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Internationaler Handel und WTO


15.4.2015
Der weltweite Austausch von Gütern und Dienstleistungen wächst seit Jahrzehnten. Die Liberalisierung des Handels birgt aber auch Risiken, denen die Staaten mit Schutzmechanismen begegnen. Im Rahmen der WTO und mittels einer steigenden Zahl bilateraler oder regionaler Verträge sollen Handelsbarrieren abgebaut und Rechtssicherheit in den grenzüberschreitenden Handelsbeziehungen hergestellt werden.

Übersetzung: Britt Maaß

Die standardisierte Containerverschiffung senkt die Transportkosten und steigert den Frachtverkehr. Der Containerhafen von Antwerpen 2014Die standardisierte Containerverschiffung senkt die Transportkosten und steigert den Frachtverkehr. Der Containerhafen von Antwerpen 2014 (© imago/Belga)

Herausforderungen des Welthandels



Vieles von dem, was wir kaufen und konsumieren, wird aus dem Ausland importiert. Von Handys bis zu Obst, von Autos bis zu Jeans, gelangen Konsumgüter direkt aus anderen Ländern auf unsere Märkte. Anderes wird aus importierten Zwischenprodukten oder Rohmaterialien hergestellt. 2012 belief sich der Gesamtwert aller weltweit gehandelten Waren auf circa 14 Billionen Euro. Dies entspricht dem 40-fachen des deutschen Bundeshaushalts und einem Viertel der gesamtwirtschaftlichen Produktion weltweit. Die gigantischen Warenströme stellen eines der wesentlichen Elemente der gegenwärtigen globalisierten Wirtschaft dar. Sie wachsen seit Jahrzehnten, und es gibt bislang keine Anzeichen für ein Ende oder eine Verringerung dieses Wachstums in den kommenden Jahren und Jahrzehnten.

Der ausschlaggebende Grund dafür, dass grenzüberschreitende Waren- und Dienstleistungsströme entstehen und zunehmen, ist die Nachfrage der Konsumenten – entweder weil die Waren und Dienstleistungen aus dem Ausland billiger sind oder weil sie sich von den im Inland produzierten unterscheiden. Gleichzeitig wurde das Wachstum der Handelsströme durch den dramatischen Rückgang der Transportkosten, insbesondere durch die Einführung der standardisierten Containerverschiffung, ermöglicht. Eine Jeans, die etwa in Dhaka, Bangladesch, produziert wurde, erreicht heute ein Lager oder Einzelhandelsgeschäft in einer europäischen Stadt, ohne je den Container zu verlassen, was die Transportkosten auf ein paar Cent senkt. Auch die Kosten der globalen Informationsübermittlung sind in den vergangenen Jahren massiv gesunken, und das hat den wachsenden Handel mit kommerziellen Dienstleistungen beflügelt. Heute ist es nichts Ungewöhnliches, dass ein europäisches oder US-amerikanisches Krankenhaus seine Patientendaten, zum Beispiel Röntgenbilder, zur Analyse in indische Krankenhäuser sendet. Die Lohnkosten in Indien sind niedrig, und dank des Zeitunterschiedes können alle Analysen über Nacht erledigt werden. Die Kosten des Transports der Bilder über das Internet sind praktisch auf Null gesunken.

Es gibt zahlreiche Belege dafür, dass Freihandel – Handel ohne künstliche Barrieren wie Zölle oder Kontingente – wirkliche Vorteile bieten kann. Er ermöglicht es, dass die Produktion dort stattfindet, wo sie am billigsten ist, und der Konsum dort, wo die Nachfrage am größten ist.

Fracht übers MeerFracht übers Meer (© Bergmoser + Höller Verlag AG, Zahlenbild 682 140; Quelle: UNCTAD, 2011 geschätzt)
Gleichzeitig sind viele Menschen gegen eine Liberalisierung des Handels und verweisen auf die negativen Auswirkungen, die diese auf die Produktion und Beschäftigungssituation im Heimatland hat. Sie argumentieren, dass die inländischen Hersteller ihre Kunden verlieren und bankrott gehen würden, wenn Waren unbeschränkt aus anderen Ländern importiert werden dürften. Stellt Peru etwa Wolljacken zu einem Bruchteil der Kosten her, die ein italienischer Produzent hat, dann kann dieser Kunden verlieren, wenn die peruanische Produktion ungehindert auf die europäischen Märkte gelangt. Daraus erwächst für die politischen Entscheidungsträger ein Dilemma, das man das Handelsdilemma nennen kann. Sie alle wissen, dass der Freihandel für ihre Länder vorteilhaft ist, doch gleichzeitig wissen sie, dass die einheimischen Hersteller unter einer Öffnung der Märkte für den Import leiden und dass manche Menschen in der Folge ihren Arbeitsplatz verlieren. Die Wirtschaftstheorie besagt, dass alle Volkswirtschaften durch den Freihandel gewinnen – eher auf lange Sicht und bei einer schrittweisen Liberalisierung als bei einem abrupten Wandel. Aber letztlich würden alle Seiten profitieren. Doch individuelle Produzenten, die ihren Arbeitsplatz verlieren, werden das anders empfinden.

Um dieses Dilemma zu lösen, fördern die meisten Staaten die Liberalisierung des Handels in den Branchen, in denen ihre Hersteller sehr wettbewerbsfähig sind, versuchen aber gleichzeitig, für Branchen, in denen die nationale Produktion weniger konkurrenzfähig ist, Schutzmechanismen und Handelsbeschränkungen von Fremdwaren aufrechtzuerhalten. So sind zum Beispiel viele Entwicklungsländer für die Liberalisierung des Handels mit Agrarprodukten, weil sie diese dank der niedrigen Lohnkosten zu sehr konkurrenzfähigen Preisen erzeugen können. Gleichzeitig bevorzugen sie aber die Beibehaltung höherer Schutzzölle in Hightech-Branchen, da ihre eigene Industrie nicht in der Lage wäre, mit der in den EU-Staaten, in Japan oder in Nordamerika mitzuhalten. Umgekehrt bemühen sich die reicheren Länder sehr darum, den Schutz für ihre hoch subventionierten Agrarsektoren beizubehalten, streben aber nach der Liberalisierung des Handels mit Industrieprodukten wie Luxusautos, wo sie stark und wettbewerbsfähig sind.

Die Staaten wissen also, dass Freihandel grundsätzlich vorteilhaft ist, aber ihre Politik spiegelt dies oft nicht wider. Deshalb gibt es in der Weltwirtschaft weiterhin viele Handelsschranken. Durch die protektionistischen Maßnahmen schaden die Staaten nicht nur ihren eigenen Konsumenten (die nicht die günstigeren Importprodukte kaufen können), sondern auch der Wirtschaft ihrer Handelspartner. Besonders ausgeprägt ist dieses Verhalten in Wirtschaftskrisen, wenn im Inland der politische Druck wächst, Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Tatsächlich wird weithin angenommen, dass protektionistische Maßnahmen die Große Depression der 1930er-Jahre beträchtlich verlängerten und verschärften. In dieser Periode gingen viele Staaten zu einer sogenannten beggar-thy-neighbour-Politik (auf Deutsch etwa: Plündere deinen Nachbarn aus) über, erhöhten ihre Schutzzölle und verhinderten so Importe aus anderen Ländern. Da viele Länder solche Maßnahmen ergriffen, erlitten alle Exporteure starke Nachteile, und das Einfrieren des internationalen Handels verschärfte die Krise noch weiter.