Titelbild izpb "Regieren jenseits des Nationalstaats"
1 | 2 Pfeil rechts

Globalisierung und Global Governance


15.4.2015
In der heutigen globalisierten Welt sind die Menschen auf vielfältige, nicht nur wirtschaftliche Weise miteinander verbunden, nationale Grenzen spielen immer weniger eine Rolle. Zur Lösung globaler Probleme haben sich in den vergangenen Jahrzehnten komplexe Formen globalen Regierens entwickelt, in der Fachwelt Global Governance genannt.

Verflechtung des WelthandelsVerflechtung des Welthandels (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild, 681 133; Quelle: WTO)

Der Begriff "Globalisierung"



"Globalisierung" ist ein relativ neuer Begriff. Er tauchte erstmals 1983 im Titel eines englischsprachigen Buches auf, erst 1988 in einem deutschsprachigen. Inzwischen ist der Begriff "Globalisierung" allgegenwärtig. Er wird beispielsweise verwendet, wenn der weltweite Handel zunimmt, die internationalen Finanzmärkte besprochen werden, globale Klimaverhandlungen anstehen oder Beiträge aus aller Welt bei Filmfestivals gezeigt werden. Der Begriff verweist – soziologisch gesprochen – auf die Entstehung neuer weltumspannender sozialer Handlungszusammenhänge.

Globalisierung geht damit über das ältere und verwandte Konzept der "Interdependenz" hinaus. Eine Situation wechselseitiger Abhängigkeit zwischen sozialen Kollektiven, wie beispielsweise das Verhältnis der deutschen und französischen Volkswirtschaft in den 1960er-Jahren, wird als Interdependenz bezeichnet. Im Gegensatz dazu ist mit ökonomischer Globalisierung ein Prozess in Richtung eines integrierten Marktes gemeint, in dem es für viele Zwecke gar nicht mehr sinnvoll ist, die französische von der deutschen Volkswirtschaft getrennt darzustellen, bzw. nur mehr genauso sinnvoll, wie die separate Darstellung der hessischen und der rheinland-pfälzischen Wirtschaft. Die Unterscheidung zwischen einer internationalisierten und interdependenten Wirtschaft und der globalen Integration von Märkten kann für alle Formen sozialer Beziehungen nutzbar gemacht werden. Globalisierung beschreibt das Entstehen einer Welt, deren Mitglieder durch unterschiedlichste Handlungszusammenhänge miteinander verbunden sind, wobei die Bedeutung nationaler Grenzen abnimmt.

Diese Vorstellung von Globalisierung bezieht sich auf einen messbaren Prozess gesellschaftlichen Wandels, der auf politische Entwicklungen einwirken kann, aber nicht zwingend die Herausbildung eines Weltstaates, einer Weltgesellschaft mit gemeinsamen Normen oder nationenübergreifender Identitäten beinhaltet.

Zur Entwicklung der Globalisierung

Für den Nationalismusforscher Karl Deutsch ist eine Nation eine durch verdichtete Handlungszusammenhänge getragene politische Gemeinschaft. Deren Grenzen sind durch eine deutliche Abnahme der Häufigkeit von gesellschaftlichen Transaktionen erkennbar. So gingen bis weit in die 1960er-Jahre in allen westlichen Ländern bestenfalls ein bis zwei Prozent der Telefonate ins Ausland, heute ist die grenzüberschreitende Kommunikation insbesondere wegen des Internets deutlich ausgeprägter. Das gilt für viele Bereiche: Überall ist der Anteil an grenzüberschreitenden Transaktionen im Verhältnis zu den Transaktionen innerhalb nationaler Grenzen beträchtlich angewachsen. Freilich sind die entsprechenden Austauschbeziehungen nicht immer gleich global. Der Handel mit industriellen Gütern nimmt beispielsweise an der Grenze der EU deutlich ab. Daher scheint es angemessener, unter Rückgriff auf das erwähnte Nationalismuskonzept von gesellschaftlicher Denationalisierung zu sprechen statt von Globalisierung.

Empirische Studien zeigen, dass sich die Zunahme der grenzüberschreitenden Austauschprozesse, insbesondere in den 1970er- und 1980er-Jahren, beschleunigt hat. Dies gilt unter anderem für die Bereiche Handel und ausländische Direktinvestitionen, aber auch bei Migration, im Bereich Information und Kommunikation sowie beim Im- und Export von kulturellen Gütern. Einen echten Schub, vor allem im wirtschaftlichen Sektor, brachten dann die 1990er-Jahre. In diesem Jahrzehnt übertraf die ökonomische Denationalisierung endgültig und erheblich den Stand vor Beginn des Ersten Weltkriegs 1914, der bis in die 1970er-Jahre unerreicht war. Entscheidend dabei ist insbesondere die Ausweitung der Regionen, die von der Denationalisierung erfasst wurden: Heute sind weite Teile Asiens, Lateinamerikas und selbst bestimmte Regionen in Afrika wesentlicher und eigenständiger Bestandteil der Entwicklung – China, Indien und Brasilien sind dabei nur die bekanntesten Fälle. Der Umfang grenzüberschreitender Transaktionen variiert allerdings immer noch erheblich zwischen den Bereichen und auch im Hinblick auf verschiedene Staaten und Regionen.

Quellentext

Die lange Reise einer Jeans

[…] Bis […] [Jeanshosen] in deutschen Regalen liegen, haben sie in der Regel eine sehr lange Reise hinter sich. Denn die Baumwolle wächst nur in warmen Ländern, verarbeitet wird sie hingegen dort, wo die Arbeitskräfte am billigsten sind, und gekauft werden Jeans in den reichen Industrieländern.
Um die Reisestationen einer Jeans zu verfolgen, müssen wir in Kasachstan anfangen.

Kasachstan: Hier wächst die Baumwolle in großen Plantagen. Sie wird von Hand oder mit der Maschine geerntet und anschließend in die Türkei versandt.
Türkei: Hier wird die Baumwolle in Spinnereien zu Garn gesponnen.
Taiwan: Aus diesem Baumwollgarn wird in den Webereien der Jeansstoff hergestellt.
Polen: Hier wird die chemische Indigofarbe (blau) zum Einfärben des Jeansstoffes produziert.
Tunesien: Hier werden das Garn aus der Türkei und der Jeansstoff aus Taiwan mit der Indigofarbe aus Polen eingefärbt.
Bulgarien: Jetzt wird der fertige Jeansstoff veredelt, d. h. weich und knitterarm gemacht.
China: Hier wird die Jeans zusammengenäht, mit Knöpfen und Nieten aus Italien und Futterstoff aus der Schweiz.
Frankreich: Jetzt bekommt die Jeans den letzten Schliff. Sie wird gewaschen, z. B. mit Bimsstein aus Griechenland, wodurch sie den "Stone-washed-Effekt" erhält.
Deutschland: Hier wird das Firmen-Label in die Jeans eingenäht und sie erhält den Aufdruck "Made in Germany"! […]

Endstation Afrika
Nachdem die Jeans in Deutschland gekauft, getragen und altmodisch geworden ist, wandert sie meistens in die Altkleidersammlung.
Jetzt geht die getragene Jeans ein zweites Mal auf Reise. Meist wird sie zu einem holländischen Betrieb transportiert, der die angekommene Kleidung sortiert. Anschließend wird sie per Schiff nach Afrika gebracht und mit dem LKW ins Inland weitertransportiert. So legt die Jeans noch einmal rund 8000 km zurück.
Am Zielort angekommen, wird sie auf Märkten an die einheimische Bevölkerung verkauft. […]

Wer verdient an einer Jeans
Die vielen Transportkilometer kommen zustande, weil bei der Jeansproduktion immer die billigste Möglichkeit bevorzugt wird, auch wenn es auf Kosten der ArbeitnehmerInnen und der Umwelt geht. Wer den Jeanspreis genauer betrachtet, kommt auf folgendes […] Ergebnis:
  • Nur 1 % des Jeanspreises geht als Lohn an alle ArbeiterInnen.
  • Die Materialkosten belaufen sich auf 13 %.
  • Die Transportkosten und sonstige Gebühren (z. B. Zoll) machen einen Anteil von 11 % aus.
  • Die Markenfirma nimmt 25 % des Jeanspreises für Werbung, Forschung, Entwicklung und Design in Anspruch.
  • Die restlichen 50 % kassiert der Einzelhandel. Dieser hat zwar auch Kosten, wie Verkaufspersonal, Ladenmiete und Verwaltung, aber er hat auch eine sehr große Gewinnspanne für sich eingerechnet.
Da die Gewinnspanne für den Handel umso größer ist je geringer die Produktionskosten sind, spart er kräftig an den Arbeitslöhnen. Daher wird die meiste Kleidung in den so genannten Billiglohnländern […] produziert, für einen Lohn, der meist kaum zum (Über-)Leben reicht.

http://www.praxis-umweltbildung.de/kleidung_kldg_hintergrund_projektbeschr.php«



Eine völlig neue Entwicklung ist die grenzüberschreitende Erzeugung von Gütern und Problemen (goods and bads), die seit Beginn der 1990er-Jahre vermehrt auftritt. Diese Phänomene – Internet, Finanzmärkte, globale Klimaänderungen – stellen qualitativ etwas Neues dar, weil sie wahrhaft ent-territorialisiert sind. In diesen Bereichen wird nicht mehr ein Gut oder ein Problem an einem Ort produziert und dann grenzüberschreitend exportiert, die Produktion dieser Felder ist selbst schon ortsungebunden und de-territorial. Das ist Globalisierung pur.

Vernetzte Welt: Angaben in Millionen weltweitVernetzte Welt: Angaben in Millionen weltweit (© picture alliance / dpa-infografik, Globus 6736; Quelle: ITU)
Über die Ursachen

Es gibt unterschiedliche Theorien über die Ursachen der Globalisierung. Im Wesentlichen lassen sich vier Hypothesen unterscheiden:
  • Die kapitalistische Weltwirtschaft belohnt Arbeitsteilung und Spezialisierung und strebt so von Beginn an der Globalisierung zu.
  • Mit der Einführung digitaler Kommunikationstechnologien und den erheblichen Veränderungen in der Logistik (z. B. Container-Transporte) wurde die Globalisierung ermöglicht.
  • Unter der Führung der USA wurden nach dem Zweiten Weltkrieg wirtschaftliche Institutionen etabliert und so die ideellen und politischen Grundlagen der Liberalisierung gelegt. Diese Liberalisierungsprozesse bilden den Ausgangspunkt der Globalisierung. Dabei ist vorrangig das internationale Handelsabkommen (GATT) zu nennen.
  • Die Interessen einer transnationalen Funktionselite wurden durch die Regierungen Ronald Reagan (USA, 1981–1990) und Margaret Thatcher (Großbritannien, 1979–1990) bedient, was eine weltweite Deregulierung der Wirtschaft, insbesondere im Finanzsektor, und damit die Globalisierung ermöglichte.
Es erscheint sinnvoll, diese Faktoren nicht als alternative Ursachen, sondern jeweils als sich gegenseitig verstärkende Gründe der Denationalisierung zu sehen. Es ist zweifelhaft, ob sich überhaupt ein einheitliches Ursachenbündel für die vielfältigen Denationalisierungsprozesse ausmachen lässt. Während die Intensivierung transnationaler Kommunikation ohne die neuen Informations- und Kommunikationstechnologien kaum vorstellbar ist, kann die Ausbildung globaler Umweltrisiken ganz andere Gründe haben.