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Entwicklung


15.4.2015
Im Bewusstsein einer von gegenseitigen Abhängigkeiten geprägten Welt will Entwicklungspolitik auf nachhaltige Weise weltweit Armut und Ungleichheit vermindern – eine Querschnittsaufgabe, die auf die Stärkung und Eigenverantwortung der Betroffenen zielt. Nach dem Auslaufen der Millenniumsziele 2015 muss über eine neue globale Agenda nachgedacht werden.

Weltweit Armut zu verringern und Ungleichheit entgegenzuwirken sind Anliegen internationaler Entwicklungsarbeit. Gleichzeitig verbreiten sich im Zeichen globaler medialer Vernetzung Abbilder westlicher Konsumwelten. Mobile Besenverkäufer vor Werbetafel in Addis Abeba, Äthiopien, 2014Weltweit Armut zu verringern und Ungleichheit entgegenzuwirken sind Anliegen internationaler Entwicklungsarbeit. Gleichzeitig verbreiten sich im Zeichen globaler medialer Vernetzung Abbilder westlicher Konsumwelten. Mobile Besenverkäufer vor Werbetafel in Addis Abeba, Äthiopien, 2014 (© picture-alliance / dpa / Michael Kappeler)

Ziele, Akteure und Instrumente



Wachsende Ziele und Aufgaben

Armut in den EntwicklungsländernArmut in den Entwicklungsländern (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 632 147; Quelle: Weltbank 2014 (Zahlen für 2010))
Als Folge wachsender wechselseitiger Abhängigkeiten mit anderen Politikfeldern sind die Ziele und Aufgaben von Entwicklungszusammenarbeit vielfältiger geworden. Zwar bleiben Armutsreduzierung und der Zugang zu Bildung und Gesundheit weiterhin zentrale Anliegen. Gleichzeitig sollen im Sinne einer nachhaltigen Entwicklungszusammenarbeit aber auch negative Auswirkungen in anderen Politikfeldern vermieden werden und die Bereitstellung globaler Güter wie eine saubere Umwelt, ein gerechtes und stabiles Finanzsystem oder Frieden und Sicherheit mit in den Blick genommen werden.

Doch nicht nur die Ziele und Aufgaben von Entwicklungszusammenarbeit haben sich erweitert, auch die weltweite Verteilung von Armut und Ungleichheit hat sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verschoben. Aktuelle Studien zeigen, dass ein Großteil der Armen (also der Menschen, die nach einer Definition der Weltbank mit weniger als 1,25 US-Dollar pro Tag auskommen müssen), nicht mehr in den am wenigsten entwickelten Ländern (least developed countries) der Erde leben, sondern vielmehr in sogenannten Schwellenländern (middle income countries). Außerdem wächst in diesen Ländern neben der Armut auch die Ungleichheit zwischen Einkommensgruppen.

Vielfalt an öffentlichen und privaten Akteuren

Akteure der EntwicklungspolitikAkteure der Entwicklungspolitik (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 625 310)
Das Politikfeld Entwicklung ist durch eine hohe Anzahl unterschiedlicher Akteure gekennzeichnet, die auf unterschiedlichen Politikebenen agieren. Dieser Trend hat sich in den vergangenen Jahren noch weiter verstärkt: Neben staatlichen Akteuren sowie zahlreichen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) treten auf nationaler und internationaler Ebene zunehmend auch private und öffentliche Stiftungen sowie Unternehmen als entwicklungspolitische Akteure auf.

Konkret erfolgt die zwischenstaatliche Entwicklungszusammenarbeit bilateral, in der Regel zwischen "Geberländern" (traditionell den zentralen Industrienationen) und Entwicklungsländern. In den meisten westlichen Geberländern haben sich im Laufe der Jahre zum Teil komplexe institutionelle Strukturen herausgebildet, die für die Programmierung, Durchführung und Finanzierung von Entwicklungsprojekten verantwortlich sind. So gründete beispielsweise die Bundesrepublik in den 1960er-Jahren das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). Eingeführt und in die Praxis umgesetzt werden entwicklungspolitische Projekte in Deutschland in der Regel durch die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die finanzielle Zusammenarbeit erfolgt durch die Entwicklungsbank der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Ähnliche Strukturen finden sich auch in den anderen Gebernationen.

Quellentext

"Unser System ist überlastet"

Die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit ist am 1. Januar 2011 aus der Verschmelzung der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), der Internationalen Weiterbildung und Entwicklung GmbH (InWEnt) und dem Deutschen Entwicklungsdienst (DED) hervorgegangen. Das Unternehmen hat seinen Sitz sowohl in Bonn als auch in Eschborn. Hauptaufgabe der GIZ ist die Unterstützung der Bundesregierung in der internationalen Zusammenarbeit für nachhaltige Entwicklung und in der internationalen Bildungsarbeit. Das bundeseigene Unternehmen beschäftigte zum Stichtag 31. Dezember 2013 insgesamt 16.510 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Davon waren 3208 in Deutschland und 2058 als sogenannte Entsandte im Ausland beschäftigt. 11.224 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter arbeiteten als lokale Kräfte in den Partnerländern. Insgesamt arbeiteten rund 80 Prozent der Mitarbeiter der GIZ im Ausland. Tanja Gönner ist seit Juli 2012 Vorstandsvorsitzende der GIZ.

General-Anzeiger: Frau Gönner, die Ebola-Epidemie hält die Welt in Atem. Dass sie zur Katastrophe werden konnte, hängt auch mit dem unterentwickelten Gesundheitssystem in den betroffenen Ländern zusammen. Hätte die Entwicklungszusammenarbeit im Vorfeld mehr tun müssen?
Tanja Gönner: Natürlich stellt man sich bei solchen Krisenfällen immer diese Frage. Aber richtig ist auch, dass nicht alle Geber in jedem Land alles machen. Die GIZ ist vor allem in den drei betroffenen Ländern in anderen Schwerpunkten aktiv, zum Beispiel Bildung und nachhaltiges Wirtschaften. Natürlich ist die GIZ in der Lage, ein Gesundheitssystem zu beraten und zu unterstützen. Aber letztendlich muss das die Bundesregierung in Abstimmung mit den anderen Gebern entscheiden.

GA: Was könnte die GIZ denn leisten, wenn wieder eine Zusammenarbeit möglich ist?
Gönner: Wir beraten Regierungen, wie ein Gesundheitssystem aufgebaut sein muss, wir können Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter im Gesundheitswesen unterstützen, wir können beim Aufbau von Laboren und der Einführung von Sicherheitsstandards Hilfe leisten. […]

GA: Ein zweites großes Thema derzeit ist die durch den Krieg in Syrien ausgelöste Flüchtlingskrise. Ist die GIZ damit befasst?
Gönner: Ja. Wir arbeiten im Auftrag des Entwicklungsministeriums im Libanon und Jordanien, um die Lage der Flüchtlinge in den Gemeinden, die sie aufgenommen haben, zu stabilisieren. Dabei geht es vor allem um Bildung, den Bau von Schulen, ausreichend Trinkwasser und Entsorgung von Abwasser.

GA: Macht die Zunahme der Krisen der GIZ zu schaffen?
Gönner: Das beschäftigt uns schon. Wir sind ja auch in der Ukraine aktiv, wir unterstützen im Auftrag des Entwicklungsministeriums in der Ostukraine mit winterfesten Unterkünften, aber auch mit Winterbekleidung, Generatoren und mehr. Auf der Krim hingegen haben wir unsere Arbeit zur HIV-Aufklärung nach der Annektion durch Russland eingestellt. Und ein großes Thema bleibt natürlich Afghanistan. Afghanistan ist unser größter Auslandsstandort, wir haben 1850 Mitarbeiter dort, davon 250 entsandte Kräfte.

GA: Afghanistan ist aber, was den Drogenhandel angeht, keine Erfolgsgeschichte: Die Opiumproduktion ist so hoch wie noch nie – auch weil jetzt dank der Entwicklungsprojekte mehr Land bewässert wird.
Gönner: Soll man den Menschen, die normale Landwirtschaft betreiben, das lebenswichtige Wasser verweigern, weil auch der Opiumanbau davon profitieren könnte? Die GIZ ist mit der Bekämpfung des Opiumanbaus nicht befasst. Aber klar ist: Afghanistan ist ein schwieriger Standort, die Arbeit für die Mitarbeiter ist unglaublich herausfordernd. Die Korruption ist immer noch hoch. Da liegt noch viel Arbeit vor uns. Aber man darf auch sagen, was schon erreicht wurde.

GA: Was sehen Sie denn als Erfolg an?
Gönner: Allein die Tatsache, dass es gelungen ist, eine Regierung zu bilden, ist für das Land ein Fortschritt. Der Zugang zu Bildung für Frauen und Mädchen ist deutlich erleichtert worden, wir kommen Stück für Stück im Bereich nachhaltiges Wirtschaften voran, und die Lebenserwartung der Afghanen ist deutlich gestiegen. […]

GA: Ist es schwierig, Personal für den Einsatz in Krisenländern zu finden?
Gönner: Manchmal müssen wir etwas länger suchen, aber alles in allem kommen wir gut zurecht. […]

"Unser System ist überlastet", Mit der GIZ-Chefin Tanja Gönner sprachen Andreas Baumann und Lutz Warkalla, in: Bonner General-Anzeiger vom 3. November 2014




Neben nationalen Instrumenten und Akteuren der Entwicklungszusammenarbeit gibt es auch auf supranationaler Ebene entwicklungspolitische Akteure. Ähnlich wie auf nationaler Ebene die Entwicklungsministerien hat beispielsweise die Europäische Union (EU) ein eigenständiges Amt für Entwicklungszusammenarbeit (EuropeAid) und ist mit einem Vergabevolumen von 12,5 Millionen Euro im Jahr 2013 eine der größten Geberinnen weltweit (OECD, http://www.oecd.org/dac/europeanunion.htm«). Zum Vergleich: Insgesamt wurden im Jahr 2013 105,5 Millionen Euro an Entwicklungshilfegeldern vergeben (OECD, http://www.oecd.org/dac/stats/«). Zur besseren Koordinierung der Geberpolitiken hat die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) in den 1960er-Jahren das sogenannte Entwicklungspolitische Komitee (Development Assistance Committee, DAC) gegründet (OECD, 2012). Aufgabe des DAC ist es, den Gebern ein Forum zu stellen, in dem sie ihre Politiken und Praktiken diskutieren können, um durch den Erfahrungsaustausch gemeinsame Politikempfehlungen und Prinzipien für eine effektive Entwicklungszusammenarbeit zu erarbeiten und ihr entwicklungspolitisches Handeln besser zu koordinieren. Neben der Formulierung von Politiken überprüft und dokumentiert das DAC zudem in regelmäßigen Abständen die Umsetzung der Politikempfehlungen innerhalb seiner Mitgliedstaaten.

Darüber hinaus bestehen auch auf der regionalen Ebene Entwicklungsbanken wie z. B. die Interamerikanische Entwicklungsbank (IADB), die Afrikanische Entwicklungsbank (AfDB), die Karibische Entwicklungsbank (CDB), die Asiatische Entwicklungsbank (AsDB) oder die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD). Diese Entwicklungsbanken zeichnen sich dadurch aus, dass sie vor allem Entwicklungsprojekte innerhalb einer bestimmten Region finanzieren. So wurde die EBRD beispielsweise nach dem Ende des Ost-West Konflikts gegründet, um den Aufbau der ehemaligen Ostblockstaaten zu finanzieren.

Schließlich existieren auch auf internationaler Ebene zahlreiche entwicklungspolitische Akteure. Wesentlich für die multilaterale Entwicklungszusammenarbeit sind beispielsweise die Vereinten Nationen, insbesondere mit ihrem Entwicklungsprogramm (United Nations Development Program, UNDP). UNDP ist neben der Formulierung von Politiken und Handlungsempfehlungen auch direkt an der Durchführung von Entwicklungsprojekten beteiligt und unterhält in einer Vielzahl von Ländern eigene Länderbüros. Neben den UN sind weitere wichtige internationale Akteure die internationalen Finanzinstitutionen, insbesondere die Weltbank und der Internationale Währungsfonds (IWF). Während die Weltbank sowohl technische als auch finanzielle Entwicklungszusammenarbeit leistet, ähnlich wie UNDP durch eigene Länderbüros direkt in Entwicklungsländern vertreten ist und langfristige Entwicklungsprojekte finanziert, vergibt der IWF vor allem Kredite im Falle von Zahlungsbilanzschwierigkeiten.

Neben den "traditionellen Gebern", also den Industrienationen sowie den multilateralen Entwicklungsinstitutionen, treten immer stärker die sogenannten neuen Geber in Erscheinung wie die aufstrebenden Schwellenländer Brasilien, Indien oder China oder aber arabische Länder. Deren entwicklungspolitische Aktivitäten sind zwar nicht neu, erfahren aber erst seit einiger Zeit zunehmend internationale Beachtung. Seit kurzem gibt es beispielsweise neben der Weltbank und dem IWF als weitere multilaterale Entwicklungsbank die New Development Bank, die von den aufstrebenden Schwellenländern Brasilien, Russland, Indonesien, China und Südafrika als Alternative zu den bestehen Finanzinstitutionen gegründet wurde.

Im Kontext und als Merkmal globaler Governance gewinnen neben Staaten zunehmend auch nicht staatliche Akteure wie Nichtregierungsorganisationen (NGOs), sowie private Stiftungen und Firmen an entwicklungspolitischer Bedeutung. Bekannte Beispiele für Entwicklungs-NGOs in Deutschland sind zum Beispiel Misereor, Brot für die Welt oder die Welthungerhilfe. Aber auch private und öffentliche Stiftungen sowie multilaterale Konzerne treten immer häufiger entwicklungspolitisch in Erscheinung. Obwohl dieses wachsende entwicklungspolitische Engagement grundsätzlich positiv zu bewerten ist, geht die zunehmende Vielfalt der Akteure innerhalb des Politikfeldes mit einer drohenden Fragmentierung einher, die eine weitere Herausforderung für die gegenwärtige internationale Entwicklungszusammenarbeit darstellt.

Quellentext

Biokakao statt Kokapflanzen

[…] "Von den achtziger bis zur Mitte der neunziger Jahre des letzten Jahrhunderts war Peru der weltweit größte Koka-Produzent", sagt Fernando Rey, Direktor der peruanischen Antidrogen-Kommission Devida, die seit der Demokratisierung 2002 Peru vom Kokaweg abbringen soll. Die Organisation sitzt in einem unscheinbaren Hochhaus in Limas Geschäftsviertel Surco, eine Dreiviertelstunde vom Zentrum entfernt. Soldaten bewachen den Eingang. Ohne Personenkontrolle lassen sie niemanden durch. Drinnen herrscht rege Betriebsamkeit. Mitarbeiter rufen sich über Tische Informationen zu, Telefone klingeln, Computer summen.

Rey weiß, dass der Job, die heimische "Kokabranche" zu zerschlagen, ein fast aussichtsloses Unterfangen ist. Auch wenn Kolumbien dem Land den zweifelhaften Rang als Koksnation Nummer Eins abgelaufen hat. Zusammen mit Bolivien bilden die Nachbarn immer noch das goldene Dreieck der internationalen Kokainmafia. Doch während im abgelegenen Südosten Perus der Kokaanbau munter weiter geht, ist der Wandel in der Provinz San Martín, der einst bedeutendsten Kokaregion der Welt, gelungen, der Strauch bei vielen Menschen fast nur noch in der Erinnerung präsent. […]

Statt Koka wie früher liefert die Region heute mit 12.000 Tonnen ein Drittel des peruanischen Kakaos. Peru ist die zwölftgrößte Kakaonation der Welt, bei Biokakao hinter der Dominikanischen Republik die Nummer Zwei. Rey zitiert aus einer internationalen Studie über den Wandel in San Martín: "Die Armutsrate hat sich in den letzten zehn Jahren von 70 auf 31 Prozent verringert." In keiner anderen Region des Andenstaates sei die Wirtschaft kräftiger gewachsen. Neben staatlichen Investitionen in Schulen, Straßen und Sicherheit liege das an der boomenden Agrarproduktion. Die landwirtschaftlich genutzte Fläche habe sich verdoppelt. Die Bauern pflanzen heute Kaffee, Kakao, Reis und Palmen an, profitieren von teils deutlich gestiegenen Weltmarktpreisen. Auch die EU ist seit ein paar Jahren als Finanzier dabei, hat bisher 36 Millionen Euro in die Region gepumpt, um Koka durch Kakao zu ersetzen. Der Devida-Direktor kennt die Motive der Europäer: "Die Drogen-Routen verändern sich. Peruanisches Kokain, das früher in die USA ging, wird heute über Brasilien und Afrika vor allem nach Europa eingeschleust." Im Gegenzug ziehen sich die USA aus Peru zurück, kümmern sich vor allem um Kolumbien. […]

Francisco Rodriguez […] stammt aus dem Dorf Huayhuantillo, das für eine der größten Biokakao-Kooperativen Lateinamerikas den Rohstoff liefert. Alle 70 Familien des Dorfs haben in den letzten Jahren von Koka auf Bio-Kakao umgesattelt, so wie die meisten der rund 2000 Kooperativen-Mitglieder. […]

"Die Zeit des Wechsels ist hart. Er dauert ein paar Jahre, Kakao ist anspruchsvoller und bringt weniger als das Koka ein. Doch dafür ist das Geschäft legal und sicher", sagt er.

In Huayhuantillo sind die Folgen des Wandels offensichtlich. Es gibt eine neu gebaute Grundschule und Spielgerüste, einen großen gepflegten Rasen-Dorfplatz mit Holzbühne für die Fiestas, ein paar einfache Steinhäuser und Kakaoplantagen drum herum. Kein Müll auf den Straßen, die Häuser sind an Sickergruben für die Abwässer angeschlossen – kein Vergleich mit den Dörfern und ihren armseligen Stelzenhütten, durch die man auf den Wegen bis zur Hauptstraße fährt, mit schmutzigen halbnackten Kindern, die auf dem lehmigen Boden spielen. "Die bauen immer noch Koka an", sagt er hinter vorgehaltener Hand. Die Kooperative hilft dabei, den immer noch kargen Lebensstandard der Kakaobauern zu heben. So zahlt sie den Bauern nicht nur einen Zuschlag auf den regulären Weltmarktpreis – im vergangenen Jahr 50 US-Cent je Kilo. Sie sorgt auch für kostenlose Gesundheitsversorgung und hilft beim Schulbesuch der Kinder – Grundprinzipien des fairen Handels.

Die Bauern hier sind stolz, dass sie den Wechsel geschafft haben. Statt illegaler Ware, dauerndem Stress mit Kokaaufkäufern, Terroristen und dem Militär lassen sie heute einen hochwertigen Rohstoff wachsen, der international begehrt ist. Die Kooperative exportiert die Ware weltweit, etwa für Edel-Chocolatiers in der Schweiz und Belgien. In Deutschland zählen die Fair-Trade-Organisation GEPA und die Ökolebensmittelkette Naturland zu den Kunden. Rund ein Viertel des für ihre Schokolade benötigten Kakaos kauft die GEPA bei den einstigen peruanischen Drogenproduzenten ein. Unter Schokoladenexperten gilt lateinamerikanischer Kakao als der edelste weltweit […]. Kein Wunder, denn Südamerika ist die Heimat des Kakaos, einer Frucht, die schon vor 5000 Jahren von Mayas, Azteken und Inkas angebaut wurde. […]

Oliver Ristau, "Das Wunder von San Martin", in: Frankfurter Rundschau vom 28. Mai 2013