeitet Realität und vermittelt Handlungskompetenz (Input-Output):
  • Rahmenbedingungen für die Qualität und Wirksamkeit der Europaerziehung sind die Kenntnisse der Lehrer über Europa und ihre Einstellungen zu Europa, die Verankerung des Themas im Schulprofil, die Stellung des Themas in der politischen Öffentlichkeit (kommunal, national und international) und die Haltungen der Schülerinnen und Schüler gegenüber Europa;
  • konkrete Inputs, die den Unterricht unmittelbar erreichen, entspringen oft tagesaktuellen Krisen, deren Regelung oder sogar Lösung von Europa erwartet wird, wie beispielsweise die Ukraine-Krise, der Umgang mit Mittelmeerflüchtlingen oder der Atomausstieg;
  • die analytische Qualität des jeweiligen Unterrichts und die vom Lehrer transportierten Haltungen beeinflussen die Haltung der Schülerinnen und Schüler zu Europa nachhaltig;
  • Schule erzieht europäische Bürger (Citoyens); entweder solche, die selbstbewusst und handlungsfähig europäische Solidarität vertreten oder solche, die indifferent und unpolitisch ihr Heil in nationaler Abschottung suchen.
Schulprofil/Profilschulen

Die in vielen Bundesländern geförderte Erweiterung von Schulprogrammen verschafft dem Thema Europa vermehrte Aufmerksamkeit. "Europa" eignet sich gut, zum Mittelpunkt eines umfassenden Schulprofils mit regelmäßigen Projekttagen zu werden. In diesem Rahmen empfiehlt sich die Teilnahme an europäischen Wettbewerben und an bi- oder multinationalen Projekten.
In der Sekundarstufe II eignet sich "Europa" als Rahmen, um Fächer zu neuen Schwerpunkten (Profilen) zu verbinden, wie zum Beispiel "Kultur" (L, G, BK, E/F, Mu) oder "Handlungsfeld Europa", (Ek, Sk, E/F).
Auch strukturelle Veränderungen im Schulwesen, wie der Ausbau der Ganztagsschulen, eröffnen für Schulen erweiterte Möglichkeiten: Europa-Arbeitsgemeinschaften können das Nachmittagsangebot in neuen Ganztagsschulen unterstützen.
Das Label "Europaschule" wird als Krönung einer europaorientierten Schulkultur verliehen und wirkt als dauernder pädagogischer Auftrag.